Das Mädchen von Domremy - Jeanne d'Arc - 1429

Der folgende Beitrag ist den zwei Bänden "Denkwürdige Vergangenheit" entnommen.

Es war im Frühling 1429. Frankreich stand seit neunzig Jahren fast ununterbrochen im Krieg mit England. Die beiden Königshäuser waren miteinander verwandt, und die englischen Könige hofften ganz Frankreich unter ihre Krone zu bringen. Nun waren sie bald so­weit. Sie hatten in zahlreichen Schlachten die Franzosen geschlagen, den mächtigen Herzog von Burgund als Verbündeten auf ihre Seite gebracht und fast das ganze übrige Land erobert. Eine einzige größere Stadt, Orleans, trotzte noch, wurde aber nun seit Monaten bela­gert und konnte auch nicht mehr lange widerstehen. Jedenfalls hegte der willensschwache französische Kronprinz Karl, dessen Vater kürzlich gestorben war, keinerlei Hoffnung mehr, gekrönt zu werden und sein Land wiederzugewinnen. Er dachte schon daran, seine Burg an der Loire zu verlassen und nach Spanien zu fliehen.

Da kam eines Tages ein siebzehnjähriges Bauernmädchen aus Lothringen auf sein Schloss geritten und sprach: «Ich komme im Auftrage Gottes, Orleans zu befreien und den Kronprinzen zur Krö­nung nach Reims zu führen!» Man hielt das Mädchen für geistes­krank und spottete seiner. Der Kronprinz mischte sich unter die drei­hundert Höflinge und setzte einen Adeligen auf seinen Thron. Aber die Fremde ging unbeirrt auf den Prinzen zu, umfasste seine Knie und sprach: «Du bist der rechtmäßige König von Frankreich! Das sage ich dir im Namen Gottes. Sein ist das Reich; doch will er es dir zu Lehen geben!» Die Hofgesellschaft war verblüfft. Aber man traute dem Mädchen immer noch nicht und ließ es durch gelehrte Priester und Mönche prüfen. Da erzählte es in schlichten Worten, wie es in Domremy, am Rande der großen Vogesenwälder, wo einst Kolumban sein Kloster errichtet hatte, als Bauernkind aufgewachsen war:

Ich half der Mutter im Haushalt, lernte spinnen und hütete die Schafe. Doch in meinem dreizehnten Lebensjahre erschien mir in überirdischem Lichtglanz der Erzengel Mi­chael und sprach zu mir: «Jo­hanna, geh dem König von Frankreich zu Hilfe und gib ihm sein Reich zurück!» Erschrocken antwortete ich: «Herr, ich bin nur ein armes Mädchen und kann nicht wie ein Ritter die Waffen führen!» Er aber verhieß mir die Hilfe der Engel und himmlischen Heiligen, und seit­her habe ich immer wieder de­ren Stimmen gehört und höre sie noch. Darum bin ich endlich aufgebrochen, um Gottes Willen zu erfüllen.

Die Gelehrten wollten dem Mädchen aus vielen Büchern beweisen, dass unmöglich sei, was es erzähle und begehre. Johanna aber sprach:

Wisset, dass im Buche Gottes mehr geschrieben steht als in den euren! Ich kenne nicht A noch B; aber ich bin gekommen im Auftrage Gottes, Orleans zu be­freien und den Kronprinzen nach Reims zur Krönung zu führen. Das ist Gottes Wille und wird das Zeichen meiner gött­lichen Sendung sein.

Da gab man ihr endlich Rüstung, Schwert und Pferd und die von ihr gewünschte Fahne, die Gott mit der Erdkugel zwischen lilientra­genden Engeln darstellte, und gewährte ihr ritterliches Geleit. Und nun reihte sich Wunder an Wunder. Das französische Heer folgte Johanna als der von Gott gesandten Retterin begeistert in den Kampf. Sie ritt mit ihrer Fahne voraus. Ein Pfeil durchbohrte ihre Schulter. Sie riss ihn heraus und achtete der Schmerzen nicht. Innerhalb zehn Tagen war Orleans befreit, und die Engländer wichen nord­wärts zurück. Darauf führte die tapfere Jungfrau den Kronprinzen in ununterbrochenem Siegeslauf mitten durch die Feinde nach Reims. Dort wurde er wie alle früheren Könige Frankreichs in der Kathe­drale unter Johannas Fahne feierlich gekrönt.

Ein Jubel ging durch das französische Volk. Eine Wende war ein­getreten. Der Siegeszug durch Nordfrankreich hielt an, und den Eng­ländern blieb schließlich nur noch die Seefestung Calais. Johanna aber wurde bald nach der Krönung Karls von den Bur­gundern gefangen genommen und an die Engländer verkauft. Das war ihr Tod. Denn die Engländer verlangten, dass sie als Hexe ver­brannt werde. Ihre Wundertaten durften nicht als gottgewollt er­scheinen.

Nach langer Kerkerhaft in schweren Ketten wurde sie zu Beginn des Jahres 1431 vor ein geistliches Gericht gestellt. Ein den Englän­dern gefälliger französischer Bischof führte den Vorsitz. Niemand verteidigte sie. Niemand rührte einen Finger, sie zu befreien. Sie stand ganz allein. Nur ihre Stimmen verließen sie nicht. Aber gerade da fanden die Richter einen Grund, Johanna zu ver­urteilen; denn das Mädchen erkühnte sich, seinen Stimmen mehr Gehör zu schenken als der Kirche. Andauernd berief es sich auf seine Stimmen und ließ die Kirche erst an zweiter Stelle gelten:

Ich liebe die Kirche, aber für mein Werk bin ich nur dem König des Himmels verantwortlich, der mich gesandt hat. Ihm unterwerfe ich mich mit all meinen Taten, den vergangenen wie den zukünftigen. Aber lieber will ich sterben, als zu widerrufen, was ich auf Befehl Gottes getan habe.

Das war in den Augen ihrer Richter Ketzerei. Und als Ketzerin wurde sie denn auch am 30. Mai 1431 neunzehnjährig in Rouen ver­brannt. Eine große Volksmenge sah zu, wie die Flammen aus dem hochgetürmten Scheiterhaufen emporloderten und ihren an den Pfahl gebundenen jungen Leib ergriffen. Sie aber bestätigte inmitten ihrer Qual noch einmal: «Ja, meine Stimmen waren von Gott, sie haben mich nicht getäuscht.» Und als die Marter ihr grauenvolles Werk vollendet hatte, sprach sie den Namen Jesu aus und verschied.

Zwanzig Jahre später ließ sich die Kirche bewegen, die Prozess­akten neu zu prüfen und einzugestehen, Johanna sei unschuldig ver­brannt worden. Im Jahre 1920 wurde sie von Rom heiliggesprochen.

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