Friedrich II hauchte Preußen die Seele ein

Friedrich II. hat Preußen die Seele eingehaucht. Dass er dies vermochte, zeigt seine Größe und persönliche Genialität. Die­se preußische Seele stellt eine besondere Variante in der Entwicklung der Bewußtseinsseele dar, deren Entfaltung die unmittelbare Aufgabe unseres gegenwärtigen Zeitalters ist und für die eben Preußen einen geschichtlich besonders gearteten Boden abgegeben hat. Preußen hat stark beigetragen zum Erwachen des modernen Menschen in Deutschland.

Das Fürstentum Friedrichs des Großen trägt noch ganz persönlich-­menschlichen Charakter. Ein Mensch, nämlich der Fürst, steht in aller Realität an der Spitze des Staatswesens, er hat das ganze Staats­wesen noch völlig in der Hand, beherrscht es und durchdringt alles mit seinem Wesen, gibt allem sein persönliches Gepräge, drückt dem ganzen Staate seinen persönlichen Stempel auf. Er selbst trieb alle Räder der Staatsmaschinerie an, überwachte persönlich ihren Gang und ihre Arbeit.

 

Erziehung der Beamten zur Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit

Friedrich der Große hat die innere Staatsverwaltung und die Ein­richtungen des Staates im wesentlichen von seinem Vater übernom­men und sie im ganzen so gelassen, wie Friedrich Wilhelm I. sie gestal­tet hatte. Unter ihm setzte sich im großen Stile die Erziehung der Beamten zur Pflichttreue, Gewissenhaftigkeit, Exaktheit, Zuverlässig­keit und Brauchbarkeit fort, die zum innersten Wesen des Preußen-tums gehört und über die wir bereits oben gesprochen haben. Fried­rich selbst ging den Beamten mit dem großen Beispiel der königlichen Pflichterfüllung, des sachlichen Dienstes am Staate und der Sorge für die Regierten voran und erfüllte auch seine Untergebenen mit densel­ben Gesinnungen, mochte sich diese Erziehung der kärglich bezahl­ten Beamten auch oft genug in einer menschlich wenig ansprechen­den Form, durch schroff verletzenden Tadel, Ungnade und im Zorn vollziehen. Und über die Beamten und die Armee teilte sich der gleiche Geist der Disziplin und Pflichterfüllung in weitgehendem Maße der gesamten Untertanenschaft mit. Staatsgesinnung verbreite­te sich. So hat Friedrich in der Tat entscheidend dazu beigetragen, den preußischen Charakter zu prägen.

 

Unterschied zu Ludwigs XIV

In diesen «preußischen» Qualitäten, die so in das staatliche Leben einflossen und ihm dienstbar wurden, dürfen wir ein neues Element erblicken, das wir im Staate Ludwigs XIV in dieser Weise noch nicht finden. Auch in der französischen Staatsschöpfung des 17. Jahrhunderts war man groß im Orga­nisieren, im Ausdenken und Erfinden von staadichen Einrichtungen, aber es fehlte doch vielfach an der zuverlässigen, treuen und exakten Durchführung, welche die notwendige Voraussetzung der reibungslosen Arbeit der Staatsmaschine und der immer weitergehenden Versachlichung des Staates ist. Zum Erlassen von Vorschriften und Verord­nungen genügt der verstandesmäßig ordnende Geist, wie er Ludwig XIV, das französische Volk und überhaupt das 17. Jahrhundert beseelte. Zur strengen Durchführung aber wären darüber hinaus Pflichttreue, Verantwortlichkeitsgefühl, ernste, uneigennützige Hingabe an den Staat, Freiheit von Korruption erforderlich gewesen, kurzum Qualitäten, die den Franzosen nicht annähernd im gleichen Maße wie jene anderen zu eigen waren. Das Preußentum ist die klas­sische Stätte, auf der diese Qualitäten mit deutscher «Gründlichkeit» entwickelt worden sind, aufbauend auf dem, was an neuerer Staat­lichkeit vom französischen Geiste begründet worden war, und es wei­ter führend. Das ist insofern der «Fortschritt» der staatlichen Entwick­lung vom 17. ins 18. Jahrhundert und zugleich der von der überwie­genden Verstandesseele zu der - von der Verstandesseele zwar aufs stärkste durchsetzten - Bewußtseinsseele.

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