Schlange stehen

Wer in der DDR groß geworden ist, war mit dem Bild der Menschenschlangen vor Geschäften jeder Art vertraut. Zwanzig, dreißig Leute, die am Samstagmorgen nach Bäckerbrötchen anstanden, waren ebenso normal wie die Tatsache, dass diese meist nach einer halben Stunde ausverkauft waren. „Sozialistische Wartegemeinschaften" wuchsen schon früh um sechs vor „Baustoffversorgungen", wenn Zement geliefert werden sollte, oder vor RFT-Fachgeschäften (Rundfunk-Fernseh-Technik), wenn es Gerüchte gab, dass eine Lieferung Farbfernseher erwartet werde. Es bildeten sich nicht nur in der Weihnachtszeit Schlangen von teilweise fünfzig und mehr Metern, wenn Apfelsinen oder Bananen verkauft wurden; sondern vor jeder Fleischerei, jedem Jugendmodegeschäft, jedem Schallplattenladen, jedem Autoersatzteillager warteten disziplinierte Schlangen, sobald etwa Schinkenspeck, begehrte Jeans, Lizenzschallplatten oder Auspuffanlagen kurzzeitig ins Angebot kamen.

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