Mumifizierung und ihre Auswirkungen

Auszug aus dem Vortragszyklus von Rudolf Steiner „Ägyptische Mythen und Mysterien“, gehalten vom 2. bis 14. September 1908, GA 106 S. 19 – 21

Das Folgende stellt keinen Unterrichtsinhalt in Waldorfschulen dar, sondern beleuchtet einen Teil der anthroposophischen Weltanschauung. Rudolf Steiner versteht die heutige Zeit als Spiegelepoche des alten Ägypten. Dabei weist er auf geistige Untergründe und Strömungen hin, die seiner Anschauung nach den Materialismus unserer Zeit u.a. durch die Mumifizierung im alten Ägypten vorbereitet haben.

 

… Noch einen anderen Zusammenhang können wir heute hinstellen. Wir erinnern uns, wie der Ägypter seine Toten behandelte, wir erinnern uns an die Mumien, wie der Ägypter etwas darauf gab, dass die äußere physische Form lange konserviert werde, und wir wissen, dass der Ägypter seine Gräber anfüllte mit solchen Mumien, in denen er die äußere Form erhalten hatte, und dass er dem Verstorbenen in das Grab mitgab gewisse Gerätschaften, Besitztümer, als Erinnerungen an das verflossene physische Leben, Gerätschaften, die den Bedürfnissen des physischen Lebens entsprachen. So sollte das, was der Mensch im Physischen gehabt hat, erhalten bleiben. So verband der Ägypter seine Toten mit dem physischen Plan. Dieser Brauch bildete sich immer mehr heraus. Gerade das zeichnete die alte ägyptische Kultur aus.

So etwas ist aber nicht ohne Folgen für die Seele. Denken wir daran, dass unsere Seelen in ägyptischen Körpern waren. Das ist durchaus richtig, dass unsere Seelen in diesen zu Mumien gewordenen Leibern verkörpert waren. Wir wissen aus den Darstellungen, die früher gegeben worden sind, dass dann, wenn der Mensch von seinem physischen Leib und seinem Ätherleib nach dem Tode befreit ist, dass er dann ein anderes Bewusstsein hat, dass er dann keineswegs in einem bewusstlosen Zustande in der astralischen Welt lebt. Er kann hinunterschauen aus der geistigen Welt, wenn er auch heute nicht hinaufschauen kann, er kann aber dann hinunterschauen auf die physische Erde. Da ist es nicht gleichgültig, ob der Leib als Mumie konserviert ist, oder ob dieser Leib verbrannt ist oder verwest. Es entsteht dadurch eine bestimmte Art von Zusammenhang. Wir werden den geheimnisvollen Zusammenhang sehen. Dadurch, dass im alten Ägypten eine lange Zeit die Leiber konserviert geblieben sind, haben die Seelen in der Zwischenzeit nach dem Tode etwas ganz Bestimmtes erlebt. Sie wussten, wenn sie herabschauten: das ist mein Leib. Sie waren an ihn gebunden, an diesen physischen Leib, sie hatten vor sich die Form ihres Leibes; wichtig wurde den Seelen dieser Leib, denn die Seele ist eindrucksfähig nach dem Tode. Der Eindruck, den der mumifizierte Leib gemacht hat, prägte sich tief ein, und die Seele wurde nach diesem Eindruck geformt.

Nun ging diese Seele durch Verkörperungen in der griechisch-lateinischen Kultur hindurch, und sie lebt heute in unserer Zeit in uns. Es ist nicht wirkungslos, dass diese Seelen nach dem Tode ihren mumifizierten Leib gesehen haben, dass sie dadurch immer wieder hingelenkt wurden auf diesen Leib; gar nicht unwesentlich ist das. Sie haben ihn in ihre Sympathie aufgenommen, und die Frucht dieses Hinunterblickens tritt heute auf, im fünften Zeitraum in der Neigung, die heute die Seelen haben, großen Wert auf das äußere physische Leben zu legen. Alles das, was wir heute das Hängen an der Materie nennen, das kommt davon, dass die Seelen anschauen konnten damals aus der geistigen Welt ihre eigene Verkörperung. Dadurch hat der Mensch die physische Welt lieben gelernt, dadurch wird heute so oft gesagt, dass nur wichtig ist dieser physische Leib zwischen Geburt und Tod.

Solche Anschauungen kommen nicht aus dem Nichts. Damit soll nicht etwa eine Kritik der Mumienkultur gegeben werden, sondern es soll nur hingewiesen werden auf Notwendigkeiten, die mit der immer wiederkehrenden Verkörperung der Seele verbunden sind. Die Menschen wären in ihrer Weiterentwickelung gar nicht ohne das Hinschauen auf die Mumien ausgekommen. Heute hätte der Mensch alles Interesse an der physischen Welt verloren, hätten die Ägypter nicht den Mumienkult gehabt. Es musste so kommen, um ein berechtigtes Interesse an der physischen Welt zu erwecken. Dass heute der Mensch sich seine Welt so eingerichtet hat, dass wir heute die Welt so sehen, wie wir sie sehen, das ist eine Folge davon, dass der Ägypter den physischen Leib nach dem Tode mumifiziert hat. Denn auch diese Kulturströmung stand unter dem Einfluss von Eingeweihten, die vorausschauen konnten. Man hat nicht aus einem Einfall heraus Mumien gemacht. Gerade damals führten hohe Individualitäten die Menschheit, welche anordneten, was richtig war. Auf Autorität hin wurde das gemacht. In den Eingeweihtenschulen hat man gewusst, dass unser Zeitraum mit dem dritten Zeitraum zusammenhängt. Diese geheimnisvollen Zusammenhänge standen damals den Priestern vor Augen, und sie ordneten gerade die Mumifizierung an, damit die Seelen die Gesinnung aufnähmen, die aus der physischen, äußeren Welt geistige Erfahrung sucht …

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