Richtspruch und Gottesurteil

Grausig wie die Selbstpeinigung der Geissler und grausam wie die Verbrennung der Juden in der Pestzeit war das spätmittelalterliche Strafwesen. Es gab Geldbußen; doch zielten die meisten Strafen auf Leib und Leben. Säufer, Verleumder, arbeitsscheue Vagabunden, liederliche Frauen wurden durch einen Halsring an den öffentlichen Schandpfahl, den Pranger, gefesselt und so dem Schimpf und Spott der Bevölkerung ausgesetzt. Demselben Zweck diente die Trülle: ein hölzerner Käfig, in dem der Sünder vor den Augen des Volkes herum­gedreht wurde, bis er erbrechen musste. Schlimmer war schon das Stäupen mit Ruten oder mit Geißeln, an denen Stachelkugeln hin­gen. Doch zählte auch das noch zu den milden Strafen. Die Chroni­ken berichten von lichtlosen, feuchten Kerkern, wo die Gefangenen in Ketten und Fußblöcken schmachteten und von Ratten und Unge­ziefer angefallen wurden. Sie berichten von grässlichen Verstümme­lungen durch Abschneiden eines Fingers, einer Hand, eines Ohres, durch Brandmarkung der Wangen oder der Stirn mit einem glühen­den Eisen, durch Zungenschlitzen und Augenausstechen. Und sie berichten von grausamen Hinrichtungen durch Enthaupten, Hän­gen, Ertränken, Verbrennen, Rädern, Pfählen, Vierteilen, Ein­mauern und lebendig Begraben. Nicht selten gebot ein Richtspruch eine ganze Kette solcher Grausamkeiten, wie zum Beispiel der fol­gende, im Zürcher Richtbuch 1429 verzeichnete:

Der nachrichter sol Im sin füess zesammen und dem ross an sin swantz binden, sol Inn also hinus uff die waltstad schleipfen und sol Im dann der nachrichter sin ruggen, sini bein und arm mit einem Rad zerstossen und Inn in das rad flechten. Er sol ouch ein galgen uff das rad setzen und einen helsing an sin hals stricken und den och an den galgen binden und sol also uff dem rad an dem galgen sterben und verderben.

Die mildeste Todesstrafe war die Enthauptung. Das Schwert des Zürcher Scharfrichters trug am Kreuz ein Bild Christi oder seiner Mutter und auf der breiten Klinge die hoffnungsvolle Inschrift: Wan ich das Schwert auf tu heben, Geb Gott dem Sünder das ewige Leben.

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