Ein neues Denken erwacht

Eine neue Zeit bricht an, von einer Zeit der Schauungen geht es in eine Zeit der Orakel hinein, die dem Menschen nur nützen, wenn er selbst seinen Scharfsinn anstrengt. Man könnte es mit den Worten ausdrücken:

 „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!"

 

Hesiod findet folgende charakeristischen Worte für diese Situation:

 „Der vor allem ist gut, der selber alles bedenket,

Der erwägt, was später und endlich am Ziele das beste.

Edel nenn ich auch jenen, der gutem Zuspruch gehorsam;

Aber wer selber nicht denkt und auch dem Wissen des anderen

Taub sein Herz verschließt, der Mann ist nichtig und unnütz."

 

Weiter heißt es bei ihm:

„Vor den Verdienst aber setzten den Schweiß die unsterblichen Götter;

Lang und steil jedoch erhebt sich zu diesem der Pfad

Und zu Anfang auch rauh; doch wenn du zur Höhe gelangest,

Leicht dann zieht er dahin, so schwer er anfangs gewesen."

 

Das Denken wird geschult, denn es kommt darauf an, die Zusammenhänge zu überblicken. Die Philosophie beginnt zu übernehmen, was vorher die Mysterien geleistet haben.

 

Bei Teichmann heißt es:

„Die neue Fähigkeit des Verstandeslebens tritt wie eine Naturgabe auf. Der Mensch war nicht mehr geneigt, den alten, eingeübten Verhaltensmustern vertrauensvoll zu folgen, er fragte nach, wollte wissen warum, was die Ursachen waren und was der Nutzen. In der kurzen Zeit weniger Jahrhunderte gestaltete und erneuerte sich der gesamte Traditionsstrom uralter Überlieferungen und Gewohnheiten um, so dass das kleine Griechenland zum Urheber eines weltweiten Geistesumschwungs wurde. Ein neues Selbstbewusstsein entstand durch das Denken, in dem sich das Individuum entdeckte und sich wichtig wurde. Ein neuartiges Gedächtnis entstand, das sich jederzeit an die vergangenen Erlebnisse erinnern konnte, unabhängig vom Ortsgedächtnis. Sogar das Gefühlsleben wandelte sich, das sich nicht mehr nur an den Reizen der Außenwelt entzündet, sondern an den eigenen inneren Vorstellungen. Man kann das z. B. an der Vasenmalerei sehen. Vor dem Ende des 6. Jahrhunderts ist der Hintergrund hell und die Figuren erscheinen dunkel und schattenhaft. Dann kommt der Wandel. Der Mensch selbst rückt in die Helligkeit, dafür entschwindet die Welt in einem für das Auge undurchdringlichen Dunkel. Im Schauspiel (Sophokles, Aischylos) tritt der einzelne aus dem Chor und spricht mit eigenen Worten, rein menschliche Dialoge werden vorgeführt.

Apollons Wort „Erkenne dich selbst!" verstand man als die Aufforderung zur Besonnenheit: „Sei besonnen"! Die Aufforderung des Gottes führte zur Selbstbesinnung, das heißt in die Beobachtung von dem, „was man weiß und was man nicht weiß".

Die absolute Grenze des griechischen Denkens sieht Teichmann erreicht, wo der Grieche sein Denken nicht mit Sicherheit selbst beobachten könne. Erst mit der Neuzeit verändere sich die Situation wiederum grundlegend. Der Mensch bemerkt, dass er sein Bewusstsein von Gedanken hat fesseln lassen. Die „Bewusstseinsseele" fängt an, sich zu entwickeln.

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