Der Krieg um Troja

Ein Beitrag von Solveig Chvátal

Ich habe mich für diese sehr geraffte Darstellung an folgenden Schilderungen des Trojanischen Krieges orientiert:

  • Gustav Schwab, Die schönsten Sagen des klassischen Altertums, 1955
  • Griechische Sagen, bearbeitet und ergänzt von Richard Carstensen, dtv 2020
  • Rosemary Sutcliff, Schwarze Schiffe vor Troja, Stuttgart 2015

Zur Veranschaulichung der Geographie hatten wir in der Klasse eine Karte des Antiken Griechenland. Die einzelnen Kapitel sind kurz genug, dass man sie noch ausschmücken oder jeweils mit einer Nacherzählung des vorangegangenen Teiles ergänzen kann, dann kommt man auf etwa 10 Minuten Erzählteil. Dank ihrer Kürze kann man sie auch als Lesetexte im Falle eines Fernunterrichts verwenden.

Hier auch als PDF kostenfrei herunterladbar. 

 

Der Krieg um Troja

Vorgeschichte I: Paris

-> Blick auf die Karte: Troas; Skamander; Troja; Ida-Gebirge

Lange wusste man nicht, wo, und bis heute weiß man nicht genau, wann es war, da stand hier eine große Stadt, Troja genannt. Mit festen, hohen Mauern umgeben trotzte sie jedem Feind, mochte er vom Meer kommen, vom Land oder sich über den Fluss nähern. Die Götter selbst hatten mit Hand angelegt bei der Errichtung dieser Stadt, und sie galt für ihre Bewohner als sicherer Hort, für Feinde als unbesiegbar.

Hoch über der Stadt auf einem Hügel erhob sich die Königsburg, stolz und prächtig. Starke Türme erhoben sich in jeder Himmelsrichtung, und von diesen Türmen aus konnte man weithin ins Land und weit hinaus aufs Meer blicken. Zu der Zeit, von der ich euch nun erzählen möchte, herrschte dort König Priamos, der verheiratet war mit Hekabe. Priamos war der Vater vieler Kinder - die alten Sagen sprechen von 50 Söhnen und Töchtern! - denn damals war es üblich, dass ein Mann nicht nur eine Frau hatte, sondern noch Nebenfrauen. Seine Frau Hekabe hatte ihm bereits einen Sohn geboren, Hektor. Hektor war schon in jungen Jahren ein mutiger und zugleich warmherziger Knabe.

Als Hekabe mit dem zweiten Sohn schwanger war, lag sie eines Nachts in ihrem Schlafgemach und hatte einen seltsamen Traum: Ihr schien, dass sie eine brennende Fackel gebäre, die ganz Troja in Brand stecken und die Stadt in Schutt und Asche legen würde.

Erschrocken fuhr Hekabe aus dem Schlaf auf. Kühler Wind wehte durch das offene Fenster, die Schleier des Bettvorhanges bewegten sich leise, als wollten sie sie besänftigen. Doch Hekabe strich sich mit zitternden Fingern über die Stirn, auf der noch der Angstschweiß stand. Sie spürte die Hitze des Feuers, das sie im Traum erblickt hatte, noch allzu deutlich in sich.

Am Morgen vertraute sie sich Priamos an. Er tröstete sie und wusste auch, was zu tun ist: Er ließ einen Seher kommen, dem sie den Traum erzählten. Der Seher ging zu seinem Tempel, opferte für die Götter, betete und wartete auf Antwort. Dann ging er wieder zu Priamos und Hekabe in die Königsburg. „Dieses Kind wird Trojas Untergang sein“, beschied er ihnen.

Priamos und Hekabe beschlossen, das Kind in der Wildnis auszusetzen, sobald es geboren wäre. Und als der Junge auf die Welt kam, weinte Hekabe. Mit großen Schmerzen gab sie Priamos das Kind, von dem sie sich als Mutter nicht trennen wollte und von dem sie sich als Landesfürstin zum Wohle ihres Volkes doch trennen musste. Priamos nahm das Neugeborene und gab es seinem Knecht Agelaios, der einer der Hirten war, die im Ida-Gebirge die königlichen Herden hüteten.

Agelaios ging mit dem Säugling heim ins Gebirge. In einer windgeschützten Schlucht legte er es unter ein Blätterdach knorriger Eichen in eine Mulde aus Gras und Laub. Die wilden Tiere würden beenden, was die Menschen begonnen hatten.

Agelaios war ein treuer Mensch, und so wundert es nicht, dass er wenige Tage später in derselben Schlucht nachschaute. Als er sich dem Platz näherte, hörte er die gurgelnden Laute eines zufriedenen Säuglings und im Schatten der Bäume und Büsche sah er gerade noch, wie sich von dem Platz eine Bärin entfernte, die den Jungen genährt und gewärmt hatte.

Stumm stand Agelaios da und staunte. Dass sich ein wildes Tier des hilflosen Kindes angenommen hatte, das die Menschen ausgesetzt hatten, erschien ihm wie ein Zeichen der Götter. Da besann er sich, nahm das kleine Kind in die Arme und trug es in seine Hütte. Er fütterte es, kleidete es und zog es auf. Von Agelaios erhielt das Kind den Namen Paris.

Und so wuchs Paris, der Sohn des Königs Priamos, unter den Hirten auf. Er wuchs heran und wurde ein überaus schöner und besonders starker Jüngling. Kamen Viehdiebe in die Nähe der Herden oder wilde Tiere: auf Paris konnten sich die Hirten verlassen. So wurde er der Beschützer der Herden und der Hirten im Ida-Gebirge.

 

Vorgeschichte II: Menelaos und Helena

->Blick auf die Karte: Sparta

Zu der Zeit, als König Priamos und seine Frau Hekabe sich von Paris trennen mussten, wuchs in Sparta die Tochter des Königs Tyndareos auf. Helena war ihr Name. Helena fiel schön früh als ein besonders schönes Mädchen auf, und je mehr sie zu einer jungen Frau heranwuchs, desto mehr wuchs auch ihre Schönheit. Selbst die Götter konnten den Blick nicht von ihr wenden, wenn die Sonne ihr Gesicht beschien.

Eine solch wunderschöne, liebreizende Jungfrau, eine Königstochter - das sprach sich alsbald herum unter den Stammesfürsten der Bewohner Griechenlands. Und so erhielt ihr Vater Tyndareos sehr häufig Besuch von edlen Männern, die um seine Tochter werben wollten. Junge Männer, tapfere Helden, an die Schönheit hingegebene Herren, stolze Fürstensöhne, sie alle kamen mit reichen Geschenken - und Tyndareos hatte es sehr schwer, eine gute Wahl zu treffen!

Er sprach lange mit jedem Freier. Seine Boten zogen aus, um zu erfahren, wie man über die jungen Männer sprach. Tyndareos schaute jedem gut in die Augen. Wollte sich da einer nur mit dem hübschesten Mädchen schmücken? Oder hatte er gute und ehrliche Absichten?

Unter all den Bewerbern um Helenas Hand fiel die Wahl ihres Vaters schließlich auf Menelaos. Doch er seufzte, als er die Entscheidung fällte. Odysseus von Ithaka, der auch um Helena geworben hatte, hörte dieses Seufzen und fragte den König, ob er ihm wohl helfen könne.

„Nun, du bist als einziger ohne Geschenke gekommen, so ist es wohl recht, wenn du mir jetzt einen Ratschlag gibst!“, sagte Tyndareos, der wusste, dass Odysseus als besonders klug galt.

„Wie sollen Helena und Menelaos in Frieden und Glück leben, wenn so viele Freier nun voller Neid und voller Enttäuschung sind?“ fragte er in großer Sorge. Er wollte nicht, dass es um Helenas Willen Streit unter den Völkern des Landes gab.

Und Odysseus wusste Rat: „Verpflichte alle jene Männer, die du abweisen musstest, dass sie Menelaos Verbündete werden. Wir alle sind der wunderschönen Helena zugetan. Wir alle sollen dafür Sorge tragen, dass ihr nichts geschieht!“

Und so sprach Tyndareos zu den enttäuschten Brautwerbern.

Sie wurden verpflichtet, Menelaos beizustehen, wenn jemals seine Ehe oder seine wunderschöne Frau in Gefahr wäre. Ein jeder der edlen Männer hatte tapfere Kämpfer und gut gerüstete Schiffe,

und manche fühlten sich stolz, doch noch zu Helenas Beschützern geworden zu sein; andere fühlten sich geschmeichelt, dass ihre Hingabe an die schöne Jungfrau auf diese Weise doch noch wertgeschätzt wurde. Und keinem kam mehr der Gedanke, sich an Tyndareos oder Menelaos zu rächen.

Und so heiratete Helena mit den schönen Wangen, wie sie genannt wurde, Menelaos.

Menelaos war kein junger Mann. Denn Helenas Vater wollte sie nicht einem Ungestümen an die Hand geben. Er war auch kein besonders schöner Mann, denn ihr Vater wollte sie auch nicht einem Eitlen an die Hand geben.

Doch Menelaos hatte schon einige Stürme im Laufe des Lebens erlebt, er war ein starker und besonnener Mann. Nach Tyndareos Tod erbte er seinen Thron und wurde Befehlshaber der spartanischen Streitkräfte.

 

Vorgeschichte III: Der Zankapfel

->Blick auf die Karte: Thessalien

Während in Sparta Helena mit den schönen Wangen heranwuchs und während im Ida-Gebirge in Troas der junge Paris zu einem starken Jüngling heranreifte, ahnte unter den Menschen niemand, dass unter den Göttinnen auf dem Olymp ein langer Streit schwelte.

Was war geschehen?

In Thessalien herrschte Peleus, und Peleus vermählte sich mit Thetis. Thetis aber war eine Meernymphe. Ihr Vater war der Gott des Wassers, und so war auch sie eine Unsterbliche. Zu diesem Hochzeitsfest waren viele edle Gäste geladen, Menschen und Götter - Sterbliche und Unsterbliche. Nur eine Göttin war bewusst nicht eingeladen worden: Eris, die Göttin der Zwietracht. Denn wenn sich die Menschen mit den Göttern vermählten, sollte nicht die Zwietracht herrschen.

Doch Eris war wütend, dass sie vom Fest ausgeschlossen worden war, und sann auf Rache. Als das Fest in vollem Gange war, rauschte es plötzlich unheilvoll. Eris erschien unter den erschrockenen Gästen. Alle hielten inne, als sie ihren Arm hob. In ihrer Hand hielt sie einen goldenen Apfel. Hera, Aphrodite und Athene standen beisammen und schauten gebannt auf die wütende Eris. Eris warf den Apfel zu Füßen der drei Göttinnen und rauschte wieder von dannen. Der Apfel lag zwischen Hera, Aphrodite und Athene und glänzte und schimmerte verlockend im Sonnenlicht. Lettern waren auf ihn geschrieben: „Für die Schönste“.

Und kaum hatten die drei dies erblickt, entbrannte ein heftiger Streit darum, wem dieser Apfel zugedacht sei. Jede beanspruchte, die Schönste zu sein. Keine wollte den goldenen Apfel einer der anderen überlassen. Und derart miteinander hadernd und streitend verließen sie das Fest, nahmen den Apfel mit und zogen zum Olymp. Zeus, der Göttervater, sollte diesen unsäglichen Streit schlichten.

Doch Zeus weigerte sich, zu entscheiden, welche der drei Göttinnen die Schönste sei. Wie sollte er auch? Hera war seine Gemahlin; Aphrodite war ihre gemeinsame Tochter; Athene war seinem Haupt entsprungen. Zeus sah sich nicht imstande, den Streit zu schlichten, ohne neue Feindseligkeiten zu schüren.

Für die Götter ist die Zeit, die auf der Erde lang erscheint, nur ein Augenblick. Und Zeus nahm sich viel Zeit, um zu entscheiden, wie der Hader aus der Welt geschaffen werden könnte. Endlich hatte er einen Weg gefunden. Er ließ Hera, Aphrodite und Athene zu sich kommen.

„Ich habe den gefunden, der euren Streit schlichten kann“, sprach er.  „Im Ida-Gebirge, das sich hinter der Ebene Troas erhebt, lebt ein Jüngling edler Herkunft. Doch unschuldig ist er, er hat keine Kenntnisse wie seine Eltern und Geschwister. Er weiß nichts von euch und kennt nicht eure Namen. Denn er ist fernab seiner königlichen Familie unter einfachen Hirten aufgewachsen. Paris ist sein Name. Mein Götterbote Hermes wird euch zu ihm geleiten. Er soll das Urteil fällen, wem der goldene Apfel gebührt!“

Und so geschah es.

Im Ida-Gebirge hütete Paris die Schafe und Stiere der königlichen Herden. Das Sonnenlicht spielte mit den grünen Blättern der Bäume, die Vögel zwitscherten im Geäst, Paris fühlte das warme Gras unter seinen Füßen. Als von einem Augenblick auf den anderen der Götterbote Hermes mit den drei Göttinnen vor ihn trat, schrak er zusammen. Doch alle drei sprachen sehr freundlich zu ihm und gewannen schnell sein Vertrauen – denn eine jede wollte ihn ja für sich einnehmen. Sie berichteten von ihrem Streit und gaben ihm den goldenen Apfel. „Wähle du die Schönste unter uns“, sprach Hera als die Älteste. „Aber bedenke: Wenn du mich wählst, so verspreche ich dir Macht, Ruhm und Ehre. Dein Name wird in aller Munde sein und noch Jahrhunderte nachhallen“, verlockte sie ihn.

„Wenn du mich wählst“, stellte sich schnell Athene dazwischen, „so werde ich dir Weisheit schenken, alle Menschen werden zu dir kommen und dich um Rat fragen!“

Da stellte sich Aphrodite vor ihn und sah ihm aus ihren schönen göttlichen Augen in seine jugendlichen, neugierigen Augen. „Sprichst du mir den Apfel zu“, sagte sie, und blickte ihm noch tiefer in die Augen, „so wirst du durch mich die schönste Frau unter den Sterblichen gewinnen!“

Da erschien es Paris, dass die Anmut und die Schönheit der beiden anderen vor den Reizen der Liebesgöttin Aphrodite verblassten, und er reichte ihr den Apfel. Und so verließen ihn die drei: beleidigt und zornig Hera und Athene, mit einem stillen Lächeln auf den Lippen Aphrodite. Paris blieb zurück, zutiefst beglückt, dass ihm nun die schönste Frau der Sterblichen versprochen war.

 

Der Raub der Helena

Während Paris im Ida-Gebirge heranwuchs und nichts von seiner fürstlichen Abstammung wusste, musste seine Mutter Hekabe in all den Jahren doch immer wieder an den verlorenen Sohn denken. Und sie musste nicht nur an ihn denken – von Zeit zu Zeit überkam sie große Schwermut, dass sie das eigene Kind dem Wohl ihres Volkes geopfert hatte, und sie konnte sich über den Verlust des Sohnes nicht beruhigen.

Priamos sah, wie seine Frau litt. Um ihrem Herzen Ruhe zu verschaffen, sagte er eines Tages zu ihr: „Hekabe, ich möchte für den Sohn, den du so schmerzlich vermisst, eine Totenfeier halten. Wir werden ein Fest bereiten, wie man es bei einer Bestattung zu tun pflegt. Dein Herz muss Abschied nehmen!“

In den damaligen Zeiten zeigten die Menschen den Göttern ihre Demut und ihre Verehrung, indem sie in allen Künsten und Fertigkeiten wetteiferten. In Ringkämpfen, Wagenrennen, Dichtkunst und Gesang zeigten sie sich dankbar für die Talente, die die Götter ihnen verliehen hatten.

Für die Wettkämpfe des geplanten Leichenfestes setzte Priamos als Preis den schönsten Stier der königlichen Herde aus. Und so kam es, dass die Hirten des Ida-Gebirges gebeten wurden, den schönsten, edelsten Stier der Herde hinunter nach Troja zu bringen.

Nun traf es sich, dass dieser Stier das Lieblingstier von Paris war. Und er wollte sich nicht so leicht von ihm trennen! Vielmehr wollte er selber an den Kämpfen teilnehmen und um seinen Stier kämpfen! Und so geleitete er selbst das edle Tier die Berge hinunter, und durch die weite Ebene, bis in die Stadt. Und kaum hatte er das Tier einem Knecht des Priamos übergeben, machte er sich schon bereit für den Wettkampf. Ohne es zu wissen, trat er gegen seine Brüder an, und besiegte im Zweikampf alle von ihnen – sogar den starken und mutigen Hektor. Die bezwungenen Fürstensöhne waren beschämt und zornig, die Zuschauer waren erstaunt, König Priamos verwundert. Da blickte Paris´ Schwester Kassandra auf den jungen, starken Mann. Kassandra hatte von den Göttern die Gabe bekommen, Verborgenes sehen zu können – sie hatte die Wahrsagergabe. Kassandra deutete auf Paris und sagte zu Priamos und Hekabe: „Das ist mein Bruder, euer Sohn!“

Priamos und Hekabe nahmen den lang Verlorenen in ihre Arme. Ihre Freude war so groß, dass sie die alte Weissagung darob vergaßen, und sie nahmen Paris in den Kreis der Familie auf.

So lebte Paris nun am Hof des Königs Priamos. Doch das Versprechen der Aphrodite hatte er nicht vergessen. Die schönste Frau unter den Sterblichen war ihm zugedacht, doch wo sollte er sie finden? Er wurde rastlos, und als er eines Tages hörte, dass Priamos Schiffe gen Europa schickte, bat er, mitreisen zu dürfen.

Die Schiffe gelangten nach Griechenland, auf die Halbinsel Peleponnes. Sobald der dortige König Menelaos von den fremden Reisenden erfuhr, lud er sie zu sich nach Sparta ein.

Die trojanischen Reisenden saßen als Gäste an der Tafel des Königs und wurden gut bewirtet. Und während Paris´ Gefolgsleute den Wein nicht aus den Augen lassen konnten, konnte Paris seine Augen nicht von Menelaos Frau Helena wenden. Die Sonne schimmerte in Helenas Haaren, ihre Augen leuchteten wie zwei Seen, ihre schlanke Gestalt bewegte sich wie Weidengeäst im zarten Wind. Paris´ Herz klopfte – als ihm Aphrodite die Schönste der Sterblichen versprochen hatte, da hatte er an eine Jungfrau gedacht, nicht aber an die Gemahlin eines anderen! Doch in den Tagen seines Aufenthaltes merkte Paris, dass auch Helena ihm zugetan war. Denn wie gesagt, ihr Vater hatte ihr nicht den Schönsten der Freier ausgewählt, da er sie nicht einem Eitlen zum Manne hatte geben wollen, und er hatte auch nicht den Jüngsten gewählt, da er sie nicht einem Ungestümen an die Hand hatte geben wollen. Als nun Helena den jungen, schönen Paris sah, der noch immer den frischen, munteren Blick eines Hirtenjungen hatte, hatte auch sie nur noch Augen für ihn, auch wenn sie das vor Menelaos zu verbergen wusste. Doch Paris sah es. Und er überredete sie, heimlich mit ihm nach Troja zu reisen. Viel überreden musste er gar nicht, Helena ließ sich willig auf das Abenteuer ein! Die trojanischen Gäste reisten klammheimlich in der Nacht ab, und als Menelaos am nächsten Morgen erwachte, musste er feststellen, dass nicht nur die Gäste verschwunden waren, sondern mit ihnen ein Großteil seiner Schätze - und Helena.

 

Die griechischen Stämme rüsten zum Kampf

->Blick auf die Karte: Bucht vor Aulis

Während Paris und Helena mitsamt den Schätzen, die Paris von Menelaos genommen hatte, über die Ägäis Richtung Troja zurücksegelten, fand Menelaos in Sparta vor Zorn keine Ruhe.

„Wie kann er meine Gastfreundschaft so danken? Er hat mich lächerlich gemacht! Das wird er mir büßen - ganz Troja wird es büßen!“ So zürnte und tobte Menelaos. Dann sandte er seine Boten aus zu all seinen Verbündeten, den ehemaligen Verehrern Helenas, und rief sie auf, mit ihm gemeinsam gegen Troja zu ziehen.

Manche rüsteten sogleich ihre Krieger und ihre Flotte aus und machten sich bereit, andere zögerten, einige versuchten gar, sich mit List und Tücke vor dem Krieg zu drücken, doch am Ende waren sie alle bereit für das Unterfangen.

Menelaos Bruder Agamemnon stellte das größte Heer, und so wurde er zum Oberbefehlshaber bestimmt. Die gesamte Flotte sollte sich in der Bucht vor Aulis sammeln. Und während Agamemnon und Menelaos darauf warteten, dass nach und nach die anderen Feldherren mit ihren Schiffen eintrafen, vertrieb Agamemnon sich die Zeit mit Jagen. Agamemnon liebte die Jagd, und die Landschaft in Boiotien bot ihm eine außerordentlich gute Gelegenheit, hier gab es Wild in Hülle und Fülle. Als Agamemnon eines Tages durch die Wälder und über die Hügel streifte, sah er in der Ferne eine Hirschkuh, deren Fell silbrig-leuchtend schimmerte. Den ganzen Tag verfolgte er diese besondere Hirschkuh, doch immer war sie so weit entfernt, dass sein Pfeil sie nicht erreichen konnte. Schließlich, in der Abenddämmerung, näherte Agamemnon sich dem schönen Tier immer weiter. Die letzten Sonnenstrahlen spielten wunderschön auf der einzigartigen Fellfarbe. Agamemnon legte den Pfeil ein, er spannte den Bogen, schoss - und traf. Von diesem einzigen Schuss tödlich getroffen sank das edle Tier zu Boden. Agamemnon und seine Begleiter trugen es mühevoll, aber zufrieden hinunter nach Aulis. An diesem Abend feierte Agamemnon ein großes Fest, ausgelassen und übermütig dank dieses Erfolgs. „Ich habe die schönste Hirschkuh erlegt, die je ein Mensch gesehen hat!“ prahlte Agamemnon. „Ich bin wohl ein größerer Jäger als die Jagdgöttin Artemis selber!“

Nun waren alle Verbündeten in der Bucht vor Aulis versammelt, und am nächsten Morgen wollte sich die große Flotte endlich in Bewegung setzen. Doch es wehte kein Wind. Die Menge wartete und wartete, es war vergebens. Als bis zum nächsten Morgen noch immer kein Lüftchen sich rührte, gab es Unruhe unter den Männern. „Unser Vorhaben steht unter keinem guten Stern“, sagten die, die sich von Anfang an nur zögerlich auf das Unterfangen eingelassen hatten. „Die Götter haben uns ihren Segen nicht gegeben“, sagten andere. So beschloss Agamemnon, im Tempel von Aulis ein Opfer darzubringen, um die Götter milde zu stimmen. Als er in den Tempel trat, schritt der Priester auf ihn zu. „Agamemnon“, sprach er, „ich habe dich schon erwartet. Dieser Tempel ist Artemis, der Göttin der Jagd, geweiht. Oh, Agamemnon, Artemis zürnt dir, denn du hast ihre heilige Hirschkuh getötet!“ Agamemnon erschrak, aber er versprach, dass er alles tun werde, um das Unglück wiedergutzumachen. Er opferte eine Taube für Artemis und wartete, während der Priester ins Innere des Tempels ging, um Antwort zu finden was Artemis von Agamemnon verlangte. Als der Priester wieder herauskam, sah er sehr ernst und besorgt auf Agamemnon. „Artemis wird dir für euer Vorhaben erst dann den rechten Wind schicken, wenn du ihr deine Tochter Iphigenie opferst!“

Agamemnons Herz schmerzte, als er das hörte - wie sollte er seine eigene Tochter opfern um einer Hirschkuh willen? Für einen Krieg, der eigentlich Menelaos Angelegenheit war? Und er ging zurück zu den Schiffen und sprach zu seinem Bruder: „Artemis verlangt Unmögliches von mir! Meine eigene, geliebte Tochter soll ich opfern, sonst wird sie uns den günstigen Wind verwehren!“ Menelaos sprach eindringlich auf Agamemnon ein, er möge doch einlenken und das Opfer auf sich nehmen, sonst würde er, Menelaos, seine Frau womöglich nie wiedersehen. „Ich soll meine Tochter opfern, weil du nicht auf deine Frau aufpassen kannst?“ ereiferte Agamemnon sich. Doch die anderen griechischen Helden waren nun schon auf den Krieg eingestellt. Sie hatten einiges an Mühe auf sich genommen, um mit ihren Mannen und den Schiffen bis nach Aulis zu kommen, und redeten Agamemnon zu, zu seiner Schuld zu stehen, die er mit dem Erlegen der göttlichen Hirschkuh auf sich genommen hatte. Zerknirscht und schweren Herzens willigte Agamemnon ein und schickte einen Boten in seine Heimatstadt Mykene, um Iphigenie nach Aulis zu holen.

 

Iphigenie in Aulis

Um seine Tochter Iphigenie nach Aulis kommen zu lassen, bediente sich Agamemnon einer List: Er ließ ihr sagen, dass sie mit dem edelsten Recken der Griechen, Achilleus, vermählt werden sollte. Achilleus war der Sohn von Peleus und Thetis (ihr erinnert euch: es war die Hochzeit von Peleus und Thetis gewesen, bei der Eris den Streit unter den Göttinnen ausgelöst hatte!). Achilleus war also göttlicher Abstammung, da seine Mutter eine Meernymphe war, und er war einer der Jüngsten unter den griechischen Kämpfern. Als Iphigenie hörte, dass sie mit Achilleus vermählt werden sollte, zögerte sie nicht und machte sich sogleich bereit, um nach Aulis zu reisen. Ihre Mutter Klytämnestra und ihr kleiner Bruder Orestes begleiteten sie.

Doch sobald sie in Aulis eingetroffen waren, enthüllte sich die Wahrheit. Klytämnestra weinte, und Iphigenie war nicht bereit, sich dem Willen der Artemis zu unterwerfen. Sie umklammerte die Knie des Vaters und flehte ihn an: „Übergib mich nicht dem Reich des Todes, Vater! Warum soll ich für euren Krieg sterben? Soll ich mit meinem Leben dafür sühnen, dass Paris Helena entführte? Ich stehe in der Blüte meiner Jugend, warum willst du diese Blüte brechen, ehe sie Früchte treibt?“

Doch Agamemnon zeigte auf die Bucht, in der still und unbewegt Hunderte von Schiffen lagen. Er zeigte auf das riesige Lager ringsum, in dem die Heerführer mit ihren unzähligen Mannen lagerten, ungeduldig darauf wartend, dass der Bann gebrochen werde und sie endlich gen Troja segeln könnten.

„Schaut auf unsere versammelten Heerscharen“, sagte Agamemnon zu Iphigenie und Klytämnestra. „Sie alle sind bereit, zu kämpfen und zu sterben. Nie wieder soll ein Fremder eine Frau aus Griechenland entführen! Dafür wollen wir kämpfen. Um Helenas willen, um unserer Ehre willen und um unserer Zukunft willen! Iphigenie, du bist um Achilleus wegen nach Aulis gekommen. So wisse, dass ihm geweissagt ist, dass er in Troja sein Leben lassen wird – und doch ist er hier, bereit, sich seinem Schicksal zu stellen!“

Iphigenie blickte auf den jungen Helden an Agamemnons Seite, den sie nun doch nicht zum Manne haben würde. Auch er stand in der Blüte seiner Jugend, und auch seine Mutter hatte Tränen vergossen, als er in den Krieg zog. Da richtete sie ihr Haupt auf, trat zu ihrem Vater und sprach mit lauter Stimme: „So können wir uns nicht dem Unvermeidlichen widersetzen. Habe ich das Geschick eurer Fahrt nach Troja in meinen Händen, euren Sieg in Troja und die Ehre der griechischen Frauen, so nehme ich mein Schicksal an und widersetze mich nicht mehr.“ Und damit wandte sie sich um und stieg den Hügel hinan zum Tempel der Artemis. Ihre Mutter verbarg ihr Gesicht und weinte. Agamemnon und zahlreiche seiner Mitstreiter aber folgten ihr zum Tempel.

Als der Priester sie zum Altar geleitete, wurde es still unter den Männern. Im ganzen Lager der Griechen wurde es still, man hörte nur noch die Zikaden und die Vögel. In dem Augenblick jedoch, als der Priester das stählerne Messer hob, um Iphigenie den Opfertod zu bereiten, hüllte eine dichte Wolke die Jungfrau ein, und sie entschwand mit dieser Wolke. Als der Nebel sich lichtete, lag an Iphigenies statt auf dem Altar eine Hirschkuh.

Und kaum war das Opferfeuer, in dem die Hirschkuh geopfert wurde, verloschen, erhob sich in den Bäumen ein Rauschen und Brausen, die Blätter und Zweige wisperten und raschelten, die Gewänder der Menschen bewegten sich im Wind, ihre Haare wurden zerzaust. Unten in der Bucht schaukelten die vielen Schiffe munter auf den Wogen des bewegten Meeres. Artemis hatte den Griechen ihre Gunst wiedergeschenkt! Die gesammelten Streitkräfte konnten endlich ihr Lager in Aulis abbrechen, sie bestiegen ihre Schiffe und stachen in See.

Iphigenie aber wurde von der Göttin Artemis auf die Insel Tauris gebracht, wo sie viele, viele Jahre einen traurigen und ungeliebten Tempeldienst verrichten musste, ehe ihr Bruder Orestes sie eines Tages wieder erlöste.

 

Der Krieg beginnt

Der günstige Wind trieb die griechischen Schiffe über die Ägäis nach Osten, wo an der kleinasiatischen Küste die Stadt Troja lag. Währenddessen hatte König Priamos, als Paris mit der geraubten Helena zurückgekehrt war, ihn mit wenig Freude empfangen. „Was hast du angerichtet, mein Sohn? Feindschaft hast du geschürt, wo keine Feindschaft war, und das alles nur um einer Frau willen? Gibt es in unserem Volk keine schönen Frauen, dass du dir in Europa eine stehlen musstest? Wir waren glücklich, dich wieder in unserer Mitte zu haben, sollen wir es jetzt bereuen?“

Solcherart überschüttete er Paris mit grimmigen Vorwürfen. Doch als er sah, wie schön Helena war; und als er sah, wie gern Paris sie anschaute; und als er sah, dass auch Helena Paris zugetan war, da beruhigte sich sein Zorn. Priamos begriff, dass das Geschehene nicht wieder rückgängig zu machen war, aber er begriff auch, dass er mit der Rache der Griechen würde rechnen müssen.

Paris versuchte ihn zu beruhigen: „Aphrodite selbst hat mir Helena an die Seite gegeben, Vater! Wenn ein Krieg auf uns zukommt, so wird ihre schützende Hand uns sicher sein!“

Dies beruhigte Priamos tatsächlich, denn eine seiner Töchter war mit Aphrodites Sohn Aeneas vermählt. Mit Aphrodites Schutz und Aeneas kämpferischem Einsatz würden die Griechen besiegbar sein!

Priamos ließ alle seine Söhne und Schwiegersöhne zu sich kommen – und wie ihr wisst: er hatte viele Kinder! Und alle machten sich bereit, für den Verbleib der schönen Helena an Paris Seite in den Kampf zu ziehen. Alle zogen ihre Kämpfer zusammen, so dass auch Troja von einem großen Heer beschützt war.

Und so kam es, dass die Trojaner nicht unvorbereitet waren, als die ersten griechischen Schiffe die kleinasiatische Küste erreichten. Als die Flotte sich näherte, stand das trojanische Heer bereit, als sie die Schiffe im seichten Wasser verließen, spannten die Trojaner die Bogen. Kaum betrat der erste Grieche das Land, wurde er von einem Pfeil durchbohrt. Doch die Griechen waren in der Übermacht, und brachten bis zum Abend die Pfeile und Speere der Trojaner zum Schweigen. Erstaunt nahmen sie wahr, wie außerordentlich gut die Stadt Troja nicht nur von den Kämpfern geschützt war: Eine solch unüberwindliche Stadtbefestigung wie hier in Troja hatten sie noch nie gesehen! Die Griechen zogen ihre Schiffe an Land und begannen, sich in der Ebene des Skamander-Flusses ein großes Lager zu errichten, indem sie Zelte aufschlugen und Hütten bauten. Der Anblick der mächtigen Stadtmauer und die selbstbewusste Begrüßung durch das trojanische Heer hatte ihnen gezeigt, dass sie sich auf eine lange Belagerung und viele Kämpfe einstellen mussten. Die weite Ebene zwischen dem griechischen Lager und der Stadt Troja wurde zum Schlachtfeld.

Tag um Tag, Woche um Woche dauerten die Kämpfe. Selbst die Götter griffen in den Krieg ein, Athene und Hera auf Seiten der Griechen, Aphrodite und Apollon auf Seiten der Trojaner. Und hatten einmal die Trojaner die Griechen zurückgedrängt, so schafften es bald wieder die Griechen, sich nah an die Stadt heranzukämpfen. Doch die Stadt einzunehmen gelang ihnen nie. Und den Trojanern gelang es nie, die griechischen Stämme bis an den Saum des Meeres zurückzudrängen. In der ganzen weiten Umgebung nahmen die Griechen kleine Dörfer und größere Städte ein, ernährten sich von den geplünderten Feldern, dem erbeuteten Vieh und nahmen Männer und Frauen der eroberten Städte als Sklaven.

So erging es Monat um Monat, Jahr und Jahr. Die Trojaner wussten sich in ihren hochragenden, mit Götterhilfe erbauten Mauern sicher. Selbst das gesamte griechische Heer konnte die Erstürmung der Stadt nicht wagen.

 

Achilleus‘ Schmerz und Zorn

Zehn Jahre lang währte die Belagerung Trojas, und noch immer hatte kein Kampf eine Entscheidung herbeigeführt. Die Griechen kämpften sich immer wieder nah an die Stadt heran, gelangten aber doch nie hinein, und die Trojaner bedachten sie mit wüsten Schmähungen. Viele der griechischen Krieger fühlten einen Überdruss, sie waren des langen Krieges müde und sehnten sich nach der Heimat. Auch schien das Glück sich nun endgültig von ihnen abzuwenden: Auf einem seiner Beutezüge hatte Agamemnon ein Städtchen geplündert, in dem ein Tempel des Apollon stand. Zwei Frauen führten die Griechen aus diesem Städtchen mit sich fort: Achilleus die schöne Briseis, die rasch Gefallen an ihm fand, zumal er sie gut behandelte. Agamemnon nahm sich die Tochter des Apollon-Priesters – Chryseis war ihr Name – und schleppte sie mit sich fort. Doch sie weinte und schluchzte bitterlich und rief, während Agamemnon sie mit sich fortzog, ihren Vater um Hilfe an.

Im priesterlichen Gewand, mit reichen Geschenken als Lösegeld, trat bald darauf der Priester in das Lager der Griechen und bat darum, seine Tochter wieder freizulassen. Doch Agamemnon blieb unerbittlich und hart. Er wollte Chryseis behalten und ließ ihren Vater aus dem Lager jagen. Voller Schmerz ging dieser nach Hause in seinen Tempel, hob die Hände und bat Apollon eindringlich: „Hilf deinem treuen Diener und räche Agamemnons Freveltat!“

Apollon erhörte ihn. Tödliche Pfeile entsandte er in das Heerlager der Griechen, und alsbald wütete im ganzen Lager die Pest. Aufruhr, Angst und Schrecken verbreitete sich unter den Männern. In ihrer Ratlosigkeit befragten sie Kalchas, ihren Seher, nach dem Grund des Übels. „Agamemnon hat Schuld auf sich geladen. Erst wenn er Chryseis wieder ihrem Vater zurückgibt, wird die Seuche enden!“ war seine Antwort.

Als Agamemnon das hörte, wurde er rasend vor Zorn. „Nimmermehr gebe ich zurück, was nun mein ist! Auch andere haben sich junge Mädchen als Sklavinnen und Gefährten in ihre Hütten geholt – warum soll ich auf meine Beute verzichten? Bin ich nicht der Oberbefehlshaber? Habe ich nicht das Recht, mir das Edelste und Schönste zu erobern und es auch zu behalten?“ So tobte und wütete er hochmütig und war keinesfalls gewillt, sich dem Spruch des Sehers zu beugen.

Doch die anderen Männer bedrängten ihn, sie redeten ihm zu und versuchten, ihn versöhnlich zu stimmen. Wenn er nicht einlenkte, würden sie alle dem bösen Fieber zum Opfer fallen! „Und wenn ich einlenke“, entgegnete Agamemnon bitter, „so möchte ich dafür die schöne Briseis erhalten! Ich werde nicht dulden, dass der Jüngste unter euch sich mit der schönsten Frau schmückt, ich aber leer ausgehe!“ Achilleus jedoch hatte Briseis liebgewonnen und war nicht bereit, sie Agagmemnon zu überlassen; auch Briseis selbst sah dieser Zukunft mit großer Sorge entgegen.

„Du befiehlst stets viel“, klagte Achilleus ihn an, „doch kämpfst du selbst wenig und beraubst deine Männer ihres Preises und ihrer Ehre, indem du dir stets das Beste und Schönste nimmst. Und all dies kannst du nur tun, weil du die Macht dazu hast! Du bist ein gieriger Feigling mit einem Hundegesicht und dem Herz eines Hasen!“

„Die Macht habe ich, ganz recht!“ rief Agamemnon darauf, „Und vergiss nicht, dass ich sie habe! Du hingegen bist nur ein junger, übermütiger Anführer eines kleinen Heeres, der noch viel zu lernen hat!“

Daraufhin sandte Agamemnon Chryseis zu ihrem Vater zurück und ließ Briseis aus Achilleus Zelt holen. Weinend saß Briseis nun bei Agamemnon. Achilleus aber schrie vor Schmerz und Wut und schwor: „Meine Myrmidonen und ich, wir werden nicht mehr unter Agamemnons Befehl kämpfen!“ Weinend lief er an das Ufer des Meeres und klagte laut und herzzerreißend. Seine Mutter, die silberfüßige Meernymphe Thetis, hörte die bittere Klage des Sohnes, erschien alsbald am Ufer und ließ sich neben dem Trauernden nieder. Tief verletzt berichtete Achilleus seiner Mutter, was geschehen war und in seinem Schmerz und seinem Zorn bat er sie eindringlich, ihm zu helfen. „Bitte Zeus, dass er den Trojanern einige Siege schenke, auf dass Agamemnon merke, wie sehr ich im Heer der Griechen fehle! So wird er einlenken, mir Ehre erweisen und mich zur Rückkehr bitten, und ich kann auf diese Weise Beruhigung finden und hoffentlich Briseis zurückgewinnen!“

Und so geschah es. Thetis sprach zu Zeus, und dieser konnte ihrem Flehen nicht widerstehen. Er sandte Agamemnon ein trügerisches Traumbild: Agamemnon träumte, dass er am nächsten Tag gegen die Trojaner siegen würde. Dass die Pest verschwunden war, gab ihm weitere Hoffnung. Und so ließ Agamemnon abermals zum Kampfe rüsten.

 

Unversöhnlicher Achilleus

Als die beiden Heere am nächsten Morgen in der weiten Ebene des Skamander-Flusses aufeinander zumarschierten, schien der Kampf aussichtslos, ehe er überhaupt begonnen hatte. Die Griechen waren wild entschlossen, den Krieg alsbald zu beenden. Die Trojaner waren beflügelt von Zuversicht, da sie ihre Stadt nun schon zehn Jahre verteidigt hatten. Und beide Heere waren gleich stark. Da trat Hektor, der mutige, kampferprobte Bruder des Paris, zwischen die Schlachtreihen, sein Speer senkrecht vor sich haltend. „Haltet ein!“ rief er. „Ehe wieder viel Blut vergossen wird, mag ein Gottesurteil diesen Streit beenden! Menelaos und Paris sollen im Zweikampf den Zwist austragen. Die Götter werden dem Kraft geben und denjenigen siegen lassen, dem der Sieg gebührt. Die Waffen der Heere aber sollen heute schweigen.“

Und so traten Paris und Menelaos vor die Reihen, um den Zweikampf auszufechten. Es war ein langer, zäher Kampf. Gebannt schauten die Krieger von beiden Seiten zu. Und gebannt schauten von den Zinnen der Türme über Troja auch Priamos, Hekabe und Helena zu. Und Helena wusste nicht, um wen sie sich mehr ängstigen sollte.

Die Speere der beiden Kämpfer waren bereits zerbrochen, die Schwerter prallten an den edlen Rüstungen ab, die Schilde waren zerbeult, beide hatten schon einige Wunden – aber keine davon hatte sie am Weiterkämpfen gehindert. Endlich packte Menelaos Paris am Helmbusch und schleifte ihn über den Boden, und der Riemen des Helms zog sich fest und immer fester um Paris Kehle. Paris röchelte und glaubte, nun sein Leben lassen zu müssen. Doch Aphrodite hielt ihre göttliche Hand schützend über Paris und ließ den Kinnriemen reißen. Menelaos hielt nur den Helm in der Hand, Aphrodite jedoch hüllte Paris in einen schützenden Nebel und führte ihn in die Stadt zurück. Bei seinem Anblick spürte Helena nun deutlich, um wen sie sich mehr geängstigt hatte.

Die Griechen jubelten laut, denn sie sahen dies als ihren Sieg, und Agamemnon trat zu Hektor: „Der Zweikampf ist entschieden, nun gebt Helena mitsamt den Schätzen meinem Bruder Menelaos zurück!“ Doch die Trojaner schrien wutentbrannt auf, der Kampf wäre keineswegs entschieden, denn Paris sei nicht bezwungen worden! Und ehe man es sich versah, flog der erste Pfeil aus den trojanischen Reihen und traf Menelaos. Es war nur ein Streifschuss, doch unversehens tobte der bittere Krieg von neuem. Unaufhaltsam stürmten die trojanischen Streitkräfte voran und drängten die Griechen nach und nach bis zu ihren Schiffen zurück. Nachts lagerten die Trojaner vor ihrer Stadt im flackernden Schein der Feuer und sangen und jubelten. Agamemnon verlor die Hoffnung, dass sie als Sieger heimkehren würden. „Wenn doch nur Achilleus und seine Myrmidonen an unsrer Seite wären! Ich würde alles tun, um mich mit ihm zu versöhnen!“ Und er bot ihm reiche Geschenke als Versöhnungsgaben. Denn Achilleus war nicht nur ein mutiger Krieger mit einem tapferen Heer, der noch dazu von den Göttern abstammte. Darüber hinaus wusste ein jeder, dass Achilleus unverwundbar war. Bei seiner Geburt war seine Mutter Thetis zutiefst unglücklich gewesen, dass er, als Sohn eines Sterblichen, nicht ihre Unsterblichkeit besaß. Um Achilleus dennoch Unsterblichkeit zu schenken, hatte sie ihn in das Wasser des Flusses zur Unterwelt gehalten. Die Wasser des Styx hatten den ganzen Körper des Knaben umspült – bis auf seine Ferse, an der die Mutter ihn festgehalten hatte.

Die Griechen fühlten sich stets unbesiegbar mit Achilleus an ihrer Seite, wissend, dass auch die Trojaner ihn fürchteten, und so beredeten sie ihn, von seinem Zorn abzulassen. Achilleus jedoch hatte sich so tief in seinen Schmerz vergraben, dass er in seinem Herzen keine Bereitschaft zur Versöhnung finden konnte. Jede Faser seines Herzens schien mit Verbitterung erfüllt. Die Unversöhnlichkeit und Wut pulsten in seinen Adern. Da warf sich ihm sein Freund Patroklos zu Füßen: „Bist du nicht zu kämpfen bereit, so gib mir deine Rüstung! Ich werde unsere Myrmidonen in den Kampf führen!“ Und Achilleus stimmte zu, gab seinem Freund Patrokolos seine herrliche Rüstung und die Befehlsgewalt über das Heer der Myrmidonen.

Als die Trojaner Patroklos in den Reihen der Griechen entdeckten, erfasste sie Grauen. Achilleus herrlich glänzende Rüstung war ihnen bekannt, und sie meinten, dass er es wäre, der wieder unter den Kämpfern sei. Der Mut sank ihnen, doch im Kampfgetümmel heftete sich Hektor an Patroklos Fersen, verfolgte ihn aufs Bitterste und stellte ihn schließlich zum Kampf. Der Gott Apollon selbst schlug Patroklos aufs Haupt, dass dieser nicht mehr klar sehen konnte. Hektor nutzte die Schwäche und durchbohrte den vermeintlichen Achilleus mit seinem Schwert. Patroklos stürzte nieder, der Helm rutschte ihm zur Seite, und Hektor erkannte, dass dieser nicht Achilleus war. Mit einem letzten Blick schaute Patroklos den Gegner an und sagte: „Auch dein Ende ist nah – durch die Hand meines Herrn, dessen Rüstung ich trage!“ Hektor schauderte, doch er nahm, wie es der Brauch der Krieger war, Patroklos die Rüstung vom Leib, die goldschimmernde herrliche Rüstung des Achilleus.

 

Hektors Tod

„Patroklos ist tot, und Hektor hat deine Rüstung!“ Diese Nachricht drang alsbald zu Achilleus, und als er es hörte, rang er vor Schmerzen und Wut nach Atem. Voller Racheglüste, getrieben von Trauer um Patroklos und Wut auf Hektor, lief er am Strand des Meeres auf und ab, raufte sich die Haare und schrie und klagte.

Und wieder hörte ihn seine Mutter, Thetis, die Meernymphe, und kam, um ihn zu trösten. „Ich brauche keinen Trost, Mutter!“ schrie Achilleus. „Ich brauche eine neue Rüstung, damit ich den Tod des Freundes rächen kann! Ich werde nicht eher ruhen, bis ich wiederum Hektor das Leben genommen habe.“ Da zog Thetis dahin zu dem Götter-Schmied Hephaistos und hieß ihn eine Rüstung machen, wie sie noch kein Sterblicher zuvor gesehen hatte, wie sie noch kein Mensch zuvor getragen hatte. Und Hephaistos schmiedete die Rüstung aus Bronze, Silber, Gold und Zinn. Mit Sonnenaufgang trug Thetis die göttliche Rüstung hinunter zu Achilleus. Die Rüstung spiegelte das Sonnenlicht und Achilleus war es, als ob er selbst leuchtete, als er sie anlegte. Odysseus aber, der in der Nähe stand, sagte: „Warte, Achilleus. Du ziehst voll Rachegedanken in den Krieg und nimmst noch dazu all deine Bitternis, deine Vorwürfe und deinen schrecklichen Zorn gegen Agamemnon mit auf das Schlachtfeld. Befreie dich von diesen, denn ihr werdet Seite an Seite kämpfen müssen. Bevor du in den Kampf ziehst, müsst ihr Frieden schließen.“ Und Agamemnon kam, bot nochmals alle Geschenke an, die Achilleus bisher abgelehnt hatte, bot ihm auch an, Briseis wieder zu ihm zu lassen und sprach sein Bedauern aus über das Unrecht, das zwischen ihnen geschehen war. Und endlich konnte Achilleus Versöhnung in seinem Herzen finden. Endlich konnte er die Wut und den Schmerz, den er wie mit eisernen Fäusten an sich gehalten hatte, loslassen. Endlich konnte Achilleus die Geschenke annehmen und auch die Worte, die Agamemnon sagte. So war nun wieder Frieden zwischen ihnen, und Achilleus konnte mit in den nächsten Kampf ziehen, in der sonnengleich glänzenden göttlichen Rüstung.

Viele Trojaner fielen an diesem Tag unter den Händen von Achilleus und seinen Myrmidonen. Doch Hektor fand er nicht. Da, als er schon weit durch die Reihen der Kämpfenden hindurchgestoßen war, sah Achilleus ihn endlich: Hektor stand an eben jener Stelle, wo er Achilleus‘ Freund Patroklos getötet hatte. Und Hektor wusste, dass er seinem Schicksal nicht mehr ausweichen konnte. In seiner Rüstung war Achilleus weithin zu sehen, Hektor hatte ihn immer näher und näher rücken sehen. Als Achilleus vor ihm stand, hob er sein Schwert mit kräftiger Hand, doch in dem Augenblick hatte ihn schon Achilleus Speer durchbohrt. Hektor fiel nieder und fasste Achilleus in den Blick, so wie ihn zuvor Patroklos angeschaut hatte: „Wenn mein Bruder Paris dich an diesem Tor erschlagen wird, so denk an mich!“ Und damit hauchte er sein Leben aus. Achilleus aber spürte noch immer den Schmerz um den Freund in seiner Brust. Hektor getötet zu haben, hatte seine Rachegelüste noch nicht gestillt. Er schnürte die Arme des Leblosen zusammen, band ihn an sein Pferd und schleifte den Leichnam dreimal um die ganze Stadt. Und König Priamos und Hekabe mussten es oben von den Türmen der Burg voll Schmerzen mit ansehen. Und Achilleus nahm den toten Körper des Königssohns Hektor mit sich ins griechische Lager und ließ ihn dort liegen und ließ ihn nicht bestatten. Priamos sandte Boten zu Achilleus und bat um die Herausgabe des Leichnams, doch Achilleus zeigte sich unerbittlich. Zu stark spürt er noch den Schmerz um den Verlust seines Freundes Patroklos. Zu stark verlangte ihn, den Augenblick der Rache zu genießen. Da nahm Priamos Truhen mit reichen Geschenken, und ging damit selbst zu Achilleus. „Diese Geschenke biete ich dir, Achilleus mit der göttergleichen Rüstung, wenn du mir nur den toten Körper meines Sohnes Hektor aushändigst! Lass mich meinen Sohn bestatten, auf dass seine Seele Ruhe findet! Denke an deinen Vater, wie er weinen würde über deinen Tod und habe Mitleid mit mir!“

Da dachte Achilleus an seinen Vater. Und er wusste ja, dass sein Tod ihm bevorstand, denn es war ihm geweissagt worden. Da löste sich sein Schmerz und seine Trauer um Patroklos Tod. Und Achilleus fing an zu weinen, um seinen Freund Patroklos und um seinen Vater Peleus, den er nie mehr sehen würde. Und Priamos weinte um seinen Sohn. Da gab ihm Achilleus den toten Körper Hektors.

Einige Tage herrschte Waffenruhe um des Begräbnisses willen. In der Zeit bekamen die Trojaner noch Unterstützung von einem befreundeten Heer aus dem Süden und von dem kriegerischen Frauenvolk der Amazonen. Solcherart frisch bestärkt zogen sie wieder gegen die Griechen, um sie endgültig aus dem Land zu vertreiben. Doch die Griechen schlugen sich tapfer, Achilleus kämpfte stolz und mutig in seiner weithin leuchtenden Rüstung, und jeder konnte sehen, dass er unbesiegbar war. Zuletzt drang er mit seinen getreuen Myrmidonen bis vor das Tor zur Stadt Troja vor, und nun schien der Sieg wahrhaftig zum Greifen nah! Trunken vor Freude wandte sich Achilleus zu seinen Kampfgefährten um, als vom Turm ein Pfeil geschossen wurde, ein Pfeil vom Bogen des Paris. Und er traf Achilleus an der Ferse, dort, wo keine Rüstung ihn schützte, dort, wo seine Mutter ihn gehalten hatte, als sie ihn in den Styx getaucht hatte. Dort, wo er verwundbar war. Durch die Wunde breitete sich das Gift in seinem Körper aus, und kurze Zeit später lag er tot und reglos da.

Doch Achilleus Tod wurde gerächt, als einige Zeit später ein griechischer Kämpfer Paris auf der Zinne der Burg erblickte, ebenfalls einen Pfeil in seinen Bogen legte, spannte, schoss – und traf. Ein Streifschuss nur, doch auch hier wirkte das Gift mehr als die Tiefe der Wunde, und so schied Paris aus dem Leben.

 

Das hölzerne Pferd

Obwohl nun Paris nicht mehr lebte, dachten die Trojaner nicht daran, Helena an die Griechen zu übergeben. Zu sehr hatte sie sich bei ihnen heimatlich eingelebt, zu sehr hatten sich die Trojaner, insbesondere die königliche Familie, an die Anwesenheit der schönen und lieblichen Helena gewöhnt. Sie wurde mit einem von Paris‘ Brüdern vermählt.

So sahen denn die Griechen ihr Vorhaben erfolglos. Zermürbt und müde von den jahrelangen Kämpfen dachten einige von ihnen daran, nun das Feld zu räumen, ohne erreicht zu haben, wofür sie gekommen waren. Was für eine Schande, welche Schmach! Wie würden sie nach Hause kommen – gedemütigt! Man würde ihnen mit Schimpf und Schande begegnen, hatten sie doch viele tüchtige Männer verloren, aber nichts gewonnen. Nicht Menelaos Schätze, nicht seine Frau. Die Ehre Griechenlands hätten sie verloren. Missmut machte sich breit.

Da hatte Odysseus, der Listenreiche, eine Idee, wie sie nicht mit Kampfesmut, aber mit List und Tücke dennoch die Stadt einnehmen und Helena befreien könnten. Odysseus sprach mit Agamemnon und den anderen Stammesfürsten.

Alsbald konnten die verwunderten Trojaner sehen, wie die Griechen begannen, in ihrem Lager ein riesiges hölzernes Pferd zu bauen. Und gleichzeitig schienen sie ihr Lager abzubrechen. Nach einer Woche stachen die Schiffe der Griechen in See, das Lager war verlassen. Alle Zelte waren fort, die Hütten leer. Nur das große hölzerne Pferd stand dort, wo sich noch vor wenigen Tagen die Griechen getummelt hatten, und schien auf das Stadttor hinzuschauen. Da kam ein Bote von dem Strand geritten, hielt vor dem Tor der Stadt und rief: „Ein Geschenk für euch! Wenn ihr es nicht ehrt, wird es euer Unglück sein!“ Dann ritt er davon, das letzte der abreisenden Schiffe zu erreichen.

Die Trojaner staunten – und seufzten erleichtert. So hatte nun der kräftezehrende Krieg, das jahrelange Kämpfen und Töten, das endlose Blutvergießen ein Ende gefunden! Sie jubelten, dass es über die Ebene des Skamander-Flusses und über die Wogen des Meeres hinwegschallte, öffneten die Stadttore und strömten hinaus. Die ersten, die bei dem hölzernen Pferd ankamen, beäugten es vorsichtig. Priamos war so glücklich, dass der Krieg vorüber war, dass er gar nicht den Gedanken fassen konnte, dass dies etwas anderes sein könnte als ein Geschenk. Die Warnung des Boten, das Geschenk zu ehren, hatte er gut gehört. Und so befahl er, das hölzerne Pferd in die Stadt hineinfahren zu lassen. Seine Tochter Kassandra jedoch, die mit der Gabe der Weissagung gesegnet war, erbleichte. Sie hob beide Arme in die Höhe und schrie: „Tust du das, so wird es Trojas Untergang sein!“ Doch ihre Rufe verhallten und niemand achtete auf sie. Das hölzerne Pferd wurde in die Stadt gebracht, und den ganzen Tag und die halbe Nacht wurde gefeiert, gesungen, getanzt, getrunken und gelacht. Irgendwann, tief in der Nacht war auch der letzte Trojaner müde geworden und legte sich schlafen. Es wurde still in der ganzen Stadt. Da öffnete sich eine Luke im Bauch des hölzernen Pferdes, und heraus kamen, leise und unbemerkt, ein paar der griechischen Kämpfer: Odysseus, Menelaos und einige andere. Sie schlichen zum Stadttor, öffneten es und ließen ein Heer der Griechen herein, das keinesfalls mit den Schiffen abgereist war. Denn die Kämpfer waren mit den Schiffen nur hinter eine der vorgelagerten Inseln gesegelt, hatten sich dort verborgen und hatten sich im Schutz der Dunkelheit wieder der Stadt genähert. Kaum waren die griechischen Kämpfer in der Stadt, verteilten sie sich in den Straßen, und steckten Strohballen, Balken, Ställe und Häuser in Brand. Wer sich ihnen in den Weg stellte, wurde erschlagen. Menelaos aber eilte in den Königspalast, und als dort das Feuer begann, hatte er schon Helena gefunden, packte sie und zog sie mit sich fort. Viele Trojaner ließen ihr Leben in diesem grausamen Kampf oder in den Flammen, einige nahmen die Griechen mit sich fort. Nur wenige konnten fliehen. Die Griechen waren so schnell fort, wie sie gekommen waren und verschlossen das Stadttor von außen. Sie hinterließen eine brennende Stadt, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Schreie und Wehklagen der Trojaner sowie das Prasseln der Flammen verbreitete sich über die Ebene Troas.

Menelaos kehrte mit Helena nach Sparta zurück.

Agamemnon erreichte nach vielen Abenteuern seine Heimatstadt Mykene, doch ward er nicht freundlich empfangen, denn seine Frau Klytämnestra hatte ihm nicht verziehen, dass seinetwegen Iphigenie verschwunden war.

Odysseus, der Listenreiche, brauchte viele Jahre, bis er nach zahlreichen Irrfahrten in seine Heimat Ithaka zurückkehrte. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die meisten Bewohner Trojas waren tot. Lediglich über Aeneas hielt Aphrodite, seine Mutter, ihre schützende Hand. So hatte er es geschafft, sich und seinen Sohn aus der brennenden Stadt zu retten. Lange blieb er heimatlos, bis er schließlich einen neuen Landstrich fand, in dem er sich niederließ. Und dort eine neue Stadt gründete: Alba Longa.

Die Stadt Troja, niedergebrannt bis auf die Grundmauern, zerfiel. Die Geschichte dieses Krieges wurde noch lange weitererzählt, doch die Stadt selber geriet in späteren Zeiten in Vergessenheit. Lange wusste man nicht, wo sie gestanden hatte, bis viele Jahrhunderte später ein Mann kam, der sich in den Kopf gesetzt hatte, ihre Überreste zu suchen – und sie auch fand. So weiß man heute, wo es war; doch wann es war, und ob der Krieg eine Sage ist oder wirklich stattgefunden hat, das weiß man bis heute nicht.

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