Zweiter Punischer Krieg (218 - 201 v. Chr.): Hannibals Alpenüberquerung

Die folgenden Abschnitte ergeben keine zusammenhängende Erzählung. Sie sollen vielmehr die entscheidenden Stationen der Alpenüberquerung Hannibals beleuchten.

Die Texte sollen dem Lehrer helfen, die wesentlichen Gefahren und Herausforderungen des zuvor Undenkbaren einer Heeres-Alpenüberquerung in verdichteter Form stimmungsvoll den Schülern berichten zu können

 

Der Zug in die Alpen

Mit 34 Kriegselefanten setzte sich das Herr erneut in Bewegung. Der Alpenaufstieg stand bevor. Gut geordnet und ausgerüstet liefen Soldaten, Elefanten wie in einem langen Lindwurm den immer größer werdenden Bergmassiven entgegen. Hannibal hatte die Reitervorhut vorausgeschickt, um den besten und geeignetsten Weg ausfindig zu machen. Nun mussten sie absteigen und ihre Pferde am Zügel führen, weil die Pfade immer steiler wurden. Bislang, so hieß es, müsse man mit keinen Angriffen der Bergstämme rechnen, da die Berge noch so weit auseinanderlägen, dass man genügend Platz zum Ausweichen hätte. Aber dies sollte nicht so bleiben. Die Berge, so empfanden wir, wuchsen mit jedem Schritt. An stei­len Hängen hockten Hütten wie erfrorene Vögel mit starr ausgebreiteten Flügeln. Eine solche Gegend kannten wir nicht, so unwirklich schien sie uns. Auf den Gipfeln erblickten wir den Schnee. Hier und da wurde immer öfter nackter Fels sichtbar. Von den Höhen vernahmen wir unbekannte Rufe. Uns war auf unserem Marsch unheimlich zumute.

Schließlich verschwanden auch die Gipfel vor unseren Augen, da immer mehr Wolken sie dicht einhüllten. Der Himmel hatte sich geschlossen. War dies ein schlechtes Omen? Es begann zu regnen. Die Wege wurden rutschiger und jeder Schritt erforderte unsere ganze Aufmerksamkeit. Wer ausglitt und in die Tiefe stürzte, war verloren.

Hannibal setze sich an die Spitze der Vorhut und rief seine Unterführer zusammen. Er sprach zu ihnen: „Da unsere Wege so schmal und steil geworden sind, hat sich unser Heer weit auseinandergezogen. Man hat uns bis hierher den Weg beschreiben können, aber nun sind wir auf uns selbst angewiesen. Die Gefahr scheint mir groß, dass sich in diesen Bergen heimtückische Gebirgsstämme befinden, die uns nicht wohlgesonnen sind. Sie aber kennen dieses Land und die Stellen, wo sie ein Heer unserer Stärke empfindlich schwächen können. Wenn wir keinen Platz haben uns zu wehren, so sind wir auch gegen eine kleine Zahl Gebirgler in großer Gefahr. Allerdings ist den Gebirglern ihr Schlaf heilig, so dass sie nur am Tage kämpfen, nicht aber bei Nacht und Nebel. Wir müssen versuchen, so schnell als möglich aus diesem Tal herauszukommen, damit sie uns nicht ungeschützt unter Fels und Gestein begraben können."

 

Die Hinterhalte der Gebirgsstämme

Die Sicht blieb schlecht. Hannibal hatte befohlen, die Elefanten in die Mitte zu nehmen und am Ende des Heeres die erfahrensten Söldner marschieren zu lassen. Der Nebel sank nun langsam auf uns herunter. Jedes Geräusch, das wie durch eine weiße Wand an unser Ohr drang, bekam eine unheimliche Färbung. Der Weg war vom Regen glitschig. Alle würden froh sein, wenn sie dieses gefährlich schmale Tal verlassen könnten. Immer wieder spähten wir den Hang hinauf, bis er sich im Nebel verlor. Es war unheimlich, das Gebirge schwieg.

Da fiel von oben der erste Stein. Wir hörten die dump­fen Aufschläge. Alle hielten vor Schreck in der Bewegung inne, selbst die Elefanten. Wie gelähmt waren Mensch und Tier. Es musste ein riesiger Felsbrocken gewesen sein. Große und kleine Felsstücke folgten, so dass wir dem steinigen Himmel hilflos ausgeliefert waren. Panik brach aus. Einige Elefanten versuchten auf dem schmalen Pfad umzukehren, verloren dabei den Halt und stürzten in die Tiefe. Die Menschen pressten sich an die Felswand, um somit dem Steinhagel zu entkommen. Vielen gelang es, aber etliche Soldaten wurden erschlagen oder schwer verletzt. Schreie zerrissen die Luft. Pferde und Söldner wurden den Steilhang hinuntergerissen. Im Tross entstand die größte Verwirrung. Schwer beladene Pferde verloren das Gleichgewicht, überschlugen sich mit ihren Lasten und stürzten in die Tiefe. Es gab kein Entrinnen. Eingekeilt von Bergwand und Abgrund war das Heer diesem Angriff schutzlos ausgeliefert. Es hatte keine Möglichkeit, sich zu wehren. Vom Feind selbst war nichts zu sehen. Das Gebirge hatte seine eigenen Gesetze. Unsere Heerkraft war hier nutzlos. Waren die Götter gegen uns?

Dann aber hörten die Steinbrocken auf, vom Himmel zu fallen. Hannibals Augen funkelten vor Zorn. „Nun wird nichts mehr kommen. Sie haben alles hinuntergerollt, was sie bereitliegen hatten. Es dunkelt und sie werden sich zurückziehen. Allerdings werden sie nur so lange schlafen, als bis wir sie wecken!", fügte er mit grimmigen Worten hinzu. „Ein feiges Gesindel. Lassen die Berge auf uns los und dann verkriechen sie sich! Morgen werden wir sie in den Abgrund schicken!"

 

»Morgen schicken wir sie in den Abgrund«

Bald hörte der Regen auf und die Dunkelheit brach schnell herein. Hannibal ließ weiterziehen, den Verwundeten wurde geholfen. Auf einem naheliegenden Hochtal ließ er ein Lager aufschlagen. 26 Elefanten überlebten den feigen Hinterhalt, 8 hat es in die Tiefe gerissen. Wie viele Männer und Pferde in der Schlucht lagen, war für keinen zu übersehen.

Zugleich befahl Hannibal, die Feuer in dieser Nacht kräftig brennen zu lassen, damit die Gebirgler von oben den Eindruck haben sollten, dass alle im Heer sich ausruhten.

Hannibal verließ jedoch mit einigen hundert ausgewählten Söldnern das Lager. Sie erstiegen in der Dunkelheit die Höhen, von denen aus sie mit Fels und Stein beworfen worden waren.

Als es am Morgen hell wurde, sah man von unten, wie auch die Gebirgler ihre alten Stellungen einnehmen wollten. Hannibal mit seinen 600 Söldnern hatte sie jedoch dort oben erwartet. Nun waren es die Gebirgler, die nicht mehr fliehen konnten. Gnadenlos wurden sie den Berg herunter getrieben, alle Senken und Felsen waren durch Söldner verriegelt. Fast alle Gebirgler fanden den Tod.

Gegen Mittag setzte sich das Heer wieder in Bewegung und für die nächsten Tage war nicht mehr zu befürchten, dass Steine von Abhängen auf sie niederrollen würden.

 

Eis und Schnee

Wir stiegen höher und höher. Mühsam setzten wir Schritt vor Schritt. Es begann zu schneien. Zuerst waren es kleine Flocken, die um unsere Nasen tanzten, dann fiel der Schnee kräftiger. Mit zunehmender Höhe wurde die Luft kälter. Der Boden blieb von den kalten Nächten auch tagsüber gefroren. Der Schnee liegen blieb. Die Elefanten hinterließen mit ihren mächtigen Füßen ihr Siegel im Schnee, dem man nur zu folgen brauchte. Die Elefanten waren gute Schrittmacher. Man brauchte sie nicht anzutreiben. Sie ließen sich Zeit. Währenddessen kam Wind auf. Man konnte nun kaum mehr als 10 Schritte weit sehen und wir versuchten unsere Gesichter vor der zugigen Kälte zu schützen. Es kam immer öfters zu Stürzen, da der Pfad zunehmend eisiger wurde. Verloren wir das Gleichgewicht, so kam es häufig vor, dass wir uns die Knie aufstießen und Stücke des Hanges herabglitten. Es kostete unendlich viel Kraft, im immer tiefer werdenden Schnee den Rückstand wettzumachen. Auch verlor mach einer Proviant oder seine Waffen. Die Schneedecke war trügerisch. Jetzt war es nicht mehr nötig, dass uns herabstürzende Steine Verluste zufügten, dies übernahmen nun Eis, Schnee und Kälte. Das Aufstehen bei Stürzen fiel immer schwerer und das Schneewehen nahm zu. Manch einer blieb liegen und stand nicht mehr auf. Die Elefanten mühten sich Schritt um Schritt. Unsere Reihen lichteten sich. Ohne dass das Gebirge sich regte, schlug es das Heer, das in seine Einsamkeit mit Waffenlärm eingedrungen waren. Der Fels war aus seinem uralten Schlaf erwacht. Grauen beschlich uns.

„Wir werden es schaffen", rief Hannibal, „wir werden den nahen Pass erreichen!" Hannibal mühte sich genauso durch den Schnee wie wir. Er trug seine Ausrüstung wie wir. Wollte ein Elefant nicht mehr weiter, so mühte er sich zu ihm und sprach aufmunternde Worte. Er half, wo er konnte und war doch unermüdlich. Er wusste, dass wir verloren waren, wenn über uns auf diesem Steilhang die Nacht hereinbrach.

Dann wurde der Weg flacher. Hannibal kämpfte sich an die Spitze und er sah, was er ersehnt hatte: Vor uns lag der Pass. „Wir haben es geschafft! Der Pass ist erreicht!", schrie Hannibal seinen Soldaten entgegen. Wie ein Echo wurde die glückliche Botschaft durch die Reihen gereicht. Mit dem Schwung der Zuversicht erreichten die Söldner den Pass, wo das Lager für die Nacht eingerichtet wurde. Die Elefanten standen nahe beieinander, um sich gegenseitig zu wärmen und auch wir Menschen suchten ihre Nähe. Feuer wurden entzündet. Die Heftigkeit des Schneefalls hatte nachgelassen und auch der Wind verlor an Kraft. Als die Packtiere eintrafen, bekamen die Elefanten die große rote Decke übergeworfen, die zu ihrer Kriegsausrüstung gehörte. Zu fressen gab es für unsere großen Begleiter nicht mehr viel. Hoffentlich würde der Abstieg leichter werden als der Aufstieg!

 

Die Neuordnung des Heeres

Der Morgen zeigte das Ausmaß unserer Verluste. Sie waren sehr groß. Hannibal hatte ein Lager für zwei Tage angeordnet, denn viele waren für den Moment nicht fähig, weiter zu marschieren. Die Ruhe würde den Männern helfen, wieder zu Kräften zu kommen. Hier oben drohte zumindest kein Überfall.

Hannibal begann am nächsten Tag das Heer neu zu ordnen, die Verluste waren furchtbar. Fast jeder zweite Mann fehlte. Das Heer war auf die Hälfte zusammengeschmolzen. Zweittausend Reiter und siebzehntausend Söldner hatten seit Beginn der Alpenüberquerung den Tod gefunden. Eine schreckliche Bilanz.

Am dritten Tag riss der Himmel auf und gab den Blick auf die Poebene frei. Welch Freude durchzog unsere strapazierten Gemüter. Ganz in der Ferne schlängelte sich der Po als silberner Faden durch die Ebene. Täler und Ebenen wurden sichtbar und dies gab selbst den Verletzten den nötigen Mut weiterzumarschieren.

 

»Dort liegt Rom! Wir stehen auf seiner äußersten Mauer!«

Hannibal stellte sich auf einen Felsen, um von allen gesehen zu werden. Mit dem Arm nach Süden deutend rief er uns zu: „Dort liegt Rom. Wir stehen auf der höchsten Mauer des römischen Imperiums. Es hat von uns große Opfer gefordert, aber wir haben sie erklommen. Wer will uns jetzt noch aufhalten, die sehr viel niedrigeren Mauern Roms zu erstürmen? Wenn wir nun in die Ebenen marschieren, wird das durch Verrat zusammengeschmolzene Heer wieder wachsen, um stärker denn je zu sein. Dort unten warten Freunde, die sich mit uns gegen die Römerherrschaft verbünden werden. Das Schwerste liegt nun hinter euch, ab jetzt warten auf uns nur noch Siege.

Nach dem, was wir hier geschafft haben, wird uns Rom zufallen wie eine reife Frucht. Uns wird Rom gehören. Blickt hinter euch: Da liegt der Tod. Ihr habt ihn beschämt, er wagt nicht, euch sein Gesicht zu zeigen. Und nun blickt nach Süden! Dort liegt das Leben. Es  wartet auf euch."

 

Ein Gespensterzug

Nach dem zweiten Abstiegstag kamen wir durch das Gebiet der Salasser. Man hatte uns gesagt, sie würden uns wie Freunde empfangen. Sie behandelten uns jedoch weder wie Freund noch Feind. Sie waren sehr abwartend. Zwar hatten sie uns erwartet, aber doch wohl nicht als eine solche Schar heruntergekommener Gestalten. Über unseren Anblick erschraken sogar die Kinder und liefen in die Häuser. Die Salasser hatten ein Heer erwartet, dass glänzend und vor Kraft strotzend den römischen Legionen die Stirn bieten konnte. Nun kam ein Haufen zerlumpter und halb verhungerter Söldner, die zum Teil nicht einmal ihre Waffen mehr bei sich trugen. Viele von uns konnten sich fast nicht mehr auf den Beinen halten.  Auch unsere furchterregenden Elefanten waren in keinem besseren Zustand. Das sollten Eroberer sein, Unbesiegbare? Die Salasser wussten, das Rom bereits Legionen gegen Hannibal ausgesandt hatten. Sollten sie sich auf die Seite von Verlierern stellen? Man gab uns Waffen, wir mussten sie teuer erkaufen und so ließ man uns weiterziehen.

Wir erreichten den Rand der Ebene. Es hatte weder Kämpfe noch Auseinandersetzungen gegeben. Kein Widerstand war zu spüren gewesen. Nur diese mitleidigen Blicke, auf die wir überall stießen! Sie schwächten die Moral des Heeres mehr als alles andere. Die Söldner empfanden es als Schmach, diesen Blicken ausgesetzt zu sein.

 

Auffüllung des Heeres

Nur drei Tage später allerdings nahm das Heer die Stadt Taurin im Handstreich. Gegen dieses Heer, das dem Tod so tief in die Augen gesehen hatte, waren die Tauriner nicht gewachsen. Auch der Anblick der Kriegselefanten setzte die Stadt in Angst und Schrecken. Hannibal gab nach Eroberung die Stadt zur Plünderung frei. Es war wie ein Rausch nach langer Enthaltsamkeit. Die Söldner nahmen sich, was sie wollten und füllten damit ihre Taschen. Es war kein Halten und viele Tauriner fanden darin den Tod.

Mit dieser Demonstration der Macht und Stärke ging das in Erfüllung, was uns Hannibal auf der Spitze des Passes vorausgesagt hatte. Nun kamen von allen Seiten bewaffnete Haufen und wollten sich unserem Heer anschließen. Bald waren die Lücken, die das Gebirge und seine Steinlawinen gerissen hatten, wieder gefüllt. Nun waren die Lumpen der Söldner nicht mehr wichtig. In kurzer Zeit verschwanden  sie sogar und wurden durch erbeutete Kleider eingetauscht. Man wollte auf die Seite der Sieger. Auch Waffen hatte das Heer nunmehr genug, da man sie den Erschlagenen abgenommen hatte. Es gab Pferde, Wein und zu essen im Überfluss. Wie aus dem Nichts fanden sich Sklavenhändler ein und so wurden die übriggebliebenen Frauen und Kinder zu guten Preisen in die Sklaverei verkauft. Damit hatten die Söldner nun auch Geld in ihren Taschen. Der Krieg hatte begonnen.

 

»Unterschätzt die Römer nicht«

»Unterschätzt die Römer nicht«, rief Hannibal ernst. »Sie kämpfen für ihre Stadt, ihre Häuser, ihre Äcker und ihr Vieh, ihre Mütter, ihre Brüder. Sollten sie nicht siegen, werden sie Sklaven sein. Für sie heißt es alles oder nicht, ebenso für uns. Es wird keinen Ausweg geben.

Im Rücken haben wir die Berge, zu beiden Seiten ein Meer - und keine Schiffe zur Rettung. Wir haben nur uns selbst. Aber das wird genug sein. Wir kennen uns so lange, ich bin unter euch aufgewachsen. Uns hat der Krieg groß gemacht, in ihm sind wir zu Hause wie die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft.

Uns jedoch steht ein römisches Heer gegenüber, das in aller Eile ausgehoben wurde. Das sind Neulinge. Ihr Feldherr Scipio ist ein Anfänger, seit einem halben Jahr erst ist er zum Feldherrn ernannt. Sie können gegen uns nicht siegen. Wir wurden durch überstandene Gefahren eng zusammengeschmiedet. Wir können uns im Kampf aufeinander verlassen. Die Römer wollen uns zu Sklaven machen. Wir aber werden es sein, die die Römer zu Sklaven machen werden. Alles wird uns zufallen. Ihr sollt ihre Äcker und Gärten bekommen, ihre Häuser und ihre Habe. Sie werden nichts besitzen, wir alles."

Die Söldner und Hilfstruppen berauschten sich an Hannibals Worten und jubelten ihm mit ganzem Herzen zu.

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