Ägypten - ein Geschenk des Nils

Ein Beitrag von Wolfgang Aretz (Freie Waldorfschule am Kräherwald / Stuttgart)

Der Nil ist ein ganz besonderer Fluss, denn er schlägt gewissermaßen wie ein Herz. Es ist aber ein sehr langsamer Herzschlag, es schägt nur 1 x im Jahr. Dieser eine Schlag beginnt im Sommer und dauert bis in den Herbst hinein. Mitte Juni schwoll in der Zeit damals der Nil an und stieg über seine Ufer hinaus und überschwemmt sehr große Flächen. Das machte der Nil jedes Jahr, so pünktlich, wie das Herz schlägt. Und das Land blieb dann 3 Monate lang überschwemmt bis Ende September. Die Ägypter beklagten überhaupt nicht, dass der Nil ihr Land überschwemmte. (Verursacht wurde diese wunderbare jährliche Überschwemmung der Felder und damit die Düngung durch die Regenzeit im ostafrikanischen Seengebiet, wo der Nil entspringt. Von seinen Nebenflüssen führt besonders der Blaue Nil aus dem vulkanischen Hochland Äthiopiens nach der Regenzeit große Mengen von mineralischem Schlamm heran.) Sie waren sogar sehr dankbar. Warum wohl? ........

Deshalb, weil das Nilwasser Salz aus dem Boden wusch, die es verkrusten lassen und weil der Nil eine schwarze Schlammschicht hinterließ, die hinterher das ganze überschwemmt Land bedeckte. Der Nil führt nämlich besonders im Sommer viel Schlamm mit sich, der das Wasser sehr trübe macht. Aber dieser Schlamm setzte sich auf dem Boden ab und war der allerbeste Dünger, den man sich vorstellen kann. Er war es, der das verbrannte, ausgedörrte Land immer wieder fruchtbar machte. So konnten die Menschen, wie der griechische Geschichtsschreiber betonte, „die Frucht mit weit geringerer Mühe vom Feld bringen, als alle anderen Menschen. Sie brauchten sich nicht zu mühen, mit dem Pflug Furchen aufzubrechen, zu hacken, sonst noch eine der Arbeiten zu verrichten, mit denen sich andere Menschen in ihrem Feld abplagen. Wenn bei ihnen der Fluss von alleine kommt und die Fluren tränkt und nach dem Tränken wieder zurückweicht, dann besät jeder sein Feld und treibt die Schweine darauf. Ist die Saat von den Schweinen eingetreten, braucht er nur die Ernte abzuwarten. Er drischt mit den Schweinen sein Korn aus und lagert es ein.".....

Allerdings schauten die Bewohner dieses wundersamen Tales, die Ägypter auch schon damals mit Besorgnis auf das steigende Wasser. Wenn das Wasser zu hoch stieg, dann waren die Dörfer in Gefahr, die auf den etwas höher gelegenen Teilen des Tales lagen, also mehr an den Rändern. Dann wurden nämlich diese Häuser einfach weggespült, denn sie waren aus getrockneten Lehmziegeln gebaut, die sich im Wasser einfach auflösten. Bei weitem schlimmer aber war es, wenn das Wasser nicht hoch genug stieg. Dann wurden nur kleine Flächen überschwemmt und das bedeutete, dass die Menschen hungern mussten, denn die Ernten fielen dann kleiner aus. Das fruchtbare Land am Nil wurde schon von Herodot als ein Geschenk des Flusses bezeichnet. Der Nil schenkte den Menschen also mit seinem Dünger die Grundlage zur Ernte vieler Früchte des Feldes. Die Menschen mussten schon noch fleißig arbeiten, aber die Natur stellte alle wichtigen Voraussetzungen bereit. Des Weiteren brachte der Nil natürlich auch Fische und Wasservögel mit sich, die für die Menschen auch ein großer Gewinn waren.
 

Der Nil als Verkehrsstraße

Der Nil war ja auch die große Verkehrsstraße, die alle großen Lasten über große Entfernungen hinweg transportierte mit den vielen Schiffen. Von Norden nach Süden ging es besonders leicht, weil der Wind im Allgemeinen immer von Norden nach Süden wehte. Ein gutes Straßennetz bauten die Ägypter aber auch auf. Der Nilschlamm war auch das übliche Baumaterial, das ich schon erwähnt hatte. Alle Gebäude erbaute man aus diesem Nilschlamm, sogar die königlichen Paläste wurden aus den luftgetrockneten Lehmziegeln errichtet. Halt, das stimmt nicht ganz, denn die Tempel- und Grabanlagen, insbesondere die Pyramiden, von denen ihr schon gehört habt, wurden nicht aus diesem Schlamm gebaut, sondern aus dauerhaftem Stein. Und nur deshalb können wir heute so viel über die Kultur der Ägypter erfahren. Es ist eigentlich seltsam: Steigen wir in die Gebäude, die für die Toten gemacht sind, also die Gräber (oder die Tempel), so ist es, als könnten wir das Leben vor 4000 oder sogar 5000 Jahren anschauen. Denn in den Gräbern, die so dauerhaft wie für eine Ewigkeit gebaut sind, finden wir eine Fülle von Schriften und Bildern, die uns das Leben in dieser tiefen Vergangenheit zeigen. So finden wir z. B. an einer Wand ein Preislied auf den Nil. Es lautet folgendermaßen:

„Heil dir, o Nil, der Du der Erde entspringst und nach Ägypten kommst, um es am Leben zu erhalten, der die Wüste tränkt und den Ort, der dem Wasser fern ist.

Wenn Dein Wasser über die Ufer tritt,  wird dir geopfert, und große Geschenke werden Dir dargebracht. Vögel werden für Dich gemästet, Löwen werden für Dich in der Wüste erlegt, und die Feuer werden für Dich angezündet.

So ist es, oh Nil. Grün bist Du, der Du es möglich machst, dass Mensch und Rind leben."

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