Solon (640 - 560 v. Chr)

Solon ist der erste griechische Staatsmann, dessen Leben und Absichten wir näher kennen. Angesichts der ansonsten spärlichen und unsicheren Überlieferung zu den griechischen Staatsmännern sind die erhaltenen Zeugnisse von Solons Wirken vergleichsweise reichhaltig.

Er sah deutlich, dass die eigentliche Bedrohung seiner Stadt nicht in einer göttlichen Vorsehung, sondern in der Habgier seiner eigenen Bürger. Solon stammte aus vornehmem Geschlechte, aber aus bescheidenen Ver­hältnissen. Er wurde Kaufmann und holte sich auf weiten Fahrten reiche Erfahrung und Kenntnis fremder Länder.

 

Amt des Archon mit unbeschränkter Vollmacht

Für das Jahr 594/93 v. Chr. wählten die Athener Solon zum Archon mit unbeschränkter Vollmacht. Er sollte die Gegensätze in der Bür­gerschaft ausgleichen und eine neue Verfassung schaffen. Das war nicht einfach, da der Adel nichts von seinen wirtschaftlichen und politischen Privilegien verlieren wollte. Auch der Neuaufteilung des Bodens traten sie energisch entgegen.

Solons Menschenkenntnis und sein Gefühl für das Leid der arbeitenden Bevölkerung ließen ihn mutig allen übersteigerten Forderungen entgegentreten.

Sein erster Schritt bestand darin, alle auf dem Grundbesitz liegenden Schulden aufzuheben. Des Weiteren wurden alle Menschen, die durch Verschuldung in Sklaverei geraten waren, wiederum freigelassen. Von einer Neuaufteilung des Bodens nahm er Abstand und beließ den Besitzern alle Ländereien, auf die sie gerechten Anspruch hatten. Er verbat jedoch den Großgrundbesitzern, Land und Boden über eine gewisse Mengen zu erwerben. Damit wollte er verhindern, dass sich zu viel Besitz in der Hand Weniger vereinigte. Damit sicherte er den Fortbestand des Bauern­tums und führte es aus der privaten Willkür der Adeligen heraus. Auch übertrug er die Entscheidung in wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen dem Staate und bahnte dadurch einer neuen Auffassung vom Rechtsstaat zum ersten Mal den Weg. Solon legte damit den Grund zur späteren Großmachtpolitik Athens.

 

Vier Klassen

Bei der Verfassungsreform wollte er die früheren Verhältnisse beachten. Allerdings stufte er die Rechte und Pflich­ten nach dem Besitz und nicht nach der Geburt ab. Dadurch teilte er die Bürger in vier Klassen ein. Eine Timokratie entstand. Mit diesem Namen bezeichnete der Grieche jene Staatsform, bei der die politischen Rechte und Pflichten nach dem Vermögen bemessen wurden. Die vier Klassen umfassten

  1. die Großgrundbesitzer; 
  2. die Ritter, die zu Pferd ihren Kriegsdienst leisteten; 
  3. die Zeugiten, die als Hopliten in eigener Waffenrüstung kämpften; und 
  4. die Theten, die Arbeiter, die vom Kriegsdienst befreit waren, nur als Ruderknechte Verwendung fanden, keine Steuern zahlten und außer dem Recht der Teilnahme an den Volksversammlungen und den Gerichten keinen Zugang zu einem Ehrenamt hatten.

 

Neun Archonten

An der Spitze des Staates standen weiterhin die neun Archonten, die aus der ersten Klasse gewählt wurden. Neben den Areopag, den obersten Gerichtshof, trat ein Rat von Vierhundert, die aus den ersten drei Klassen für ein Jahr gewählt wurden und mindestens ein Alter von dreißig Jahren erreicht haben mussten. Die Volks­versammlung bestand aus allen Bürgern über zwanzig Jahre und hatte die gleichen Rechte wie früher. Eine große Befugnis der Volksversammlung bestand darin, dass sie jederzeit die Archonten zur Verantwortung ziehen und bestrafen konnte. Wenn deren Amtszeit zu Ende ging, überprüfte die Volksversammlung die Tätigkeit während des abgelaufenen Amtsjahres und entschied über den Übertritt in den Areopag.

 

Währung

Solon führte eine Währungsreform durch. Athen wurde dadurch von seiner gefährlichen Nachbarin Ägina unabhängiger. Auch erleichterte er mit der neuen Währung den Warenverkehr nach dem Osten. Zur Förderung von Gewerbe und Handel erhielt das Volk das Recht der Gewerbefreiheit, das Recht, sich zu Genossenschaften zusammenzuschließen und Berufs­interessen gemeinsam zu vertreten. Die Fremden erhielten in Athen günstigere Bedingungen als anderswo in Griechenland, und die Bürgerrechtsverleihung wurde ihnen erleichtert. Die Ausfuhr von Bodenprodukten wurde mit Ausnahme des Olivenöls aufs strengste verboten. Die Inlandspreise sollten gesenkt werden.

 

Verbot andauernden Müßiggangs

Im Bereich des persönlichen Lebens verbot Solon den dauernden Müßiggang, ausschweifende Lebenshaltung, übertriebenen Luxus bei Festlich­keiten, Opfern und Begräbnissen, die üble Nachrede und den bösen Klatsch. Der Privatbesitz wurde gesichert; hatte der Verstorbene Söhne, so musste er seine Güter beim Tode unter sie verteilen. Seit Solon verankert in Athen das Recht der letztwilligen Verfügung und der gesetzlichen Voll­ziehung des Testamentes.

 

Die Jugend

Besondere Betreuung im solonischen Athen galt der Erziehung der Ju­gend. Die Kinder aller Bürger wurden im Lesen und Schreiben sowie in der Musik unterrichtet, sie wurden angehalten, die großen Dichtungen auswendig zu lernen und sie zum Saitenspiel zu singen. Solon verordnete, dass bei Festlichkeiten die Homerischen Gedichte in geregelter Reihenfolge nach der schriftlich überlieferten Grundlage vorzutragen seien, um willkür­liche Änderungen und Erweiterungen zu verhindern. Zu der geistigen Erziehung kam die körperliche Ausbildung in den Ringschulen oder Palä­stren.

Solon hat allen seinen Reformen einen sittlichen Hintergrund gegeben. Er wollte vergangenheitsbedingte Gegensätze versöhnen und die Menschen nicht durch Zwang, sondern durch das Bewusstsein der Verbundenheit mit dem Ganzen zu wahren Staatsbürgern erziehen. Er, der immer das Maß­halten lehrte, gab selbst das beste Beispiel. Er lehnte das Angebot ab, die Alleinherrschaft zu ergreifen. Im Gegenteil, er legte sein Amt gesetzmäßig wieder nieder. Nun ging er auf weite Reisen nach Ägypten und Lydien. Zuvor hatte er jedoch die Beamten eidlich dazu verpflichtet, während der nächsten zehn Jahre seine Gesetze unverändert zu lassen. Damit wollte er ihren Wert erproben.

 

Nach seinem Weggang erhoben sich die alte Streitigkeiten

Aber schon kurz nach seinem Weggang erhoben sich alte Streitigkeiten. Die Adeligen konnten es nicht ertragen, dass ihr Besitz geschmälert wor­den war und dass die Unterschichten durch den Zutritt zu den Volksgerich­ten erhöhte Macht erlangt hatten. Die Leute aus dem niederen Volke murrten auf der anderen Seite über die Unterlassung einer Neuverteilung von Besitz und Rechts­anspruch. War Athen noch nicht reif genug für Solons Gedanken? Für spätere Zeiten jedoch steht Solon als Richtungsweiser auf dem Wege Athens zur Demokratie und zur kulturellen Großmacht.      

 

Der greise Solon

Als der greise Solon nach Athen zurückkehrte, hatte sich aus den Partei­kämpfen der Bürger eine Tyrannis erhoben, und sein großes Reformwerk schien wenigstens für absehbare Zeit vereitelt.

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