Tiberius' Tod

Plutarch (römischer Geschichtsschreiber, 45 - 125 n. Chr.): Tib. Gr. 16 - 20

Angesichts der drohenden Haltung seiner Gegner gaben ihm seine Freunde den Rat, sich für das folgende Jahr noch einmal um das Tribunat zu bewerben. Da suchte er die Gunst der Menge durch neue Gesetzesvorschläge zu gewinnen. So beantragte er die Herabsetzung der Militärdienstzeit; er gab dem Volk das Recht, von den Richtern an die Volksversammlung zu appellieren; die Zivilgerichtshöfe, die bisher nur aus Senatoren bestanden hatten, besetzte er mit der gleichen Anzahl Richter aus dem Ritterstand. Mit allen Mitteln suchte er jetzt den Einfluss des Senats zu brechen. Als aber seine Anhänger bei der Abstimmung merkten, dass die Gegenpartei die Majorität erhalten würde, weil nicht das ganze Volk anwesend war, nahmen sie, um Zeit zu gewinnen, ihre Zuflucht zu Schmähungen gegen die übrigen Volkstribunen. Dann hoben sie die Versammlung auf und beriefen sie für den folgenden Tag neu.

Als Tiberius am nächsten Morgen aufs Forum kam, versuchte er zunächst, in demütiger Haltung weinend um das Mitleid der Menge zu werben. Dann sprach er offen von seiner Befürchtung, seine Feinde möchten nachts in sein Haus dringen und ihn aus dem Wege räumen. Durch solche Klagen erreichte er, dass die Leute in Scharen nach seinem Haus zogen und dort die ganze Nacht im Freien als Wache kampierten... Am andern Morgen ging Tiberius aus dem Haus, als er hörte, das Volk sei auf dem Kapitol versammelt. Beim Hinausgehen stieß er sich aber so heftig an der Schwelle, dass der Nagel der großen Zehe abgerissen wurde und das Blut durch den Schuh quoll. Als er ein paar Schritte weiter gegangen war, sah man zur Linken ein paar Raben auf einem Dach miteinander kämpfen. Und obgleich doch, wie man sich denken kann, viele Menschen dort vorbeikamen, musste ausgerechnet Tiberius ein Stein vor die Füße fallen, den einer der Raben hinuntergeworfen hatte. Dieser Vorfall machte auch seine beherztesten Anhänger stutzig. (Des Tiberius Freund, der Philosoph) Blossius von Kyme aber, der mit dabei war, erklärte, es sei Sünde und Schande, wenn Tiberius, der Sohn des Gracchus und Enkel des Scipio Africanus, der Führer des römischen Volkes, aus Furcht vor einem Raben dem Rufe des Volkes nicht folgen wolle. Gleichzeitig kamen auch viele von Tiberius' Freunden, die auf dem Kapitol versammelt waren, zu ihm gelaufen und trieben ihn zur Eile an, ihre Sache stände dort gut.

Und in der Tat ließ sich anfangs für Tiberius alles günstig an. Als er endlich erschien, erhob die Menge ein Freudengeschrei, und als er die Stufen hinaufstieg, streckten sie ihm um die Wette die Hände entgegen und scharten sich um ihn, damit kein Unbe­kannter ihm nahe käme. Als aber Mummius jetzt aufs neue die Tribus zur Ab­stimmung aufrufen wollte, konnte er sich nicht mehr an die übliche Geschäftsordnung halten. Denn die hintersten gerieten in ein Drängen und Stoßen mit der Gegenpartei, die sich gewaltsam Einlass verschafft hatte und sich dazwischendrängte. Inzwischen stellte ein Mitglied des Senats, Fulvius Flaccus, sich an einen Platz, von wo ihn alle sehen konnten, und da es ihm unmöglich war, sich mit Worten verständlich zu machen, gab er mit der Hand Zeichen, er möchte Tiberius persönlich sprechen. Auf Tiberius' Geheiß musste die Menge ihm Platz machen, und mit Mühe bahnte er sich einen Weg. Endlich gelangte er zu Tiberius und berichtete ihm, in der Senatsver­sammlung hätten die Optimaten, weil sie den Konsul nicht gewinnen konnten, be­schlossen, Tiberius auf eigene Faust aus dem Wege zu räumen, und zu diesem Zweck eine bewaffnete Bande von Sklaven und Anhängern gedungen. Diese Nachricht gab Tiberius an seine Anhänger weiter: ohne Besinnen gürteten sie ihre Togen, zerbrachen die Lanzen der Polizei, mit denen sie die Menge in Schranken hält, und verteilten die Stücke unter sich, um mit ihnen die andringenden Gegner zurückzuschlagen.

Die Fernerstehenden wunderten sich, was da vor sich ging, und wollten die Ursache wissen. Da fasste Tiberius mit der Hand nach seinem Kopf, um durch dies Zeichen die drohende Gefahr anzudeuten, da sie seine Stimme nicht hören konnten. Das sahen seine Gegner und rannten in den Senat mit der Nachricht, Tiberius verlange die Königskrone; denn das bedeute es, wenn er seinen Kopf berührt habe. Es entstand ein allgemeiner Aufruhr, und (Publius) Nasica beschwor den Konsul, den Staat zu retten und den Tyrannen zu vernichten. Der Konsul erwiderte gelassen, er denke nicht daran, Gewalt anzuwenden und einen römischen Bürger ohne Urteil zu töten. Sollte freilich Tiberius das Volk überreden oder zwingen, etwas gegen das Gesetz zu beschließen, so werde er das niemals als gültig anerkennen. Da sprang Nasica auf: ,,Da es nun so steht, dass der höchste Beamte Roms an der Stadt zum Verräter wird, so folgt mir alle, die ihr Hüter und Wahrer der Gesetze sein wollt." Bei diesen Worten zog er die Toga von hinten auf den Kopf und eilte auf das Kapitol. Alle, die ihm folgten, schlugen ihre Toga um den linken Arm und drängten zurück, was ihnen in den Weg kam. Niemand wagte den hohen Würdenträgern des Staates Widerstand zu leisten: sie rannten davon und stolperten in der Eile übereinander. Die Begleiter der Senatoren hatten schon Keulen und Knüppel von Hause mitge­bracht. Die Senatoren selbst aber nahmen Stücke und Beine von den Senatssesseln, die das zurückweichende Volk zerschlagen hatte, und gingen damit auf Tiberius los, hieben auch auf die Leute ein, die ihn zu decken suchten. Die ergriffen die Flucht oder wurden niedergehauen. Als Tiberius selbst fliehen wollte, hielt man ihn am Gewand fest. Da ließ er die Toga fahren und lief in der Tunika davon, kam aber zu Fall und stürzte über einige Leichen, die im Weg lagen. Als er sich wieder aufrichten wollte, schlug ihn einer seiner Kollegen, Publius Satureius, vor aller Augen mit einem Stuhlbein über den Kopf. Mit dem zweiten Schlag prahlte Lucius Rufus, als wenn er sich einer Heldentat rühmte. Von Tiberius' Anhängern fielen dreihundert. Mit Steinen und Knüppeln waren sie zusammengehauen, keiner durchs Schwert gefallen. Seit dem Sturz der Königsherrschaft soll das in Rom der erste Aufstand gewesen sein, der durch Bürgermord und Bürgerblut entschieden wurde. Sonst pflegte man Zwistigkeiten gütlich und friedlich beizulegen. Auch diesmal hätte man wohl unschwer Tiberius zum Nachgeben bewegen können, und er selbst hätte umso leichter nachgegeben, wenn man ihn nicht mit Mord und Totschlag bedroht hätte; denn er hatte nicht mehr als dreitausend Anhänger bei sich. Es scheint auch, als wenn mehr Zorn und Hass der Optimaten [Adleligen] die Ursache der Verschwörung gegen ihn gewesen wären als die Gründe, die man vorschützte. Davon zeugt die unmenschlich rohe Behandlung des Leichnams deutlich genug; denn als sein Bruder bat, ihn mitnehmen und heimlich bei Nacht bestatten zu dürfen, schlug man es ihm ab und warf den Toten mit den anderen Leichen in den Tiber. Damit nicht genug: einige seiner Anhänger wurden ohne weitere Untersuchung in die Verbannung geschickt, andere, deren man habhaft werden konnte, ergriffen und hingerichtet...

Blossius von Kyme wurde vor die Konsuln geführt, und als man ihn über die Vor­fälle ausfragte, gestand er, dass er alles auf Tiberius' Geheiß getan habe. Als ihn darauf Nasica fragte: „Wenn Tiberius dir nun aber aufgetragen hätte, das Kapitol in Brand zu stecken?", wich Blossius anfangs der Frage aus: niemals würde Tiberius derartiges von ihm verlangt haben. Als man aber immer wieder dieselbe Frage an ihn richtete, sagte er: ,,Nun denn, wenn er mir's befohlen hätte, so wäre es meine Pflicht gewesen, auch das zu tun. Denn Tiberius hätte mir den Befehl nicht gegeben, wenn er nicht zum Besten des Volkes gewesen wäre." So musste man ihn freisprechen.

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