Der Pharao - zumeist ein Initiierter

Der Name Menes, des Inaugurators der ersten menschlichen Kultur in Ägypten, ist verwandt dem Worte Manas: so nannten die Orientalen den Menschen als denken­des Wesen; Manu ist der erste Hauptträger des Denkens; Minos nannten die griechischen Völker den ersten Ausgestalter des Gedan­kenprinzips, worauf die Sage vom Labyrinth deutet, das ein Bild ist für die gewundenen Gehirngänge, in denen der Mensch sich mit dem Ariadnefaden des in der Zeit verlaufenden Denkens zurechtfinden muss.

Auch nachdem die ganz unmittelbare Führung durch die Götter aufgehört hatte, blieb doch noch jahrtausendelang in Ägypten alles Regieren und Leiten des sozialen Lebens vom Initiationsprinzip durchsetzt. Nur so sind die Pharaonen zu verstehen. Rudolf Steiner schildert in seinem Vortragszyklus «Ägyptische Mythen und Myste­rien» eine Seite dieses Pharaonentums: «Es bekam der einzelne Pharao vor der Initiation einen Unterricht ... Er musste soweit gebracht werden, dass er sich sagen konnte: . . .» Und Rudolf Steiner führte aus, wie Isis es ist, die in der Volksseele waltet, Osiris in dem Individuellen.

Den Pharao in engster Verbindung mit Horus, dem Horusfalken, zeigt höchst anschaulich eine großartige Dioritstatue des Chefren (um 2800 v. Chr.). Sieht man sie von vorn, so sieht man von dem Haupte nur das Antlitz des Pharao - das mag der Anblick gewesen sein, den die große Menge der Menschen einzig haben konnte. Betrachtet man sie aber von hinten oder von der Seite, so wird, dem Anblick von vorn völlig verborgen, als Inspirator der Horusfalke über dem Haupt des Chefren sichtbar, wie er seine Fittiche um das Haupt des Königs legt und seinen Schnabel an des Königs Wirbel. So mochte ihn nur der gesehen haben, der, etwa als eingeweihter Berater, dem König «zur Seite» stehen durfte.

Rudolf Steiner fährt, von der Initiation des Pharao sprechend, fort: «Der Teil, dessen sich der Pharao begab, den er hinopferte, dieser Teil gab ihm gerade Macht. Denn die berechtigte Macht entsteht nicht dadurch, dass man die Persönlichkeit als eigene Per­sönlichkeit erhöht, sondern die berechtigte Macht entsteht dadurch, dass man in sich aufnimmt  eine höhere geistige Macht. Der Pharao hatte in sich aufgenommen eine solche Macht, und die wurde repräsentiert nach außen durch die Uräusschlange.»

Von Karl Heyer

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