Kirche und Ketzer

Der folgende Beitrag ist den zwei Bänden "Denkwürdige Vergangenheit" entnommen.

Die Kreuzzüge waren aus einer ungeheuren Christusbegeisterung hervorgegangen und zeugten von der völkerverbindenden Macht der römisch-katholischen Kirche. Ein Pilger und ein Papst hatten geru­fen, und das ganze Abendland war in Bewegung geraten.

Es gab aber Menschen, die mit der Kirche unzufrieden waren. Sie warfen ihr Verweltlichung vor: ihre Macht und Herrschaft, ihr Reichtum und Prunk und die üppige Lebensweise so vieler Geistli­cher beweise, dass sie von der Nachfolge Christi abgekommen sei und durch Anpassung an den üblen Weltlauf das Reich Gottes verraten habe. Manche lehnten auch einzelne kirchliche Lehren und Bräuche als unbiblisch ab und verlangten Freiheit des Glaubens, der Predigt und der persönlichen Lebensgestaltung. Zur Zeit der Kreuzzüge entstanden, besonders in Frankreich, große Gemeinschaften solcher Menschen, die sich von der römischen Kirche absonderten.

 

Waldenser und Albigenser

Die Waldenser gaben nach dem Vorbild des reichen Lyoner Kauf­mannes Petrus Waldus allen Besitz preis, zogen wie die ersten Jünger Jesu je zwei und zwei von Ort zu Ort und predigten das Evangelium. Sie übersetzten große Teile der Bibel in ihre Sprache und bemühten sich ernsthaft um ein christliches Leben. Die Kirche verbot ihnen die Predigt. Sie ließen sich aber auch durch den Bannstrahl nicht von ihrem Weg und Werk abbringen und erklärten wie die ersten Apo­stel: «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.»

In ganz Europa verbreitet waren die Katharer, verdeutscht die «Ketzer», dem Wortsinn nach die «Reinen». In Südfrankreich wur­den sie nach der Stadt Albi Albigenser genannt. Sie bekannten sich zu einer Auffassung des Christentums, die seit Jahrhunderten be­stand, von der Kirche aber immer als Irrlehre unterdrückt worden war und jetzt nur stärker hervortrat. Die Übertragung des Namens «Ketzer» auf alle Abtrünnigen zeugt für ihre große Zahl. Der Sinn des Namens aber - die Reinen - deutet auf ihre Lebensführung hin. Sie verabscheuten die Halbheit und Unentschiedenheit, in der die meisten Christen lebten. Christsein erforderte nach ihrer Meinung eine viel entschiedenere Absage an alles Böse, das Gottes Licht und Liebe verdunkelt. Sie stellten Forderungen an sich selber, die in einem irdischen Leben fast unerfüllbar sind, was zur Folge hatte, dass sie voll Todessehnsucht waren. Ihre Lebensweise war so untadelig, dass der heilige Bernhard von Clairvaux, der ihnen aus andern Grün­den feind war, sagte, es gebe nichts Christlicheres als diese Ketzer. Und sie waren dieses reinen Lebenswandels wegen sehr beliebt. Mochte auch mancherlei an ihnen seltsam berühren - dass sie lange schwarze Gewänder trugen, dass sie keine Tiere töteten und sich nur von Pflanzenkost ernährten, dass sie keinen Waffendienst leisteten - so stand doch all das in Zusammenhang mit dem außergewöhnlichen Ernst ihrer Lebensauffassung. Weil sie aber nichts von der Kirche wissen wollten und trotz aller Belehrungs- und Bekehrungsversuche derselben auf ihrer Sonderung beharrten, wurden sie verfemt und verfolgt. Sie konnten nur in der Verborgenheit von Wäldern und Höhlen gemeinsamen Gottesdienst feiern. Aber sie nahmen auch Verfolgung und Flammentod freudig auf sich, eingedenk des Wortes Jesu: «Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich!»

 

Vollständige Vernichtung

Die Tatsache war erschütternd, dass nun Christen Christen verfolgten. Kirche und Ketzer beriefen sich auf Jesus Christus. Aber die Kirche bangte um die Einheit der Christenheit und schritt, als alle Bekehrungsversuche nichts fruchteten, zur Gewalt. Die Waldenser konnten zum Teil flüchten  und blieben in der Abgeschiedenheit französischer und italienischer Alpentäler ihrem Glauben treu. Einzelne flohen in die Schweiz, nach Deutschland und Böhmen. Die meisten aber erlitten den Tod um ihres Glaubens willen. Später wurden die Albigenser vollständig vernichtet. Innozenz III., der mächtigste aller Päpste, ließ einen Kreuzzug gegen sie predigen und verhieß den Teilnehmern die glei­che Belohnung wie denen, die gegen die Türken ins Feld zogen. Ein­zelne Fürsten nahmen sich der Unglücklichen an. Andere folgten dem päpstlichen Ruf mit der Absicht, ihren Landbesitz zu mehren. Ein zwanzigjähriger Krieg (1209-1229) verwandelte die Heimat der Albigenser, das blühende Südfrankreich, in eine rauchende Wüste und forderte Hunderttausende von Opfern. Bei der Eroberung einer einzigen Stadt kamen 20.000 Menschen ums Leben. Wehrlose Greise, Frauen und Kinder hatten in der Kirche Zuflucht gesucht, wurden aber auch dort erbarmungslos umgebracht.

 

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