Delphi als Nabel der Welt

Ein Beitrag von Jens Schiemann

Delphi galt lange Zeit als Nabel der Welt. Dem Mythos zufolge ließ Zeus zwei Adler von je einem Ende der Welt fliegen, die sich in Delphi trafen. Seither galt dieser Ort für die Griechen als Mittelpunkt der Welt. Mit einer Meereshöhe von 570 m liegt Delphi im wildromantischen Hochgebirge. Nach Norden drohen steilaufragende Felswände, die Phaedriaden, die zum Massiv des Parnassos (2.459 m) gehören. Sie sind gespalten durch eine Schlucht mit dem Quell Kastalia.

Wer in dieser großartigen Umgebung einmal ein Unwetter und darauf wieder die strahlend leuchtende Sonne erlebt hat, der versteht, dass hier ein Mythos erwuchs, der von den finsteren Gewalten der Erde und dem erdgeborenen Drachen Python erzählt, der an einem Erdschlund das Heiligtum der Erdmutter bewachte und von dem Lichtgott Apollon getötet wurde (daher Apollons Beiname Pythios). Im Mythos heißt es, dass die Erdenmutter Gaia die geflügelte Schlange Python gebar. Python hatte hellseherische Fähigkeiten. Eines Tages prophezeite Gaia Zeus‘ Frau Hera, dass dieser eine Geliebte mit Namen Leto habe, die nun Zwillinge erwarte, welche ihren eigenen Kindern an Größe und Stärke weit überlegen sein werden. Daraufhin schickte die eifersüchtige Hera Python, um die schwangere Leto zu verschlingen. Zeus jedoch vereitelte den Plan, woraufhin Leto ihre Zwillinge zur Welt brachte: Artemis und Apollon. Als Apollon heranwuchs, rächte er sich für den Anschlag auf seine Mutter Leto. Er begab sich nach Delphi und erschlug die geflügelte Schlange Python. Durch das vergossene Blut übertrugen sich die hellseherischen Fähigkeiten der geflügelten Schlange auf den Ort. An diesen Erdschlund, aus dem berauschende Dünste aufstiegen, war die heilige Stätte Delphis gebunden. Bei ihm wurde der große Tempel Apollons erbaut. Hier saß Apollons Priesterin Pythia auf ihrem Dreifuß über dem Erdspalt und gab Ratsuchenden aus aller Herren Länder ihre berühmten Orakelsprüche.

Das Orakel von Delphi war eine Weissagungsstätte des antiken Griechenlands. Die Orakelsprüche der Pythia hatten eine sehr wichtige Bedeutung für das Leben der Griechen. Selbst Könige und Heerführer wandten sich an das Orakel, um den Rat der Götter einzuholen.

Pythia, so wurde im antiken Delphi die einzige weibliche Priesterin des Apollontempels genannt. Sie war das Sprachrohr des Orakels. Man sagte, die Priesterin stiege im Tempel zu einer Erdspalte herab, aus der Gase emporkämen, die sie in Trance versetze. Aus diesem trancehaften Bewusstseinszustand verkündete sie ihre Weissagungen. Die Sprüche der Pythia wurden von den Priestern meist in die metrische Form des Zweizeilers gebracht. Durch ihre Auslegung gewann die kluge und feingebildete Priesterschaft Delphis großen politischen Einfluss. Die Orakelsprüche waren oft doppeldeutig gehalten. Das Amt der Pythia war ein Amt auf Lebenszeit. Nach ihrem Tod, wurde eine neue Pythia erwählt, welche ihr vorheriges Leben zurückließ und sich der neuen Aufgabe weihte.

Oft entschieden die Orakelsprüche über Krieg und Frieden, über Leben und Tod:

Ein berühmter Orakelspruch ist mit der Geschichte von Ödipus verbunden. Da das Orakel von Delphi König Laios geweissagt hatte, sein eigenes Kind würde ihn, den König, töten und dann die Mutter heiraten, wird Ödipus nach seiner Geburt ausgesetzt. Durch glückliche Umstände wird er jedoch gerettet und wächst in Korinth auf. Endlich volljährig und auf dem Weg nach Theben, erschlägt Ödipus König Laios unbeabsichtigt im Streit – nicht ahnend, dass er gerade seinen leiblichen Vater gemeuchelt hat. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Ein anderes Beispiel für die Weissagung der Pythia ist von den Athenern selbst überliefert. Vor der Seeschlacht bei Salamis fragten sie das Orakel von Delphi, wie man den Sieg erringen könne. Die mehrdeutige Antwort der Pythia lautete:

„Alles gehört den Feinden, soviel wie der Hügel Kekrops (Akropolis) und die Tiefe des Kithairons, des göttlichen Berges, einschließt. Nur die hölzernen Mauern schenkt Zeus seiner Athene. Sie allein bleibt heil zu Rettung für dich und die Kinder.“

In Athen diskutierte man über diese Weissagung und wie sie zu verstehen sei. Themistokles deutete die hölzernen Mauern als hölzerne Schiffe, die man bauen müsste, um den Krieg zu gewinnen. Dies geschah, die Athener gewannen und entwickelten sich zur überlegenen Seemacht.

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