Die großen Handelswege - die Seidenstraße

Der wichtigste Zweig des islamischen Wirtschaftslebens im Mittelalter war zweifellos der Handel. Diese Tatsache erklärt sich auch leicht aus der geographischen Lage des in Frage stehenden Bereichs, denn hier kreuzten sich die beiden Haupthandelswege der damaligen Zeit, die die östlichen und westlichen Randgebiete der Alten Welt mit­einander verbanden.

 

Den ersten dieser beiden Handelswege ...

... nennt man die Seidenstraße; sie zog sich von China her nach Westturkestan, an Kaschgar, Samarkand, Buchara vorbei hinauf nach Nischapur, Rai Hamadän und Bagdad bis nach Konstantinopel und in die Län­der des Okzidents.

Die Seidenstraße, die heute fast vergessen ist, weil sie im 18. Jahrhundert durch den Weg über Sibirien ersetzt wurde, war im Mittelalter von höchster wirtschaftlicher Be­deutung. An ihr lag eine große Zahl von blühenden Städten, zwischen denen die Kara­wanen der Soghdier und Uiguren hin und her zogen. Die Soghdier und Uiguren galten als die Herren der Seidenstraße; neben dem Persischen und dem Türkischen sprachen sie Chinesisch und Arabisch, und durch ihre Hände lief der Austausch zwischen dem Osten und dem Westen. Aus China kamen auf diesem Wege Seidenstoffe, Porzellan, Papier, Jade, Jaspis, „Tutenag" (das chinesische Wort für Neusilber) und Salmiak; sie wurden eingetauscht gegen Erzeugnisse der islamischen Länder und des byzantini­schen Reiches, dessen Hauptproduktionsstätten anfänglich in Armenien, später in Tarsos in Kilikien lagen. Aus Tibet ausgeführte Waren nahmen gleichfalls diesen Weg; unter ihnen spielte der tibetanische Moschus die wichtigste Rolle, denn die Westiranier und Sarazenen waren dafür Großabnehmer, weil sie diesen Rohstoff in ihrer Parfümbereitung nicht entbehren konnten. Der bedeutendste Zwischenhan­delsplatz für Moschus war Chotan in Turkestan. Während die sibirischen Pelze, wie Marder, Hermelin und Zobel, am Umschlagplatz Samarkand zusammenliefen und ge­lagert wurden, bis die Perser und Byzantiner sie aufkauften und weiterbeförderten, handelte man die Lammfelle aus dem Hochland von Pamir, die wir heute Persianer nennen, vor allem in Buchära.

Ein Teil der indischen Ausfuhr, wie Baumwollwaren, Arzneipflanzen, Bergkristall, Gold, Edelsteine, Schmuck, Roheisen und unverarbeiteter Stahl, verarbeiteter Stahl in Form von Dolchen, Säbeln, Panzerhemden, Helmen und Rüstungen erreichte auf dem Zufahrtsweg durch das Tal von Kabul Ghazna und Buchära und benutzte von dort an ebenfalls die Seidenstraße.

 

Der zweite große Handelsweg ...

... kam die Wolga herunter, durchquerte das Königreich der Chasaren und zog dem Kaspischen Meer entlang; er verband die Länder des Hohen Nordens mit denen des Islams; seine Bedeutung wuchs, als der Seeweg über das Mittelmeer durch die Kreuzfahrerkriege lange Zeit unbenutzbar wurde. Auf ihm kamen Bernstein von der Ostsee, Honig aus den Wiesenländern des Nordens, der da­mals für die breite Masse den so viel teureren Zucker ersetzte, und Wachs zur Her­stellung von Kerzen. Wachskerzen fanden aber nur in öffentlichen Gebäuden oder bei reichen Leuten Verwendung, die ärmeren Leute im Iran beleuchteten ihre Wohnun­gen mit Erdöl aus Baku, während die in Ägypten und im Zweistromland dazu Rizinus­oder Rübensamenöl nahmen.

 

Der dritte große Handelsweg ...

... führte vom Nahen Osten nach Indien, und zwar übers Meer. Entdeckt und zum ersten Mal benutzt wurde er im 1. Jahrhundert nach Christus durch den indo-skythischen Fürsten Sanabara, aus dem die Legende dann Sindbad den Seefahrer aus Tausend und einer Nacht gemacht hat. Als er von Barygasa, nörd­lich vom heutigen Bombay, ausfuhr, merkte er, was es mit den indischen Monsun­winden für eine Bewandtnis habe; er nutzte sie, fuhr in den Persischen Golf und nach Arabien und gründete an all diesen Küsten Niederlassungen, ja sogar auf der Insel Sansibar und in dem südindischen Küstenland Malabar. In großem Stil zog er einen Handelsverkehr zwischen Alexandrien und dem China Yang-Tseus (Maha-Tschina) auf. Durch diesen ausgedehnten Handel flössen große Mengen gemünzten Geldes aus den Mittelmeerländern sowie edle Metalle aus China im Mittleren Osten zusammen. Nicht ohne Grund erhielt damals der Stern Alpha im Sternbild des Kreuzes des Südens den Namen Sindbad.

Es ist klar, dass bei diesem regen Verkehr auch die verschiedensten Erzeugnisse jener fernen Länder in die islamischen Häfen zurückgebracht wurden. Von den „Inseln" kamen Arzneipflanzen, Gewürze und all die Drogen, die man in der Parfümherstellung brauchte; aus Afrika: schwarze Sklaven, Elfenbein, Giraffenhäute zur Anfertigung von Luxusschuhen, Golderz und al-'Anbar, das in der Parfüm- und Heilmittelberei­tung unentbehrliche, aber auch bei der Herstellung von Kerzen und Seife als Zusatz verwendete Ambra. Dieser Duftstoff findet sich in den Eingeweiden der Wale und Pottwale, die damals im Indischen Ozean gefangen wurden. Indien führte Perlen, echte und nachgemachte Edelsteine, Zuckerrohr, Eisen, Stahl, Edelhölzer und das im Mittleren Osten so außerordentlich knappe Bauholz aus. Fast alle Häuser in den Hafenstädten des Persischen Golf s und der arabischen Küste, aber auch in den Städten des mesopotamischen Binnenlandes waren mit Gebälk aus indischem Holz gebaut und mit Möbeln aus demselben Material eingerichtet. Aber nicht nur aus Indien, sondern auch aus dem Land der Khmer (Indochina) kam Holz ins islamische Reich, ganz be­sonders Edelhölzer wie Ebenholz oder Aloe. Von der malayischen Halbinsel (Malakka) führten die Kauffahrer Kupfer und Zinn in Form von pflastergroßen Barren ein. Die Ausfuhr der islamischen Länder in jene fernen Häfen setzte sich im 12. und 13. Jahrhundert vor allem aus den wertvollen Glaswaren, Schwefel, sonstigen Fertig­waren und Pferden zusammen. Alljährlich wurden in der Hafenstadt Siräf am Persi­schen Meerbusen hunderttausend Pferde auf eigens zu diesem Transport hergerichte­ten Dschunken nach Ma'bar an der Koromandelküste verschifft. Die Inder aus Ma'bar mussten deswegen immer wieder so viele neue Pferde kommen lassen, weil die alten sich merkwürdigerweise auf indischem Boden nicht fortpflanzten, und zweitens, weil sie durch falsche Fütterung vorzeitig eingingen; man gab ihnen nämlich dort gezuckerten Milchreis, in Butter gedünstete Erbsen und ähnliches zu fressen. Die persischen Reeder hatten aber keinerlei Interesse, die Inder über ihre Fehler aufzu­klären, denn sie verdienten ja gerade dadurch Unsummen am Pferdehandel.

 

Die Karawanen

Der Wagen, der doch zu allen Zeiten in Indien und China eine so große Rolle gespielt hat, zählte im mittelalterlichen Morgenland eigentlich überhaupt nie zu den Ver­kehrsmitteln. Für den Überlandverkehr von Waren und Reisenden gab es in den arabischen Ländern nichts als das Kamel, in Turkestan und Persien dagegen neben dem Kamel auch das Pferd und das Maultier.

Die Städte waren kreuz und quer durch zahlreiche Wege miteinander verbunden, auf denen ziemlich häufig und auch mit einer gewissen Regelmäßigkeit Karawanen ent­langzogen. Da viele Karawanen auch des Nachts ihren Weg fortsetzten und die Stra­ßen manchmal schlecht, abschüssig und rutschig waren, bedurfte es der Ausdauer und Erfahrung der Mukari, das sind Kameltreiber, und des sicheren Fußes der Tiere, da­mit Waren und Reisende heil an ihrem Bestimmungsort ankamen. Unternehmer, die die Reit- und Lasttiere gegen Miete stellten, hatten in ihren Ställen eine große Aus­wahl an Kamelen und Mauleseln. Sie vermieteten Kamele, wenn die Karawane durch Wüsten und trockene Länder ziehen musste, Maulesel, wenn die Reise durch Gebirge oder durch feuchte Landstriche wie die am Kaspischen Meer ging.

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