Epochenüberblick von Wolfgang Aretz

Ein Beitrag von Wolfgang Aretz (Freie Waldorfschule am Kräherwald / Stuttgart)

Wenn es schließlich zur ägyptischen Hochkultur geht, sind wir in der glücklichen Lage, auf reiches Material zu stoßen. Das liegt natürlich daran, dass die Ägypter im Gegensatz zu den vorher besprochenen Kulturen in Stein gebaut haben. Durch die Architektur, die nicht dem Alltagsleben gedient hat, die gewissermaßen eine Grabkultur ist, haben wir einen besonderen Zugang zum ägyptischen Leben. Die Bauten des Alltags, die aus nicht gebranntem Lehm erstellt wurden, sind heute nicht mehr erhalten und geben uns keine Hinweise mehr auf das Leben zu dieser Zeit im Niltal. Allein durch die Architektur, die sich auf das Leben nach dem Tod hinorientiert bzw. auf die geistige Welt gerichtet ist, bekommen wir Einblick in die damalige Welt. Es ist eigentlich erstaunlich, dass man in die Gräber gehen kann und dort eine Fülle von Bildern erleben, die das Leben zur damaligen Zeit schildern und zugleich vieles vor uns ausbreitet, was außerordentlich geheimnisvoll ist.

 

Landschaftlicher Raum

Wenn also nun das Thema Ägypten behandelt wird, würde ich vorschlagen, zunächst wieder einen Blick auf den landschaftlichen Raum zu werfen.

„Wir haben jetzt schon einige besondere Orte auf der Welt kennengelernt, wo in alten, vergangenen Zeiten von den Menschen ein ganz besonderes und erstaunliches, in vieler Hinsicht bewundernswertes Leben gelebt worden ist. Wir haben auf einen Blick auf Indien geworfen beziehungsweise auf das Indus- und Gangestal, begaben uns anschließend ins Hochland von Persien und schauten uns anschließend im Zweistromland, also Mesopotamien um. Wir wandern nun weiter nach Westen und durchqueren dabei zunächst die arabische Halbinsel und setzen dann über das Rote Meer hinweg. Wenn wir dann wieder an auf der anderen, westlichen Seite wieder an Land kommen, befinden wir uns in Afrika, und zwar im nord-östlichen Afrika. Dringen wir in dieses Land nun weiter ein, so stellen wir fest, dass wir uns in einer Wüste befinden, aus der teilweise Berge aufsteigen. Stein- und Sandwüsten wechseln sich hier ab, wer sich nicht auskennt und weiß, wo eine Oase sich befindet, wo eine Wasserstelle ist, der wird aus dieser Wüste nicht mehr herausfinden und darin zugrunde gehen. Wenn wir nun genügend lange weiter nach Westen wandern könnten, so kämen wir schließlich an den Rand eines Tales, in dem ein Fluss dahinfließt. Es ist der längste Fluss der Welt, 6500 km lang und er fließt von Süden nach Norden, vom innersten Afrika aus durchquert er Afrika nach Norden bis er dann in das Mittelmeer mündet. Dieses Tal in der Wüste, das wir vor uns haben, ist in seinem nördlichen Teil etwa 25 km breit und 100 km lang. Dieses Tal ist wie eine sehr lange Oase, die die Wüste zerschneidet. Westlich und östlich dieser Flussoase erstreckt sich Wüste, soweit das Auge reicht. Wenn wir in alte Geschichtsbücher hineinschauen, so können wir erfahren, dass es in diesem äußerst regenarmen Gebiet, wo es normalerweise das ganze Jahr überhaupt nicht regnet, im Durchschnitt 1 Mal in 100 Jahren! Aber wir hören nun, dass es möglich war, mehrfache, reiche Ernten im Jahr zu haben. Was meint ihr wohl, wie das möglich war? ............

 

Der Nil

Der Nil ist ein ganz besonderer Fluss, denn er schlägt gewissermaßen wie ein Herz. Es ist aber ein sehr langsamer Herzschlag, es schägt nur 1 x im Jahr. Dieser eine Schlag beginnt im Sommer und dauert bis in den Herbst hinein. Mitte Juni schwoll in der Zeit damals der Nil an und stieg über seine Ufer hinaus und überschwemmt sehr große Flächen. Das machte der Nil jedes Jahr, so pünktlich, wie das Herz schlägt. Und das Land blieb dann 3 Monate lang überschwemmt bis Ende September. Die Ägypter beklagten überhaupt nicht, dass der Nil ihr Land überschwemmte. (Verursacht wurde diese wunderbare jährliche Überschwemmung der Felder und damit die Düngung durch die Regenzeit im ostafrikanischen Seengebiet, wo der Nil entspringt. Von seinen Nebenflüssen führt besonders der Blaue Nil aus dem vulkanischen Hochland Äthiopiens nach der Regenzeit große Mengen von mineralischem Schlamm heran.) Sie waren sogar sehr dankbar. Warum wohl? ........

Deshalb, weil das Nilwasser Salz aus dem Boden wusch, die es verkrusten lassen und weil der Nil eine schwarze Schlammschicht hinterließ, die hinterher das ganze überschwemmt Land bedeckte. Der Nil führt nämlich besonders im Sommer viel Schlamm mit sich, der das Wasser sehr trüber macht. Aber dieser Schlamm setzte sich auf dem Boden ab und war der allerbeste Dünger, den man sich vorstellen kann. Er war es, der das verbrannte, ausgedörrte Land immer wieder fruchtbar machte. So konnten die Menschen, wie der griechische Geschichtsschreiber betonte, „die Frucht mit weit geringerer Mühe vom Feld bringen, als alle anderen Menschen. Sie brauchten sich nicht zu mühen, mit dem Pflug Furchen aufzubrechen, zu hacken, sonst noch eine der Arbeiten zu verrichten, mit denen sich andere Menschen in ihrem Feld abplagen. Wenn bei ihnen der Fluss von alleine kommt und die Fluren tränkt und nach dem Tränken wieder zurückweicht, dann besät jeder sein Feld und treibt die Schweine darauf. Ist die Saat von den Schweinen eingetreten, braucht er nur die Ernste abzuwarten. Er drischt mit den Schweinen sein Korn aus und lagert es ein.".....

Allerdings schauten die Bewohner dieses wundersamen Tales, die Ägypter auch schon damals mit Besorgnis auf das steigende Wasser. Wenn das Wasser zu hoch stieg, dann waren die Dörfer in Gefahr, die auf den etwas höher gelegenen Teilen des Tales lagen, also mehr an den Rändern. Dann wurden nämlich diese Häuser einfach weggespült, denn sie waren aus getrockneten Lehmziegeln gebaut, die sich im Wasser einfach auflösten. Bei weitem schlimmer aber war es, wenn das Wasser nicht hoch genug stieg. Dann wurden nur kleine Flächen überschwemmt und das bedeutete, dass die Menschen hungern mussten, denn die Ernten fielen dann kleiner aus. Das fruchtbare Land am Nil wurde schon von Herodot als ein Geschenk des Flusses bezeichnet. Der Nil schenkte den Menschen also mit seinem Dünger die Grundlage zur Ernte vieler Früchte des Feldes. Die Menschen mussten schon noch fleißig arbeiten, aber die Natur stellte alle wichtigen Voraussetzungen bereit. Des Weiteren brachte der Nil natürlich auch Fische und Wasservögel mit sich, die für die Menschen auch ein großer Gewinn waren.

 

Papyrus

Darüber hinaus lieferte er eine ganz wunderbare Pflanze, nämlich das Papyrusrohr. In den ausgedehnten Sümpfen des Deltas wuchs es in riesigen Wäldern und erreichte bis zu 6 Metern Höhe. Es war ein Rohstoff der für viele Dinge verwendet werden konnte und er war umso wichtiger, als es ja keine Wälder gab, die etwas Holz geliefert hätten. Die Ägypter machten daraus Sandalen, Stühle, Seile, Bastschurze oder Matten. Die Wurzeln verwendeten sie als Nahrungsmittel, die Stengel wurden zu flachen Fischerbooten zusammengebunden, sogar Schreibmaterial entstand aus Papyrus.

 

Der Nil als Verkehrsstraße

Der Nil war ja auch die große Verkehrsstraße, die alle großen Lasten über große Entfernungen hinweg transportierte mit den vielen Schiffen. Von Norden nach Süden ging es besonders leicht, weil der Wind im Allgemeinen immer von Norden nach Süden wehte. Ein gutes Straßennetz bauten die Ägypter aber auch auf. Der Nilschlamm war auch das übliche Baumaterial, das ich schon erwähnt hatte. Alle Gebäude erbaute man aus diesem Nilschlamm, sogar die königlichen Paläste wurden aus den luftgetrockneten Lehmziegeln errichtet. Halt, das stimmt nicht ganz, denn die Tempel- und Grabanlagen, insbesondere die Pyramiden, von denen ihr schon gehört habt, wurden nicht aus diesem Schlamm gebaut, sondern aus dauerhaftem Stein. Und nur deshalb können wir heute so viel über die Kultur der Ägypter erfahren. Es ist eigentlich seltsam: Steigen wir in die Gebäude, die für die Toten gemacht sind, also die Gräber (oder die Tempel), so ist es, als könnten wir das Leben vor 4000 oder sogar 5000 Jahren anschauen. Denn in den Gräbern, die so dauerhaft wie für eine Ewigkeit gebaut sind, finden wir eine Fülle von Schriften und Bildern, die uns das Leben in dieser tiefen Vergangenheit zeigen. So finden wir z. B. an einer Wand ein Preislied auf den Nil. Es lautet folgendermaßen:

 

„Heil dir, o Nil, der Du der Erde entspringst und nach Ägypten kommst, um es am Leben zu erhalten, der die Wüste tränkt und den Ort, der dem Wasser fern ist.

Wenn Dein Wasser über die Ufer tritt,  wird dir geopfert, und große Geschenke werden Dir dargebracht. Vögel werden für Dich gemästet, Löwen werden für Dich in der Wüste erlegt, und die Feuer werden für Dich angezündet.

So ist es, oh Nil. Grün bist Du, der Du, der Du es möglich machst, dass Mensch und Rind leben."

 

Gräber

Wir finden aber noch viel mehr. Ein vornehmer und reicher Mann bereitete sich schon sehr früh im Leben auf das Leben nach dem Tod vor, was für uns sehr ungewöhnlich ist. Stellt euch vor, euer Vater hätte eine Baustelle, wo er ein Totenhaus errichten lässt und wo dauernd Arbeiter dabei sind, im Innenraum weiter auszuschmücken. Das wäre für uns sehr eigenartig, aber für die Menschen damals war es selbstverständlich, denn für die war das Leben nach dem Tod viel wichtiger als das Leben zwischen Geburt und Tod. Wenn wir nun ein solches Grab eines vornehmen, reichen Mannes betreten, der damals unter dem Pharao eine wichtige Rolle spielte, so könnten wir in seinem Totenhaus auf den vielen Bildern und Inschriften sein Leben wie in einem riesigen Photoalbum anschauen. Nur ist es eben ein Photoalbum aus Stein, das nicht vergeht wir Papier und dadurch haben wir so einen klaren Blick in die Vergangenheit.

 

Was können wir also auf diesen Grabbildern erkennen? 

Da sieht man z. B.:

  • wie der Bauer sät, nachdem sich die Fluten des Nils zurückgezogen haben. Und man sieht die Gewänder der Menschen die an der Arbeit sind. Die Männer haben ein Tuch um die Hüften geschlungen, die Frauen haben auch den Oberkörper mit einem Tuch bedeckt.
  • Weiter sehen wir junge Männer oder sind es kräftige Knaben, die eine Schafherde auf das Feld treiben und dadurch die Saat eintreiben lassen.
  • Weiter können wir ein reifes Getreidefeld sehen, auf dem viele Menschen arbeiten. Es wird offensichtlich geerntet. Man sieht weiterhin, wie das geschnittene Getreide in großen Behältern abtransportiert wird. Die Behälter sehen aus wie riesige Körbe, die an einem Holz hängen, das von je 2 Männern über den Schultern getragen wird. Schließlich sehen wir noch, wie das Getreide aus Schalen in die Luft geworfen wird, damit die Spreu vom Korn getrennt wird....
  • Auf einem anderen Bild sehen wir eine Rinderherde, die durch eine Furt getrieben wird. Anscheinend wollten die Rinder nicht ins Wasser, möglicherweise aus Angst vor Krokodilen, denn ein Hirte trägt dabei ein Kälbchen auf seinen Schultern voraus, dem zunächst die Mutterkuh folgt und damit die ganze Herde. Über dem Bild ist eine Schrift in den Stein gemeißelt, die folgende Worte beinhalten: „Dies ist ein großer Mist." Die Ägypter verstanden durchaus schon mal einen Spaß.
  • Auf einem weiteren Bild fahren Hirten mit einem Boot durch das Wasser währen die Rinder natürlich durchs Wasser gehen müssen, das ihnen bis zum Hals steht. Die Hirten im Boot sprechen einen Zauberspruch, der die Krokodile zurückhalten soll.
  • Darüber sieht man die Geburt eines Kälbchens, ein Hirte ist der Kuh dabei behilflich.
  • Auch einen Löwen sehen wir, der ein Rind anfällt, das vergeblich und sichtbar erschrocken zurückweichen will.
  • Auf einem weiteren Bild sieht man, wie die Bauern dabei sind, Trauben in einen Sack zu stecken und diesen durch Zusammendrehen auszupressen.

Alle diese Szenen hat der Grabherr in seinem Leben persönlich erlebt und es lag ihm so viel daran, dass er sie in Stein verewigt haben wollte. Oft hat er mit diesen Szenen beruflich zu tun. Er beaufsichtigt und kontrolliert möglicherweise verschiedene Arbeiten in seiner Position als Beamter. Andere Szenen hat er festhalten lassen, weil sie ihn ganz besonders beeindruckten.

  • Auf einer Fahrt sah er anscheinend ein Flusspferd, das gerade im Begriff war, ein Junges zu gebären, während sich ein Krokodil im Hinterhalt schon bereitgelegt hat, und genüsslich die Geburt des Flusspferdbabys erwartet, wie an seinem aufgerissenen Maul zu sehen ist.
  • Seine Gemahlin wollte der Grabherr ebenfalls abgebildet wissen, die zu seinen Füßen kauert und einen Arm liebevoll um seine Wade gelegt hat.
  • Ein Sünder wird mit Stockhieben bestraft, möglicherweise auf Anordnung des Grabherrn.
  • Anscheinend hat ihn sehr beeindruckt, wie eine Nubierin ihre 4 Kinder in einem Korb auf dem Rücken trägt und ebenso das Geschrei, das auf einer Baustelle entstanden ist, nachdem einem Arbeiter der Hammer auf den Fuß gefallen ist.
  • Ein Arbeiter ist festgehalten, der im Sumpf Papyrus schneidet, die Stengel schält, in schmale Streifen schneidet und diese dann in zwei Streifenlagen quer übereinander legt und auf dem harten Untergrund festklopft. Diese Blätter wurden anschließend geglättet und zu Schriftrollen übereinander geklebt.
  • Arbeiten auf der Schiffswerft, die vom Grabherrn beaufsichtigt werden.
  • Schließlich sieht man den Grabherrn auf einem größeren Segelboot sitzen, mit dem er unterwegs ist, um seine beruflichen Pflichten nachzukommen.

 

Fragen und Themen

Man kann die Kinder fragen, wie sie das finden, dass sich ein Vornehmer, der über entsprechende Mittel verfügte, ein solches Grab hat bauen lassen. Man kann die Kinder daran erinnern, wie es heute bei Grabbesuchen ist und kann sie auch fragen, wie sie einen solchen Gang auf den Friedhof empfinden. Dann könnte man weiterhin die Kinder auffordern sich vorzustellen wie das wohl wäre, wenn dort auf dem Friedhof über dem zu besuchenden Grab ein kleines Häuschen ist, das man betreten könnte und in dem die Wände voll mit vielen Photos aus dem Leben der Verstorbenen wären. Man würde in ein inneres Zwiegespräch mit dem Leben des Verstorbenen kommen und würde sicherlich recht lebendig manches nachempfinden können, das er durchgemacht hat. Und die Frage ist dann, ob das vielleicht eine Auswirkung auf den Verstorbenen hätte, wenn sich Angehörige so innig mit seiner Vergangenheit beschäftigen würden. Sicherlich würde man dann noch auf dem Nachhauseweg über manchen Eindruck sprechen. Nun ist das heute nicht üblich und auch nicht notwendig, weil man ja auch Bilder eines Verstorbenen im Album anschauen kann, oder?

Den Kindern kann man nun sagen, dass wir aus der Grab- und Tempelkultur der Ägypter so viel über ihr Leben mit dem Nil zu diesen Zeiten wissen.

 

Pyramiden

Weiter wäre es sicher gut, nun auf andere Grab- und Kultstätten sehr eindrucksvoller Art zu sprechen zu kommen, nämlich die Pyramiden, die ja jedes Kind kennt oder zumindest im Munde führt. Es gibt ja auch viele Filme, in denen alle möglichen erschreckenden Dinge in und um solche Pyramiden stattfinden, sogar in Micky-Maus-Heften ist das Thema schon behandelt.

Zunächst könnte man den Kindern sagen, dass diese Pyramiden, und vor allem die ganz alten, die schon 5000 Jahre alt sind, die größten Bauwerke sind, die von Menschen überhaupt errichtet worden sind, an der Unterkante 230 Meter lang und 146 Meter hoch. In oder unter diesen gewaltigen Bauwerken lagen die Gräber der Pharaonen, die als ein Gottkönig verehrt wurden und die das Land weisheitsvoll führten. Diese Pyramiden, die der zentrale Teil einer ganzen kleinen Totenstadt sind, wurden am Eingang von einer riesigen steinernen Sphinx bewacht, die aus einem Löwenkörper mit einem Pharaonenhaupt bestand, ein Bild für den Sonnenkönig. Nun können wir die Kinder fragen, wie sie sich wohl die Gräber solcher Pharaonen vorstellten. .... Und schließlich, nachdem sie ihre Ideen und Vorstellungen geäußert haben, sagt man ihnen, dass die Wände dort auch mit Bildern bedeckt sind, aber dass uns da keine Szenen aus dem Alltag, auch nicht aus dem Alltag des Königs begegnen. Stattdessen treffen wir in den Vorkammern auf die Bilder von Göttern, die den König empfangen und der Welt der Toten, die ihn geleiten und beschützen und mit Wohltaten versehen. Und wir treffen auch auf Bilder des Königs, der diese Götter anbetet, ihnen Opfergaben darbringt, heilige Handlungen für sie vollzieht, Sprüche rezitiert und sich schließlich in ihre Gemeinschaft einreiht. Diese Gräber durften schon zur Zeit der Erbauung der Gräber von niemand anderem betraten werden als dem Erbauer selber. Überall wird heute dem Besucher klar, schon in den Gängen und Vorkammern, dass er hier heiligen Boden betritt, eine Sphäre, in der der Alltag um so weiter zurückgelassen wird, je tiefer es in die Stille der Unterwelt hineingeht. Ganz unten, im allertiefsten Raum des Königsgrabes stehen der Sarkophag, als Hülle der mumifizierten Leibesform, und ein zweiter Sarg, als Hülle der Reste der inneren Organe des Toten. Die Bilder an den Wänden im Einzelnen zu verstehen, gelingt nur schwer, wenn überhaupt. Es ist, als ob die Erbauer und Schöpfer der Bilder auf etwas darstellen wollten, das nicht für jeden verständlich sein soll. Auch wenn wir die Hieroglyphen lesen können, sind wir schnell am Ende unseres Verständnisses angekommen, die Bilder scheinen verschlüsselt zu sein und die Enträtselung der Bilder scheint unmöglich. Am Ende einer jeden Szene und am Ende des ganzen Buches, das ja von dem handelt, „was in der Unterwelt" ist, wird jedesmal betont, dass es nur für denjenigen abgerollt worden ist, der es kennt; zu den anderen aber, die es nicht kennen und es durch „Lesen" erst kennen lernen wollen, will es nicht sprechen. Der Schlusstitel sagt es in alle Deutlichkeit:

  • „Der erlesene Leitfaden, die geheimnisvolle Schrift der Unterwelt, die nicht gekannt wird von irgendeinem Menschen, außer vom Erlesenen. Gemacht ist dieses Bild in dieser Weise im Verborgenen der Unterwelt - unsichtbar, nicht wahrzunehmen!"

Die Königsgräber, die so ausgestattet sind, stammen erst aus dem Neuen Reich. Im Alten Reich waren diese Räume, dem unsagbaren Erleben der geistigen Welt entsprechend, undekoriert geblieben. Als im Neuen Reich dann doch versucht wird, die inneren Erlebnisse zu bewahren, werden sie als „Pyramidentexte" der Sargkammer anvertraut.

Auch für den Pharao war es nicht möglich, sich die zum Verständnis der Pyramidentexte notwendigen Fähigkeiten alleine durch Lesen zu erwerben. Hatschepsut, die einzige Pharaonin berichtet, wie sie nach ihrer Erwählung in das Innere eines Tempels eingeführt wird:

  • „Der Sonnengott tat mir auf die Pforten des Himmels und öffnete mir die Tore seines Horizontes. Ich flog empor zum Himmel als ein göttlicher Falke, um sein Mysterium, das im Himmel ist, zu sehen. Ich verehre seine Majestät .... und sah die Gestalten des Harachte auf seinen geheimnisvollen Wegen im Himmel. Re selbst setzte mich ein."

Der Pharao musste mit einem Wissen ausgestattet sein, mit echten inneren Erlebnissen, um die Pyramidentexte verstehen zu können. Er musste in die Welt der Toten und Götter eingedrungen sein.

  • „Wer diese geheimnisvollen Bilder kennt, ist ein wohlversorgter Ach (Geist). Immer geht er aus und ein in der Unterwelt, immer spricht er zu den Lebenden."

So konnte Hatschepsut sagen, sich auf Amun berufend:

  • „Ich bin sein Sonnenglanz ...  , wenn ich eintrete wie ein erhabener Gott ... Ich strahle für euch auf der Erde...."

 

Bau der Pyramiden

Für die Ägypter bestand ihre wichtigste Aufgabe darin, Pyramiden zu errichten, denn an ihnen hing das Gedeihen des Landes. Dort begegnete der König den Göttern, erfuhr deren Pläne, nach denen er das Land leitete und so den Segen der göttlichen Welt auf die Erde brachte. Teichmann betont, dass es im Leben eines Ägypters zum Ehrenvollsten überhaupt gehörte, ein solches Bauwerk mit zu errichten.  Teichmann meint weiterhin, dass solche gigantischen Leistungen der Bautechnik nur dadurch vorstellbar sind, dass alle Bauarbeiter sich mit dieser Aufgabe identifizierten und alles taten, um das Werk gedeihen zu lassen. Die heute beliebten Darstellungen, dass die Pyramiden nur das Ergebnis der Arbeit von riesigen Sklavenorden seien beruhe auf dem Fehlschluss, dass diese Bauten eigentlich sinnlos seien und nur der Ruhmsucht und Machtstreben der Pharaonen dienen sollten.

 

Genauere Vorstellung vom Bau der Pyramiden:

Riesige Steinmassen waren zu bewältigen. Die großen Pyramiden von Gizeh bestehen aus  ca. 2.600.000 Blöcken von durchschnittlich 2500 kg Gewicht. Diese Steine mussten an der Baustelle noch zugehauen werden, deshalb mussten 7.000.000 t Steine aus den Steinbrüchen geschlagen und herantransportiert werden. Das entspricht heute 700.000 Lastwagen mit je 10 Tonnen Steinen. Einzelne Blöcke waren aber hatten ein viel höheres Gewicht von 150, 200 und sogar von 500 t (Totentempel der Chefrenpyramide). Als Decksteine der „Königskammer" in der Cheopspyramide sind 50 Blöcke von je 50 t Gewicht verbaut worden. Wie konnten solch gewaltige Lasten transportiert werden?

In allen Zeiten der ägyptischen Epoche seien, so Teichmann, nur Schlitten verwendet worden, der von Menschen gezogen wurde. Die Lasten wurden auf Holzschlitten gelegt und auf Nilschlammziegelstraßen gezogen. Nilschlamm wird auch ungebrannt, nur luftgetrocknet, ziemlich hart. Kommt er mit Wasser in Berührung, so löst er sich sofort wieder auf. Die Ägypter machten sich das dadurch zunutze, dass sie unmittelbar vor den zu ziehenden Schlitten Wasser ausgossen, das dann die Oberfläche de Nilschlammziegel hauchdünn auflöste und damit eine Gleitschicht erzeugte, auf der der Schlitten wie auf Glatteis gezogen werden konnte. Höchstwahrscheinlich wurden die Pyramiden so errichtet, dass mindestens eine Rampe aus Nilschlammziegeln auf die jeweilige Höhe der Pyramide gebracht wurde, über die der Transport der Blöcke erfolgte. Diese Rampe musste selbst bei jeder Schicht, um die die Pyramide höher wurde mit erhöht und nach Vollendung des Bauwerkes wieder abgetragen werden. Bedenkt man dies alles, so muss man annehmen, dass mindestens 12.000.000 t Steine und Nilschlammziegel zu bewegen waren.

Annahme: Die Bauzeit der Pyramiden betrug 2o Jahre und in jedem Jahr 100 Tage (während der Überschwemmungszeit). Pro Tag wurden 13 Stunden gearbeitet. Daraus ergibt sich, dass pro Tag 1300 Blöcke verbaut werden mussten. In jeder Minute mussten 2 Blöcke(durch Störungen bedingt sogar 3 Blöcke) an ihre endgültige Stelle gesetzt werden. Da mindestens 10 Leute für den Transport eines Blockes gebraucht wurden, zogen also pro Minute 30, pro Stunde 1800 Arbeiter an einem bestimmten Punkt auf der Rampe vorbei. Dies musste alles organisiert und geordnet werden, dazu mussten die am Bau beteiligten Menschen ernährt, versorgt und untergebracht werden. Schlitten und Seile mussten repariert und hergestellt, das Wasser musste auf die Rampe gebracht werden usw. Teichmann meint, dass sicher die Musik ein Hilfsmittel gewesen sei, um Ordnung und Harmonie in diese komplexe Aufgabe zu bringen. Z. B.: „Gesang der Männer mit dem starken Arm"  beim Transport der Statue des Thothotep:

 

„Ich komme, um sie (die Steine) zu bringen,
mein Herz ist froh, die ganze Stadt freut sich,
sehr schön ist es, dies zu sehen, mehr als alle Dinge.
Der Alte dort, er lehnt sich auf das Kind,
der Starke ist zusammen mit dem Zitterer.
Ihre Herzen erhoben sich, ihre Arme wurden stark,
ein jeder von ihnen erreichte die Kraft von 1000 Mann."

 

Teichmann meint weiter, dass der Bauplatz einer Pyramidenanlage einen ungeheuer großen Eindruck bei der Bevölkerung hinterlassen haben muss. Die Arbeiten liefen in genau festgelegter Ordnung ab und bewegten sich nach Rhythmen, die in ihrer Umgebung erklangen. Eine solche tönende Ordnung sei als ein Abbild einer himmlischen Welt erfahren worden, die ja auch klingend und geordnet gedacht wurde. Sich als ein Glied einer solchen Ordnung erleben zu dürfen, sei als Gottesdienst erlebt worden.

Diese enorme Leistung sei auch möglich gewesen, weil das Ergebnis eines Werks durch eine Gruppe von Personen ein Gruppenbewusstsein sei, das die Mitglieder intensiver miteinander verbindet. Wenn eine solche Aufgabe durch das ganze Volk geleistet wurde, und in Ägypten sei praktisch die ganze männliche Bevölkerung zum Pyramidenbau herangezogen worden, so sei das Ergebnis ein Bewusstsein davon, dass man als Volk zusammenhängt. Interessant ist, dass viele Völker, die den Schritt von der Vorgeschichte zur Geschichte vollziehen, riesige Bauleistungen erbracht worden sind (Z. B. Gilgameschs Mauern um Uruk) Ein Volksbewusstsein entsteht immer um eine gemeinsam zu bewältigende Aufgabe. Die Pyramiden haben dieses Bewusstsein in Ägypten bewirkt. Nicht vergessen dürfe man, dass bis zum 3. Jahrtausend nur kleine Gruppen von Menschen sich als zusammengehörig empfanden. Die ältesten Reiche entstanden durch solche gemeinsamen Arbeiten.

 

Die Schrift der Ägypter

Eine ungeheure geistige Leistung vor 5000 Jahren war die Erfindung der Schrift. Da ihre Schriftzeichen vorwiegend an Tempeln und in Kultstätten angebracht wurden und in Stein gemeißelt waren, nannten die Griechen sie Hieroglyphen, d. h. „heilige Eingrabungen". Die Hieroglyphenschrift änderte sich über Jahrtausende nicht, wurde jedoch später nur noch für offizielle Inschriften verwandt: Lobpreisungen für den Pharao, Denkmäler für wichtige staatspolitische Ereignisse, heilige Texte für Tempel und Gräber. Daneben schrieben die Ägypter im Alltag mit Pinsel und Tinte auf Papyrus eine leicht schreibbare und vereinfachte Schrift.

 

Entschlüsselung

Die Kenntnis der Hieroglyphen ging bereits in der Antike verloren. Erst vor 200 Jahren interessierten sich wieder Forscher für das Land am Nil. Die Bemühungen, die Schriftzeichen zu verstehen, scheiterten zunächst. Erst 1822 gelang es dem genialen französischen Sprachwissenschaftler  Jean-Francois Champollion, der neben Latein und Griechisch mehrere orientalische Sprachen beherrschte und mit 19 Jahren bereits Professor wurde, die Hieroglyphen zu entschlüsseln.

Stein von Rosetta: glücklicher Fund aus dem Ort Rosetta im Nildelta: ein schwarzer Basaltstein, auf dem ein Text aus dem Jahr 196 v. Chr. in drei verschiedenen Schriften eingemeißelt ist:

  • in Hieroglyphenschrift,
  • in der vereinfachten ägyptischen Alltagsschrift und
  • in der für Fachleute lesbaren griechischen Schrift.

Champollion musste sich in erster Linie die Frage beantworten, ob es sich um eine Bilderschrift (jedes Zeichen stellt einen Gegenstand oder eine andere Ganzheit dar) oder eine Lautschrift (jedes Zeichen stellt einen Laut dar) handelt. Wenn jedes Zeichen einen Buchstaben darstellen würde, wären 700 Zeichen viel zu zahlreich, andererseits sind 700 Wörter zur Darstellung aller Worte viel zu wenig. Champollion erkannte, dass die Hieroglyphen sowohl Bildzeichen als auch Lautzeichen darstellen. Hinzu kommen Deutzeichen, die die Aussprache und damit den Sinn eines Wortes festlegen, denn es werden keine Vokale geschrieben.

 

Mumifizierung

Wenn über die Mumifizierung gesprochen wird, sollte das vielleicht in einer Art geschehen, dass die Kinder es doch wenigstens ansatzweise als einen sinnvollen Vorgang erleben können und nicht als skurriles Auseinandernehmen und Bearbeiten von Leichen. Die Kanopensärge sind ja für die inneren Organe gedacht, die aus dem Leib herausgenommen werden und gesondert aufgebahrt. Vielleicht genügt es zu sagen, dass das geschehen ist ohne im Einzelnen darauf einzugehen, dass die Ägypter es für wichtig erachteten, den Leib als Hohlform lange zu erhalten, dass es eine ganz besondere Kunst war, das Wasser aus dem Leib zu ziehen, damit keine Fäulnisprozesse eintreten konnten.

Die Mumifizierung wurde in Werkstätten nahe den Grabanlagen ausgeführt, die auch den größten Teil der Grabausstattung lieferten.

In der genannten Art kann man eindrücklich das Leben der Ägypter schildern. Daneben ist es sicher wichtig, eine Legende wie die von „Isis und Osiris" zu erzählen oder andere Geschichten, die das Lebensbild aus dieser fernen Vergangenheit komplettieren. Natürlich sollte auch rezitiert werden, u.a. gibt es dafür genügend Anregungen im unten genannten Buch von Frau Slezak-Schindler. Darüber hinaus sollte auch gemalt werden, etwa die Pyramiden, Motive aus den Gräbern der Vornehmen (z.B. die Geburt eines Nilpferds) oder das Totengericht aus den Königsgräbern. Die Hieroglyphen sollten ebenfalls geschrieben werden, am besten anhand eines kleinen Textes. Anregungen gibt es unter anderem im unten genannten Althoff.

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Literatur:

1.  Frank Teichmann: Die Kultur der Empfindungsseele - Ägypten: Texte und Bilder / Verlag Freies Geistesleben ISBN: 3-7725-1092-2

2.  Frank Teichmann: Der Mensch und sein Tempel - Ägypten / Verlag Urachhaus ISBN: 3 87838 235 9

3.  Frank Teichmann: Die ägyptischen Mysterien / Quellen einer Hochkultur / Verlag Freies Geistesleben / ISBN: 3-7725-1638-6

4.  Anno 1 (Ausgabe Baden-Württemberg) Von der Vorgeschichte bis zum frühen Mittelalter: Westermann ISBN: 3-14-111941-4

5.  Otto Müller: Denkwürdige Vergangenheit / Erster Band

6.  Slezak-Schindler: Künstlerisches Sprechen im Schulalter - Pädagogische Forschungsstelle

7.  Materialsammlung Althoff: Selbstverlag 1980

Hier sollte auf jeden Fall die erste Epoche enden. Mehr als diese 4 alten Kulturen kann in 3 - 4 Wochen wohl kaum dargestellt werden. In einer zweiten Epoche kann man sich dann Griechenland bzw. der Geschichte Griechenlands zuwenden.

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