Bonifatius (673-754)

Kurzfassung

Die angestrebte christliche Missionierung Europas gehört zu den bedeutendsten Taten des Mönchtums. Dabei spielen die Missionare aus England, Schottland und Irland eine herausragende Rolle. Sie kommen aus ihren Klöstern über den Kanal, durch­wandern die heidnischen Länder des Kontinents und verkünden das Wort Gottes. Ihre Arbeit ist beschwerlich und gefährlich. Die Völker und Stämme in Gallien, Germanien oder in den slawischen Regionen halten zäh an ihren alten Göttern fest. Keiner der kämpferischen Germanen will freiwillig auf seinen Platz in Odins Walhalla verzichten. Mancher Missionar stirbt daher als Märtyrer und wird für die Kirche zum Heiligen.

Als »Apostel der Deutschen« gilt der Angelsachse Winifred. Geboren ist er im englischen Wessex. Seine erste Missionstätigkeit führt ihn zu den germanischen Stämmen Frieslands. Ihr ist wenig Erfolg beschieden. Papst Gregor II. beauftragt ihn wenig später mit der Germanenmission. Er erhält den Namen Bonifatius. Der Mönch geht zunächst wieder nach Friesland, dann nach Hessen, wo er die Klöster Fritzlar und Amöneburg gründet. 722 weiht ihn der Papst zum Bischof, zehn Jahre später wird Bonifatius Erzbischof für das gesamte ostfränkische Mis­sionsgebiet. Er missioniert in Hessen und fällt dort bei Geisenheim die Donar-Eiche, um die Schwäche der heidnischen Götter, allen voran die des Wettergot­tes Thor, zu demonstrieren. Bonifatius errichtet die Bistümer Salzburg, Freising, Regensburg, Eichstätt, Würzburg und Erfurt. Im Machtkampf zwischen Kirche und Staat muss er es allerdings hinnehmen, dass die mächtigen Kanzler der fränkischen Könige, genannt Hausmeier, ein entscheidendes Wort bei der kirch­lichen Neuordnung im Frankenreich mitreden.

Schließlich wird Bonifatius zum ersten Erzbischof von Mainz ernannt. Seine besondere Zuneigung aber gilt dem Kloster in Fulda. Der Kirchenfürst ist bereits 80, als er 754 zu einem neuerlichen Missionszug nach Friesland aufbricht. Während einer Predigt wird er dort von wütenden Friesen erschlagen. Sein Grab findet er im Dom von Fulda. So ist der Engländer Bonifatius mit seiner Missionsarbeit eine einflussreiche Persönlichkeit der deutschen Geschichte ge­worden. Er hat die Fundamente der katholischen Kirche in Deutschland gelegt.

 

 

Längere, dafür erzählende Fassung

Berufung

Winfried stammt aus edlem angelsächsischem Ge­schlecht. Wie viele nachgeborene Söhne hat man auch ihn frühzeitig zum Priesterberuf bestimmt, um das Landlos nicht unter allzu vielen Erben teilen zu müssen. Aus dem jungen, begabten Klosterschüler wird ein hochgebildeter, feinsinniger Grammatiker und Päda­goge, ein körperlich zarter, aber von zähem Willen erfüllter Priester, den reiner und hoher Idealismus beseelt. Der Gedanke an das ewige Rom, dessen Spuren noch immer das Antlitz der Insel zeichnen, die Überzeugung von der Kulturmission der Kirche und das Ziel, eine in Christus versammelte Menschheit zu begründen, bestimmen sein Leben. Lange muss er den alten Abt Wynbercht von Nhutscelle bestürmen, bis ihm die Erlaubnis zur Missionsfahrt gegeben wird. Endlich kommt der Tag, an dem Winfried und eine Anzahl von Gefährten vom Handelshafen Lundewich ausfahren; glückliche Winde bringen ihr Schiff an die friesische Küste. Die unzähmbaren Stämme der Küste haben wieder einmal alle in ihrem Lande errichteten Frankenkirchen zerstört, die Priester ver­jagt und dem neuen Hausmeier des Frankenreiches, Karl Martell, eine Niederlage beigebracht.

Das sind schlimme Vorzeichen für die mit so vielen Hoffnungen begonnene Mission. Willibrord, der ehr­würdige Gründer des Bischofssitzes Utrecht, ist schon vor einiger Zeit, als Anhänger der Frankenpartei, ver­trieben worden. Dem jungen, unerfahrenen Missionar Winfried wird es kaum besser gehen . . .

Trotzdem verläuft die Begegnung des Sachsen Win­fried mit dem Friesen Radbod günstiger als zu erhof­fen war. Das aufrechte Wesen des Angelsachsen lässt den Heidenfürsten eine Zeitlang seinen wütenden Christen­hass vergessen. Er erlaubt ihm, in den Dörfern der Küste zu predigen und gewährt ihm Gastrecht.

Freilich erkennt Winfried bald, dass auf diese Weise praktisch wenig erreicht werden kann. Solange nicht ein grundsätzlicher Wandel in der politischen und militärischen Lage eintritt, bleibt das Friesenland für die Sache der Kirche verloren. Ohne eine großzügige Organisation und ohne Unterstützung durch staatliche Gewalt ist bei diesem Volk nichts zu erhoffen.

Im Spätherbst des Jahres, in dem er ausgefahren ist, kehrt Winfried nach England zurück. Es haben ihn Briefe erreicht, in denen seine Brüder in Nhutscelle von der zunehmenden Schwäche und Hinfälligkeit des Abtes Wynbercht sprechen und ihn auffordern, sich zur bevorstehenden Abtwahl einzufinden.

 

Die Wahl zum Abt und Verzicht auf diese Würde

Im Hafen von Lundewich erwartet ihn sein ver­trauter Ordensbruder, der Bischof Daniel von Win­chester, mit der Kunde vom inzwischen erfolgten Tode Abt Wynberchts. Winfried sei vom Konvent zum Nach­folger erwählt worden.

Mit stattlichem Gefolge reiten die Männer durch die Sumpfwälder von Ely und über die uralte Hochstraße, den „Watling Weg", nach Nhutscelle. Es ist Frühjahr, und hohe, weiße Wolken treiben im durchsichtig hellen Himmel, die Birken und dünnen Kiefern biegen sich im Winde, und über den Mooren wellt sich das Riedgras. Hier steht mitten in der ein­tönigen Wildnis, auf einem erhöhten Platze und ganz von Heidekraut, niedrigem Buschwerk und Brombeergeranke umstrickt, eines jener Hünengräber, die die keltischen Ureinwohner „Dolmen" nennen und von denen die Angelsachsen meinen, dass sie die Gebeine von Riesen der Vorzeit decken.

Der Bischof, der um mehr als 30 Jahre älter als Win­fried ist, deutet auf die Felssteine und schlägt eine Rast vor. Der Reitertrupp lenkt die flache Anhöhe hinauf, die Männer schwingen sich aus den Sätteln, und einer der Reisigen holt Brotfladen und geräuchertes Fleisch aus den Taschen des Saumpferdes.

Die beiden Geistlichen lagern sich abseits von den Klosterknechten, die abergläubisch die Nähe des Heidengrabes meiden.

„So steht dein Entschluss fest, Bruder?", fragt der Bischof, „du willst wirklich auf die Abtwürde verzich­ten und dich ganz der Mission weihen? Bist du dir klar darüber, was du alles aufgibst? Ein Abt ist hier im Lande ein Herr; die Könige haben die meisten Klöster und Kirchen so reich mit Gütern ausgestattet, dass der Geistliche gleichberechtigt neben dem Edeling steht. Westminster, Worcester, Evesham und Pershore zum Beispiel besitzen sieben Zwölftel des gesamten Grund und Bodens der Grafschaft, in der sie liegen. Nhutscelle ist kaum weniger stattlich begabt. Aber da ich weiß, dass dich irdische Herrschaft nicht lockt, so lass mich von der hohen Blüte der Künste sprechen, die sich in unserem Heimatlande allenthalben entfaltet. Das Land hat sich beruhigt, und die alte römische Ge­sittung sprießt unter dem Schutt hervor, den die Wanderzeiten hinterließen. Unsere Klöster sind wie für die Ewigkeit gebaut, die Kirchen stehen prächtiger als Königspaläste da, und die Bibliotheken sind wahre Schatzkammern. All diese Köstlichkeiten willst du gegen die Unsicherheit eines Wanderlebens ver­tauschen, aus der festen Heimstatt und hohen Auf­gabe ins Fragwürdige hinausziehen und dich Unge­wissen Schicksalen anheimgeben?"

Der junge Abt lächelt; er hebt den Becher, den der Klosterbruder mit Wein gefüllt hat und trinkt dem väterlichen Freunde zu.

„Du hast die Frage bereits in deinen Schriften beant­wortet. Ich kenne deine Briefe an Beda Venerabilis, in denen du das Werk der irokeltischen Mönche, der „Wanderer für Christus" lobpreist. Mir aber willst du verwehren, mein Leben   der gleichen Aufgabe zu weihen? Hast du nicht an Erzbischof Willibrord nach Utrecht geschrieben: ,Die Altsachsen auf dem Konti­nent sollen ebenso   Christen werden wie die Neu­sachsen auf der Insel'? Ist es nicht eine Pflicht unseres Stammes, den Brüdern dort das ewige Heil zu bringen? Nicht, dass ich gegen die Beschaulichkeit mönchischen Lebens sprechen will. Ich verehre Männer wie deinen großen Freund Beda aus Jarrow; aber was nützt es, dass in stiller Klause gelehrte Bücher geschrieben wer­den, wenn es niemanden gibt, der diese Botschaften zu den Menschen trägt, die im Dunkel des Unwissens und des Heidentums leben? Ich weiß wohl, dass ich kein Heidenbekehrer bin  wie   Columban,  Pirmin  oder Gallus; aber ich meine, dass mir Gott die Kraft und die Fähigkeiten gegeben hat, Ungeordnetes zu ordnen, das Werk der ersten Pflanzer und Säer zu hegen und zu ergänzen. Die Rodebauern Christi, die mit dem Kreuz in die Heidenländer wandern, sehen nur ihren engsten Umkreis; ich aber will sie vereinen zur großen Gemeinschaft. Einer muss den Andern ergänzen, und niemand darf den Zusammenhang mit dem lebendigen Leib der Kirche verlieren. Eine Mission, die einsam in  die Wildnis gepflanzt  wird, erstickt im  Gestrüpp, sie ist Weizen, den man in den Urwald sät und den das Unkraut bald schon überwuchert. Das haben mich die Monate in Friesland gelehrt. Auch dort waren schon Glaubensboten;  es gibt Klöster und Bistumssitze - aber es gibt kein christliches Volk, denn es fehlt die Ordnung, die alles durchdringt. Unsere Aufgabe gleicht jener der römischen Statthalter, die eroberten, Kastelle gründeten, Gesetze und Verwaltungen schufen und erst damit das Eroberte zu einem Gliede des Im­periums machten. Nur so kann das Reich der Kirche wachsen. Der Aufenthalt im Friesenland hat mir klar gezeigt, dass es unmöglich ist, die Friesen oder irgend­eines dieser wilden, germanischen Völker allein durch die Kraft der Rede, durch die Verkündigung der Wahr­heit oder die milde Gewalt der Kultur zu gewinnen. Sie klammern sich an ihre hergekommenen Bräuche und lehnen alles Fremde ab, ohne dessen Wert oder Unwert abzuwägen."

„Erzbischof Willibrord ist nach fünfundzwanzig Jahren Friesenmission gescheitert", sagt der Bischof leise, „ist es nicht Hochmut, zu glauben, dir würde ge­lingen, was jenem trotz allem Eifer versagt blieb?"

Winfried lehnt sich zurück und blickt einem Zug Vögel nach, der fernen Zielen zustrebt. „Ich habe erkannt", antwortet er, „dass man das große Werk anders beginnen muss, als es bisher geschehen ist. Eine Mission, die von der Gewinnung der Masse ausgeht und um jede einzelne Seele ringt, wird immer scheitern. Diese Völker werden gewonnen, sobald man ihre Führer überzeugt. Die Menschen des Heiden­landes sind geistig unselbständig und warten ab, was diejenigen tun, denen sie Untertan sind. Vor allem muss man dem Werk der Bekehrung eine feste Organi­sation und Ordnung geben; auch Rom hat die Welt nur durch die Ordnung erobert und nur durch die Organi­sation festzuhalten vermocht."

Bischof Daniel seufzt schwer; ungern und voll böser Ahnungen lässt er den Jüngeren in eine dunkle Zu­kunft gehen.

„Man wird dich wohl nicht halten dürfen", sagt er schließlich, „aber bevor du dich endgültig entschließt, prüfe dein Herz noch einmal, ob dich nichts an Heimat, Verwandte oder an Liebgewordenes bindet. Du ent­scheidest dich für immer, mein Bruder; es gibt keinen Weg mehr, der zurückführt!"

Aber Winfried bleibt fest. Sein Entschluss ist unum­stößlich. „Ich habe mich meiner Aufgabe verschrieben, Ehrwürden, erlaubt mir, die Abtwürde niederzulegen und dem Ruf aus der Ferne zu gehorchen." Bischof Daniel von Winchester erwirkt ihm endlich die Erlaubnis zur Niederlegung der Abtwürde. Von ihm erhält er auch wertvolle Empfehlungsbriefe an Fürsten und Könige. In einem Schreiben an den Papst in Rom heißt es:

„Es wird Euch zum Heile gereichen, wenn Ihr den Überbringer dieses Schreibens, den frommen Prie­ster und Diener des allmächtigen Gottes, Winfried, aufnehmt und ihm Freundschaft, die Gott liebt und verlangt, erweist."

Im Herbst schifft sich Winfried mit einigen Ge­fährten im Hafen Lundewich auf einem der offenen Langboote mit hohen Segeln ein; günstige Nordwest­winde führen die kleine Flotte, der sie sich ange­schlossen haben, über den Kanal zum Hafen von Etaples in der Mündungsbucht der Canche. Hier reihen sich die Angelsachsen einem der Pilgerzüge ein, die die heiligen Stätten in Rom besuchen wollen.

Als die Gesellschaft zahlreich genug ist, um einen wehrhaften Geleitzug zu bilden, bricht sie mit Rossen und Wagen nach Süden auf. Vor ihnen liegt das Fran­kenreich, in der Ferne drohen die Schneehäupter der Alpen, die rohen und kirchenfeindlichen Grenzwachen der Langobarden.

 

Entartete Reichskirche

Winfried besucht unterwegs viele fränkische Kirchen und Klöster. Zum ersten Male macht er Bekanntschaft mit den Eigenarten der fränkischen Kirchenorgani­sation. Die Reichskirche ist seit König Dagoberts Tod entartet und verfallen, die Kämpfe zwischen den Gro­ßen haben auch den hohen Klerus in ihren Strudel gezogen. Der Unterschied zwischen Laien und Prie­stern ist fast aufgehoben, überall bemerkt man die Zeichen der Verkommenheit, der Liederlichkeit und Habgier; die Bistümer und Abteien sind durch ihre reichen Grundlehen zu erbittert umstrittenen, vererb­baren Besitztümern geworden. Seit mehr als zwanzig Jahren hat keine Synode des fränkischen Klerus mehr stattgefunden. Wenn nicht bald etwas geschieht, ver­sinkt die fränkische Kirche in einer neuen Art von Heidentum.

Immer wieder stößt Winfried auf Kirchen, die durch Edelinge oder große Grundherren gestiftet und von ihnen als persönliches Eigentum betrachtet werden. In den riesigen, städtelosen Flächen des weiten Landes fehlen Zentren der Verwaltung und Ordnung; die halb­wilden Frankenherren setzen in ihre Eigenkirchen ungeweihte oder unwürdige Leute als Priester ein, die sie gegebenenfalls auch ebenso wieder absetzen. Ein­mal begegnet Winfried einem „Bischof", der von seinem Gaugrafen als Falkenier gebraucht wird, der mit den Rofiknechten am selben Tische isst und der nicht ein einziges der vorgeschriebenen Kirchengebete sprechen kann.

Da und dort treten schwärmerische Irrlehrer auf, und wo die fremden, von Rom unabhängigen keltischen Missionare - Iren oder schottische Mönche - gewirkt haben, fehlt jede Beziehung zu der Mutterkirche.

Während der Reise zu den Alpenpässen wird es Winfried klar, dass das Absinken des Ansehens der Kirche in engem Zusammenhang mit dem Niedergang des merowingischen Königtums steht. Nur eine starke Zentralmacht kann der Kirche den Halt geben, den sie braucht, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Im Frankenreiche aber regieren Könige und Hausmeier nebeneinander; jede Erbfolge bedeutet, dass die Mäch­tigen den Staat wie einen Acker unter ihren Söhnen aufteilen.

 

Karl Martell

Karl Martell, der gegenwärtige König, der seit einem Jahr die Macht im ganzen Frankenreich an sich gerissen hat, ist zudem ein Mann, von dem wenig Gutes für die Kirche zu erwarten ist. Er braucht zu seinen Kämpfen gegen aufsässige Große und gegen die aus den Pyrenäen und von der Provence vordringen­den Sarazenen zahlreiche Mannschaften, vor allem aber Reiter. Pferdebesitz jedoch beruht auf der Basis aus­reichenden Grundbesitzes, deshalb ist Karl Martell bemüht, soviel Ländereien wie möglich an sich zu bringen, um seine bewaffnete und berittene Gefolg­schaft belehnen zu können.

Die machtlose Kirche Frankens bietet ihm ein reiches Feld der Ausplünderung. Überall vernimmt Winfried Klagen über die Willkür, mit welcher der Hausmeier über die Güter der Klöster, Bistümer und Pfarreien verfügt.

 

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In Byzanz hat ein bedeutsamer Regierungswechsel stattgefunden. Leo III., ein Mann aus dem Volk der Isaurier, hat den Thron der Cäsaren bestiegen; er ist von leidenschaftlicher Abneigung gegen den Westen beseelt. Noch tiefer und unüberbrückbarer wird die Kluft zwischen Rom und Byzanz.

Der neue Papst Gregor II. - auf seiner römischen Insel von der Feindschaft der byzantinischen Be­satzung und langobardischer Bedrohung umstürmt - sucht verzweifelt nach Auswegen aus der beengten Lage.

 

In Rom: aus Winfried wird Bonifatius

Der Mönch Winfried aus Britannien findet deshalb in Rom eine höchst erregte, politische Geschäftigkeit vor; Gesandtschaften, Kuriere und Legaten gehen und kommen im Lateran. Doch der Empfehlungsbrief Bischof Daniels von Winchester tut seine Wirkung. Nach längeren Verhandlungen stellt die päpstliche Kanzlei einen Bestallungsbrief für Winfried als „Hei­denmissionar" aus. Nach römischem Brauch wird Winfried seines Taufnamens entkleidet und nach dem Kalenderheiligen Bonifatius benannt, dessen Fest am Vortage der Belehnung gefeiert worden ist.

Der Papst schreibt an Bonifatius:

„Wir loben Dich, Bonifatius, dass Du Dein heiliges Werk dem Apostolischen Stuhle unterstellst, damit Du, als Glied unter Gliedern das Haupt suchend... seiner Leitung Dich demütig unterwerfend und auf dem rechten Wege wandelnd, das feste Bild einer vollkommenen Verbundenheit der Kirche schaffest . . ."

Damit ist ein Programm von weithinreichender Wir­kung aufgestellt. Aus den oberflächlich christianisier­ten und selbständigen Kirchengemeinden des Nordens und Westens soll die Organisation der römisch­-katholischen Kirche entstehen.

 

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Auf der Rückreise besucht Bonifatius das Hoflager des Langobardenkönigs Luitprand zu Pavia.

Die Langobarden sind außer den Franken die einzige Großmacht, die sich nach den wilden Wander­zeiten kraftvoll behauptet hat. Nur kurze Friedens­perioden waren dem germanischen Volk vergönnt; jedem Langobardenherrscher war seit den Tagen Alboins die historische Aufgabe gestellt, die Er­oberung Italiens zu vollenden und aus dem Flickwerk langobardischer Herzogtümer endlich einen Staat mit geschlossenem Hoheitsgebiet zu bilden. Auch König Luitprand sieht sich gezwungen, im Kampf gegen Kaiser und Papst für dieses Staatsziel die Waffen zu führen.

Jedermann in Italien kennt das Ziel, das der König verfolgt; Rom soll und muss langobardisch werden! Der Tag scheint nicht mehr ferne, an dem der Papst den Langobarden den Treueid schwört.

Es ist an der Zeit, daß der Kirche ein Retter er­wächst ...

 

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Bonifatius geht nach seinem Besuch am langobar­dischen Königshof für einige Jahre in die Wälder des Nordens; man vernimmt nur wenig von ihm. Als Erzbischof Willibrord von Echternach aus einen neuen Vorstoß ins Friesengebiet wagt, wird plötzlich auch wieder der Name des Bonifatius genannt. Es wird erzählt, er habe zu den kühnen Männern gehört, die predigend an den Höfen der Friesenhäuptlinge er­schienen seien.

Doch auch dieser Versuch einer Bekehrung scheitert. Das Land der Sümpfe, Wälder, Inseln und brandenden Meeresküsten stößt jede Hand zurück, die das Kreuz trägt.

 

Die Kirche Germaniens

Bonifatius ist auch zum zweiten Male ohne Erfolg aus Friesland zurückgekehrt. Stärker noch als vor Jahren drängt sich ihm die Gewissheit auf, dass die wilden Küstenvölker nur durch eine starke ger­manische Kirche ins Reich Christi geführt werden können. Zuerst muss er sich bei den bereits teilweise christianisierten Stämmen einen Rückhalt schaffen, bevor er die Missionierung des Nordens beginnt.

 

In Hessen

Kurz entschlossen geht er nach Hessen, in das Kern­gebiet der suebischen Chatten zwischen Taunus und Thüringerwald. Die Christianisierung der germanischen Stämme war schon in Römertagen begonnen worden, und bedeutende Reste des neuen Glaubens hatten sich auch in den Wanderstürmen gehalten. Auf altem Römer­boden, in den Städten an Rhein und Mosel, gibt es schon seit alters Klöster und Kirchen, denen aber der ge­festigte Zusammenhalt verloren gegangen ist. Die selbständige irisch-keltische Mission des vergangenen Jahrhunderts hat Bayern, Alemannen und Chatten auf­gerührt, doch ist es, je weiter man nach Osten oder Norden vordringt, fast ausschließlich die führende Volksschicht, die sich - wenigstens dem Namen nach - zu Christus bekennt. Die breite Masse lebt in altge­wohnter heidnischer Weise.

Im oberen Lahngau steht auf steilem Basaltfelsen eine fränkische Befestigung, die Amöneburg. Von hier aus kann Bonifatius sein Missionswerk vorantreiben. Zwei vornehme Grundherren, die Brüder Detric und Deorulf schenken ihm ein Stück Land, auf dem er ein kleines Kloster, die Cella S. Michaelis erbaut - seinen ersten Stützpunkt im Chattenland.

Bonifatius ist von freudigen Hoffnungen erfüllt. Hat nicht der große Missionar Willibrord vor ihm schon weiter ostwärts im Gau der Thüringer angelsächsische Priester eingesetzt, die dem Volke predigen? Zu ihnen kann nun der Anschluss hergestellt werden.

 

Ein Diakon mit unerfreulichem Ruf

Auch im Lahntal findet Bonifatius bereits vor, die von einem Diakon, über dessen Ruf er wenig Erfreuliches hört, betreut wird.

Als der Sonntag herankommt, besucht Bonifatius mit seiner Begleitung diesen Stützpunkt des Glaubens im Chattenlande. Die Bauern streben zu Ross und zu Fuß, mit Weibern und Kindern der Kapelle zu. Die Männer tragen leinene Kittel und Braccas; die rohgegerbten Schuhe sind um die Waden verschnürt. Die Vornehmen prunken in Tuniken von römischem Schnitt, mit ge­flochtenen Zöpfen und Lederkappen, mit goldenen Ketten und Armreifen; blaugefärbte, weitgeschnittene Mäntel hängen um ihre Schultern.

Die Männer sind alle bewaffnet. Die Weiber in ihren langen, gegürteten und gestickten Gewändern drängen neugierig um den groben Holzbau der Kapelle. Dort hat ein durchreisender Frankenhändler seinen Stand aufgeschlagen und preist christliche und heidnische Amulette, Kräuterarzneien und Wundermittel an.

Erzürnt stellt Bonifatius den Händler zur Rede. Doch ein chattischer Edeling, der in seiner Jugend eine Wallfahrt nach Rom gemacht hat, entgegnet ihm, dass er Zaubermittel, Amulette und Reliquien selbst in den Verkaufsbuden vor St. Peter gesehen habe, das könne nicht unchristlich sein.

Als die Sonne höher steigt und der Diakon immer noch nicht zur Abhaltung der Messe erschienen ist, erklären die Chatten, dass ihr Priester vielleicht - wie schon oft - auf die Jagd geritten sei, denn das sei seine höchste Leidenschaft. Andere meinen, der Diakon müsse seinem Grundherren beim Suchen eines verirrten Kalbes helfen oder - und das scheine ihnen am wahr­scheinlichsten - er sei noch vom gestrigen Zechgelage betrunken und verschlafe seinen Rausch.

Schließlich zelebriert Bonifatius selbst die Messe. Die Bauern, die den engen Raum füllen, unterhalten sich laut und ungeniert; die Tore stehen weit offen, weil sich die Mehrzahl der Christen auf dem Vorplatz drängt und sich unter Lachen und Schimpfen müht, einen Blick auf den fremden Mönch zu werfen. Detric, der als Schutzherr des Missionars einen Ehrenplatz beansprucht, sitzt während der Messe auf einem Schemel neben dem Altar, zu seinen Füßen spie­len die Jagdhunde, von denen er sich selbst in der Kirche nicht trennen mag.

Gegen Ende der Messe erscheint endlich der Orts­priester. Er wird mit spöttischen Zurufen begrüßt, da sein Gang immer noch schwankend ist.

Während der Messe haben heidnische Gaugenossen unter den Linden Tische und Bänke aufgeschlagen, unter feierlichen Riten ein Fohlen geschlachtet und zubereitet. In großen Kupferpfannen brät das Fleisch, Metfässer sind aufgebockt, und Becher und Tonschüs­seln werden von den Wagen gereicht. Christen und Heiden befragen das Runen-Orakel, indem sie die geschnittenen Buchenstäbe werfen; ein paar alte Bauern stimmen gröhlend das. Lied vom Donnerer Thor an.

Das ist schlimmer als Bonifatius befürchtete. Er macht dem Diakon, der weder Latein versteht noch zu sagen vermag, wer ihn geweiht habe, erregt Vorhaltungen. Aber der vierschrötige Riese erwidert trotzig:

„Ich bin Priester dieser Kirche, die auf dem Grunde meines Herren steht, und von ihm eingesetzt. Du bist Priester oben auf der Amöneburg, wo Herr Detric ge­bietet. Was will der Pfaffe dem Pfaffen sagen? Und Bischof bist weder du noch ich."

Zornig lässt er Bonifatius stehen und eilt, sich einen Platz an der Tafel zu sichern.

 

Bonifatius schreibt nach Rom:

„Wenn ich unter den sogenannten Diakonen Leute finde, die von Jugend auf immer in Ehebrüchen lebten, immer in aller Art von Schmutz, und die bei solchem Leumund zum Diakonat gelangten . . . und sich gleichwohl nicht scheuen, das Evangelium zu lesen und sich Diakon oder gar Priester nennen, die ihr Sündentreiben fortsetzen und, Sünden auf Sünden häufend, behaupten, sie könnten als Ver­walter des Priesteramtes Fürbitte für das Volk einlegen und die heiligen Opfer darbringen, wenn gar noch derartige Leute den Aufstieg Stufe um Stufe zum Bischofsamt machen - so brauche ich Weisung und Vorschrift vom Papste ...
Es gibt hier auch Bischöfe, die Trinker. Ehrver­gessene sind, die ihrer Jagdlust frönen, Leute, die bewaffnet im Heere kämpfen und Menschenblut - ob heidnisch oder christlich - vergießen. Weil ich als Abgesandter des Apostolischen Stuhles bekannt bin, so möge Eure Autorität zwischen uns ent­scheiden."

 

Die Arbeit in Hessen und Thüringen scheint unter solchen Umständen unmöglich. Bonifatius bedarf größe­rer, fast unbeschränkter Vollmachten und der Bischofs­weihe. Nur der Papst und Karl Martell, der Hausmeier Frankens, können ihn mit den Befugnissen und Privi­legien ausstatten, deren er bedarf, um sich Achtung und Gehorsam zu verschaffen.

 

Abermals in Rom - zuvor ein Besuch bei Karl Martell

Als er abermals nach Rom wandert, nimmt er den Umweg über die Pfalz von Valenciennes, um Karl Martell aufzusuchen und ihn für seine weitreichenden Pläne zu gewinnen.

An einem milden Septembertag erreicht Bonifatius die Residenz des Majordomus. Mit seinem kleinen Ge­folge geht er von dem breiten Scheideschiff an Land, ladet die Rosse und den Proviantwagen aus und zieht über die Ronelle-Brücke in die umfriedete Burg ein. Das Palatium ist gleich neben dem verfallenen, roten Ziegelgemäuer der ehemaligen römischen Kaserne aus rohen Bohlen errichtet. Breite Reit- und Wagenwege führen aus den Lichtungen der umliegenden Wälder zu dem Tor der Umwallung.

Der Hausmeier muss anwesend sein, denn seine zahl­reiche berittene Gefolgschaft füllt lärmend die Höfe und Stallungen. Neben dem Viereckbau der Pfalz sind Zelte aufgeschlagen, Rosse weiden in Koppeln, und reichgekleidete Frankenkrieger stehen in Gruppen beisammen.

Es ist die Stunde des Kirchganges, als Bonifatius ein­trifft. Auch hier drängt sich die Hauptmasse der Gläubigen vor dem Portal der Kapelle. Frauen in engen Kleidern, bestickten Umhängen und nach römischer Art gerafften Mänteln, geschmückt mit goldenen Haften, Spangen, Ketten und Ringen, unterhalten sich, während der Gesang von Mönchen aus der Kapelle tönt und Weihrauch in blauen Schwaden aufsteigt. Auch hier laufen Jagdhunde zwischen den Edelingen und Krie­gern herum, zwei Gefolgsleute bewundern unter der Kirchentür gegenseitig ihre Jagdfalken; die Vögel sitzen flügelschlagend, die Lederkappen über den Köpfen, auf den Handschuhen. Um die hölzerne Kapelle laufen überdachte Gänge, in denen die Weinschenke ihre Buden aufgeschlagen haben.

Ein riesenhaft gewachsener Mann in vornehmer römischer Kleidung steht im Portal der Kirche und be­obachtet das Treiben innerhalb und außerhalb des Gotteshauses. Als er die Reisegesellschaft der Mönche erblickt, drängt er rücksichtslos durch die Menge, die ihm ehrerbietig Platz macht. Bonifatius sieht verwun­dert, dass der Riese fast den ganzen linken Arm mit goldenen Ringen bedeckt hat, ein Kreuz funkelt auf seiner Brust, und ein bebändertes Schwert klirrt am Wehrgehenke.

„Ich bin Bischof Reginald", ruft er mit dröhnendem Bass, „willkommen, Bruder! Du bist, wie soll es anders sein, Bonifatius, der uns seine Ankunft mitgeteilt hat!" Der Missionar verbeugt sich schweigend ...

Bonifatius begegnet in der Pfalz von Valenciennes noch vielen hohen „Klerikern in Schild und Brünne". Er sieht Äbte als Jäger hinter der Hundemeute reiten, hört abends an der Tafel, wie die Bischöfe und Diakone mit ihren Jagd- und Kriegsabenteuern prahlen, und er nimmt Kenntnis von dem Tross lockerer fränkischer und gallischer Weiber, die in aller Öffentlichkeit von diesen Geistlichen ausgehalten werden.

Um die große Herrenhalle der Pfalz laufen breite Arkaden. In diesen weinlaubgeschmückten Lauben zechen die Krieger Karl Martells Tag und Nacht, wenn kein Dienst sie ruft.

Die Wände der Vorräume, die der eigentlichen Halle vorgelagert sind, sind mit grünem Laub und Blumen geschmückt, der Boden aus gestampfter Erde ist mit Wacholder und frischgeschnittenem Schilf bedeckt. Hier sitzen die Gäste und Gefolgsleute aus geringem Stande ständig an offener Tafel. Immer noch gilt es als frän­kische Heerespflicht, freies Haus für Fremde und Freunde zu halten.

Zwei Wachposten achten darauf, dass nur vornehme Gäste Zutritt zur Herrenhalle erhalten. Dieser Festsaal ist in zwei Räume geteilt. Eine Reihe geschnitzter Holzsäulen scheidet den Vorsaal, in dem die Leibwache tafelt, von dem Raum, in dem der Haus­meier mit seinen Getreuen speist. Die Grafen und Her­zöge, die zur engsten Gefolgschaft des Hausmeiers gehören, füllen die langen Bänke streng nach der Rang­ordnung. Oft gibt es hitzigen Streit um die Frage, wer oben und wer unten sitzen soll.

Überall sieht Bonifatius goldenen Schmuck, seidene Bänder, gestickte Römertuniken und kostbare Waffen. Viele der Fürsten und Grafen tragen auf ihren lang­wallenden Locken Hauben, Kappen oder Stirnreifen, von denen Zipfel, Bänder und Federn herabhängen.

Bonifatius sitzt neben Bischof Reginald am oberen Ende der Tafel. Die groben Holztische sind mit Ver­tiefungen versehen, die Teller und Schüsseln ersetzen. Der Platz Karl Martells ist mit einem feinen, bestickten Linnentuch geschmückt. Hier steht auch ein erhöhter, geschnitzter Sessel.

Das Lärmen der Männer und der Dunst von Braten, Wein und Met erfüllen den Saal. An den Längsseiten reihen sich schwere, verschlossene Truhen, die als Sitze und zur Not auch als Schlafstätten dienen. Die Wände der Halle sind mit Teppichen, den Ergebnissen fleißiger Frauenarbeit an langen Winterabenden, behängt; zu bunten Mustern sind die Wollfäden geknüpft.

 

*

Karl ist einer jener primitiven, ganz aus Naturgefühl handelnden, begabten und ungebildeten Recken, die mit ihrem nie versagenden Machtinstinkt das Franken-reich groß gemacht haben. Er kann weder lesen noch schreiben und vertraut mehr dem Schwerte als der Feder. Zwischen ihm und Bonifatius gibt es keine Brücken, kein gegenseitiges Verständnis.

Mit kühler Höflichkeit empfängt Karl den angel­sächsischen Mönch in seinem Arbeitsraum. Klobig und untersetzt, mit hängendem, strohgelbem Schnauzbart, zusammengekniffenen, forschenden Augen, die nicht ohne Tücke sind, betrachtet er prüfend den Missionar.

Was will der Pfaffe? Den Chatten und Thüringern, diesen aufsässigen Stämmen, höhere Gesittung brin­gen? Was meint er mit kirchlicher Organisation, mit Ordnung und Evangelium . . . ?

Als Bonifatius aber von den willkürlichen Einsetzun­gen von Bischöfen, der rücksichtslosen Verfügung über Kirchengüter in vorsichtigen Formulierungen spricht, wird Karls Misstrauen hellwach. An seinem Standpunkt erlaubt er keinem zu rütteln: wer auf seinem Grund und Boden wirkt, predigt oder Seelsorge betreibt, hat ihm zu gehorchen und sonst niemandem; über die Kir­chen verfügt der Eigentümer, auf dessen Boden sie stehen.

Mehr als nichtssagende Versprechungen kann Boni­fatius nicht erreichen.

 

*

Im November dieses Jahres betritt der Angelsachse abermals römischen Boden. Der Papst weiht ihn bereits am 30. November zum Bischof der Germanen. Anstatt des üblichen Treue­gelöbnisses zum byzantinischen Kaiser leistet der Missionar einen Schwur auf die katholische Kirche:

„Wenn ich Bischöfe antreffe, die gegen die Ordnung des Heiligen Vaters verstoßen, werde ich keinen Verkehr mit ihnen pflegen, ihnen vielmehr, wenn möglich, Einhalt gebieten, andernfalls getreulich meinem Apostolischen Herrn darüber berichten."

An Karl Martell schreibt der Papst: „Wir tun Dir zu wissen, dass Wir den Überbringer . . . abordnen mit der Weisung, den Völkerschaften Germaniens und verschiedenen östlich des Rheines sesshaften Stämmen, die im Irrwahn des Heiden­tums befangen sind ... zu predigen. Deshalb emp­fehlen Wir ihn Deinem ruhmreichen Wohlwollen in jeder Weise ..."

Der Papst kann es also bereits wagen, einen Bischof im Gebiet des fränkischen Herrschers zu ernennen, ohne zuvor dessen Einverständnis einzuholen.

Auf dem Rückweg in sein selbstgewähltes Missions­gebiet sucht Bonifatius abermals Karl Martell in Valenciennes auf, übergibt seinen Empfehlungsbrief und erhält diesmal ohne Schwierigkeiten einen Schutz­brief des allmächtigen Hausmeiers von Franken.

Wieder beginnt Bonifatius sein Werk im Lande der Chatten.

 

Die Donareiche

Man hat ihm berichtet, dass bei Geismar ein Heiligtum der heidnischen Bevölkerung - eine Donareiche - stehe, bei der noch immer nächtliche Opferfeste statt­fänden. Weil dabei auch jene halben Christen anzu­treffen sind, die vom Taufwasser nicht sonderlich ver­wandelt wurden, ist das Bestehen solchen Heidenspuks ein schweres Ärgernis für die christlichen Priester. Um dem abergläubischen Treiben ein Ende zu bereiten, begibt sich Bonifatius vom neugegründeten Kloster Fritzlar aus das gewundene Edertal hinab und trifft mit starkem Gefolge in Geismar ein. Kaum einer der breitgelagerten Höfe, der nicht unter den Giebelbalken die Zeichen heidnischen Zaubers - Eulenflügel, Wolfsgebisse oder Luchskrallen - trägt.42 Auf einem steilen Berghaupte über der Siedlung steht frei vor dem dichten Urwalde die berühmte Eiche des Donnergottes.

Sie überragt die Gruppen benachbarter Bäume fast um die Hälfte; ihr Stamm ist von ungeheurer Dicke, rissig und knorrig, als hätten viele Zeitalter dort ihre Runzeln und Kerben hinterlassen.

Als Bonifatius und seine Mönche den mächtigen Stamm umschreiten, entdecken sie an der zum Tale geöffneten Seite einen riesigen Findlingsstein, der als Opfertisch dienen mag, und über ihm im Geäst die bleichen Schädel von Pferden. Höher hinauf spaltet sich die Eiche in vier kleinere Stämme, die ihre Äste weit nach allen Seiten strecken.

An einem Sommernachmittag soll das alte Wahr­zeichen der Götter fallen.

Umringt von seinen Anhängern und Mönchen steigt Bonifatius den Weg zur Donareiche hinauf; viele der heidnischen und halbheidnischen Bauern aus der Um­gebung haben sich eingefunden, da das Vorhaben der Mönche bekanntgeworden ist. Flüsternd sprechen sie vom Zorn der alten Asengötter, von Donars Hammer Mjölnir, dem feurigen Gespann der Böcke vor dem Sturmwagen und von Walhall, der Burg der Helden. Trotzig fassen die Fäuste der Männer die Speere, die Frauen drängen furchtsam zum Opferstein, als wollten sie das Heiligtum mit ihren Leibern decken, und selbst die Kinder blicken feindselig gegen die nahende Gruppe der Christen.

Grollend steigt geballtes Gewölk über die Chatten-berge herauf, die Sonne vergoldet den Saum schwärz­licher Gewitterwände, die rasch näher kommen. Sau­send wühlt der Gewitterwind in der Krone der Eiche; ein Knarren und Ächzen geht durch den Baum, als ahne er, dass seine Zeit gekommen sei.

Die Mönche tragen blanke Äxte und Sägen, ein paar Gewappnete drängen die Zunächststehenden zurück.

Unruhe entstellt, Schimpfworte ertönen; ein Krieger aus dem Schwalmtal springt mit gefälltem Speer vor und fasst einen Mönch an der Kutte.

„Fort mit der Axt! Wer den Baum anrührt, stirbt!"

Tosendes Hin und Her entsteht, die Gewappneten ziehen die Schwerter blank. Endlich vermag sich Bonifatius Gehör zu verschaffen, er tritt zwischen die streitenden Parteien und erhebt beschwörend seine Stimme.

„Lassen wir Gott entscheiden! Seht das schwarze Wetter den Himmel heraufziehen; wenn Donar so ge­waltig ist, wie ihr glaubt, wird es ihm ein leichtes sein, unsere Tat zu hindern und einen seiner Blitze auf uns zu schleudern. Ich aber sage euch, dass der Heiland mächtiger ist als der Götze und dass kein feuriger Strahl den Schild durchschlägt, den Christus über unser Haupt hält."

Zustimmend schlagen die meisten der Bauernkrieger die Speere an die Schilde.

Während das Gewitter den Westen und Süden des Firmaments überdeckt, tritt die Menge beiseite, die Mönche beginnen mit Sägen und Beilen ihr Werk. Der Sturm schwillt an, die Baumkronen rauschen und bie­gen sich, schon flammen blaue Feuer über den weiten Himmelsbogen.

In gleichem Takt fallen die Axthiebe in die weiße Kerbe des Holzes; die breite Baumsäge frisst sich knirschend ins Leben der alten Eiche. Bonifatius steht schweigend daneben.

Da zuckt es grell über die schwärzlichen Wolken, ein krachender Donner bricht nieder, als würde der Him­mel bersten. Furchtsam bergen viele die Häupter unter den umgehängten Mänteln, Kinder beginnen zu weinen, Frauen stammeln Beschwörungen.

Doch als sie aufblicken, sehen sie, wie die blanken Äxte wieder ihre kreisrunde Bahn ziehen, die Säge hat bereits über die Hälfte des Baumes durchschnitten. Da zittert es wie Klage durch den Stamm.

Der Sturm fährt in die Krone, rüttelt sie, und lang­sam neigt sich der Baum Donars zur Seite. Schluchzend verhüllen die Frauen die Gesichter; den Männern stehen Tränen in den Augen. Als der Regen hernieder­prasselt, leert sich der Opferplatz, und bald sind nur noch die Mönche um die gefallene Eiche der Götter versammelt.

In den folgenden Wochen arbeiten die Geschorenen unter Leitung des Bonifatius auf dem Donarberge über Geismar, hauen Balken aus dem Holz des gefällten Riesen und fügen daraus eine kleine Kapelle.

Sie wird dem heiligen Petrus geweiht, dem Helden, der seinen Herrn als einziger mit dem Schwerte ver­teidigt hatte, und der dem Verständnis der Chatten darum am nächsten steht. An der Stelle, an der die alte, heilige Quelle entspringt, wird das Taufbecken gegra­ben und mit Steinen ausgelegt; Kloster Fritzlar schickt eine geschmiedete Glocke, die in das niedere Türmchen gehängt wird.

Ihre Stimme schallt nun zu den Stunden des Gebets über das liebliche Tal - ein neuer Ton hat sich in die Landschaft gefügt, er schmiegt sich wie freundliches Lächeln in ihr Antlitz; die Fax Romana - der Friede Roms - hat auch im Herzen des Hessenlandes seine Stätte gefunden.

Wochen später - wiederum an einem Sonntagmorgen - öffnen sich die Haustore der Höfe, und, in weißes Linnen gekleidet, treten die Täuflinge hervor: Männer, Frauen, Jünglinge und Mädchen. Die Kinder haben sich mit selbstgeflochtenen Blumenkränzen geschmückt.

Eine Menge Volk pilgert zur Sankt Peterskapelle, um der Predigt des Missionars zu lauschen. Mönche schwingen Weihrauchkessel, Kerzen brennen mit stillem Licht, und fremdartige, liturgische Gesänge verzaubern Herz und Sinne der Zuhörer. Nach Schluß des Gottesdienstes drängen sich die Täuflinge zum Taufbecken.

 

Der Bischof stellt die Fragen des Glaubens:

„Forsachistu diabolae? Entsagst du dem Teufel?"

„Ec forsacho diabolae! Ich entsage dem Teufel!"

„End allum diabolgelde? Und allem Teufelsgelde?"

„End ec forsacho allum diabolesgeldae. Und ich entsage allem Teufelsgelde." „End ec forsacho allum diaboles wercum and wordum,  Thunaer  ende  Woden  ende  Saxnote  ende allem them unholdum the hira genotas sint."

„Und ich entsage allen Teufelswerken und Worten, Donar und Wotan und Saxenot und allen den Un­holden, die ihre Begleiter sind . . ."

Das geweihte Wasser träufelt auf die gebeugten Scheitel; der Anfang zu neuem Leben ist gemacht.

Was diesem Bischof bei den Chatten ein außerge­wöhnliches Ansehen verleiht, ist die Tatsache, dass er selber jenen Glauben vorlebt, den ihre früheren, sitten­losen Priester meist nur mit Worten verkündet haben.

*

Langsam wächst das Werk der Mission des Bonifatius; Klöster entstehen, erste Schulen werden gegründet, höhere Gesittung findet ihre Pflanzstätten mitten im heidnischen und wilden Lande.

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