Die Hinrichung seines Freundes

Zugleich befiehlt Friedrich Wilhelm, Katte (Friedrichs Freund und Fluchtgenosse) nach Küstrin zu bringen und vor den Augen des Kronprinzen hinzurichten. Katte bleibt gefasst. Seinem Vater schreibt er einen gottergebenen Brief: »Wie dachte ich nicht, dass es mir an meinem zeitlichen Glück und Wohlfahrt nicht fehlen könnte. Wie glaubte ich nicht, mich in der Welt emporzuschwingen! Aber alles umsonst! Wie nichtig sind nicht der Menschen Gedanken: mit einmal fällt alles über einem Hauffen, und wie traurig endiget sich nicht die Szene meines Lebens, und wie gar unterschieden ist mein jetziger Stand von dem, womit meine Gedanken schwanger gegangen; ich muss anstatt den Weg zu Ehren und Ansehen, den Weg der Schmach und eines schändlichen Todes wandeln.«

An den Kronprinzen schreibt er, er grolle ihm nicht; er rate ihm, in sich zu gehen, sein Herz Gott zu ergeben und sich seinem Vater zu unterwerfen. Auch in Küstrin angekommen, bewahrt er seine Haltung; am Abend singt und betet er mit dem Feldprediger. Der Major, der die Hinrichtung zu leiten hat, muss sich an seiner Standhaftigkeit auf richten.

Am Morgen um 5 Uhr wird dem Kronprinzen, der von dem gesamten Kriegsgericht nichts weiß, mitgeteilt, in zwei Stunden werde Katte vor seinem Fenster hingerichtet werden. Schluch­zend fleht er um Aufschub; er müsse einen Boten zum König senden; er werde für Kattes Begnadigung den Verzicht auf den Thron, die Bereitschaft zu ewigem Gefängnis, ja selbst sein Le­ben anbieten. Aber die Offiziere schütteln den Kopf.

Um 7 Uhr führen sie den Kronprinzen, dem Befehl gehor­chend, ans Fenster. Als er Katte erblickt, ruft er ihm mit einer Kusshand französisch zu: »Mein lieber Katte, ich bitte Sie tau­sendmal um Verzeihung.« Katte erwidert: »Nichts von Verzei­hung. Ich sterbe mit tausend Freuden für Sie.« Er nimmt ruhig Abschied von den Offizieren seines Regiments, zieht sich »ganz frei und munter« den Rock aus, kniet nieder, schiebt die Hand, die ihm die Augen verbinden will, beiseite und empfängt betend den Todesstreich. Bevor das Haupt in den Sand rollt, ist der Kronprinz zusammengebrochen.

Der König - auch für die Hinrichtung hatte er ein genaues Reglement erlassen - hatte befohlen, Kattes Leiche solle bis zwei Uhr liegen bleiben. Es solle aber der Feldprediger Müller sofort - gleichsam ehe das Blut an dem Schwerte des Scharfrich­ters trocken geworden sei - in die Zelle des Kronprinzen treten und das durch die Hinrichtung »weich gemachte Herz« rühren. Auch Müller hatte eine seitenlange Instruktion bekommen: »Woferne Ihr nun den Cron Prinz zerknirschet findet, sollt Ihr Ihn animieren, auf die Knie mit Euch zu fallen, und auch die Officiers, die bey Ihm syn, und Gott mit tränenden Hertzen um Vergebung bitten. Ihr müsset aber alles mit guter Art und Vor­sicht thun, denn Er ein verschlagener Kopf ist, und müsset Ihr wohl acht geben, ob alles auch mit einer wahren Reue und gebrochenen Hertzen geschehe.« Außerdem solle er den Kron­prinzen von seinem gefährlichen calvinistischen Irrglauben hei­len, dass das Heil oder Verderben jeder Seele durch die »Gna­denwahl« vorherbestimmt sei.

Aber als Müller die Zelle betritt, ist der Kronprinz unfähig, sich zu unterhalten. Auch in der Nacht liegt er in wilden Phan­tasien. Erst am folgenden Morgen kann Müller mit seinem Werk beginnen. Aber seine Worte erfüllen den Kronprinzen sogleich mit einer fürchterlichen Ahnung. Schickt man ihm etwa einen Geistlichen, um ihn auf den Tod vorzubereiten? Ist dieser blutige Sandhaufen vor seinem Fenster noch für einen zweiten Delinquenten liegen geblieben? Als Müller ihm ein be­ruhigendes Pulver anbietet, lässt ihn Friedrich erst selbst davon nehmen; er fürchtet, dass ihn sein Vater vergiften will. Und während Müller über die Gnade Gottes sprechen will, lenkt er die Unterhaltung immer wieder auf ein ihm viel wichtigeres Thema, auf die Gnade des Königs. Schließlich fragt er geradezu, ob Müller »ihn auf den Tod präparieren solle«. Der Geistliche hat die größte Mühe, ihm diese Furcht auszureden; er versi­chert, seine Instruktionen ließen keinen Zweifel, dass der König ihn wieder in Gnaden annehmen werde, wenn er bereue, sich unterwerfe und schädliche Irrlehren aufgebe.

Friedrich ist erlöst. Nicht mehr verlangt sein Vater als Reue, Buße und den Verzicht auf bestimmte theologische Überzeugungen? Von allen Drei kann er so viel haben, wie er haben will.

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