Franziskus von Assisi

Das folgende Kapitel ist den zwei Bänden "Denkwürdige Vergangenheit" entnommen.

Mitten im Dunkel dieser Zeit steht die leuchtende Gestalt des hei­ligen Franziskus von Assisi (1182-1226). Er war der Sohn eines rei­chen Tuchhändlers und genoss in seiner kleinen Heimatstadt Assisi, am Rande des Apennin zwischen Florenz und Rom, alle Freuden der Jugend in vollen Zügen. Als er aber vierundzwanzig Jahre alt war, legte er Geld und Kleider vor seines Vaters Füße und sprach: «Von nun an will ich nur noch sagen: Unser Vater, der du bist im Himmel!» Er verließ sein Elternhaus und verzichtete auf jeglichen Besitz, um ein christusähnliches Leben zu führen.

Bettelarm besuchte er die Aussätzigen im Siechenhaus. Bis jetzt hatte er sie wie jedermann voll Ekel und Angst gemieden. Nun wusch er ihnen die übelriechenden Wunden aus und küsste ihre Hände und Lippen, weil er in ihnen Christus sah. Er dachte an das Heilandswort: «Was ihr einem dieser geringsten unter meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.» Er suchte einsame Orte auf, um sein Herz von Grund auf in Gott zu sammeln, und wohnte in verlassenen Hüt­ten oder Felsenhöhlen. Oft kniete er andächtig in einer halb verfalle­nen Kirche vor dem Bilde des Gekreuzigten. Er vertiefte sich so in dessen Leiden, dass es ihm allzeit gegenwärtig war und er auf offener Straße über sich und die sündige Menschheit weinen konnte.

Eines Tages aber wurde in der Kirche die Aussendungsrede Jesu an seine Jünger verlesen: ohne Geld im Gürtel, ohne Reisetasche, ohne Brot, ohne ein zweites Kleid, ohne Schuhe und Wanderstab sollten sie aus­ziehen, das Reich Gottes zu predigen. Da sprang er auf und sprach: «Das ist, was ich will! Danach verlangt mich von ganzer Seele!» Und unverzüglich legte er Stab und Tasche ab, band statt des Leder­gürtels einen Strick um sein raues Gewand und begann in aller Schlichtheit zu predigen:

Ich bin euer kleiner Bruder Franziskus. Ich küsse eure Füße. Ich bitte euch und flehe euch an, euch alle auf der ganzen Erde: Nehmt mit Liebe und Demut die Worte unseres Herrn Jesus Christus zu Herzen und lebt nach seinem Willen!

Da schlossen sich ihm andere Menschen an, den gleichen Weg der Gottesfreundschaft und Armut zu gehen. Sie glichen den Waldensern, enthielten sich aber aller Kritik an der Kirche und entgingen der Ketzerverfolgung. Sie hofften auf die Wirkung ihres guten Bei­spiels und vertrauten auf die überwindende Macht der Liebe. «Die heilige Kirche wird selbst unserer Armut nacheifern, wenn das heilig bewahrte Evangelium ohne Unterlass vor ihrem Angesichte blühen wird», sagte Franziskus. Sie beherzigten das Christuswort: «Wer unter euch der Größte sein will, sei aller andern Diener!» und wett­eiferten miteinander in der Demut. Jeder wollte der Geringste sein. Franziskus nannte seine Bruderschaft darum den «Orden der gerin­gen Brüder». Und bei aller Armut und Strenge gegen sich selbst schienen sie umleuchtet zu sein von der Heiterkeit einer höheren Welt. Trunken vor Seligkeit brach Franz bisweilen in lauten Jubel aus und meinte, die ganze Schöpfung müsste mit ihm jubeln. Er war - so nannte er sich selbst - ein «Spielmann Gottes».

Einst traf es sich, so erzählen die Brüder, dass an ihrem Wege viele Vögel versammelt waren und kein einziger davonflog. Da freute sich Franziskus von ganzem Herzen und fing an zu predigen:

Meine geflügelten Brüder, lobet euren Schöpfer und habt ihn lieb! Denn er hat euch Federn zur Kleidung gegeben, Flügel zum Fliegen und alles, was ihr sonst nötig habt. Die reine Luft hat er euch gegeben, damit ihr darin wohnen könnt. Ihr säet nicht und erntet nicht, und er schützt und leitet euch doch, ohn all euer Zutun.

Da jubilierten die Vögel, schlugen mit den Flügeln und reckten die Hälse. Der Heilige trat mitten unter sie und segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes. Und von da an tat er das immer wieder. Alle Tiere bis hinunter zum stummen Fisch und Wurm schloss er in seine überströmende Liebe ein und munterte sie auf, in ihrer Weise den Schöp­fer zu loben. Ja, auch die Blumen, die Saatfelder, Weinberge und Wälder, die rieselnden Quellen und die Steine, Erde, Feuer, Luft und Wind ermahnte er zur Liebe Gottes. Er nannte alle geschaffenen Wesen seine Brüder und Schwestern.

Die höchste Freude aber erfüllte ihn, wenn er von Christus sprach. Indem er sich immer wieder in die Leiden des Erlösers vertiefte, empfand er dessen göttliche Liebe mit der ganzen Glut seines Herzens. Darum fühlte sich auch jeder, der bei ihm war, in Christusnähe. Zwei Jahre vor seinem Tode wurde er sogar leiblich ein Abbild des Gekreuzigten. Auf einem Felsenberg hatte er vierzig Tage lang ein­sam gefastet und gebetet: «Herr, gib mir die Gnade, zu verstehen, wie sehr du geliebt und gelitten hast!» Da geschah Unerhörtes: Er sah im Geiste einen gekreuzigten Engel, einen Seraph mit sechs Flü­geln, auf sich zukommen und spürte, während der Berg vor dem Antlitz des Engels hell aufleuchtete, das Leiden des Herrn in seinem ganzen Leibe. Und als er aus Schrecken und Freude wieder zu sich kam, wurden an seinen Händen und Füßen Wundmale sichtbar, als wären sie von Nägeln durchbohrt worden, und an seiner rechten Körperseite blutete eine Wunde wie von einer Lanze. Er hatte die Wundmale des Gekreuzigten empfangen.

Mancherlei Krankheit verzehrte darauf seinen Leib, und ein Augenleiden führte allmählich zur Erblindung. Dennoch dichtete und sang er unter furchtbaren Schmerzen nochmals ein von Jubel überströmendes Loblied auf den Schöpfer und seine Werke, Schwester Sonne, Bruder Mond, Erde, Wasser, Luft und Wolken, Blumen, Krauter, Mensch und Tier: «Gepriesen seist du, Herr, mit allen dei­nen Geschöpfen!» Und als er den Tod herannahen fühlte, fügte er noch eine Strophe hinzu und hieß auch den Bruder Tod zu Gottes Lob willkommen. Seine Begleiter mussten ihn, als die Sterbestunde kam, nackt auf die Erde legen, aber sie durften nicht aufhören zu singen. Unter dem Lobe Gottes ging der Heilige in die Ewigkeit hinüber.

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