Troja: Schliemanns Ausgrabungen

Aus: Heinrich Schliemann, Selbstbiographie, hrsg. von Sophie Schliemann, 2. Auflage, 1936

Frühe Klindheit

Ich wurde am 6. Januar 1822 in dem Städtchen Neu-Buckow in Mecklenburg-Schwe­rin geboren, wo mein Vater... protestantischer Prediger war und von wo er im Jahre 1823 in derselben Eigenschaft an die Pfarre von Ankershagen berufen wurde. In diesem Dorfe verbrachte ich die acht folgenden Jahre meines Lebens, und die in meiner Natur begründete Neigung für alles Geheimnisvolle und Wunderbare wurde durch die Wunder, welche jener Ort enthielt, zu einer wahren Leidenschaft ent­flammt.

In unserem Gartenhause sollte der Geist von meines Vaters Vorgänger... „umgehen"; und dicht hinter unserm Garten befand sich ein kleiner Teich, das so genannte „Silberschälchen", dem um Mitternacht eine gespenstische Jungfrau, die eine silberne Schale trug, entsteigen sollte.

Außerdem hatte das Dorf einen kleinen, von einem Grab umzogenen Hügel auf zu­weisen, wahrscheinlich ein Grab aus heidnischer Vorzeit, ein so genanntes Hünengrab, in dem der Sage nach ein alter Raubritter sein Lieblingskind in einer goldenen Wiege begraben hatte. Ungeheure Schätze aber sollten neben den Ruinen eines alten runden Turms in dem Garten des Gutseigentümers verborgen liegen; mein Glaube an das Vorhandensein aller dieser Schätze war so fest, dass ich jedes Mal, wenn ich meinen Vater über seine Geldverlegenheiten klagen hörte, verwundert fragte, weshalb er denn nicht die silberne Schale oder die goldene Wiege ausgraben und sich dadurch reich machen wollte?... Oft erzählte er mir mit warmer Begeisterung von dem tragischen Untergange von Herkulanum und Pompeji und schien denjenigen für den glücklich­sten Menschen zu halten, der Mittel und Zeit genug hätte, die Ausgrabungen, die dort vorgenommen wurden, zu besuchen. Oft auch erzählte er mir bewundernd die Taten der Homerischen Helden und die Ereignisse des Trojanischen Krieges, und stets fand er dann in mir einen eifrigen Verfechter der Sache Trojas. Mit Betrübnis vernahm ich von ihm, dass Troja so gänzlich zerstört worden, dass es ohne eine Spur zu hinterlassen vom Erdboden verschwunden sei. Aber als er mir, dem damals beinahe achtjährigen Knaben, zum Weihnachtsfeste 1829 Dr. Georg Ludwig Jerrers „Weltgeschichte für Kinder" schenkte, und ich in dem Buche eine Abbildung des brennenden Troja fand, mit seinen ungeheuren Mauern und dem Skäischen Tore, dem fliehenden Äneas, der den Vater Anchises auf dem Rücken trägt und den kleinen Askanios an der Hand führt, da rief ich voller Freude: „Vater, du hast dich geirrt! Jerrer muss Troja gesehen haben, er hätte es ja sonst hier nicht abbilden können". - „Mein Sohn", antwortete er, „das ist nur ein erfundenes Bild". Aber auf meine Frage, ob denn das alte Troja einst wirklich so starke Mauern gehabt habe, wie sie auf jenem Bilde dargestellt waren, bejahte er dies. „Vater", sagte ich darauf, „wenn solche Mauern einmal dagewesen sind, so können sie nicht ganz vernichtet sein, sondern sind wohl unter dem Staub und Schutt von Jahrhunderten verborgen". Nun behauptete er wohl das Gegenteil, aber ich blieb fest bei meiner Ansicht, und endlich kamen wir überein, dass ich der­einst Troja ausgraben sollte.

 

Lehr- und Kaufmannsjahre

Mit 14 Jahren verließ Schliemann die Realschule, weil die Familie ein schweres Unglück getroffen hatte und die Mittel nicht ausgereicht hätten, um weitere Schul- oder gar Universitätsjahre zu finanzieren.

Fünfundeinhalbes Jahr diente ich in dem kleinen Krämerladen in Fürstenberg. . . Meine Tätigkeit bestand in dem Einzelverkauf von Heringen, Butter, Kartoffel­branntwein, Milch, Salz, Kaffee, Zucker, Öl, Talglichtern usw., in dem Mahlen der Kartoffeln für die Brennerei, in dem Ausfegen des Ladens und ähnlichen Dingen... Von 5 Uhr morgens bis 11 Uhr abends war ich in dieser Weise beschäftigt, und mir blieb kein freier Augenblick zum Studieren. Überdies vergaß ich das Wenige, was ich in meiner Kindheit gelernt hatte, nur zu schnell, aber die Liebe zur Wissenschaft ver­lor ich trotzdem nicht..., und so wird mir auch, solange ich lebe, jener Abend unvergesslich bleiben, an dem ein betrunkener Müller, Hermann Niederhöffer, in unsern Laden kam. Er war der Sohn eines protestantischen Predigers in Röbel (Mecklenburg) und hatte seine Studien auf dem Gymnasium in Neuruppin beinahe vollendet, als er wegen schlechten Betragens aus der Anstalt verwiesen wurde. Sein Vater übergab ihn dem Müller... in Güstrow als Lehrling; hier blieb er zwei Jahre und wanderte danach als Müllergesell. Mit seinem Schicksal unzufrieden, hatte der junge Mann leider schon bald sich dem Trunke ergeben, dabei jedoch seinen Homer nicht vergessen; denn an dem oben erwähnten Abend rezitierte er uns nicht weniger als hundert Verse dieses Dichters und skandierte sie mit vollem Pathos. Obgleich ich kein Wort davon ver­stand, machte doch die melodische Sprache den tiefsten Eindruck auf mich, und heiße Tränen entlockte sie mir über mein unglückliches Geschick. Dreimal musste er mir die göttlichen Verse wiederholen, und ich bezahlte ihn dafür mit drei Gläsern Branntwein, für die ich die wenigen Pfennige, die gerade mein ganzes Vermögen ausmachten, gern hingab. Von jenem Augenblick an hörte ich nicht auf, Gott zu bitten, dass er in seiner Gnade mir das Glück gewähren möge, einmal Griechisch lernen zu dürfen.

Weitere Stationen: Krankheit, Hamburg, als Kajütenjunge auf dem Wege nach Venezuela in Seenot, Amsterdam. Dort lernte er - durch eine eigene Methode des Auswendiglernens -in kürzester Zeit drei Fremdsprachen: Englisch, Französisch und Russisch, die er je nach sechs Monaten hervorragend in Wort und Schrift beherrschte. Die Kenntnis des Russi­schen öffnete ihm den Weg zu einer Tätigkeit als selbständiger Kaufmann in Russland, die ihn zu großem Reichtum führte. 1847 war er bereits Mitglied der Gilde der Groß­händler. Auf einer Reise nach Amerika befand er sich an dem Tage in Kalifornien, als dieses zum Staat erhoben wurde (4. Juli 1850). So wurde er, da alle an jenem Tage im Lande sich Aufhaltenden ipso facto naturalisierte Amerikaner wurden, Bürger der Ver­einigten Staaten.

Er lernte weitere Fremdsprachen: Schwedisch und Polnisch (1854), Griechisch (1856), Lateinisch, dessen Anfänge er schon in der Schule kennen gelernt hatte (1858), und unternahm große Reisen, die ihn nach Schweden, Dänemark, Deutschland, Italien, Ägypten (wo er Arabisch lernte), Jerusalem, Syrien und Griechenland führten. 1863 war er so reich geworden, dass er sich von den Geschäften zurückziehen konnte. An­schließend unternahm er eine Weltreise.

 

Ithaka, Troja, Mykenä, Tiryns

Endlich war es mir möglich, den Traum meines Lebens zu verwirklichen, den Schau­platz der Ereignisse, die für mich ein so tiefes Interesse gehabt, und das Vaterland der Helden, deren Abenteuer meine Kindheit entzückt und getröstet hatten, in erwünsch­ter Muße zu besuchen. So brach ich im April 1868 auf und ging über Rom und Neapel nach Korfu, Kephalonia und Ithaka, welches letztere ich gründlich durchforschte. Bald kam ich auf dem Felde des Laertes an, wo ich mich niedersetzte, um auszuruhen und den 24. Gesang der Odyssee zu lesen. Die Ankunft eines Fremden ist schon in der Hauptstadt von Ithaka ein Ereignis; wie viel mehr noch auf dem Lande. Kaum hatte ich mich gesetzt, so drängten sich die Dorfbewohner um mich und überhäuften mich mit Fragen. Ich hielt es für das Klügste, ihnen den 24. Gesang der Odyssee vom 205. bis 412. Vers laut vorzulesen und Wort für Wort in ihren Dialekt zu übersetzen. Gren­zenlos war ihre Begeisterung, als sie in der wohlklingenden Sprache Homers, in der Sprache ihrer glorreichen Vorfahren vor 3000 Jahren, die schrecklichen Leiden erzählen hörten, welche der alte König Laertes gerade an der Stelle erduldet hatte, wo wir versammelt waren, und bei der Schilderung seiner hohen Freude, als er an dem­selben Orte nach zwanzigjähriger Trennung seinen geliebten Sohn Odysseus, den er für tot gehalten hatte, wiederfand. Aller Augen schwammen in Tränen, und als ich meine Vorlesung beendet hatte, kamen Männer, Frauen und Kinder alle an mich heran und umarmten mich mit den Worten (in Übersetzung): „Du hast uns eine große Freude gemacht, wir danken dir tausendmal." Man trug mich im Triumph ins Dorf, wo alle miteinander wetteiferten, mir ihre Gastfreundschaft in reichstem Maße zuteil werden zu lassen, ohne die geringste Entschädigung dafür annehmen zu wollen. Man wollte mich nicht eher abreisen lassen, als bis ich einen zweiten Besuch im Dorfe ver­sprochen hatte.

Am 11. Oktober 1871 eröffnete Schliemann die erste seiner vier Ausgrabungsperioden auf dem Hügel von Hissarlik auf der Suche nach dem verschollenen Troja.

Als den Platz, wo Troja - wenn überhaupt - gestanden haben könnte, bezeichneten die meisten der zeitgenössischen Gelehrten das damalige kleine Dörfchen Bunarbashi, das sich nur dadurch auszeichnete, dass es (selbst heute noch) auf jedem seiner Häuser bis zu zwölf Storchennester trug. Es befanden sich zwei Quellen dort, die die wage­mutigen Archäologen zu der Ansicht trieben, dass hier eventuell das alte Troja gestan­den haben könne.

„Und sie erreichten die zwo schönsprudelnden Quellen, woher sich beide Bach' ergießen des wirbelnden Skamandros. Eine rinnt beständig mit warmer Flut, und unter ihr wallt aufsteigender Dampf, wie der Rauch des brennenden Feuers; aber die andere fließt im Sommer auch kalt wie der Hagel oder des Winters Schnee und gefrorene Schollen des Eises."

So heißt es bei Homer, im XXII. Gesang der Dias, Vers 147-162. Schliemann mietete sich für 45 Piaster einen Führer, bestieg ein Pferd ohne Zaum und Sattel und warf den ersten Blick auf das Land seines Knabentraums.

„Ich gestehe, dass ich meine Rührung kaum bewältigen konnte, als ich die ungeheure Ebene von Troja vor mir sah, deren Bild mir schon in den Träumen meiner ersten Kindheit vorgeschwebt hatte." Dieser erste Blick aber sagte ihm schon, dass dies nicht Trojas Stätte sein konnte.

Bunarbashi lag drei Stunden von der Küste entfernt, während im Homer stand, dass die Griechen täglich mehrere Male von ihren Schiffen zur Burg zu laufen imstande waren. Mit der Uhr in der einen Hand und mit seinem Homer in der anderen ging er den Weg hinab zum Meer und durchdachte noch einmal den ersten Tag des trojanischen Kampfes, wie ihn Homer vom 2. bis zum 7. Gesang schildert. Wäre Bunarbashi der Ort, dann hätten die Griechen in 9 Stunden des Kampfes nicht weniger als 84 km bewältigt haben müssen. Das war unmöglich!

Er verfolgte auch nach Homers Schilderung den Kampf des Achilles gegen Hektor, wie Hektor vor dem „mutigen Renner" entfloh und sie „also kreiseten dreimal um Priamos' Feste" und „alle Götter schaueten zu". Er fand einen Abhang, der so steil war, dass er auf allen Vieren rückwärts hinabkriechen musste, und hier sollten seine Helden dreimal „in eilendem Laufe" hinabgerannt sein?

Auch nach den zwei Quellen des Homer suchte er hier. Auf einem Raum von 500 Metern fand er deren vierunddreißig und sein Führer behauptete gar, es seien ihrer vierzig, weshalb dieser Ort „Kirk Giös", d. h. „Die vierzig Augen" genannt werde. Er maß auch die Tempe­ratur der Quellen und stellte fest, dass sie alle die gleiche Temperatur von siebzehneinhalb Grad anzeigten.

Nirgends fand er hier Ruinen oder Tonscherben. Diese jedoch fand er anderswo zwischen den Ruinen von Neu-Ilium, jetzt Hissarlik geheißen, was soviel wie „Palast" bedeutet. Es lag zweieinhalb Stunden nördlich von Bunarbashi.

Was sprach für den Hügel von Hissarlik? Er war nur eine Stunde von der Küste ent­fernt. Die Abhänge waren flach und Hektor und Achill hatten - das hielt er für möglich -15 km zurücklegen müssen, wenn sie dreimal um die Stadt gelaufen waren. Nur mit den Quellen Homers wollte es nicht stimmen, denn er fand überhaupt keine Quelle. Aber der amerikanische Vizekonsul Frank Calvert, dem ein Teil des Hügels gehörte, kam ihm hier zu Hilfe: Quellen waren hier, wie Calvert selbst festgestellt hatte, in dem vulkanischen Gestein verschwunden und wieder erschienen. Und dann gab es die vielen Berichte antiker Schriftsteller: Xerxes, so berichtete Herodot, war in Neu-Ilium gewesen, hatte die Reste von „Priamos' Pergamos" besichtigt und der ilischen Minerva tausend Rinder geopfert. Alexander hatte Waffen aus Troja mitgenommen, die seine Leibwache als glückbringende Zeichen im Kampfe vor sich hertrug. Cäsar hatte viel für Ilium Novum getan, aus Bewunderung für Alexander und weil er an seine Verwandtschaft mit den Iliern glaubte. Beweise über Beweise! Aber es bedurfte eines genialen Blicks und eines ungeheuren Glaubens an die Existenz von Troja, um es hier zu finden. Schliemann schreibt:

.. .so will ich hinzufügen, dass man, sowie man den Fuß auf die trojanische Ebene setzt, sofort beim Anblick des schönen Hügels von Hissarlik von Erstaunen ergriffen wird, der von Natur dazu bestimmt zu sein scheint, eine große Stadt mit ihrer Zita­delle zu tragen. In der Tat würde diese Stellung, wenn sie gut befestigt wäre, die ganze Ebene von Troja beherrschen, und in der ganzen Landschaft ist kein Punkt, der mit diesem verglichen werden kann... Von Hissarlik aus sieht man auch den Ida, von dessen Gipfel Jupiter die Stadt Troja überschaute!

Die Schwierigkeiten vermehrten nur mein Verlangen, das endlich vor mir liegende Ziel zu erreichen und zu beweisen, dass die Ilias auf Tatsachen beruht und dass der großen griechischen Nation diese Krone ihres Ruhms nicht genommen werden darf. Keine Mühe will ich sparen, keine Kosten will ich scheuen, dahin zu kommen. Während wir an dieser Umfassungsmauer vordrangen (es war im Jahre 1873) und immer mehr von ihr aufdeckten, traf ich dicht neben dem alten Hause, etwas nord­westlich von dem Tore, auf einen großen kupfernen Gegenstand von sehr merkwürdiger Form, der sogleich meine ganze Aufmerksamkeit um so mehr auf sich zog, als ich glaubte, Gold dahinter schimmern zu sehen... Wollte ich den wertvollen Fund für die Altertumswissenschaft retten, so war es zunächst geboten, ihn mit größter Eile und Vorsicht vor der Habgier meiner Arbeiter in Sicherheit zu bringen: deshalb ließ ich denn, obgleich es noch nicht die Zeit der Frühstückspause war, unverzüglich zur Pause rufen. Während nun meine Leute durch Ausruhen und Essen in Anspruch ge­nommen waren, löste ich den Schatz mit einem großen Messer aus seiner steinharten Umgebung, ein Unternehmen, das die größte Anstrengung erforderte und zugleich in höchstem Maße lebensgefährlich war, denn die große Befestigungsmauer, unter welcher ich graben musste, drohte jeden Augenblick auf mich herabzustürzen. Aber der Anblick so zahlreicher Gegenstände, deren jeder einzelne für die Archäologie von unschätzbarem Werte sein musste, machte mich tollkühn und ließ mich an die Gefahr gar nicht denken. Doch würde trotzdem die Fortschaffung des Schatzes mir nicht geglückt sein, wenn nicht meine Gattin mir dabei behilflich gewesen wäre; sie stand, während ich arbeitete, neben mir, immer bereit, die von mir ausgegrabenen Gegen­stände in ihren Schal zu packen und fortzutragen.

Pfundschwere goldene Becher, große silberne Kannen, goldene Diademe, Armbänder, Halsketten, aus Tausenden von Goldplättchen mühsam zusammengeheftet, das konnte nur der prunkhafte Besitz eines mächtigen Herrschers über dieses Land gewesen sein. Kaum je sind Träume einer phantasievollen Jugend so glänzend erfüllt worden. Was sein Homer besungen, das meinte der Entdecker nach jahrelangem Trachten jetzt mit Händen zu greifen. Er hatte in Priamos stolzer Feste geweilt, Schätze des unglücklichen Königs nannte er nun sein eigen.

Ausgezogen war Schliemann, um das homerische Troja zu finden, und im Laufe der Tage fanden er und seine Mitarbeiter nicht weniger als sieben versunkene Städte, spä­ter noch zwei weitere! Neun Blicke in eine Vorwelt, von der die Welt nichts geahnt hatte und nichts gewusst!

Welche dieser neun Städte aber war das Troja Homers, das Troja der Helden und des heroischsten Kampfes? Klar war, dass die unterste Schicht die prähistorische war, die älteste, so alt, dass den Bewohnern der Gebrauch des Metalls noch unbekannt war, und dass die oberste Schicht die jüngste sein musste, die Reste des neuen Iliums ber­gend, in dem Xerxes und Alexander geopfert hatten.

Schliemann grub und suchte. Und er fand in der zweiten und dritten Schicht von unten Brandspuren, er fand Reste gewaltiger Wälle und die Trümmer eines riesigen Tors. Und er war gewiss: Diese Wälle umschlossen Priamos' Palast, und dies Tor war das Skäische!

Kurz vor seinem Tode erst wurde bewiesen, dass er sich hatte irreführen lassen vom Rausch seiner Begeisterung, dass Troja nicht in der zweiten und nicht in der dritten Schicht von unten, sondern in der sechsten Schicht von unten lag, und dass der Schatz der eines Königs war, tausend Jahre älter als Priamos.

1874 begann Schliemann mit Grabungen in Mykenä. Dass dies die Gräber einer Herrscherfamilie waren, daran konnte der Glanz ihrer Ausstattung keinen Augenblick einen Zweifel lassen. Goldene Masken, welche die Züge der Verstorbenen nachbildeten, lagen über dem Antlitz der Männer, goldene Platten, reich mit Spiralen ver­ziert, deckten die Brust. Überladen mit Gold waren die Gewänder der Frauen, denn in einem Grabe, in welchem ihrer drei bestattet waren, wurden an 700 etwa fingerlange, reichgemusterte Goldplatten aufgefunden, welche, Schuppen gleich, die Kleider der fürstlichen Damen geschmückt haben müssen. Dazu hatten sie goldene Armspangen und Ohrgehänge und mächtige Diademe getragen, auch diese wieder mit mannig­faltigem Zierrat. In ihrem Haar lagen große Nadeln mit Knöpfen aus Bergkristall und kostbarem Glas, und den Hals umgaben Mengen von Gemmen, in welche viel merkwürdige Tierdarstellungen und Szenen aus dem Leben der Herrscher eingeschnit­ten waren. Aber damit, dass sie den Leichen das stolzeste Prachtgewand anlegten, ließen es die Hinterbliebenen nicht genug sein. Denn nicht nur vornehm in seiner Erscheinung sollte der verstorbene König ins Totenreich einziehen; man gab ihm auch mit, was er dort drüben zum künftigen Leben nötig hatte: kostbare Salben und Öl enthielten die irdenen, bronzenen, silbernen Krüge, die zu dem Leichnam gestellt wurden, silberne und goldene Becher, sein goldumsponnenes Zepter, seine kunstvoll mit Silber und Gold eingelegten Schwerter an goldenen Wehrgehängen ge­leiteten den Herrscher ins Grab. Und die Fürstinnen nahmen mit sich goldene Käst­chen und Büchschen und die goldene Waage, ein noch nicht erklärtes Symbol. Zum zweiten Mal hatte die Begeisterung, der Glaube an Homer zu einer Entdeckung ohnegleichen geführt. Auch in Troja hatte Schliemann königliche Schätze aus kost­barem Metall gefunden, aber wie kunstlos erschienen sie gegenüber dem Formenreich­tum von Mykenä!

Im November 1876 telegraphierte er an Georg, König der Hellenen: „Mit größter Freude teile ich Eurer Majestät mit, daß ich die Gräber entdeckt habe, welche die Tradition, die Pausanias wiedergibt, als die Gräber des Agamemnon, der Kassandra, des Eurymedon und ihrer Gefährten bezeichnet, alle getötet während der Mahlzeit durch Klytemnästra und ihren Liebhaber Ägisth".

Kein Zweifel überkam ihn, und doch war, wie wir heute wissen, seine Theorie falsch. Ja, Königsgräber hatte er unter der Agora gefunden, aber nicht die Agamemnons und seiner Gefährten, sondern Gräber, die höchstwahrscheinlich mehr als vierhundert Jahre älter waren.

 

1884 begann er in Tiryns zu graben:

Das Mauerwerk der tirynischen Mauer lag bloß; eine Feuersbrunst hatte die Steine zu Kalk und den sie verbindenden Lehm zu wirklichen Ziegeln gebrannt; die Archäolo­gen hielten diese Mauern für Reste aus dem Mittelalter, und griechische Reiseführer erklärten, dass in Tiryns nichts Besonderes zu sehen sei.

Schliemann verließ sich auf seine alten Schriftsteller und begann mit solchem Eifer zu graben, dass er die Kümmelpflanzung eines Bauern aus Kophinion zerstörte und 275 Franken Strafe zahlen musste.

In Tiryns sollte Herakles geboren sein. Die zyklopischen Mauern galten dem Altertum als Wunderwerk. Pausanias stellte sie den ägyptischen Pyramiden gleich. Proitos, hieß es, sagenhafter König von Tiryns, hatte sich sieben Zyklopen kommen lassen, die ihm diese Mauern fügten, die dann auch noch anderswo gebaut wurden, in Mykenä vor allem, so dass Euripides die ganze Argolis „das zyklopische Land" nannte. Schliemann grub und fand die Grundmauern eines Palastes, der alle bisher gefundenen übertraf und der einen überwältigenden Eindruck gab von jenem prähistorischen Volke, das ihn gebaut und dessen Könige in ihm gelebt hatten. Einer Bergfeste gleich erhob sich die Burg auf einem Felsen von Kalkstein. Aus Blöcken von zwei bis drei Meter Länge, einem Meter Höhe und einem Meter Dicke waren ihre Mauern gefügt. Ihre Gesamtstärke betrug in der Unterburg, die nur Wirtschafts­räume und Stallungen barg, sieben bis acht Meter, in der Oberburg, in der der Herr­scher gewohnt, bis zu elf Meter bei einer Höhe von insgesamt sechzehn Meter! Welch einen Anblick muss das Innere geboten haben, als es bevölkert war von waffen­klirrenden Kriegern. Nichts hatte man bis dahin gewusst von dem Plan dieser homeri­schen Paläste (der Palast von Mykenä wurde erst später ausgegraben), nichts war erhalten geblieben vom Palast des Menelaos, des Odysseus und anderer Herrscher; selbst die Reste von Troja, von Priamos' Burg, ließen die Anlage nicht mehr erkennen. Hier aber trat unterm forschenden Spaten ein homerischer Palast1) klar zutage. Hier waren die Säulenhallen und Säle, hier der Männerhof mit Altar, das stattliche Megaron mit Vorsaal und Vorhalle, hier war noch das Badezimmer zu erkennen (dessen Fuß­boden durch einen einzigen Kalksteinblock von 20.000 Kilogramm Gewicht gebildet wurde), wo sich Homers Helden gebadet und gesalbt hatten. Hier erstand unter Schliemanns Spaten ein Bild, wie es uns die „Odyssee" von der Heimkehr des Listenreichen entwirft, vom Gelage der Freier und vom Blutbad im großen Saal.

Der Plan, auf Kreta zu graben, ganz besonders bei Knossos, begleitete Schliemann bis zur letzten Stunde. Da, wo viel Schutt war, bestand Aussicht viel zu finden. Ein Jahr vor seinem Tode schrieb er: „Ich möchte die Arbeiten meines Lebens mit einem großen Werk schließen, nämlich mit der Ausgrabung des uralten, prähistorischen Pala­stes der Könige von Knossos in Kreta, den ich vor drei Jahren entdeckt zu haben glau­be". Aber die Widerstände waren groß. Zwar hatte er einen Erlaubnisschein des Gou­verneurs von Kreta. Aber der Besitzer des Hügels war Gegner jedes „Buddeins" und verlangte den irrsinnigen Preis von 100.000 Franken, für den er allein geneigt war, das Grundstück zu verkaufen. Schliemann handelte, drückte den Preis auf 40.000 herab. Als er nach einer Reise wiederkam, um den Abschluss perfekt zu machen, zählte er die Olivenbäume seines neuen Besitzes und entdeckte, dass das Gelände anders als verab­redet abgesteckt war und dass ihm jetzt nur noch 888 statt 2500 Bäume bleiben würden. Da trat er zurück.

 

Nachspiel

Wie ein Dieb hatte einst Schliemann seinen Schatz vor dem Zugriff der Behörden gesichert und versteckt. Nach vielen Umwegen waren wichtige Stücke seiner Samm­lung aus Troja und Mykenä schließlich im Berliner Museum für Früh- und Vorge­schichte gelandet. Jahrzehntelang ruhten die Schätze dort und überstanden einen großen Krieg. Dann kam der zweite große Krieg; dann fielen Bomben. Ein Teil der Sammlung blieb verschont und wurde, um weiteres Unheil zu verhüten, in ein kleines, abseitiges Dorf geschafft. Die Wissenschaftler, die den Transport geleitet hatten, reisten wieder ab. Es kam der deutsche Zusammenbruch, Not, Tod, Flucht. Die über­lebenden Einwohner ahnten nicht, worum es sich handelte, als sie viele Kisten mit Vasen, Krügen und Schalen fanden. Neues Leben begann sich in dem Dorf zu regen. Und wenn jemand heiratete, so zogen die jungen Burschen am Polterabend los, holten eine Schubkarre voller Urnen und Amphoren, unersetzliche Stücke, und zerschellten sie unter fröhlichem Geschrei auf der Schwelle des Brautpaares!

Seit 1946 gibt es in Berlin ein Amt, dessen spezielle Aufgabe es ist, die verlagerten, verschwundenen und unter den Trümmern brennend zusammengestürzter Museen verschütteten Kunstgegenstände wieder aufzuspüren.

So wird Troja, sechsundfünfzig Jahre nach Schliemanns Tod, in Deutschland zum zweiten Mal ausgegraben.

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