Das Griechentum

Mit dem Griechentum zieht der vierte nachatlantische Zeitraum voll herauf. Es stellt seine reinste und edelste Blüte dar. Es steht dem alten Osten in vielem noch nahe. Wie Griechenland geographisch den östlichen Teil der Mittelmeerwelt ausmacht und dem Orient gleichsam sein Antlitz zuwendet, so übernimmt es auch viele östliche Elemente, östliche Geistigkeit, aber wunderbar vermenschlicht, menschlich-persönlich geworden, ins Künstlerische eingetaucht, im Philosophisch-Wissenschaftlichen neugeboren. Das Römertum stellt demgegenüber den westlichen Pol der Antike dar, den so viel erden­näheren, nüchterneren, realistischeren. Das griechische Wort für «Mensch»: Anthropos, deutet Rudolf Steiner als «der zu den Höhen Blickende» oder «der in den Höhen des Lebens seinen Ursprung Suchende»; es drückt das Seelische im Menschen aus, das lateini­sche Wort Homo das Leibliche, auf physischem Wege Erzeugte, das mehr Äußere, Erdgeborene. Die Polarität des zum Luziferischen neigenden östlicheren und des zum Ahrimanischen neigenden westlicheren Wesens (wir könnten auch sagen: die von Schönheit und Kraft) tritt uns, wie in einer Gleichgewichtslage, im Griechen- und Römertum in wunderbarer Weise entgegen im Zeitalter der Wende, und der Christus erscheint als das Mittlere, Göttlich-Menschliche zwischen diesen beiden Polen, nicht räumlich gesehen, sondern zeitlich: zwischen der größten geistigen Blüte des Griechentums und der größten politischen Machtentfaltung des Römertums.

 

Wir stehen den Römern seelisch näher

Das Römertum steht dem heutigen Bewusstsein viel näher als das griechische Wesen. Rudolf Steiner hat öfter - etwa im Anschluss an Herman Grimm - drauf hingewiesen, wie dem modernen Men­schen die Geschichte nur bis zum Römertum zurück auch innerlich verständlich ist; wie das Griechentum dem heutigen alltäglichen Bewusstsein in Wahrheit eine fremde Welt bleibt, unverständlich und geheimnisvoll, besonders durch die Art, wie im Griechentum noch Menschliches und Göttliches miteinander verbunden erschei­nen, das Göttliche wunderbar hereinleuchtet in das Leben des Alltags.

So voll das Griechentum das Wesen des vierten nachatlantischen Zeitalters zum Ausdruck bringt, so stark ragt doch noch die Kultur des dritten Zeitalters in es herein. Die ältesten Griechen (ja auch noch Römer) zählt Rudolf Steiner einmal geradezu neben Chaldäern und Kelten zum dritten nachatlantischen Zeitraum, der «Rasse der Sterne». Ihre Frühzeit steht noch aufs stärkste im Zeichen dieser dritten nachatlantischen Kultur. Das Griechentum erscheint wie aus ihr heraus geboren. Wie ein volles Zeitalter später, in den ersten Jahrhunderten des fünften nachatlantischen Zeitalters, das vierte noch stark nachwirkt, so treten uns auch in den Frühzeiten des griechisch-lateinischen Zeitalters noch Kulturelemente, soziale und religiöse Einrichtungen des ägyptisch-babylonischen Zeitraumes entgegen, von denen uns berichtet wird, wie sie von dort übernom­men worden sind, vor allem aber auch Bewusstseinselemente, die durchaus noch dem dritten Zeitraum angehören.

 

Bewusstseinsmotive - die griechischen Sagen

Besonders sprechend sind Züge der Sagen, die von Theseus künden, der König von Athen wurde: Er erschlug den marathoni­schen Stier und erlegte später den Minotaurus, also auch ein stier­ähnliches Wesen. Das alles weist auf die Ablösung der alten Stierzeit hin, des dritten Zeitalters, und die Inaugurierung der Widderzeit, in der die menschliche Klugheit die alten magisch-hellseherischen Fähigkeiten ablöst. Daher spielt bei der Überwindung des Minotaurus auch eine List eine Rolle, die Verwendung des berühmten Ariadnefadens, d. h. aber des logischen Denkens, im Labyrinth des menschlichen Gehirns, des Werkzeuges für die von Menschen selbst hervorgebrachten Gedanken.

 

Athene

Die Ausbildung des menschlichen Intellekts! Viel haben mit ihr Athene und Athen zu tun, Athene, die aus dem Haupte des Zeus entsprungene Göttin, Athen und Attika, unter ihrem Schütze ste­hend und berühmt ob ihres Geistreichtums und Witzes, des «atti­schen Salzes», wie es bezeichnend genug für die hier blühende Kultur der Verstandesseele heißt.

 

Odysseus, der Listenreiche aber Heimatlose

Ein Schützling der Athene ist auch Odysseus, der durch List Troja überwand, die heilige Stätte alter Priesterweisheiten im Sinne des dritten nachatlantischen Zeitalters, das nach den Gesetzen der Sterne die Staaten einrichtete. Eines der gewaltigsten Symbole für das Ende des Zeitalters der Theokratien und den Aufgang des Zeitalters der auf ihre menschlichen Kräfte gestellten Persönlichkeit ist dieser trojanische Krieg, der Untergang Trojas und der morgenfrische Aufstieg des Griechentums, die Verselbständigung Griechen­lands und damit Europas gegenüber den magischen Priesterkulturen Asiens, die Ablösung der Priesterherrschaft durch die weltliche, die Königsherrschaft, die mit dem Griechentum beginnt.

 

Der Trojanische Krieg - das Pferd

Die sagenhaften Züge, die von dem trojanischen Krieg erhalten sind, haben von jeher die Gemüter und die Phantasie der Menschen ergriffen. Ein bedeutsames Bild z. B. ist das der Umklammerung des trojanischen Priesters Laokoon durch die Schlangen, das hindeutet auf die Ablösung der alten Spiritualität durch die neu heraufkommende Intellektualität. Dann immer wieder die Gestalt des Odysseus, des «listenreichen», dessen Klugheit durch die List des hölzernen Pferdes schließlich den Unter­gang Trojas herbeiführte - wobei die Bedeutung des Pferdes wie­derum in Zusammenhang steht mit der Herausbildung der menschlichen Klugheitskräfte. Und wie drücken das Unruhvolle des menschlichen Intellekts die ersten Verse der Odyssee aus, indem sie künden von der Unrast und dem Umherirren des vielgewanderten Mannes, der durch die Meere hierhin und dorthin verschlagen wurde, bis er schließlich nach langem Leiden die Heimat er­reichte.

 

Der Perserangriff

So ist das Griechentum aus dem dritten nachatlantischen Zeit­raum hervorgegangen, hat sich von ihm abgelöst und ihn überwun­den. Dann holte der Osten noch einmal zum großen Schlage aus gegen das junge, heraufsteigende Leben: in dem Angriff der Perser, der späteren Perser, welche die babylonische Kultur in sich aufge­nommen hatten. Voll Enthusiasmus, heroisch, verteidigten die Grie­chen sich und damit die ganze Kultur des werdenden Abendlandes gegen die verfallende östliche Welt. Und als dann ihre Kultur zur vollen Reife gekommen war, gingen sie selbst in den Alexanderzügen zum «Angriff» auf die östliche Welt über, aber zu einem Angriff, der letztlich kulturell gemeint war und sich auswirkte als eine Synthese des Griechentums mit dem Orientalismus. Die hellenistisch-aristote­lische Kultur wurde Weltkultur. Es ist, als ob ein sonnenhafter Vorglanz des universal-kosmopolitischen Christentums über dieser großen Kulturerscheinung läge.

 

Stadtstaaten - Polis

Die griechische Persönlichkeitsentfaltung macht gewisser­maßen Halt vor der Sphäre des politisch-staatlichen Lebens; sie bewegt sich mehr im Künstlerisch-Philosophischen. In Bezug auf das Politisch-Staatliche hat Rudolf Steiner hervorgehoben, wie hier der Grieche noch stark das ältere Gemeinschaftsbewusstsein orientali­scher Provenienz bewahrt, das Leben im Gruppenhaften, Stammes­mäßigen, und wie auf diesem Felde erst der Römer den Schritt in die Persönlichkeit tut.

Wir sehen auch hieran wieder jene Mittelstellung der Griechen zwischen Orient und Okzident. Auf dieses noch mehr gruppenmäßige Bewusstsein der Griechen im politisch-staatlichen Leben deutet man hin mit dem so viele Nuancen einschließenden Wort Polis, von dem unser Wort «Politik» sich ableitet, und das den griechischen Stadtstaat mit seinem starken Eigenleben, seinem Gemeinschaftsbewusstsein, seiner politischen Unabhängigkeit bezeichnet. Ein ähnliches Stadt-Gruppenbewusstsein lebte auch noch in den Stadtgemeinden in Griechenland stark nach.

«Der Angehörige von Sparta, von Athen fühlte sich zuerst als Spartaner, als Athener. Ausgestattet in einer gewissen Beziehung, in einem gewissen Grade mit einer gemeinsamen Seele, fühlt der Spar­taner, der Athener das, was wir die griechische Polis nennen, mehr als seine eigene auf sich gestellte Menschlichkeit - mehr fühlte er sich als Spartaner, als Athener denn als Menschenbürger; mehr fühlte er die starke Kraft, die in ihm wirkt, hervorgegangen aus dem gemein­samen Geiste der Polis, als die eigene persönliche Kraft.» Erst der Römer dagegen erscheint uns ganz auf den Mittelpunkt der eigenen Persönlichkeit gestellt. Der Grieche blickt zunächst nicht auf sich, er blickt zu etwas über ihm hinauf; der Römer blickt zuerst auf sich.»

 

Grieche - Römer

«Der Römer aber war noch einen Schritt weiter gegangen in der Besiegung des physischen Planes. Der Grieche hat die Fähigkeit, das Seelisch-Geistige in seine Kunstwerke hineinzuschaffen, er fühlte sich aber noch als Glied eines Ganzen, der Polis, des Stadtstaates; er fühlte sich nicht als Persönlichkeit. So war es auch bei den früheren Kulturen, der Ägypter fühlte sich nicht als einzelner Mensch, er fühlte sich als Ägypter, der Athener fühlte sich als Athener. Eine Persönlichkeit zu sein, selbst etwas zu sein in der Welt, das wurde erst durch das Römertum entdeckt; dass eine Persönlichkeit etwas für sich ist, das wurde erst für den Römer wahr. Der Römer erfand den Begriff , daher erfand er das Recht. . .»

 

Pythia

Es war schon die Rede davon, dass besonders im dritten nachatlantischen Zeitraum das Streben der führenden Priester dahin ging, den göttlichen Willen des Kosmos durch geeignete Menschen zu erkunden und ihn dann im sozialen Leben zu vollziehen. Rudolf Steiner verdeutlichte das Wesen der Sache an einem Vergleich mit den Auffangapparaten der drahtlosen Telegraphie, den Kohärern, die die Möglichkeit bieten, die erregten elektrischen Wellen zu empfangen. So brauchten die Alten in der ägyptischen Zeit, in der altgriechischen Zeit - ja, es ragt etwas davon sogar noch in die älteste römische Geschichte hinein, wie wir noch sehen werden - einen «Auffangapparat» für das, was geistig aus dem Weltenall herauskam. «Als solche Kohärer benutzten die alten Griechen ihre Pythien, ihre Priesterinnen, die dazu geschult wurden, und die dadurch, dass sie ausgesetzt wurden dem, was aus dem Weltenall herunterkam, verraten konnten diese Geheimnisse des Weltenalls. Diese Geheimnisse des Weltenalls aber deuteten dann diejenigen, die vielleicht in diesen Zeiten längst selber nicht mehr in der Lage waren, die Aufnahmestation zu bieten. Aber es waren die Geheim­nisse des Weltenalls verraten. Das alles ist selbstverständlich im Zeichen heiligsten Mysteriums verrichtet worden, in einem Zeichen, von dem die heutige Zeit, der alles Heilige abhanden gekommen ist, keine Ahnung mehr hat.»

 

Orakelstätten

Unter den zahllosen Orakelstätten, die überall in der griechischen Welt zu finden waren, genoss das größte Ansehen das Orakel des Apollo in Delphi am Fuße des Parnaß. Es wurde zur höchsten Autorität des gesamten Griechentums in allen religiösen Fragen und den Fragen des rechten Tuns. Unzählige Male wurde es befragt, auch gerade wenn es sich um große politische Aktionen, um Staats­aktionen handelte. Berühmt waren die Antworten der Pythia, die ob ihrer Dunkelheit oder Zweideutigkeit oft missverstanden werden konnten wie jener berühmte Orakelspruch an Krösus: Wenn er wider die Perser zöge, würde er ein großes Reich zerstören.

In bedeutsamen Zusammenhängen, auf die wir hier nicht einge­hen können, sprach Rudolf Steiner über die Gestalt des Apollo im Zusammenhang mit Delphi: «Wir lernen ihn kennen, wenn wir hinschauen auf den Parnaß und auf die kastalische Quelle. Im Westen von ihr öffnete sich ein Erdschlund: die Griechen errichteten einen Tempel darüber. Warum? Vorher kamen aus dem Erdschlund Dämpfe herauf, die sich tatsächlich, wenn die Luftströmungen rich­tig waren, wie Schlangengewinde, wie ein Drache um das Gebirge herumwanden. Und Apollo stellten sich die Griechen vor, wie er seine Pfeile abschießt gegen den Drachen, der als heftige Dämpfe heraufsteigt aus dem Erdenschlunde. Da tritt uns Sankt Georg, seine Pfeile gegen den Drachen sendend, im griechischen Apollo entgegen, in irdischer Abschattung. Und als er ihn überwunden hatte, den Drachen Python, da wird ein Tempel errichtet und statt des Python sehen wir, wie die Dämpfe in die Seele der Pythia gehen und wie sich die Griechen vorstellen, dass jetzt in diesen wilden Drachendämpfen Apollo drinnen lebt, der ihnen weissagt durch die Orakel aus dem Mund der Pythia. Und die Griechen, dieses selbstbewusste Volk, steigen hin durch die Stufen, auf denen sie seelisch sich vorbereitet haben, und nehmen entgegen das, was Apollo zu sagen hat durch die Pythia, die von den Drachendämpfen durchsetzt wird. Das heißt, Apollo lebt im Drachenblut drinnen und durchtränkt die Menschen mit Weisheit, die sie sich holen am kastalischen Quell. Und ein Versammlungsort für die heiligsten Spiele und Feste wird der Ort.»

Dieses Weissagungswirken aus dem Drachenblut verrichtet Apollo nur vom Frühling bis zum Herbst. «Gegen den Herbst zu wandert er nach seiner uralten Heimat, nach dem Norden, nach dem hyperboräischen Lande. Feste werden gefeiert wie Abschiedsfeste, weil Apollo dahinzieht. Im Frühling wird er wieder empfangen, wenn er vom Norden her kommt.» Mit alledem wird angedeutet, so führt Rudolf Steiner aus, dass Apollo mit der Sonne zu tun hat, und dass sein sonnenhaftes Wirken sich in das soziale Leben der Men­schen ergießt und harmonisierend, befruchtend wirkt.

«Viele Städte, die die Griechen als Kolonien gegründet haben, tragen den Namen Apollonia, weil man sich Rat geholt hatte von der Pythia, ob man da oder dort kolonisieren sollte. Die Griechen hielten auf ihre Städtefreiheit, hatten daher nicht eine Staateneinheit, son­dern die ideale Einheit, die ihnen gegeben war durch ihren Gott Apollo, für den sie später eine Art Staatenbund gründeten.»

Bemerken wir endlich noch, dass dieselbe Wesenheit, welche die Griechen Apollo nannten, der Osiris der Ägypter war, Osiris, der sonnenhafte Richter beim ägyptischen Totengericht, so schließen sich alle diese Züge immer mehr zu einem großen Bilde und zu einer großen Gesamtempfindung zusammen. Sie lassen uns ahnen und begreifen, wie geistige, kosmisch-sonnenhafte Wirksamkeit regelnd, richtend, ordnend, harmonisierend, impulsierend in den alten Zeiten in das Gemeinschaftsleben hineingewirkt hat, als heilige Macht von den Menschen verehrt.

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