Das neue Imperium Romanum

Mit Karl dem Großen stehen wir am Anfang einer neuen Welt, der Entstehung des Abendlandes. Das weströmische Reich war in mehreren Jahrhunderten langsam dem Untergang entgegengesunken. Es konnte sich seiner Feinde nicht mehr erwehren, die Kraft des Heeres war dahin­geschwunden, germanische Söldner standen in den römischen Legionen, Fremdstämme siedelten auf altrömischem Boden. Die Schätze der An­tike waren dem Untergang geweiht.

In dieser Zeit der Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit erstand ein neues Kaiserreich. Karl hat mit der Kaiserkrone, die er in Rom, der alten Heimat antiker Überlieferung, vom Papst, dem universalen Schirm­herrn des neuen völkerverbindenden Glaubens, übernahm, Aufgabe und Sendung empfangen, diese starken Kräfte mit seinem jungen Germanen­reich zu einer einheitlichen Macht zusammenzuschließen.

Karl musste vor allem die neue abendländische Welt gegen außen be­haupten, er hat den Islam und die byzantinischen Machtansprüche von ihrem Boden verdrängt. Im Zeichen der christlichen Mission hat er weite Gebiete dem Mutterland einverleibt und einer höheren Sitte und Bildung den Weg zu den nördlichen und östlichen Völkern gebahnt.

 

Würde und Macht der Persönlichkeit - Selbstüberwindung und Hingabe

Karl hat eine neue Welt aufgebaut, die getragen war von der Würde und Macht der Persönlichkeit, von der Selbstüberwindung und Hingabe, von den sittlichen Forderungen der Gemeinschaft und Treue der Gefolgsmannen. Diese Freiheit und Unabhängigkeit und auf der anderen Seite die Unter­ordnung unter einen großen politischen Zusammenschluss, der noch unterstützt und gefördert wurde von dem neuen einigenden Glauben, entfesselte Wagemut und schöpferische Kräfte, die das Frankenreich zu dem größten und bedeutendsten Machtfaktor des Abendlandes empor­führten. Es konnte das oströmische Reich überflügeln und die Ausbrei­tung des Islams abwehren.

 

Treue und Schutz - Lehenswesen und Grundherrschaft

Das Abendland brachte neue soziale und politische Formen hervor, die auf den Bindungen von Treue und Schutz, auf Lehenswesen und Grundherrschaft beruhten. Seine geistige Leistung bestand darin, aus der Begegnung der lateinischen Welt mit dem Germanentum die richtige Mischung zu finden von römischem Sinn für Ordnung und planvollen Aufbau und germanischem Drang nach persönlicher Freiheit und Ver­antwortung, nach Tatbereitschaft und Leistung. Daraus eine Einheit, eine geschlossene Kulturwelt zu gestalten, war Aufgabe und auch Er­gebnis der formenden Wirkung der Kirche. Das Christentum hatte schon die auf römischem Boden sesshaften Germanen erfasst, es hatte später auch das innere Wesen der Menschen umgestaltet und dem sittlich-­religiösen Bereich sowie auch der Bildung einen mächtigen Auftrieb ge­geben.

 

Das größte Reich des Abendlandes

Auf diesen Grundpfeilern hat Karl das größte Reich des Abendlandes aufgebaut. Dass es Fugen und morsche Stellen in dem gewaltigen Bau gab, ist Schicksal jedes Menschenwerkes; Karls mächtige Persönlichkeit hat alle Schwächen für seine Zeit überwunden. Er hat die Völker zusam­mengeschlossen, das neue Imperium Romanum mit seinen Siegen und Opfern wurde für alle seine Bürger eine gewaltige Kraftmitte, ein ge­meinsames Schicksal, das die zugehörigen Stämme und Völker in seinen Bann zog und eine große Wirkung auch auf die ferneren Reiche ausstrahlte.

Karl war wahrlich ein Großer, er hat seiner Zeit genug getan und die Grundlagen für fernere Entwicklungen und schöpferische Leistungen gelegt. Was eine spätere Zukunft von seinem Reich erheischte, war Auf­gabe kommender Geschlechter.

 

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