Kooperatives Malen in der Ägyptenepoche
Ein Beitrag von Mareike Dinse (Waldorfschule Rostock)
Ein besonderer Höhepunkt in Ägypten-Epoche der 5. Klasse war das kooperative Malen eines großformatigen Nil-Bildes. Jedes Kind erhielt ein querformatiges A3-Blatt, das an der Pinnwand befestigt wurde. Auf der Rückseite waren die Blätter nummeriert (1–30), die Nummerierung wurde tabellarisch an der Tafel festgehalten. So konnte sich jedes Kind „sein“ Blatt wählen – mit voller Transparenz über die spätere Position im Gesamtbild. Bei 28 Kindern standen zwei zusätzliche Blätter bereit, damit schnelle Kinder ein weiteres Bild gestalten konnten.
Nach einem gemeinsamen Gespräch über den Nil zeichnete ich mit Bleistift eine geschwungene Mittellinie über alle aneinandergereihten Blätter – so entstand ein durchgehender Flusslauf, der auf jedem Blatt ein bis zwei Mal erschien. Nun begann die eigentliche Arbeit.
Jedes Kind musste sich mit den „Nachbarnummern“ abstimmen:
- Wie breit ist der Nil an dieser Stelle?
- Welchen Farbton hat das Wasser?
- Wie gehen Wüste, Ufer, Vegetation ineinander über?
- Welche zusätzlichen Details ergänzen sich?
Plötzlich wurde klar: Niemand malt nur für sich. Das künstlerische Arbeiten ermöglichte ein ästhetisches Erleben der Nil-Landschaft. Farben, Übergänge und Formen wurden bewusst gestaltet. Die Kinder mussten sich mit Mitschülerinnen und Mitschülern austauschen, mit denen sie sonst vielleicht selten sprechen. Es wurde diskutiert, verglichen, korrigiert, neu begonnen. Eine echte soziale Herausforderung.
Nach und nach wurden die Bilder entsprechend ihrer Nummerierung zusammengesetzt. Stück für Stück entstand das große Ganze. Dieser Moment war von echter und unglaublicher Spannung geprägt, die ganze Klasse bebte.
Deutlich sichtbar wurde, wo Absprachen gut gelungen waren und wo eher weniger. Manche versuchten schnell, kleine Unstimmigkeiten auszugleichen. Manchen war es gleichgültig. Anderen fiel es sofort auf. Gerade diese Offenheit machte den Lernprozess so wertvoll. Die soziale Abstimmung verlangte Initiative, Gesprächsbereitschaft und Verantwortung.
Anthroposophisch betrachtet entspricht dies dem Entwicklungsstand der fünften Klasse: Das Kind erlebt sich zunehmend als Individuum – und zugleich als Teil einer Gemeinschaft. Wie der Nil die ägyptische Kultur verband, verband dieses Projekt die Klasse.
