Die Suche nach Tutanchamun

Ein spannender Bericht über die Suche Carters nach dem Grab des Tutanchamun.

Im Tal der Könige befanden sich viele Pharaonengräber unter der Erde, die aber vor ihrer Entdeckung und Ausgrabung fast immer vor langer Zeit von Grabräubern ausgeraubt worden waren. Ein Grab hatte man bislang aber noch nicht gefunden – das des Pharaos Tutanchamun.

Howard Carter grub bereits fünf Jahre lang im Tal der Könige und hatte praktisch an jeden Stein geklopft, um das Grab zu finden. Aber es fehlte jede Spur. Der Earl of Carnavon, der bislang die teuren Ausgrabungen finanziert hatte, geriet 1921 durch die Geldentwertung nach dem Ersten Weltkrieg (Inflation) in finanzielle Engpässe und erklärte Carter, er könne seine Ausgrabungen nicht weiter finanzieren. Carter, der nur wenig eigenen Mittel besaß, erwiderte darauf hin, er wolle auf eigene Kosten noch ein weiteres Jahr durchhalten. Das wiederum imponierte dem Lord Carnavon dermaßen, dass er ihm das Geld doch zusicherte.

Der damals 48-jährige Carter war nicht bereit, die Hoffnung aufzugeben. 1922 sollte der letzte Versuch unternommen werden. Im Oktober ging es los, weil die Sommermonate zu heiß zum Graben waren. Er hatte sich genauestens überlegt, wo er mit der letzten Grabung ansetzen wollte. Es gab eigentlich nur noch eine kleine Fläche im Tal der Könige, die unerforscht war. Am 1. November begannen seine Leute zu graben. 50 ägyptische Arbeiter hatte er dafür eingestellt.

Obwohl Carter einen besonnenen Charakter hatte, war er von Anfang an innerlich erregt. Als er am Morgen des 4. November beim Grabplatz erschien, wunderte er sich, das niemand arbeitete. Vielmehr empfingen die Arbeiter ihn in eindrucksvollem Schweigen. Sie hatten eine in den Fels gehauene Treppenstufe entdeckt und freigelegt. Jetzt wollten sie hören, was Carter dazu sagte.

Carter schrieb später in sein Tagebuch: „Es war gegen 10 Uhr morgens, als ich Spuren des Grabeingangs entdeckte: Die oberste Stufe einer verschütteten Treppe, etwa vier Meter unterhalb des Eingangs vom Grab Ramses VI. ins Gestein gemeißelt. Schnell hatten wir festgestellt, dass es der Einstieg zu einer steilen Vertiefung war. Wie es schien, war es der Zugang zu einem Grab der 18. Dynastie. Aber mehr kann man noch nicht sagen, bevor das Geröll nicht weggeräumt sein wird.“

Sofort ordnete er an, weiterzugraben. Gemeinsam legten sie zehn Stufen frei, wobei langsam eine Tür sichtbar wurde. Weitere drei Stufen wurden von Geröll befreit. Nun stand Carter vor einer Tür, die ein königliches Siegel der 18. Dynastie trug. Diese Entdeckung war eine Sensation. Noch nie hatte man im Tal der Könige eine noch versiegelte Tür gefunden. Bei allen bisherigen Gräbern waren die Siegel zerstört, die Türen aufgebrochen und die Inhalte geraubt worden.

Carter unterbrach seine Arbeiten und telegrafierte nach England zu seinem Freund und Geldgeber Lord Carnavon: „Habe endlich wunderbare Entdeckung im Tal gemacht. Ein Grab mit unbeschädigten Siegeln. Bis zu Ihrer Ankunft alles wieder zugeschüttet. Gratuliere.“ Tatsächlich hatte Carter die Tür und die Stufen mit Sand wieder zuschütten lassen. Tag und Nacht ließ er von nun an diesen Ort bewachen. Drei ungeduldige Wochen standen Carter bevor, bis Lord Carnavon aus England eintraf. Am 24. November 1922 wurden die Treppen zum Grabeingang wiederum freigelegt und man entdeckte gemeinsam ein zweites Siegel. Es war das Königszeichen von Tutanchamun. Man lag sich vor Freude in den Armen. Nach sechs Jahren erfolglosen Grabens hatte Carter das gesuchte Grab gefunden.

Noch war ungewiss, was hinter der Tür auf sie wartete. Ein Tag später, am 25. November begannen sie, langsam den ersten Torverschluss abzubauen. Anschließend legte man einen 7,6 m langen Flur frei, der mit Schutt ausgefüllt war. Einen ganzen Tag benötigte man für diese Arbeit. Später formulierte Carter: „Das war der Tag aller Tage. Es war der wundervollste Tag, den ich erlebt habe, ein Tag, wie ich ihn sicherlich nie wieder erleben werde.“ Eine zweite Tür wurde sichtbar. Mit einer Eisenstange schlugen sie eine kleine Öffnung hinein. Sofort entwich aus der dahinterliegenden Kammer heiße Luft, die dort 3300 Jahre eingesperrt war. Mit zittrigen Händen hielt Carter eine brennende Kerze gegen die Öffnung, um zu prüfen, ob der Luftzug giftige Gase enthielt. Der Flur, in dem sie standen, war bis auf das Kerzenlicht stockdunkel. Nun hielt Carter die Kerze durch das Loch in die Kammer. Was er sah, verschlug ihm den Atem. Das Kerzenlicht wurde von vielen vergoldeten Flächen an den Gegenständen im Raum reflektiert. Er sah ein Durcheinander von vielen Gegenständen: goldene Liegen und Stühle und Statuen, Wagenräder und Truhen, Vasen und Geräte. Es war ein Wunder! In 3300 Jahren hatte das Gold seinen Glanz nicht verloren. Es blitzte, als hätte es erst gestern ein Diener geputzt. Diese eine Sekunden erschienen Carter wie eine Ewigkeit. Er hatte nicht nur ein Grab gefunden, sondern es war das erste vollständig erhaltene Grab eines Pharaos. Es war totenstill um ihn herum. Schließlich fragte Lord Carnavon, der hinter ihm stand: „Können Sie irgendwas sehen?“ Carter fand nur die Worte: „Ich sehe wunderbare Dinge.“ Nun blickten auch die anderen durch das kleine Loch in der Tür. Der dahinterliegende Raum war etwa 8 m breit und 3,5 m tief.

Bei späterer Untersuchung stellte man fest, dass kurz nach der Grabbelegung Tutanchamuns doch schon Grabräuber hier gewesen waren. Sie konnten aber nicht viel mitnehmen, weil sie überrascht worden waren. Daher das große Durcheinander in diesem Raum. Nach dem vereitelten Einbruch hatten die Beamten des Felsenfriedhofs im Tal der Könige notdürftig Ordnung geschaffen und das Grab kurz darauf wieder mit einem königlichen Siegel verschlossen. Seither blieb es unberührt.

In dem Moment der Entdeckung ahnt noch niemand, wie viel Jahre es benötigen würde, um alles, was sich in diesem Grab befand, zu sichten, zu dokumentieren und zu bewahren. Allein Carter arbeitete daran zehn weitere Jahre. Das war eine komplexe Aufgabe. Viele Gegenstände mussten konserviert werden oder waren zunächst auch gar nicht transportfähig. Zunächst aber musste am Eingang eine dicke Eisentür angebracht werden, damit dem bedeutendsten Fund in der ägyptischen Geschichte nichts geschah. In Windeseile berichteten die Zeitungen in aller Welt über diesen Sensationsfund. Tutanchamun war in aller Munde.
 


'Hinter diesem ersten Raum lag die eigentliche Grabkammer, die immer noch nicht geöffnet worden war. Links und rechts neben ihrer Tür standen zwei lebensgroße, vergoldete Wächter aus schwarzem Holz. Bevor man diese Tür jedoch öffnen konnte, bedurfte es noch einer Menge Geduld. Zuerst musste jeder Gegenstand in dem ersten Raum fotografiert, nummeriert, registriert, behandelt und verpackt werden. Wissenschaftler aus New York reisten an, um bei dieser Arbeit zu helfen. Nach fast drei Monaten aufreibender Arbeit konnte endlich die Tür zur Grabkammer geöffnet werden. Hohe Gäste waren geladen, die diesem Moment beiwohnen durften.

Nach Öffnung der Tür zeigte sich in der Mitte des Raumes ein gewaltiger Holzschrein, der 5 m lang, und 3,30 m bereit und 2,75 m hoch war. Er hatte goldüberzogene Flächen und nahm fast den ganzen Raum ein. Bei keinem Pharao war jemals ein solcher Schrein gefunden worden. Carter sagte: „Das ist die größte vergoldete Fläche, die es auf Erden gibt.“ Aber das war noch nicht alles. Neben dieser Grabkammer lag noch eine Schatzkammer, in der der schakalköpfige Totengott Anubis wachte. Auch diese Kammer enthielt Kostbarkeiten von unschätzbarem Wert.
 

Dieser Tag (17. Februar 1923) wurde zum Höhepunkt des Lebens von Lord Carnavon. Drei Wochen später wurde er allerdings im Tal der Könige von einem Moskito gestochen und nach weiteren drei Wochen verstarb er an einer Blutvergiftung. Daraufhin bildeten sich die Legenden vom „Fluch der Pharaonen“, die sich an denen rächen, die ihre Totenruhe stören.

Nun machte man sich daran, den Totenschrein zu öffnen. Howard Carter schrieb in sein Tagebuch: „Es herrschte Totenstille, als wir den großen Deckel, der über eineinviertel Tonnen wog, anhoben. Der Inhalt war vollständig mit leinenen Leichentüchern bedeckt. Als das letzte Tuch weggerollt war, begannen wir zu beten, denn was wir sahen, war göttlich: Einen zweiten Sarg mit dem goldenen Abbild des jungen Königs. Eine großartige Arbeit! Darin waren noch weitere Särge ineinander geschachtelt, zuinnerst die sterblichen Überreste des jungen Königs Tutanchamun.“

Man stellte fest, dass die Mumie Tutanchamuns achtfach umhüllt war: Die ersten vier Schreine, die jeweils ineinander gestellt waren, bestanden aus vergoldetem Holz. Dann erschien ein wunderbarer steinerner Sarkophag aus gelbem Quarzit. In dem Steinsarg befanden sich noch weitere drei ineinander gestellte Särge, die die Form der Mumie nachbildeten. Die ersten beiden waren dick vergoldet, der innerste Sarg aber bestand aus purem Gold. Er allein wiegt 225 kg. Er barg den einbalsamierten König Tutanchamun. Erst drei Jahre nach der Entdeckung des Grabes, konnte der letzte Sarg geöffnet werden. Der Anblick war atemberaubend. Zum ersten Mal erblickte man die Totenmaske des Tutanchamuns, die sein Gesicht und seine Brust bedeckte. Auch sie ist aus reinem Gold und das Werk begnadeter Goldschmiede. Sie wurde aus elf Kilo massivem Gold gearbeitet. Ihr Wert ist unschätzbar. Die lebhaften Augen sind aus hellem Quarz gefertigt und die Pupillen hat man mit Obsidian eingelegt. Augenränder und Braun stehen aus Lapislazuli. Am Kinn befindet sich ein langer Zeremonialbart, der sich zum Ende verjüngte. Er ist nach vorn gebogen und verwies auf die Göttlichkeit des Pharaos. Bedeckt wird das Haupt von Tutanchamun mit einem sogenannten Nemes-Kopftuch mit Einlagen aus blauem Glas.

 

Fragen zum Text

  1. Wie lange hatte Carter vergeblich nach dem Grab von Tutanchamun gesucht?
  2. Was machte Carter mit den Treppenstufen, nachdem er sie das erste Mal freigelegt hatte und warum tat er dies?
  3. Wieso sprach man vom „Fluch der Pharaonen“?
  4. Welche Särge fand man in der Grabkammer?
  5. Wie sah die Totenmaske Tutanchamuns aus?
  6. Wo befindet sich heute die Mumie von Tutanchamun?
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