Der erste Karolinger - Pippin wird "König" der Franken

Abt Fulrad von St. Denis wurde 750 nach Rom gesandt und legten hier Papst Zacharias die berühmte Frage vor, ob das Dasein von Königen im Fran­kenreich ohne königliche Gewalt gut sei. Zacharias antwortete darauf: »Es sei besser, der wirkliche Inhaber der Gewalt heiße König als einer, dem keine königliche Gewalt geblieben sei.« Und er gab Weisung, Pippin zum König zu machen, damit die Ordnung nicht gestört werde. So wagte Pippin den Staatsstreich. Die moralische Autorität des Heiligen Stuhles schien die Gewissensbedenken wegen der Entthronung des rechtmäßigen Königshauses beseitigen zu können. Als die gewünschte Antwort ein­gegangen war, ließ Pippin sich zu Soissons von den versammelten Franken zum König wählen und mit seiner Gemahlin Bertrada auf den Thron erheben. Die Bischöfe unter Führung von Bonifatius gaben die kirchliche Weihe.

 

Salbung Pippins

Bonifatius als päpstlicher Legat salbte nach biblischem Vorbild den König. Es ist dies das erste Mal, dass die Salbung bei einem fränkischen König Anwendung findet: Sie begegnete vorher schon bei den Briten und Westgoten und ist gleichzeitig bei den Angelsachsen nachweisbar. Auch sie mit ihrem mystischen Gnadengaben vermittelnden Wesen sollte den König trotz den fehlenden Rechten der Geburt als den Er­wählten Gottes dartun, was im Sinn der Zeit keine bloße Form war, wie die Wiederholung der Salbung durch den Papst selbst (754) lehrt. Dagegen ist diese Salbung Pippins anscheinend noch mit keiner Krönung verbunden gewesen. Es war die letzte offizielle Handlung, an der Bonifatius teilnahm Der Erzbischof widmete sich seitdem nur mehr der Heidenbekehrung.

 

Entthronung des Merowingers - Gegendienst für den Papst

Childerich, der letzte Merowinger, und sein Sohn wurden des Haarschmucks der reges criniti beraubt und in Klöster gesteckt. Ein Hausmeier findet sich seit dieser Zeit nicht mehr.

Hatte das Papsttum Pippin bei der Entthronung der Merowinger hilf­reiche Hand geleistet, so kam der neue König bald in die Lage, Gegen­dienste zu erweisen. Es war dies das folgenschwerste Ereignis seiner Regierung. Von dem Langobardenkönig Aistulf bedrängt, der 751 Ravenna erobert hatte und 753 auch das Gebiet von Rom bedrohte, von Ostrom ohne Hilfe gelassen, entschloss sich Papst Stephan im Frankenreich um Beistand zu bitten. Aistulf hatte damals Abgaben gefordert sowie die Anerkennung seiner Oberhoheit und alle Verhandlungen waren gescheitert.

 

Bitte um Einladung ins Frankenreich

Vielleicht zunächst sogar im Einverständnis mit dem byzantinischen Kaiser, bat der Papst um Einladung in das Frankenreich und erhielt sie auch. Der Heilige Vater überschritt im Winter die Alpen, ohne dass die Langobarden die Reise zu hindern wagten. Er wurde von Pippin in dessen Pfalz Ponthion in der Champagne am 6. Januar 754 ehrfurchts­voll empfangen. Der König führte das Pferd des Papstes eine Strecke weit am Zügel. Im Trauerkleid um Hilfe flehend, erhielt der Heilige Vater am nächsten Tag von Pippin das eidliche Versprechen des Schutzes und des Eintretens für die Rechtsnachfolge des hl. Petrus, was noch Karl Martell in dieser Form abgelehnt hatte. In St. Denis verbrachte der Papst krank den Winter.

 

Pippinische Schenkung

In der Zwischenzeit verhandelte Pippin mit seinen Großen, die sich zweifellos dem Bund von Pippin und Kirche zum Teil widersetzt haben werden. Nichtsdestoweniger hat der König am 14. April 754, zu Ostern also, mit seinen Söhnen und den fränkischen Großen eine jetzt verlorene Urkunde, das Schenkungsversprechen, ausgestellt, dessen vielumstrittener Inhalt na­mentlich die territorialen Verhältnisse Italiens betraf. Daneben liefen er­gebnislose Verhandlungen mit Aistulf.

 

Zweite Salbung

Eine zweite feierliche Salbung König Pippins, seiner Gattin und jetzt auch seiner Söhne durch den Papst zu St. Denis gab dem jungen Königsgeschlecht neue Weihe. Der Heilige Vater drohte bei Wahl eines Königs aus anderer Familie mit dem Kirchenbann und erschwerte dadurch die Rückkehr zum früheren Herrscherhause. Bei der Salbung übertrug er Pippin und dessen Söhnen die Würde eines patricius Romanorum. Wie schon erwähnt, war der Patriziat an sich nur der höchste spät­römische Rangtitel (geschaffen von Konstantin I.) ohne amtliche Be­fugnisse. Da er aber in Italien bis vor kurzem vom Exarchen von Ravenna und dem dux (Herzog) von Rom geführt worden war, so verbin­den sich mit dem Titel unwillkürlich die Vorstellungen von deren Auf­gaben und Pflichten. Pippin tritt an ihre Stelle als Schutzherr der römi­schen Kirche und des römischen Italien.

 

Ein fränkisches Heer übersteigt die Alpen - der Kirchenstaat entsteht

Nach dem Vertrag kam es zu dem siegreichen Krieg mit den Lango­barden von 754, wobei zum ersten Mal seit dem 6. Jahrhundert wieder fränkische Heere die Alpen überstiegen. Als dann Aistulf die Friedens­bedingungen nicht erfüllte, folgte 756 ein zweiter Krieg, der wiederum mit dem Sieg der Franken endete und zur Begründung des Kirchen­staates führte. Dann gab Pippin den abgetretenen Exarchat nicht den Oströmern zurück, sondern überließ ihn dem Heiligen Vater zu selb­ständiger Verwaltung unter fränkischem Schutz, mochte das päpstliche Gebiet auch dem Namen nach noch zum oströmischen Reich gehören und die volle Lösung von Byzanz erst in den nächsten Jahrzehnten er­folgen. Das Eingreifen des Frankenkönigs hat so die Einigung Italiens durch die Langobarden verhindert, die sonst vielleicht noch möglich ge­wesen wäre. Die Fortdauer der politischen Zerrissenheit der Halbinsel, die weltliche Herrschaft des Papsttums und seine enge Verbindung mit dem fränkischen Reich, dann mit Deutschland, hängen damit zusammen. Pippin hat so den Weg eingeschlagen, auf dem Karl der Große dann weiter­geschritten ist und in dessen Richtung das abendländische Kaisertum und die Romzüge der deutschen Könige liegen. Wer vermag zu sagen, wie anders die Geschicke Deutschlands und Italiens ohne Pippins Ein­greifen jenseits der Alpen verlaufen wären?

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