Friedrichs Thronbesteigung (1740)

Hoffnungsvoll blickte Europa auf den leutseligen, weichen und gebildeten jungen König. Dass er einen Riesenhof halten werde mit Dichtern, Gelehrten und Balletteusen, erwartete jedermann. Dass er die Ideen der Aufklärung verwirklichen und vielleicht Voltaire als Premierminister berufen werde, glaubte man in Frankreich; dass er die preußische Armee von 80.000 auf 45.000 Mann herabsetzen werde, versprach man sich in England. Dass er seine Minister regieren lassen und sich selbst auf Kunstpflege und Literatur beschränken werde, hofften die preußischen Be­amten und die europäischen Großmächte. Und dass für seine Freunde die Zeit des Reichtums gekommen war, darauf ver­traute der ganze Rheinsberger Freundeskreis; als einer von ihnen auf die Todesnachricht zu Friedrich eilen wollte und da­bei einen Tisch umwarf, von dem Geldstücke zu Boden rollten, rief der Baumeister Knobelsdorff: »Jetzt Groschen aufklauben, wo es Dukaten regnen wird!«

Regnete es Dukaten, regnete es Ämter? Noch ehe Friedrich Wilhelm erkaltet war, warf sein bester Freund und erster Ratge­ber, der Herzog Leopold von Anhalt-Dessau, sich schluchzend vor die Füße des Sohnes, versicherte ihn seiner Ergebenheit und bemerkte beiläufig, er hoffe, der neue König werde ihm seine Ämter und Autorität belassen. »Ich werde«, antwortete der junge Monarch dem alten Recken, während er sich die Tränen aus den blauen Augen wischte, »ich werde Eurer Liebden alle Ämter belassen. Was die Autorität angeht, so weiß ich nicht, was Eure Liebden meinen. Autorität halte in diesem Lande nur ich.«

Sodann beauftragte er den Baron Pöllnitz mit der Leitung der Beisetzungsfeierlichkeiten. Pöllnitz solle sogleich das schwarze Tuch für die Wandbespannungen einkaufen. Es solle an nichts gespart werden, was zu einem angemessenen Leichen­gepränge nötig sei. Pöllnitz ging. Als er auf der Treppe war, öffnete sich noch einmal die Tür und der junge König rief hin­unter: »Keine Mogeleien! Keine Schiebungen mit den Kaufleu­ten! Ich werde das nicht durchgehen lassen.« Pöllnitz verbeugte sich noch einmal. Am Schlossausgang sagte er: »Ich gäbe hun­dert Pistolen, wenn ich den Alten Herrn wieder haben könnte.«

Ähnlich dachten andere. Die Freunde des Kronprinzen mussten sich mit sehr bescheidenen Stellungen begnügen. »Die Possen haben ein Ende«, sagte der König kurzerhand zu seinem Vertrautesten, dem Kammerdiener Fredersdorf. Leutnant von Keith wurde aus London zurückgerufen, zum Oberstleutnant und Stallmeister ernannt, aber weder zu der Person des Königs, noch zum Dienst in der Armee zugelassen. Kattes Vater wurde Graf und Generalfeldmarschall. Für Dorothea Ritter, die Fried­rich Wilhelm schon aus dem Spinnhaus entlassen hatte, geschah nichts. »Wenn das so weitergeht«, schrieb ein sächsischer Di­plomat, »so wird der Vater im Vergleich zu dem Sohn bald für einen Verschwender und einen Liebling des Volkes gelten.« Und die Heeresverminderung? Siebzehn Bataillone Infanterie, ein Regiment Husaren, eine Schwadron Dragoner und eine Schwadron Garde du Corps wurden - nicht etwa aufgelöst, sondern neu geschaffen. Den »Sterbekittel« trug er jetzt Tag für Tag.

 

Schon am ersten Tag seiner Regierung

Aber wenn auch König Friedrich in seiner Sparsamkeit und Militärbegeisterung in den Spuren seines Vaters verblieb: dass eine neue Epoche begonnen hatte, darüber ließ er niemanden in Zweifel. Schon am ersten Tage seiner Regierung erklärte er den Generalen, die Armee dürfe nicht durch Habsucht und Über­mut das Volk bedrücken. Am zweiten eröffnete er den Mini­stern, sie dürften niemals die Interessen des Monarchen den Interessen des Volkes vorziehen. Am gleichen Tage gründete er - ein echter Literat - eine Zeitschrift für Politik und Literatur, in der auch er Aufsätze veröffentlichen werde, versteht sich in französischer Sprache. Am dritten Tage verbot er das Fuchteln der Kadetten, am vierten hob er die Folter auf - freilich mit Ausnahme von Hochverratsfällen -, am fünften verbot er die »gewohnten Brutalitäten« bei der Soldatenwerbung, und so ging es Schlag auf Schlag. Kindsmörderinnen sollten nicht mehr in selbstgenähten Säcken ins Wasser geworfen werden, sondern sie wurden zur Enthauptung begnadigt, Verwandten-Ehen wurden erleichtert, die Zensur wurde für den nicht-politischen Teil der Zeitungen aufgehoben; denn »Gazetten, wenn sie inter­essant sein sollen, dürfen nicht genieret werden«; freilich wurde die Zensur nach sechs Monaten wieder eingeführt. Die Riesen­garde wurde, weil zu teuer, aufgelöst, staatliche Getreidelager (zur Brotverbilligung geöffnet, der Bauzwang aufgehoben, die Bierbrauverbote erleichtert, im Generaldirektorium eine Abtei­lung für Handel und Industrie errichtet, der Bau einer Oper angekündigt und die Akademie der Wissenschaften neu belebt. Dem Humor Friedrich Wilhelms hatte es gefallen anzuordnen, dass die königlichen Hofnarren aus dem Etat der Akademie bezahlt werden und dass die Akademie sich ihre Mittel durch den Verkauf von abergläubischen Kalendern beschaffen musste, in welchen den Bauern gelehrt wurde, an welchen Tagen des Jahres sie den Hafer säen, die Hühneraugen schneiden und die Kühe decken lassen sollten.

 

Jeder soll nach seiner Fasson selig werden

Friedrich berief Gelehrte aus ganz Europa, und mehrere von ihnen leisteten der Einladung Folge. Als Präsidenten wählte er den französischen Geographen Maupertuis, der aber kein Wort deutsch verstand. Auch den Philo­sophen Christian Wolff holte er nach Preußen zurück. Und schließlich erklärte er, die Religionen müssten alle toleriert wer­den; in seinem Reiche könne jeder nach seiner Fasson selig werden. Freilich geschah dies aus einem besonderen Anlass: er lehnte es ab, die von seinem Vater geschaffenen Schulen für die Kinder katholischer Soldaten zu schließen, sehr begreiflicher­weise, denn wie sollte er ohne katholische Schulen sein Heer auch in katholischen Ländern auffüllen? Als ein Katholik in Frankfurt Bürger werden wollte, genehmigte er es sofort, aber er genehmigte es kräftiger, als dem Katholiken lieb sein konnte: »Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die leute, so sie profesiren, Erlige leute seindt, und wen Türken und Heiden fkähmen und wollten das Land pöpliren, so wollen wir sie Mosqueen und Kirchen bauen.«

 

Rache

Wer die Rache Friedrichs gefürchtet hatte, wurde angenehm überrascht: der König hatte offenbar alle Beleidigungen verges­sen, die dem Kronprinzen zugefügt worden waren. Mit demon­strativer Ironie beförderte er seinen gehässigsten Verfolger, den Obersten v. Derschau, sofort zum Generalmajor.

 

Ein erstaunliches Bild

Langsam zeichnet sich in den Augen des erstaunten Europa ein Bild des neuen Herrschers ab: kein Poetenkönig, kein roi charmant des Märchens, sondern ein Regent, der sich ernsthaft bemüht - wie er es in einem Rundschreiben an seine Behörden ausdrückt sein Volk »vergnügt und glücklich« zu machen. Friedrich selbst befindet sich in dieser ersten Zeit selbständigen Schaffens in einem wahren Glücksrausch. Mit knabenhafter Ei­telkeit schreibt er in einem Brief an einen Freund: »Adieu! Ich muß noch an den König von Frankreich schreiben, ein Solo komponieren, ein Gedicht an Voltaire verfassen, das Heeresre­glement ändern und noch tausend andere Dinge mehr.«

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