Der Führer spricht (ERZÄHLUNG)

Endkampf - heißes Ringen um die Macht im Staat.

Die Kommunistische Partei verkündet auf ihren Plakaten: Sechs Millionen sind wir! Aber die Nationalsozialisten haben bei der letzten Wahl über elf Millionen Stimmen erhalten. Sie fassen alle Klagen der Zeit zusammen, wenn ihre Zeitung, der Völkische Beobachter, schreibt:

NOTVERORDNUNGEN - NEUE STEUERN -LOHNABBAU - HUNGER - ELEND -ARBEITSLOSIGKEIT, WER DAS WILL, DER WÄHLT DAS SYSTEM DER REPUBLIK! WER DAS NICHT MEHR WILL UND WILL, DASS ALLES ANDERS WIRD, DER WÄHLT ADOLF   HITLER!

Es gibt beinah sieben Millionen Arbeitslose unter den Arbei­tern. Die Bauern zittern vor Pfändung und Hofzertrümmerung. Die Kommunisten verkünden schon triumphierend die baldige Revolution. Viele blicken in ihrer Verzweiflung auf diesen Hitler, dessen braune Marschkolonnen Sonntag für Sonntag durch Prügeleien, Aufmärsche und kühne Versprechungen von sich reden machen. Vielleicht ist Hitler der Retter?

Auch Locarno hat Deutschlands Leidenszeit nicht beendet. Bri­and ist bald gestürzt worden, Stresemann starb allzu früh. Wieder gewannen Rachegefühle und erbarmungslose Rufe nach Repara­tionszahlungen bei den Westmächten die Oberhand. Die Volksaufwiegler vom Schlag eines Hitler haben es angesichts der steigen­den Not leicht, die Massen auf ihre Seite zu ziehen. Was will dieser Hitler eigentlich? Niemand weiß das so genau. Aber viele glauben, dass alles anders und vor allem besser wird, wenn er endlich an die Macht kommt.

»Also woaßt, Onkel«, sagt der Leitner Bartl zum Bäcker Hierangl, »jetzt wird's Zeit, dass du dir amal unsan Führer anschaugst, wenn er im Zirkus Krone red! I hab extra zwoa Ehrenkarten für di und die Tant' Wally bsorgt. Eigens ins Braune Haus in der Brienner Straß bin i ganga.« Anstatt der völlig unpolitischen Tante Wally geht schließlich der Freund vom Onkel Hierangl, der Spengler Hurth, mit zur Ver­sammlung.

So etwas haben die friedlichen Münchner Bürger noch nicht er­lebt: Das riesige Rund des Zirkusbaus ist bis zum letzten Platz ge­füllt. Man muss fürchten, dass die Tribünen zusammenkrachen. SA und SS mit den Sturmriemen unter dem Kinn weisen die noch im­mer hereindrängenden Menschen in die Reihen ein. Dazu dröhnt ununterbrochen Marschmusik. Von der Kuppel strahlen die Scheinwerfer. Rote Fahnen mit weißen Scheiben und dem schwar­zen Hakenkreuz hängen aus dem Gestänge. Bartl, der ein Braunhemd trägt, grüßt zackig mit erhobenem Arm und wiederholt immer wieder: »Heil Hitler!«

Als ein unrasierter Lucki, der inmitten einer verlotterten Gruppe Giesinger Arbeitsloser steht, darauf antwortet: »Hitler kann man net heilen«, entsteht sofort eine Schlägerei. Die SS-Leute haben alle Stahlruten in den schwarzen Stiefelschäften. Sie werfen den Mann hinaus. Hurth und Hierangl haben ihre Plätze ganz vorne. An der Ma­nege ist ein rotverkleidetes Rednerpult aufgebaut und von Lor­beerstöcken flankiert. In den Bänken sitzen bereits enggedrängt die Leute. Viele haben das Parteiabzeichen anstecken; die meisten sind Münchner, und daher finden Hierangl und Hurth rasch Kon­takt. Ringsum toben Lärm, Musik und das brandungsartige Mur­ren der fünftausend Leute, die den Zirkus füllen. Vielleicht muss die Rede sogar mit Lautsprechern auf den Marsplatz hinaus über­tragen werden, weil Tausende keinen Einlass mehr finden.

»Sie glaubn gar net«, sagt ein Fräulein neben Hierangl, »wie groß unsa Führer ist! So einen Menschen gibt's nur einmal!« »Ja wiaso nacha dös?« fragt der Hierangl erstaunt. »Lassens S' Eahna erzähln! Da war i neuli in da Prinzregentstraßn, da wo da Führer privat wohnt. Plötzli kimmt er daher in sein großen, schwarzn Mercedes und steigt aus. D' Leut laufn zsamm und umringa eahm. Dabei renna s' a alts Weiberl um, de grad a Netz mit Kartoffe tragt. Und, was moana S', daß da Führer tuat?«

»Hat a s' aufghobn?« meint der Hierangl, der nun gespannt zu­horcht. Das Fräulein rückt ein wenig zur Seite und ein Herr mit dem Parteiabzeichen macht vorwurfsvolle, erstaunte Augen.

»Gehnga S' zua«, sagt die Erzählerin. »So a großa Mo und wen aufhebn! Na - mit da Reitpeitschn hat er gwunka, daß d' Leut a bißl Platz gmacht habn. Dann hat er de Alte ogschaut und hat ein­fach gelächelt. Mir san vor Rührung glei die Träne kemma!«

Aber da geht es schon mit der Versammlung los. Die Riesen­lautsprecher setzen aus, dass es jäh still wird und eine Kommando­stimme schnarrt: »Achtung! Achtung!« Die Kapelle auf der Zirkus-Empore setzt mit einem neuen Marsch ein. Die Musiker sind ganz in Braun gekleidet. Der neue Marsch kommt nun aus allen Lautsprechern und schmettert alles tot. Durch die Einzugspforte des Zirkus marschieren kraftvolle SA-Leute in Reih und Glied. Kommandos ertönen, ein Standar­tenführer schreitet allein daher.

Dann naht ein dichter Wald von Standarten, Fahnen, Bannern mit vergoldeten Adlern in Eichenlaubkränzen, mit dem Haken­kreuz. Ganz allein, inmitten eines freien Raumes, trägt ein riesiger SS-Mann die sogenannte Blutfahne, die beim 9. November 1923 dabei gewesen ist. Ein Brausen hebt an, schrilles, immer mehr anschwellendes Schreien steigt zur Kuppel.

Die Fahnen bilden eine dichte Reihe in der Arena, die Standar­ten gruppieren sich zu beiden Seiten des Rednerpults. Kaum ist der Aufmarsch der Banner beendet, schnarrt die Kommando­stimme von neuem: »Achtung! Der Führer!«

Es ist wie ein seelisches Wechselbad. Alles ist genau auf Wir­kung berechnet, und alles knallt. Selbst der schwerfällige alte Hierangl fühlt sich wie aus seinem Alltagsgewand gerissen und spürt so etwas wie eine Gänsehaut. Die Musik bricht jäh ab - die Pause dehnt sich gerade so lange, dass jedermann erschreckt den Atem anhält. Dann bricht es mit er­höhter Lautstärke los.

Es ist der berühmte Badenweiler Marsch, unter dessen Klängen der Gefreite des Weltkrieges gekämpft hat und den er besonders liebt. Seit Hitler Politiker geworden ist, wird der »Badenweiler« nur noch als »Führer-Einzugsmarsch« gespielt. Zuerst fangen die Menschen hinten am Eingang an zu schreien. Dann greift es um sich wie ein Waldbrand. Schreie, gellende Rufe, wahnsinnige Ausbrüche schlagen wie Gischt aus der rasenden Masse empor. Der Hierangl glaubt, der Jüngste Tag sei gekom­men. Er sieht ganz benommen auf seine Nachbarin. Ist das noch das nette, kleine Fräulein?

Sie ist auf die Bank gesprungen und reckt den Arm hinaus. Starr treten ihr die Augen aus den Höhlen, die Gesichtszüge sind verzerrt, der Mund ist weit aufgerissen, und unablässig keucht sie: »Heil! Heil! Heil!« Dabei rinnen ihr die Tränen über die Wangen. Der feine Herr mit dem Parteiabzeichen ist ebenfalls auf die Bank gesprungen. Er trampelt wie ein Verrückter und bellt mit überschlagender Stimme: »Heil! Führer, Heil!«

Aber am meisten wirft es den Hierangl um, als er sieht, dass sein alter Tarockbruder und Hitlergegner Hurth ebenfalls auf der Bank steht und sein »Heil« plärrt. Ja, da hat der Hierangl immer ge­meint, der Hurth sei ein Schwarzer oder Roter - und jetzt das?

Er zupft den Freund vorsichtig am Ärmel, und es dauert eine Weile, bis der alte Hurth ihn bemerkt. Da geht es wie Erwachen über dessen Züge. Er steigt verlegen von der Bank und grinst. »I woaß net«, sagt er entschuldigend, »auf oamol hat's mi packt! Wia de andern alle so gschrian habn, hab ich halt aa geschrian.«

Der »Führer« schreitet unterdessen durch die breite Gasse, die ihm SA und SS freihalten. Die Banner senken sich vor ihm, die Standarten salutieren. Ganz nahe kommt er an Hierangl und Hurth vorbei.

Er trägt eine braune Hose und ein braunes Hemd mit dem EK I und dem Parteiabzeichen, aber keine Kopfbedeckung. Ein kaltes Augenpaar richtet sich für einen Bruchteil auf Hierangl. In die et­was zurückfliehende Stirn über dem rotbackigen, undurchsichtigen Gesicht hängt ein störrischer Haarwisch. Aber der »Führer« feuert ihn immer wieder mit herrischer Kopfbewegung zurück, dazu grüßt er mit abgewinkeltem Arm - nur »Heil Hitler« sagt er nicht. Mit seinem Bürstenbärtchen auf der Oberlippe schaut er wie ein österreichischer Oberkellner aus, denkt Hierangl.

Aber er hat auch etwas anderes an sich, das verwirrt und verzau­bert. Das spürt Hierangl sogleich, als Hitler ans Rednerpult tritt und mit kehliger, fortreißender Stimme zu sprechen beginnt.

Das bricht auf wie Vulkanfeuer unter dünner Asche. Hitler ver­steht es, mit tiefen, vertrauenerweckenden Tönen und in normaler Stimmstärke zu beginnen. Dann aber reißt plötzlich eine elemen­tare Kraft alles fort. Metallen klingt die Stimme auf, wird heiser, eindringlich, laut und wie aus tiefstem Herzensgrund. Die Massen rasen, der Zirkus bebt in den Grundfesten.

Hierangl und Hurth hören nur diese Stimme, nur die einzelnen Sätze. Sie begreifen keine Zusammenhänge. Es entgeht ihnen völ­lig, dass Hitler einmal von seiner Friedensliebe und gleich darauf von seinen finsteren Racheplänen spricht, dass er zuerst dem Ar­beiter mehr Lohn und bessere Bedingungen und dann dem Unter­nehmer Gewinn verspricht, dass er die Bauern mit der Erhöhung der Lebensmittelpreise lockt und den Verbrauchern billige Grund­nahrungsmittel verheißt, dass er von Recht und Gerechtigkeit redet und im gleichen Atem mit Gewalt, Waffen und Härte droht.

Alle verfallen nur der Stimme, dem Feuersturm der allgemeinen Leidenschaft. Und als die Versammlung nach Stunden unter Tosen, Musik, Fahnenauszug, Heilgeschrei und infernalischem Lärm zu Ende ist, weiß im Grunde keiner mehr genau, was der Führer gesagt hat. Aber alle wissen, dass es ein Erlebnis war und dass dieser Mann Deutschland retten kann.

 

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