Ägypten - ein kurzer Überblick (1)

Es war das einzigartige Organisationstalent des ägyptischen Volkes, das es befähigte, einen kräftigen und dauerhaften Staat aufzubauen.

Das Fundament für diesen Bau wurde im letzten Jahrhundert des 4. Jahrtausends gelegt. In jener Zeit wurde das ägyptische Volk, das bis dahin in zwei Ländern - Ober- und Unterägypten - gelebt hatte, unter einem Herrscher vereinigt, dem ersten Pharao einer langen Kette von 30 Dynastien. Unter den ersten beiden Dy­nastien, die etwa 400 Jahre umfassen, trat das alte Ägypten ins volle Licht der Geschichte. Von hier nehmen seine großen Jahrhunderte ihren Anfang.

Die moderne Wissen­schaft hat sie in drei Zeitabschnitte gegliedert:

  • das Alte Reich,
  • das Mittlere Reich und
  • das Neue Reich,

Sie wurden durch zwei sogenannte Zwischenzeiten, in denen das Land während mehrerer Jahrzehnte von Wirren erschüttert wurde, voneinander getrennt.

Jedes dieser Reiche hat seine besonderen Charakteristika. Im Alten Reich (ca. 2700 bis 2200 v. Chr.) wurden die großen Pyramiden gebaut. Das Mittlere Reich (ca. 2000 bis 1800) war eine Periode politischer Expansion und wirtschaftlicher Blüte. Das Ägypten des Neuen Reiches wurde seit etwa 1600 v. Chr. zu einer Großmacht mit Kolonialbesitz in Palästina und Syrien.

Als das Neue Reich um 1100 zusammenbrach, war Ägyptens Groß­machtstellung für immer zu Ende. Es hat als unabhängiger Staat noch bis ins 4. Jahrhundert vor Christus bestanden. Die Pharaonen mussten sich allerdings ihren Thron mit fremden Eroberern teilen.

Die Einzigartigkeit der ägyptischen Kultur offenbarte sich schon unter den ersten Pharaonen. Die politische und die soziale Struktur, die sie begründeten, hat mit we­nigen Unterbrechungen bis zum Ende des Neuen Reiches überlebt. Alle Gewalt im Staat, der Theorie nach und bis zu einem gewissen Grad auch de facto, lag in den Händen des Herrschers. König und Gott zugleich, war er der ein­same Gipfel der Gesellschaft. Er wurde in der Ausübung seiner Macht von hohen Beamten unterstützt, die selber ein reich gegliedertes Heer von Subalternen befehligten. Das wirtschaftliche Rückgrat des Staates waren die Handwerker in den Dörfern und Städten und die Bauern der Nilmarschen.

Das „Erwachen" des ägyptischen Volkes wurde von der Erfindung der Schrift begleitet. Sie ist zu allen Zeiten ein lebenswichtiges Hilfsmittel zentralistischer Regierung und Verwaltung. Nun konnten Urkunden verfasst, An­weisungen niedergeschrieben und historische Auf­zeichnungen gemacht werden. Der Papyrus kam dem Gedächtnis zu Hilfe und bewahrte der Nachwelt Gedichte, Erzählungen, Geschichten und Fabeln. Die ägyptische Literatur war geboren. Auch neue Rechenmethoden wurden erfunden. Man war imstande, Steuern mit größter Genauigkeit festzusetzen, Land zu vermessen, Gewichte und Entfernungen zu messen und die Zeit zu errechnen.

Da alle Gewalt von einem Zentrum ausging, konnte ohne Schwierigkeiten für große Aufgaben die Arbeits­kraft des ganzen Volkes mobilisiert werden. Ein Werk, das dieses in vollem Maße erforderte, war die Zähmung der wilden Fluten des Nils. Schon unter den ersten Pha­raonen wurden großzügige Bewässerungsprojekte be­gonnen. Bald breitete sich ein Netz von Kanälen und Gräben über das Land, das Wasser auf die Felder leitete, wenn der Fluss anschwoll. Deichsysteme schützten es vor verheerenden Überschwemmungen.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der fruchtbare Streifen beiderseits des Nils immer breiter, und der Reichtum des Landes nahm ständig zu. Um 2600 v. Chr. segelten ägyptische Frachtschiffe mit Handelsgütern des Landes - Linsen, Textilien und Papyrus - auf den an­grenzenden Meeren, und große Handelskarawanen drangen tief im Süden weit in nubisches Hinterland vor. Entlang des Nils blühten Städte, die sich mit den Schätzen des Orients füllten, mit Kupfer, Bronze, Gold und Silber, mit Lapislazuli und Türkis, mit Myrrhe und Gewürzen, mit Elfenbein und seltenen Hökern, mit exotischen Tier­häuten und Straußenfedern.

Mit spektakulärer Plötzlichkeit wurde eine Architektur geschaffen, die Königen und Göttern würdig war. Schon ein Jahrhundert nach dem Regierungsantritt des ersten Pharao hatten die großen Baumeister die urzeitliche Bau­weise mit luftgetrockneten Lehmziegeln zu einer kom­plizierten Steinbautechnik entwickelt. Sie waren unter den ersten, denen es gelang, diese schwierige Technik zu meistern. Dieselbe allmächtige Autorität, die mit einem einzigen Wink gewaltige Arbeitermassen zum Bau von Bewässerungsanlagen aufmarschieren ließ, konnte auch befehlen, dass die Landeskinder mächtige Steinblöcke aus den Felsufern des Nils schlugen und zu entlegenen Bau­plätzen transportierten. In einem Zeitraum von an­nähernd 200 Jahren wurden auf diese Weise die Pyra­miden von Giseh, die gewaltigsten des Landes, aufgetürmt. Sie zählten zu den sieben Weltwundern der Antike und sind die kolossalsten Königsgräber aller Zeiten. In den folgenden Jahrhunderten bedeckten Ge­nerationen von Baumeistern die Ufergebiete des Nils vom Delta am Mittelmeer bis nach Nubien, 1300 km weiter südlich, mit Denkmälern aus Stein, die sich mit den großartigsten Schöpfungen anderer Kulturen und Epochen vergleichen lassen.

Die Kunst hielt mit der Architektur Schritt. Seit vor­geschichtlichen Zeiten haben die Handwerker am Nil einen ausgeprägten Sinn für Schönheit und Symmetrie bewiesen, den auch die gewöhnlichsten Haushalts­gegenstände widerspiegeln: Messer aus Flint, steinerne oder töpferne Gebrauchsgegenstände, Nadeln und Kämme aus Knochen oder Muscheln. Seit der Gründung des Alten Reiches entwickelten sich die rohen Anfänge zu einer reifen Kunst, die ihren Charakter bis ans Ende ihrer Tage bewahrt hat. Während der folgenden 3000 Jahre brachte Ägypten eine anmutige und geist­volle Kunst hervor, die in ihrer Spätzeit unter anderem die griechischen Bildhauer und Maler beeinflusst hat.

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