Sizilien - das gefährliche Erbe

Von Otto Zierer aus dem "Bild der Jahrhunderte", 3. Band

Mit freundlicher Genehmigung von Anton Kammerl.

Rom übernimmt mit Sizilien eine gefährliche Erbschaft. Die Insel ist seit Jahrhunderten Mischkessel und Tummelplatz aller seefahrenden Völker. In ihren Hafenstädten gärt die Verderbnis der alten, im Sinnengenuss erschlafften Kulturen des Orients. Die römischen Soldaten zechen in den Schenken, wo sich zum aufreizenden Klang der Zimbeln Weiber im Tanze drehen; in den Palästen liegen die Patrizier auf seidenen Daunenpolstern, geblendet von dem Glanz eines unfassbaren Reichtums und dem prunkenden Luxus des Lebens. Die Gutsherren aus Latium und den Sabinerbergen, die gewohnt waren, mit ihren Sklaven am selben Tisch zu essen und ihr Vermögen nach der Anzahl der Viehhäupter zu messen, sind von heute auf morgen Herr über Tausende von Sklaven und unübersehbare Ländereien geworden.

Rom hat bewiesen, dass es erobern kann, ob es das Eroberte verwalten kann, muss die Zukunft erweisen.

Im ehemals punischen Bereich Siziliens wird nicht mehr die patriarchalische, natürliche Landwirtschaft betrieben wie in Italien und Rom. Über den Äckern dieser fruchtbaren Küstenstriche herrscht unbeschränkt und rücksichtslos der Wille der karthagischen Handelskontore. Die Bande zwischen Erde und Mensch sind zerrissen. Der überquellende Segen des Bodens ist zum Objekt von Spekulanten geworden, und die nährenden Felder zu Baumwoll- oder Getreidegroßbetrieben entwürdigt.

Wo vorzeiten Kleinbauern geruhsam den Acker mit eigenen Ochsen bebauten, breiten sich die Getreidemeere der Großplantagen. In rücksichtslosem Raubbau wird das Letzte aus Erde und Mensch herausgepresst. Die jeweilige Marktlage, nicht der natürliche Bedarf der einheimischen Bevölkerung zwingt den Äckern ihre Erträgnisse ab; eine nach ausgeklügelten Berechnungen durch-geführte Rationalisierung, nicht der von den Göttern gewollte Rhythmus der Schöpfung bestimmt Aussaat und Ernte.

Auf den eroberten Landgütern finden die römischen Sieger gelehrte Abhandlungen, in denen die Methoden einer zentral gesteuerten und vom Kapital bestimmten Betriebsführung beschrieben werden. Aufmerksam sitzen die Gutsväter aus den latinischen Gauen in den Polstern der vertriebenen karthagischen Herren und lassen sich aus den Büchern des Karthagers Mago vorlesen, der allerhand Lehrreiches über die ertragreichste Form der Landwirtschaft zu sagen hat.

Der Punier schreibt über die Pflege des Granatapfelbaums und der afrikanischen Feige, er schildert die rationelle Anpflanzung von Medizinkräutern und die ergiebigste Gewinnung von Wachs; sogar die Kleintierhaltung folgt genau erprobten Zuchtregeln.

Auf den Vorwerken der Güter wird der Weizen nicht mühsam mit Flegeln gedroschen, sondern gleich nach dem Schnitt garbenweise unter Walzen geworfen, die sich im Kreise bewegen. Freilich - und auch das wird den römischen Beobachtern klar - diese neuartige Betriebsweise setzt die massenhafte Verwendung von Sklaven voraus; sie kostet Arbeit und Blut, Schweiß und Tränen entrechteter Menschen.

Selbst die Äcker der entlegenen, von Karthago beherrschten Inseln sind in die Großplanung mit einbezogen. Den Bewohnern der Insel Sardinien ist es bei Todesstrafe verboten, Öl- und Obst-bäume, Gemüse und Weinstöcke zu pflanzen. Ihre gesamte Bodenfläche ist ausschließlich dem Weizenanbau vorbehalten, denn durch den sardinischen Weizenspeicher beherrscht Karthago den westlichen Markt. Andererseits aber ist Sardinien ein stets aufnahmebereites Gebiet für afrikanisches Obst, für sizilische Ölernten und libysche Weine. Essen und Trinken der karthagisch beherrschten Völker wird ebenso wie Pflanzenwuchs oder Tierzucht von wenigen Kontorräumen der Weltstadt aus dirigiert.

Da die Römer an dem überströmenden Reichtum der Stadtpaläste von Panormus, Drepana und Lilybäum die Ergebnisse dieser weitgreifenden Wirtschaftsregelung ermessen können, haben sie keinen Grund, die Zustände in Sizilien zu ändern oder etwa das Los der Sklavenmassen zu erleichtern.

In diesen Großstädten, die, offen den Einflüssen aller Welt, halb hellenisch, halb punisch, am Rande des Meeres liegen, begegnen die Kaufleute und Beamten der römischen Republik einem Luxus und Wohlleben, wie sie nicht einmal das mächtige Tarent oder das reiche Neapel zu bieten vermögen. Die Römer erfahren, was es heißt, Provinzen zu haben, Zinsen und Steuern einzunehmen und von ihnen zu leben.

Panormus ist ein kleines Karthago. Fünf- und sechsstöckige Häuserblocks liegen zwischen den engen, volkreichen Gassen und den breiten Prachtstraßen. Staunend stehen die Römer vor den Schauläden und unter den Gewölben der punischen Händler. Auf den Verkaufstischen liegen die gegossenen, getriebenen, ziselierten Schmuckstücke, prunkvolle Halsketten, Armbänder und präch-tige Ohrgehänge, ägyptische Fayencen, daneben billigste Figuren und Götterbilder aus Glasfluss, Ton und Terrakotta.

Der römische Verwaltungsbeamte Gordianus - sein Haus in Rom ist ein finsterer, schindelgedeckter Kasten am Hang des römischen Palatinus - macht auf seinem Gang durch die Stadt die Bekanntschaft eines Hellenen, der sich diensteifrig als Führer anbietet. Der Grieche warnt den Fremden, bei einem Punier irgendein Kunstwerk zu kaufen.

»Alles nur nachgeahmtes Zeug«, sagt er verächtlich, »es gibt keine eigene Kunst bei den Karthagern. Sie können weder Figuren aus Marmor meißeln, noch Tempel bauen. Scheußlich sind die plumpen, glotzäugigen Steinfiguren, mit denen sie die Häuser und Hallen ihrer menschenfressenden Götter schmücken. Wenn irgendwo ein wirklicher Tempel steht, dann ist er sicher ägyptischen oder hellenischen Vorbildern nachgeahmt ...«

Der Römer, der während des Krieges als Gefangener auf den sardinischen Weizengütern fronte, ist anderer Ansicht.

»Dein Urteil ist ungerecht«, sagt er, »auf Sardinien sah ich die kunstvollsten Tonmasken, lebenswahre Abbilder, die das Antlitz der Toten bedeckten, bevor sie in die Erde gesenkt wurden.«

Der Hellene lässt sich nicht beirren.

»Ja, im Aberglauben und Hexenwesen, da sind die Karthager unerreicht! Schon zu Lebzeiten behängen sie sich mit Amuletten, Zaubersteinchen und sonstigem wunderlichem Zeug. Die Verstorbenen glauben sie mit aufgesetzten Masken vor den bösen Geistern der Unterwelt geschützt. Echt punisch, mein Freund! Die Seele des toten Karthagers segelt auch im Schattenreich unter falscher Flagge, falsch ist alles an diesen Krämerseelen, ob sie leben oder tot sind!«

Die Aufmerksamkeit des Römers wird durch ein Schauspiel auf der anderen Straßenseite gefesselt. Vor dem gegenüberliegenden Statthalterpalast, in dem der Legat Postumius Sextus residiert, haben einige prunkvolle Sänften haltgemacht. Ein karthagischer Gesandter macht dem Legaten seinen Besuch. Hinter den hauchdünnen ägyptischen Vorhängen der Sänften ruhen dunkelhäutige Frauen mit hellgepuderten Gesichtern, rotgeschminkten Lippen und getuschten Augenwimpern. Aus einem der üppig gepolsterten Tragsessel steigt ein unförmig fetter Karthager mit wulstigen Lippen und kahlem Schädel. Der rasierte Kopf ist mit seltsamen Lackornamenten bemalt. Auf den Nasenflügeln glitzern Edelsteine, der ungestaltete Kerl trägt einen silbernen Nasenring und ist über und über - nicht zu übersehender Beweis für seinen Reichtum! - mit klirrendem Goldschmuck behangen. Keuchend vor Anstrengung, auf zwei Sklaven gestützt, betritt der Gesandte das Haus des Legaten.

Gordianus schüttelt angewidert den Kopf; und da der Hellene noch immer neben ihm steht, sagt er verächtlich: »Das also sind die Leute, die sich brüsteten: >Wenn wir es nicht wünschten, können sich die Römer nicht einmal die Hände im Meer waschen.< Aber das war vor dem Kriege ...«

In den Friedensverhandlungen, die schon bald nach dem Abschluss der Kämpfe beginnen, fordert Rom die Auslieferung des karthagischen Söldnerheeres. Diese Bedingung ist eine der wenigen, die die sofortige und freudige Zustimmung der punischen Kaufherren findet. Seit Jahren schuldet Karthago seinen Soldaten - diesem wilden, aus Afrikanern, Thrakiern und Galliern zusammengewürfelten Haufen - die Löhnung. Verschwinden die Verteidiger von Panormus, Drepana und Lilybäum in den römischen Sklavenmassen, so ist die Frage der Nachzahlung auf das befriedigendste gelöst.

 

Hamilkar Barkas

Da greift Hamilkar Barkas ein. Dieser karthagische General hat während des Krieges den steilen Berg Eryx bei Panormus so wild und hartnäckig verteidigt, dass er zum Schreckgespenst der Römer geworden ist. Am Schluss des Krieges führte er den Oberbefehl in Sizilien. Als der verdiente und hervorragende Feldherr von dem Verrat an den Soldaten Karthagos erfährt, begibt er sich persönlich zu Lutatius Catulus und erreicht in einer Unterredung den Verzicht Roms auf die Auslieferung der punischen Veteranen - ein Erfolg, den ihm die Gerusia zu Karthago wenig danken wird.

Die Galeere, die Hamilkar und seinen Stab heim nach Karthago trägt, hat als eines der letzten Karthagerschiffe in der Bucht von Panormus die Anker gelichtet. Sie nimmt Kurs auf die Ägatischen Inseln - den Schauplatz der entscheidenden Seeschlacht -, und gewinnt, zwischen Inseln und Festland hindurch segelnd, das offene Meer.

Gegen Abend steigt die purpurn glühende Küste Afrikas aus den tiefblauen Wogen.
Der Feldherr steht, in einen grauen Soldatenmantel gehüllt, auf dem Steuerdeck und blickt der Heimat entgegen, die er seit Jahren nicht mehr betreten hat.

Dort drüben hängt der rote Sonnenball tief über dem flachen Bergrücken, der das weite Plantagenland wie eine Mauer durchschneidet.

Es gab eine Zeit, denkt Hamilkar, da die Sonne bei ihrem Aufstieg im Osten ein machtvolles Tyrus und Sidon beleuchtete, da sie bei ihrer Wanderung über hundert phönikischen Faktoreien auf Zypern, an afrikanischer, sizilischer und numidischer Küste strahlte, um gegen Untergang immer mehr und immer reichere Karthagerkolonien zu bescheinen, bis sie endlich, weit drüben im Westen, mit ihren letzten Strahlen einen karthagischen Stützpunkt am Atlantik ins Licht tauchte. Dieser goldene Bogen der Macht ist nun seines wertvollsten Teiles, der sizilischen Insel, beraubt. Er ist wie eine Brücke, der das tragende Mittelstück fehlt.

Die Galeere hat sich der Küste genähert. Ihre Ruder sind wie die Flügel einer Libelle gebreitet, denn das Schiff läuft unter prallem Hauptsegel ohne Ruderkraft vor dem Wind. Hamilkar vermag schon die Küstenebene zu unterscheiden, die sich in den vergangenen Jahrhunderten aus einer Wüste in einen blühenden Garten verwandelt hat. Künstliche Bewässerung und Baumpflanzungen haben den wehenden Sand gebändigt und in fruchtbare Erde verwandelt. Das ist die Gegend, von der es heißt, »die Soldaten des Agathokles von Syrakus staunten, als sie auf ihrem Marsch vom Hermäischen Vorgebirge in dem wohlangebauten Lande reiche Obst- und Weingärten, ausgedehnte Olivenpflanzungen sahen, dazu Groß- und Kleinvieh auf den Weiden, prachtvolle Pferdekoppeln und die stattlichen Häuser der Gutsherren ...«

Auf der Höhe des Vorgebirges, das nun in tiefem Violett leuchtet, wirft der Pilot das Steuer herum und nimmt Kurs nach Südwest. Aus dem Bauch des Schiffes hämmert der harte Taktschlag des Aufsehers, die Ruderreihen tauchen platschend in die See und geben dem Kreuzer Fahrt gegen den Wind. Die Galeere läuft in die weite Bucht ein, die von dem vorspringenden Bergzug und dem wie ein sanfter Schatten im Westen blauenden »Schönen Kap« umschlossen wird. Hier trägt die Strömung die Schiffe nahe ans Ufer heran. Guter Ankergrund und ein geschützter Hafen sind die natürlichen Vorteile dieser Meeresbucht.

Mit der Plötzlichkeit der heißen Zonen senkt sich die Nacht auf Land und Meer, der Wellengang wird ruhig, langsam schläft auch der Wind ein.

Nach einer weiteren Stunde Fahrt steigt die kühne Silhouette Karthagos über dem Land herauf. Ein rötlicher Lichtschein liegt über der Stadt. Mit dunklen Häusermassen und steil aufragender Felsenburg nimmt sie die Spitze der weit in die Bucht vorstoßenden Halbinsel ein.

Zur Linken flackern die Lichter über der schmalen Landzunge Taenia, in der Fahrtrichtung öffnet sich wie ein Tor die Einfahrt zu einem Kanal, die von zwei Festungstürmen flankiert wird. Auf der Krone der Türme rauchen Pechfeuer als Wegzeichen für die Schiffer.

Die Galeere hat Lichter gesetzt und gibt Signale; denn bei Einbruch der Dunkelheit wird die Hafeneinfahrt Karthagos, wie die der meisten Städte, durch schwere Bronzeketten gesperrt. Von den Bastionen tönen Hornrufe. Gleich darauf vernimmt Hamilkar trotz des Rauschens der gegen den Strom arbeitenden Ruder das Knarren schwerer Winden und das Platschen der Sperrketten, die sich entspannen und auf den Grund sinken. Das Schiff läuft ein.

Im unsicheren Licht von Fackeln und Laternen erkennt der heimkehrende Feldherr die Herde der dunklen Schiffsrümpfe mit ihren Masten und Rahen im Handelshafen; selbst zu dieser späten Stunde sind die Kais mit dem Knarren der Räder, dem Geschrei der Arbeiter und Matrosen erfüllt. Mit langsamem Ruderschlag steuert das Schiff durch einen zweiten Kanal zum kreisrunden Becken des Kriegshafens, in dem Dutzende von Kriegsschiffen liegen.

Die Galeere umfährt die kleine Felseninsel in der Mitte des Bassins, die das Schloss des »Sufeten der Meere« trägt. Als sie aus dem Schlagschatten dieses Gebäudes heraustritt, erblickt Hamilkar, der sich auf der Brücke mit dem Kapitän unterhält, ein furchtbares Bild. Zwischen zwei brennenden Holzstößen sind Kreuze aufgerichtet, an denen die Körper von Gerichteten hängen. Wachtposten schreiten davor auf und ab.

Als der Anker gefallen ist, lässt sich Hamilkar mit einem Beiboot an Land rudern. Allein betritt er den Boden der Heimat, die ihn mit solch grausigem Willkomm empfängt. Schaudernd erkennt er die Leichen seiner alten sizilischen Kampfgefährten, der Generäle und Admiräle, die den Römern unterlegen sind. Karthago hat Abrechnung gehalten: Soldaten werden für Siege bezahlt, für Niederlagen gekreuzigt.

Hamilkar ist Barkide - kein Fremder, kein Mietgeneral und emporgekommener Soldknecht, sondern Mitglied des ältesten Stadtadels. So wagen die Alten der Gerusia nicht, dem Heimgekehrten den Prozess zu machen. Sie entheben ihn seiner Ämter und verbannen ihn auf sein Schloss in La Marsa, dem paradiesischen Vorort der Weltstadt Karthago.

Die aus Sizilien geretteten Truppen sind nicht in Karthago sondern bei Hadrumetum, weit südlich in Libyphönikien ans Ufer gesetzt. Dort erfahren die barbarischen Horden von der Hinrichtung ihrer Anführer und der Absetzung des Feldherrn. Da wissen sie, dass es aussichtslos sein wird, von den Geizhälsen der Stadt jemals den rückständigen Sold zu erwarten und Verpflegung zu erhoffen. So helfen sie sich selbst, plündern und brandschatzen die schutzlosen afrikanischen Kolonialstädte und nehmen schließlich Marschrichtung auf die Hauptstadt selbst.

Das meuternde Söldnerheer erhält Zuzug von allen Seiten. Aus dem weiten Getreideland mit seinen fronenden Sklavenmassen, den geknechteten Kleinbauern und entwurzelten Gutsarbeitern laufen Tausende unter die Feldzeichen der rebellierenden Armee. In kurzer Zeit rücken neunzigtausend Aufrührer gegen das fast wehrlose Karthago.

Von den Höhen der Felsenburg Byrsa, die mit schweren Quadern und flachen Dächern, tempelgekrönt und turmbewehrt, über den langgestreckten Häusermassen thront, rufen dröhnende Gongs zur Staatsversammlung, Prozessionen schwanken durch die breiten Prachtstraßen. Die Einwohner ballen sich auf Plätzen und vor den prunküberladenen Tempeln, denn die Gerüchte und Nachrichten aus dem Hinterland sind erschreckend und bedrohlich.

Die Angst vor dem zuchtlosen Söldnerheer und dem Hass der aufständischen Bauern und Sklaven jagt über die Gassen und Plätze, in die Hütten und Paläste der Stadt, die 700.000 Menschen hinter ihren Mauern birgt. Zwar stehen in den Felsengewölben der Umwallung Tausende von Kriegspferden und 300 Elefanten, die Arsenale quellen über von Kriegsmaterial und trotz des verlorenen Römerkrieges sind die Kassen mit Gold gefüllt; aber Karthago hat keinen Feldherrn - es ist eine Herde ohne Leittier. Schon betrachten die Besitzer der Kontorhäuser und Warenspeicher, der Manufakturen und Werkstätten ihre Sklaven mit Misstrauen. Am Ufer des Bagradesflusses stehen die Gerbböden, wo Hunderte von Unfreien das weiche Ziegenleder bereiten, indem sie der Gerbmasse den ausgepressten Saft von Purpurschnecken zusetzen; die dort beschäftigten Arbeiter sind« an ihren roten Händen und rotfleckigen Gesichtern leicht zu erkennen. Und gar die Purpurmühlen selbst! Da waten tagaus, tagein die Sklaven bis zu den Knien im Blut zertretener Schnecken, Füße und Schenkel sind purpurn wie das köstliche Tuch, das die Herren der Byrsa tragen. Auf den kahlen, sonnendurchglühten Höhen jenseits der Mauer, nahe der Totenstadt, klappern die riesigen Treträder der Wasserpumpen. Im rollenden Käfig der Räder stampfen die kettenbehangenen Sklaven tagaus, tagein die Treppenstufen und halten durch ihr Gewicht die Maschine in Schwung. Früh endet der trostlose Weg der Tretradsklaven in Wahnsinn oder Tod. In den Hafenbaracken liegen Zehntausende von Galeerenruderern, die an Land stets gefesselt sind; auch in den Möbelwerkstätten und riesigen Lagerhallen arbeiten Sklaven, erbarmungslos angetrieben von den Lederpeitschen der Aufseher.

Wenn nicht Hilfe von außen kommt, wird keiner der Bürger Karthagos den Tag überleben, an dem sich die Entrechteten, die um ihr Dasein Betrogenen, mit den herannahenden Scharen der Meuterer vereinen! Die goldbehangenen, in kostbare Stoffe gekleideten Herren der Paläste erzittern in würgender Angst. Wenn sie aus ihren mit schwarzem Granit oder gelbem Travertin getürmten Schlössern treten und an den angeketteten Türhütern vorüberschreiten, wenn sie die Sänften besteigen, an deren Tragstangen riesige Nubier angeschlossen sind - immer und überall wittern sie Todfeinde und künftige Henker.

In dieser Not ruft die Gerusia den Barkiden aus der Verbannung zurück. Hamilkar erhält den Oberbefehl über die Stadttruppen und rückt ins Feld, seinen ehemaligen Soldaten entgegen. Nach grauenhaften, ohne Mitleid geführten Kämpfen gelingt es der Kriegskunst des Feldherrn, den Brand auszutreten. Die Disziplin straff geführter Truppen siegt über den zügellos lodernden Mut der Unterdrückten. Wieder senkt sich Friedhofsstille über Libyphönikien.

In Rom hat man die Entwicklung in Karthago mit Aufmerksamkeit verfolgt. Weite Kreise des Volkes und viele Senatoren sind mit den Friedensbedingungen keineswegs einverstanden. Man hat nach überwältigendem Sieg mehr und Dauerhafteres erhofft.

Als sich die karthagischen Söldner auf Sardinien dem Aufstand der afrikanischen Meuterer anschließen und, bedrängt von Regierungsstreitkräften, Rom um Hilfe anflehen, schickt der Senat zwei Legionen auf die Insel. Sardinien wird skrupellos zum römischen Besitz, zur zweiten Provinz, erklärt. Karthago verliert damit seinen letzten Stützpunkt im Tyrrhenischen Meer.

Nachdem Hamilkar den Aufstand in Afrika niedergeschlagen, fordert die Gerusia unter Hinweis auf das Völkerrecht die geraubte Insel Sardinien zurück. Rom benutzt diese Gelegenheit, um seine Friedensbedingungen nachträglich gewaltig zu steigern. Der Senat antwortet auf die karthagischen Ausflüchte mit einem betäubenden Schlag: er erklärt dem erschöpften Gegner erneut den Krieg; denn man weiß in Rom allzu gut, dass das geschwächte und seiner Flotte beraubte Karthago nicht in der Lage sein wird, die Herausforderung anzunehmen. Erst als Karthago sich bereit erklärt, nochmals 1200 Talente zu zahlen, zieht Rom seine Kriegserklärung zurück.

Die einst so stolze Weltstadt hat die Demütigung ohnmächtig hinnehmen müssen. Aber von nun ab brennt die Schmach des erpressten Friedens nicht nur im Herzen des hohen Adels, sondern in allen Teilen des Volkes, das die Last des Diktates vor allem zu tragen hat. Karthago verhärtet sich im Hass, am tiefsten ist Hamilkar getroffen. Niemals wird er diesen heimtückischen Schlag verzeihen, er kennt nur noch ein Ziel: Rache an Rom!

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