Ein Feldzug verbreitet griechische Kultur

von Norbert Froese  (antike-griechische.de)


Die heutige Geschichtswissenschaft stützt ihr Alexander-Bild hauptsächlich auf die Ausführungen von fünf antiken Autoren: Plutarch, Arrian, Diodor, Iustin (Justin) und Curtius Rufus. Keiner dieser Autoren war ein Zeitgenosse von Alexander. Sie alle lebten mehrere Jahrhunderte später. Sie hatten allerdings den Vorteil, dass ihnen noch viele antike Schriften von Zeitgenossen Alexanders vorlagen, die heute nicht mehr verfügbar sind. Basierend auf solchen (größtenteils verloren gegangenen Quellen) haben sich Plutarch & Co. ihr Bild von Alexander und dem Alexanderzug gemacht. Sie haben dabei (ähnlich wie moderne Historiker) ihre Quellen durchaus kritisch beäugt und entschieden, was sie glauben und was sie nicht glauben.

Alexander der Große (356 – 323 v.Chr.) zählt sicherlich zu den bekanntesten Personen der Weltgeschichte und sein Alexanderzug gilt zu Recht als einer der beeindruckendsten Feldzüge der Militärgeschichte.

Die Eltern

Olympias und Philipp II. Alexanders Mutter, Olympias (375 – 316 v.Chr.), war eine griechische Prinzessin aus Epirus, sein Vater Philipp II. (382 – 336 v.Chr.) war der König Makedoniens. Olympias und Philipp II. hatten außer Alexander noch ein weiteres gemeinsames Kind, Alexanders jüngere Schwester Kleopatra (355 – 308 v.Chr.). Obwohl Alexander (356 – 323 v.Chr.) noch einen älteren Halbbruder hat und nur der zweitälteste Sohn von Philipp II. ist, gilt Alexander als der Kandidat für die Thronfolge im makedonischen Königshaus. Das wird allgemein mit der (geistigen) Behinderung seines Halbbruders erklärt: Gemäß den Gepflogenheiten des Argeadenhauses (die Argeaden sind das makedonische Königsgeschlecht; NF), wo Polygamie nicht unüblich war, ging Philipp II. vor der Ehe mit Olympias und auch danach verschiedene Bindungen ein. Mit der Thessalierin Philina zeugte er Philipp Arrhidaios, seinen ältesten Sohn, der allerdings aufgrund einer Behinderung nur bedingt als herrschaftstauglich galt. Für den weiteren Lebensweg von Alexander ist von einiger Bedeutung, dass es bei den Argeaden keine festen dynastischen Regeln gab. Alexanders Chancen auf die Thronfolge beruhten darauf, dass er von den männlichen Nachkommen aus dem Haus der Argeaden der geeignetste schien und auch als Philipps Favorit galt. Aber so etwas konnte sich natürlich ändern. In Fragen der Thronfolge war man in Makedonien recht flexibel. Alexanders Vater war ursprünglich auch nicht als Thronfolger vorgesehen gewesen. Er übte seine Macht zunächst nur als Vormund für den noch unmündigen Sohn seines Bruders aus. Da Philipp seine Sache als Regent jedoch sehr gut machte, billigte das bei dynastischen Fragen mitbestimmende makedonische Heer, dass sich Philipp vom Regenten zum König aufschwang.

Makedonien stieg unter Philipp II. vom gebeutelten Opfer seiner Nachbarn zur vorherrschenden Regionalmacht auf. Philipp II. trug nicht nur den Titel makedonischer König, sondern war auch der Archon Thessaliens. Seine Macht reichte zudem bis tief ins griechische Kernland hinein. Mit Ausnahme Spartas mussten 338 (v.Chr.) alle Poleis des griechischen Kernlandes dem Korinthischen Bund beitreten. Dieser Bund war nichts anderes als das Mittel, mit dem Makedonien seine Vormachtstellung gegenüber Griechenland ausübte. Makedonien, das formell dem Bund gar nicht angehörte, stellte mit Philipp II. den Hegemon des Bundes. Auf seinen Wunsch hin ließ sich Philipp II. 337 (v.Chr.) vom Korinthischen Bund mit einem Feldzug gegen Persien beauftragen. In diesem Feldzug waren die Griechen nun zur Heeresfolge gegenüber ihrem Hegemon, Philipp II., verpflichtet. Angeblich ging es bei diesem Feldzug um Rache für die Zerstörungen bei den fast 150 Jahre zurückliegenden Perserkriegen. Philipp II. kam jedoch nicht dazu, diesen von ihm sorgfältig vorbereiteten Feldzug durchzuführen. Er wurde vorher ermordet. Sein Sohn Alexander wurde sein Nachfolger und führte statt seiner den geplanten Krieg gegen Persien. Als Alexander 336 (v.Chr.) König wurde, hatte er nicht nur eine solide Prinzenerziehung hinter sich, sondern konnte auch schon erste militärische Erfolge vorweisen. Als Sohn des makedonischen Königs Philipp II. und seiner Frau Olympias wird Alexander (obwohl makedonischer und kein griechischer Prinz) von Anfang an in griechischer Kultur erzogen. Schon früh in seiner Kindheit, beginnt Alexander sich mit dem homerschen Helden Achill zu identifizieren. Eine Identifikation, die seine griechischen Lehrer befördern.

Aristoteles

Mit 13 Jahren erhält Alexander einen neuen Prinzenerzieher, den griechischen Philosophen und Universalgelehrten Aristoteles. Er unterrichtet Alexander nicht in Pella, sondern in Mieza. Nun liegt also die Erziehung von Alexander in den Händen eines der berühmtesten Gelehrten der Menschheitsgeschichte. Und wieder spielen die Helden Homers (und damit auch Achill) dabei eine besondere Rolle. Im Jahre 342 begann in Mieza der Unterricht, an dem neben Alexander noch andere gleichaltrige Angehörige der makedonischen Oberschicht teilnehmen durften. Die Wahl des Ortes erfolgte mit Bedacht, denn man wollte abseits der Residenzstadt Pella eine optimale ruhige Ausbildungsstätte schaffen. Im Mittelpunkt von Alexanders Erziehung stand die Förderung seiner historischen, literarischen und naturwissenschaftlichen Neigungen. Aristoteles redigierte Homers Ilias neu. Das Werk wurde Alexanders Lieblingsbuch, das ihn überall hinbegleitete.

Mit 16 mündiggesprochen

Bereits mit 16 wird Alexander mündiggesprochen, wodurch dann die Rolle eines Prinzenerziehers überflüssig wurde. So erhielt er (Alexander; NF) sehr schnell, nach dem Abschluss der Jahre in Mieza, im Alter von 16 Jahren, eine sehr wichtige Aufgabe. Während sein Vater gegen Byzantion und am Marmarameer kämpfte, nahm er in Makedonien bereits die Tätigkeit des Königs wahr: Er verhandelte mit persischen Gesandten und unternahm sogar einen Feldzug gegen einen thrakischen Stamm. Hinfort gehörte auch er selber zu den wichtigsten Helfern seines Vaters.

Bei seinem Feldzug in Thrakien gründet der jugendliche Alexander seine erste Alexanderstadt, das Alexandropolis in Thrakien. Später, beim Persienfeldzug wird ihm die Gründung immer neuer Alexanderstädte beinahe zur festen Angewohnheit. Damit fiel er allerdings nicht aus dem Rahmen. Auch sein Vater Philipp II. gründete gern nach ihm selbst benannte Städte. Auch während jenes Feldzuges, der dem jugendlichen Alexander die Vertretung für die Königswürden seines Vaters einbrachte, gründete Philipp II. ein Philippopolis. So haben beide (Philipp II. und Alexander) im Jahre 340 (v.Chr.) jeweils eine Stadt gegründet.

In der heutigen Zeit hört sich so etwas schier phantastisch an: Mit 16 bekam Alexander bereits Verantwortung für Regierungsgeschäfte übertragen, führte einen Feldzug, gründete eine nach ihm benannte Stadt und hatte zudem auch noch Anspruch auf Heroenverehrung. Sollte er da nicht für ein so überaus günstiges Schicksal dankbar sein? Schließlich war der erst 16-jährige Prinz nun einer der wichtigsten Helfer seines Vaters beim rasanten Aufstieg Makedoniens zur vorherrschenden Regionalmacht. Was Plutarch berichtet spricht jedoch nicht dafür, dass er mit seiner Rolle zufrieden war:

„Sooft die Nachricht kam, Philipp habe eine bedeutende Stadt erobert oder eine ruhmreiche Schlacht gewonnen, machte Alexander gar keine frohe Miene dazu, sondern sagte zu seinen Altersgenossen: »Freunde mein Vater nimmt mir noch alles vorweg. Er wird mir keine Gelegenheit mehr übriglassen, mit euch ein großes, glanzvolles Werk zu vollbringen.« Denn sein Ziel war nicht Genuss oder Reichtum, sondern Heldentaten und Ruhm, und er glaubte daher, je mehr ihm sein Vater hinterlassen werde, desto weniger werde er selbst später leisten können. Bei dem steten Anwachsen der Macht, so meinte er, würden alle Möglichkeiten zur Tat bereits von seinem Vater ausgeschöpft, er wünschte sich aber, eine Herrschaft zu übernehmen, die ihm nicht Reichtum, Überfluss und Genuss brächte, sondern Kämpfe, Kriege und ein Betätigungsfeld für sein Streben nach Ehre.“ (Plutarch: Alexander, 5)

Auch wenn diese Mitteilungen Plutarchs (trotz der eingeflochtenen direkten Rede) keinen Anspruch auf unbedingte Glaubwürdigkeit erheben können, so passt diese Deutung des Charakters von Alexander doch sehr gut zu seinem späteren Lebensweg

Mit 18 führte er während der Schlacht bei Chaironeia die Elitetruppen der makedonischen Reiterei an und war so entscheidend am Sieg über die Griechen beteiligt. Nach diesem Sieg der Makedonen werden die unterlegenen Griechen in den sogenannten Korinthischen Bund gezwungen.

Der Korinthische Bund

Im Winter 338/37 (v.Chr.) findet die konstituierende Sitzung des von Philipp II. geschaffenen Korinthischen Bundes statt. Mit der einzig wesentlichen Ausnahme von Sparta nehmen alle (unabhängigen) Poleis des griechischen Festlandes und der Ägäis teil. Auf dem Papier wird auf der Versammlung in Korinth ein neuer Bund zur Garantie der Autonomie und des Bestands der griechischen Poleis geschaffen. Philipp II. präsentiert sich dabei in der Pose eines Friedensstifters, der seine militärische Dominanz nur dazu nutzen will, die allgemeine Sehnsucht nach einem dauerhaften Frieden zu befriedigen. So soll das siegreiche Makedonien auch gar nicht Mitglied des Korinthischen Bundes werden. Der Korinthische Bund soll dem Scheine nach eine fast ausschließlich griechische Angelegenheit bleiben. Philipp II. verlangt (und erwirkt) „nur“ die Rolle des lebenslangen Hegemons. Der Hegemon hat über die Einhaltung der Bestimmungen des Bundes zu wachen. Und ihm sind im Kriegsfall von den Mitgliedern des Korinthischen Bundes Truppen zu stellen, die dann unter dem Kommando des Hegemons (aber formell im Auftrage des Bundes) kämpfen. Ein umfassender wie dauerhafter Frieden ist in der Tat seit längerem ein Sehnsuchtsmotiv in der griechischen Poliskultur. Dass nun aber ausgerechnet ein makedonischer König sich selbstlos dazu aufschwingt, diesen Traum der Griechen zu erfüllen, werden nur wenige geglaubt haben. Dazu ist auch der Respekt der Makedonen vor der Autonomie der Poleis einfach nicht beeindruckend genug. So mussten neben Theben auch Chalkis, Korinth und Ambrakia makedonische Besatzungstruppen ertragen.

Alexanders Vater, Philipp II., nimmt nun den Titel des Hegemons (der Griechen) an. Auf seinen Wunsch hin „beauftragen“ die Griechen ihren Hegemon mit einem Feldzug gegen das persische Großreich. Offizieller Kriegsgrund: Es soll für die von den Persern (während der Perserkriege) angerichteten Zerstörungen Rache genommen werden. Dass dieser angebliche Kriegsgrund schon deutlich über 100 Jahre zurückliegt, stört Phillip II. nicht. Ihm geht es ja nur darum, als Hegemon irgendwie die Heeres-Folgschaft der Griechen für seinen Persien-Feldzug einfordern zu können.

Das Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn

Im selben Jahr 337 (v.Chr.), in dem Philipp II. vom Korinthischen Bund wunschgemäß mit dem Feldzug gegen Persien beauftragt worden war, heiratete er ein weiteres Mal. Diesmal Kleopatra (später Kleopatra Eurydike genannt), die Nichte des makedonischen Adligen Attalos. Diese Ehe schien Alexanders Ansprüche auf die Thronfolge in Gefahr zu bringen. Etwas, was weder Alexander noch Alexanders Mutter Olympias besonders mochten.

Im Frühling oder Sommer 337 hatte Philipp eine weitere Frau geheiratet, Kleopatra, die Nichte des schon erwähnten Attalos, eines der vornehmsten Gefolgsleute des Königs. Es war Philipps siebte Ehe, sie hatte doch einen besonderen Charakter: Es war die erste Ehe mit einer Frau aus dem engeren makedonischen Hochadel, alle anderen Frauen, nicht zuletzt Alexanders Mutter Olympias, waren demgegenüber Fremde. So konnte während des Hochzeitgelages der stolze, im Rang besonders erhöhte Attalos ausrufen, nun könne das Land endlich einen legitimen Erben erhalten. In der Tat hat Alexander seine Position als unangefochtener Thronfolger wohl gefährdet gesehen. Seine Ehre war jedenfalls verletzt, desgleichen auch die seiner Mutter Olympias, die bis dahin als Mutter des Kronprinzen eine besondere Stelle unter den Frauen des Königs innehatte. Im Zorn verließen beide den makedonischen Hof und zogen sich in Olympias‘ Heimat Epirus zurück. (Hans-Joachim Gehrke: Alexander der Große. München: C.H. Beck 2000. S. 28)

Die Befürchtung, dass diese Ehe Alexanders Thronfolge gefährden könne, war keineswegs ganz unbegründet. Philipp II. war erst Mitte vierzig. Er konnte gut und gerne noch zwei Jahrzehnte regieren. Das war genügend Zeit, damit ein neuer Thronfolger aus der Ehe mit Kleopatra Eurydike heranwachsen konnte. Da Makedonien keine formalisierten Regeln zur Thronfolge kannte und ein „waschechter“ Makedone als Thronfolger sicherlich bei vielen besondere Sympathien genossen hätte, erschien es plötzlich durchaus möglich, dass Alexander bei der Thronfolge leer ausging. Das war zwar eine noch etwas entfernte, aber durchaus schon erkennbare Drohung. Der demonstrative Bruch mit seinem Vater durch die gemeinsame Abreise mit seiner Mutter trug allerdings nichts zur Beseitigung dieser Drohung bei. Im Gegenteil: Er hatte durch seine Abreise seinen Vater brüskiert und den Hof in Pella kampflos seinen Feinden als Spielwiese für deren Intrigen überlassen.

Nachdem Alexander zunächst zusammen mit seiner Mutter nach Epirus (Epeiros) reiste, trennte er sich dort von ihr und ging nach Illyrien. Wahrscheinlich wollte er damit sowohl Vater wie Mutter signalisieren, dass er in diesem Konflikt eine eigenständig handelnde Partei sei und keineswegs als bloßes Anhängsel seiner Mutter agiere. Dieser öffentlich ausgetragene Familienzwist zwischen Philipp und Alexander war in ganz Griechenland bekannt und galt angesichts des anstehenden Feldzuges gegen Persien als unpassend. Der Korinther Demaratos bemühte sich mit diplomatischen Mitteln um die Beilegung des Streits zwischen Philipp und Alexander. Alexander kehrte im Frühjahr 336 auch tatsächlich wieder an den Hof von Pella zurück. Diese Rückkehr wird meist als Maßnahme im Dienste der Politik und nicht als Ausdruck persönlicher Aussöhnung gedeutet: Durch Vermittlung eines Griechen versöhnten sich Philipp und Alexander im folgenden Jahr wieder. Das war aber lediglich ein den politischen Notwendigkeiten geschuldetes Arrangement. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war und blieb tief gestört.

Von jetzt an musste Alexander mit der Perspektive leben, dass Philipps neue Frau Kleopatra Eurydike einen männlichen Nachkommen zur Welt bringen könnte (was, nach einer sehr zweifelhaften Überlieferung, auch tatsächlich passiert sein soll), und dass aus diesem dann schnell ein gefährlicher Rivale für seinen Thronanspruch erwachsen könnte.

Phillip II. kommt aber nicht mehr dazu, diesen Feldzug auch tatsächlich durchzuführen. 336 v.Chr. traf Philipp II. zwar die letzten Vorbereitungen für den Persienfeldzug und es wurde sogar schon ein militärisches Vorauskommando nach Kleinasien geschickt, aber dann wird Phillip II. ermordet. Ob Alexander und/oder seine Mutter Olympias in diesen Mord verwickelt waren oder nicht, lässt sich nicht klar entscheiden. Ein mögliches Motiv für die Ermordung von Phillip II. hätte es für die beiden allerdings gegeben: Durch Phillips Heirat einer weiteren Ehefrau (mehrere Ehefrauen waren damals im makedonischen Königshaus durchaus üblich) schien Alexanders Thronfolge (die bis dahin als selbstverständlich galt) in Gefahr zu geraten.

Alexander besteigt den makedonischen Thron

Nach dem Attentat auf Philipp II. geht alles sehr schnell. Der Attentäter Pausanias wird noch am Tatort ergriffen und sofort getötet. Dann verhilft jener Antipater (Antipatros), der Alexander bereits bei seinem Auftritt in Athen begleitet hatte, Alexander auf den makedonischen Thron. Aus dem erst 20-jährigen Alexander wird der makedonische König Alexander III., den man später Alexander den Großen nennen wird.

Antipater, einer der einflußreichsten Vertreter der makedonischen Militärelite, spielte eine zentrale Rolle bei der Inthronisation. Er veranlasste, dass die am Hofe weilenden Adligen sowie die Heeresversammlung auf den jungen Herrscher eingeschworen wurden. (Pedro Barceló: Alexander der Große. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007. S. 71)

Als neuer König ist es Alexanders erste Pflicht, seinen ermordeten Vater zu begraben und für die Bestrafung aller in das Attentat verwickelten Personen zu sorgen. Bei der folgenden Welle der Gewalt werden auch einige von Alexanders Rivalen und Widersacher aus dem Weg geräumt. Ein Königshof ist eben ein gefährlicher Ort, und zwar sowohl für den König, wie auch für jene die sich (auf Grund ihrer Abstammung) Hoffnungen machen können, selber einmal König zu werden. Es folgt also eine Runde brutaler Abrechnungen. Eine Neigung zu übertriebenen Skrupeln wird dabei weder Alexander noch Olympias nachgesagt:

In Makedonien agierte Alexander in jeder Hinsicht als der legitime Thronfolger. Er ließ den Vater mit großem Aufwand in Aigai, der alten Grablege der makedonischen Könige (beim heutigen Ort Vergina) bestatten und die Hintergründe der Ermordung untersuchen. Zwei Angehörige des alten Königshauses der Lynkesten aus Obermakedonien, die womöglich als Thronprätendenten angesehen werden konnten, wurden als angebliche Komplizen verurteilt und hingerichtet. (...) Und nach einer gewissen Zeit fiel auch sein Intimfeind, Attalos, in Kleinasien durch die Hand eines Meuchelmörders. Für den blutigen Epilog dieser Vendetta gegen die tatsächlichen oder vermeintlichen Opponenten sorgte die inzwischen aus Epeiros nach Makedonien zurückgekehrte Olympias, indem sie Kleopatra Eurydike und deren Tochter Europe in den Tod trieb. Kaum war die Situation in Makedonien stabilisiert, zog der junge König, noch im Jahre 336, nach Griechenland, um sich in Thessalien als Archon der Thessaler und in Korinth als Hegemon des Korinthischen Bundes bestätigen zu lassen. Auch dort trat er das Erbe seines Vaters an. (Hans-Joachim Gehrke: Alexander der Große. München: C.H. Beck 2000. S. 30)

Beim makedonischen Volk versucht Alexander sich beliebt zu machen, indem er Steuerbefreiungen verkündet und ansonsten erklärt, dass er als Alexander III. die Politik seines hoch angesehenen Vaters Philipp II. fortsetzen werde. Insbesondere hält Alexander am Plan des von seinem Vater lange vorbereiteten Persien Feldzuges fest. Allerdings war das von Philipp II. schon für 336 (v.Chr.) vorgesehene Übersetzen der Hauptstreitmacht nach Kleinasien zu diesem Termin jetzt nicht mehr möglich. Es dauerte bis 334 (v.Chr.) bis Alexander seinen großen Feldzug beginnen konnte. Dafür sprengte dieser Feldzug dann jedes bis dahin geltende Maß. Wir wissen nicht genau, was Philipp II. geplant hatte, aber dass er vorhatte den Persienfeldzug bis Indien auszudehnen (wie Alexander es dann tat) ist kaum anzunehmen.

Die Hoffnungen vieler Griechen, dass der Tod Phillips auch das Ende der makedonischen Herrschaft über Griechenland bringen könnte, erfüllen sich nicht. Der von Theben gegen die makedonische Herrschaft gewagte Aufstand wird von Alexander mit äußerster Härte niedergeschlagen.

Als seinen Stellvertreter in Makedonien lässt Alexander jenen erfahrenen Feldherrn zurück, der ihm bei der Thronbesteigung so behilflich war: Antipater (Antipatros).

Das Heer wird von einer größeren Anzahl von Naturwissenschaftlern, Künstlern, Philosophen und Literaten begleitet, darunter auch Lysimachos, einer der ersten Lehrer des jungen Alexanders. Als Geschichtsschreiber des Feldzuges diente Kallisthenes, ein Neffe von Aristoteles. Kallisthenes schönt die Ereignisse ganz nach Bedarf und hat auch keine Scheu, sie ins sagenhafte zu übersteigern. Alexander lässt während des Feldzuges die zurückgelegten Wegstrecken vermessen und hat extra für diesen Zweck eine größere Anzahl von menschlichen „Schrittzählern“ dabei. Außerdem lässt er (so eine etwas unsichere Überlieferung) viele wundersame Pflanzen (auf die man während des Feldzuges stößt) an seinen ehemaligen Lehrer Aristoteles schicken.

334 v.Chr. setzt Alexander am Hellespont (Dardanellen) nach Asien über. Noch bevor das asiatische Ufer erreicht wird, schleudert er vom Boot aus seinen Speer in den asiatischen Boden: Asien, das speergewonnene Land. Eine Symbolik, die damals jeder verstand.

Alexander besucht noch schnell die Grabstätte von Achill (bzw. jenen Hügel, den man in der Antike dafür hält) und beginnt dann mit der Eroberung des zum Perserreich gehörenden Kleinasien.

Kleinasien

Nach dem Übersetzen über den Hellespont ist Alexanders direkter militärische Gegner zunächst nicht der persische Großkönig Dareios III., sondern er hat es vorerst nur mit den persischen Satrapen (Vizekönigen) der kleinasiatischen Provinzen zu tun. Diese Satrapen wurden vom griechischen Heerführer Memnon bei der Organisation des militärischen Widerstandes beraten.

Memnon empfiehlt, einer offenen Schlacht mit Alexanders Truppen zunächst aus dem Weg zu gehen. Stattdessen sollen Alexanders Truppen erst einmal ausgehungert werden. Persiens Flotte solle dazu jede Versorgung von Alexanders Truppen aus der Heimat unterbinden. Ergänzend soll eine Taktik der verbrannten Erde verhindern, dass Alexander sein Heer mit den Früchten Kleinasiens ernähren kann. Wenn das Heer Alexanders dann seine mitgeführten Vorräte verbraucht hat und ermattet zum Rückzug gezwungen ist, dann soll ihm der Rückweg durch Truppen verstellt werden. Erst jetzt sollen die Eindringlinge in einer großen Schlacht besiegt werden.

Dieser Vorschlag Memnons stößt aber im Kriegsrat auf Ablehnung. Man beschließt, Alexanders Truppen möglichst schnell in einer offenen Schlacht zu stellen. Man will die zahlenmäßig deutlich überlegene eigene Reiterei dazu benutzen, um Alexanders Feldzug zu stoppen, noch bevor er richtig begonnen hat. Und so werden die Truppen der persischen Satrapen (darunter viele griechische Söldner) am Fluss Granikos in Stellung gebracht. Hier soll Alexanders Armee geschlagen werden.  

Die Schlacht am Fluss Granikos

334 v.Chr. Die erste richtige Schlacht des Feldzuges findet im Mai 334 (v.Chr.) am Fluss Granikos statt. Das Heer der kleinasiatischen Satrapen stellt sich Alexander entgegen. Zu den Details der Schlacht gibt es mehrere Versionen. Uns reicht hier eine Variante:

Selbstverständlich nahm Alexander die Schlacht an (Mai 334). Durch Operationen seiner berittenen Aufklärungseinheiten lockte er die persische Kavallerie aus ihren Stellungen, um sie dann unmittelbar anzugreifen und in die Flucht zu schlagen. Wieder, wie bei Chaironeia, brachte eine Attacke der Hetairoi („Kampfgenossen des Königs“ = Elite der Kavallerie; NF) unter persönlicher Führung Alexanders, gerichtet auf den stärksten Punkt des Feindes die Entscheidung. Der Angriff war erfolgreich, gerade weil er strategischen Überlegungen zuwiderlief, zugleich höchst riskant (Alexander wäre fast getötet worden). Deshalb war der Sieg sehr ehrenvoll, zudem dank des Überraschungseffektes mit geringen eigenen Verlusten verbunden. (Hans-Joachim Gehrke: Alexander der Große. München: C.H. Beck 2000. S. 37)

Plutarch erzählt uns wie Alexander damals dem Tod nur knapp entkam:

Eine große Menge stürmte gegen Alexander an, denn er war leicht zu erkennen an seinem Schild und seinem Helmbusch, der auf beiden Seiten eine auffallend lange weiße Feder trug. Alexander wurde von einem Wurfspeer in einer Fuge seines Harnischs getroffen, war aber nicht verwundet. Jetzt galoppierten die beiden Feldherrn Rhoisakes und Spithridates gleichzeitig auf ihn los. Dem einen wich er aus, dem Rhoisakes brachte er mit der Lanze einen Stoß auf den Panzer bei, und als die Lanze dabei zerbrach, griff er zum Schwert. Während des Zweikampfes trieb Spithridates sein Pferd von der Seite her neben ihn, hob sich mit einem Schwung im Sattel empor und hieb mit der persischen Streitaxt nach ihm. Er traf den Helmbusch samt der einen Feder, der Helm aber hielt dem Hieb gerade noch so weit stand, daß die Axt mit ihrer Scheide nur die Haare oben berührte. Spithridates holte gerade zum zweiten Hieb aus, da kam ihm der schwarze Kleitos zuvor und rammte ihm den Speer mitten durch den Leib. Zugleich fiel auch Rhoisakes, von Alexanders Schwert getroffen. (Plutarch: Alexander, 16)

Im Anschluss an diese Szene wendet sich Alexander dem Kampf gegen die einzig noch dem Angriff standhaltenden Griechen zu. Diese auf persischer Seite kämpfenden griechischen Söldner sind die Hauptleidtragenden der Schlacht am Granikos. Während der Schlacht fällt der Großteil dieser besonders energisch bekämpften Gegner. Wer zu den in persischen Diensten stehenden Griechen gehört, die in Gefangenschaft geraten, der wird zur Zwangsarbeit in den Bergwerken Makedoniens verurteilt. Diese Art der Bestrafung soll wohl unterstreichen, dass es sich bei Alexanders Feldzug um ein panhellenisches Projekt handelt. Wer da als Grieche auf Seiten der Perser kämpft, ist nicht nur Feind, sondern auch Verräter und wird entsprechend behandelt.

Der Sieg am Granikos macht den Weg nach Sardes frei und große Teile Kleinasiens konnten jetzt problemlos eingenommen werden. Während Alexander vorrückte, sammelte Memnon die versprengten Reste des persischen Satrapen-Aufgebots bei Hali kar nassos. Und Memnon wirbt sogar noch neue griechische Söldner zum Kampf gegen den Makedonen an. Außerdem ist mittlerweile die persische Flotte im Anmarsch. Damit droht eine Blockade der Seewege in der Ägäis. Und: Der Hauptteil der persischen Truppen hat bis jetzt noch gar nicht in den Kampf eingegriffen.

Wo immer möglich tritt Alexander als Befreier vom persischen Joch auf. Das erspart ihm viele Schlachten. Häufig können Alexanders Truppen (in der Rolle umjubelter Befreier) persische Bastionen kampflos einnehmen. Dort, wo Alexander auf Widerstand stößt, triumphiert er. Und häufig lässt er die Besiegten dann anschließend seine gnadenlose Härte spüren.

Gordion und der gordische Knoten

Nach der Vertreibung von Memnon aus Halikarnassos trennen sich die Wege. Der Großteil des griechisch-makedonischen Heers wird ins Winterlager nach Sardes geschickt. Einige Eliteverbände hingegen unternehmen einen von Alexander angeführten Winterfeldzug. Ziel dieses Winterfeldzuges ist die Einnahme weiterer Hafenstädte, um so die Möglichkeiten der persischen Flotte etwas einzuschränken. Im Frühjahr sollen sich die Truppenteile in Gordion wieder vereinen. Alexanders Winterfeldzug erreicht seine wichtigsten Ziele und es werden mehrere Küstenorte, darunter auch Side, eingenommen. Anschließend zieht Alexander, wie verabredet, in Richtung Gordion. Hier erwartet er für das Frühjahr 333 (v.Chr.) das Eintreffen seiner Truppen aus dem Winterquartier in Sardes, wie auch die Ankunft frischer Truppen aus der Heimat. In Gordion spielt auch die kleine Episode mit dem gordischen Knoten. Sie gehört einfach zum Alexander-Mythos. Lassen wir uns die Geschichte von Plutarch erzählen:

Die Stadt Gordion, die sagenhafte Residenz des altberühmten Königs Midas, eroberte er (Alexander; NF) und besichtigte dort den bekannten Wagen, der mit dem Bast von Kornelkirschen zusammengebunden war. Er hörte auch die Sage, die sich an ihn knüpft und die die Barbaren für wahr halten, daß nämlich derjenige, der den Knoten löse, dazu bestimmt sei, König über die ganze Erde zu werden. Die meisten berichten nun, daß die Enden des Knotens, da vielfach verschlungen und verknotet, nicht zu sehen gewesen seien, und daher sei Alexander nicht in der Lage gewesen, den Knoten aufzulösen, sondern habe ihn mit dem Schwert durchtrennt, wodurch viele Enden zum Vorschein gekommen seien. Aristobulos (Aristobulos war ein Teilnehmer des Alexanderzugs; NF) erzählt dagegen, das Auflösen sei Alexander ganz leichtgefallen, indem er einfach den Pflock, mit dem der Jochriemen festgehalten war, aus der Deichsel herauszog und so das Joch vom Wagen trennte. (Plutarch: Alexander, 18)

Die Schlacht bei Issos 333 v.Chr.

Issos ist ein Ort unweit von Tarsos. Vor den Toren von Issos kommt es im November 333 (v.Chr.) zur ersten Schlacht zwischen Alexander III. und Dareios III. Alexander erringt einen wichtigen Sieg. Das ständige weitere Vordringen von Alexander hatten Dareios III. dazu bewogen, ein großes Heer zu mobilisieren und mit dieser Streitmacht selbst Alexander entgegen zu treten.

Der persische Großkönig zieht nicht nur mit einem Heer, sondern auch mit Hausstand, Mutter, Ehefrau und Kindern in den Krieg. Selbst der königliche Harem kommt mit. Harem und Kriegskasse werden jedoch vom unmittelbaren Kriegsgeschehen etwas abseits gehalten und zwecks ihrer Sicherheit nach Damaskus gebracht. Für Mutter, Gattin und Kinder (samt königlichem Hausstand und dem Personal zur Hofhaltung) gelten jedoch weniger strikte Vorsichtsmaßnahmen: Sie finden ihren Platz im persischen Heerlager.

Als Alexander erfährt, dass Dareios III. mit einer großen Streitmacht auf ihn zuzieht, beschließt er, ihm mit seinem Heer entgegen zu ziehen. Dieses Manöver dient auch dazu, das makedonische Hauptheer – bevor es zur großen Schlacht kommt – wieder mit den Truppen unter dem makedonischen Heerführer Parmenion zu vereinen. (Der makedonische General Parmenion operierte damals mit einem größeren Truppenkontingent ein paar Tagesmärsche von Alexander entfernt.) Bei diesen ganzen Operationen passiert es dann, dass das persische und das makedonische Heer in geringer Entfernung aneinander vorbeiziehen, ohne dass eine der beiden Parteien dies bemerkt. Als das Malheur dann entdeckt wurde, wendeten beide Heere und traten gegeneinander an. Dadurch hatten die beiden Heere allerdings ihre „natürlichen“ Positionen auf dem Schlachtfeld getauscht. Soweit wir die Schlacht rekonstruieren können, wird sie durch die Flucht von Dareios III. zugunsten Alexanders entschieden.

Als Alexander mit seiner Hetairenreiterei einen waghalsigen Angriff auf das Zentrum der persischen Schlachtreihen ausführt und dabei direkt Kurs auf den königlichen Streitwagen des Dareios III. hält, ergreift der die Flucht und dies, obwohl die Schlacht noch keineswegs entschieden ist. Erst das Signal der Flucht des Großkönigs lässt den Widerstand der persischen Streitmacht erlahmen und sorgt für Alexanders vollständigen Sieg.

Bei der Sichtung der Beutestücke aus dem Hausstand des Dareios fiel ein besonders reichhaltig verziertes Kästchen auf und man brachte es zu Alexander, allein schon deshalb, weil es das wertvollste Beutestück schien. Alexander beschließt, dieses Kästchen für sein Exemplar der Ilias zu verwenden, es also für die Aufbewahrung des Epos mit seinem Liebingshelden Achill zu reservieren. So erzählt es uns zumindest Plutarch:

Man brachte ihm einmal ein Kästchen, das denen, die die Schätze und das Gepäck des Dareios zu registrieren hatten, als das kostbarste erschien. Da fragte er seine Freunde, was ihrer Meinung nach am ehesten einen Platz in diesem Kästchen verdiene. Die einen rieten dies, die anderen das, und da entschied er selber, er wolle die Ilias darin aufbewahren. (Plutarch: Alexander, 26)

Die persische Kriegskasse löst endgültig alle Finanzierungsprobleme des Alexanderzugs. Die Verwandten des Dareios verbleiben als Geiseln bei Alexander, dürfen dabei aber weiterhin den gewohnt luxuriösen Lebenswandel pflegen. An der Mittelmeer-Küste entlang zieht Alexander nun in Richtung Ägypten. Ein eingehendes Friedensangebot des Dareios, der Alexander immerhin die Hälfte des Perserreichs anbietet, weist er derweil zurück.

Die Eroberung von Tyros

Das phönizische Tyros, die Mutterstadt Karthagos, liegt auf einer Insel, ca. 800 Meter vor der Küste. Um die Belagerungsmaschinen einsetzen zu können, ließ Alexander 332 (v.Chr.) einen Damm zur Insel aufschütten. Ergänzend wurde die Stadt von See her durch eine Flotte blockiert. Die Schiffe dieser Flotte stellten verschiedene phönizische und zypriotische Städte. (Neben vielen phönizischen Städten waren auch die zypriotischen Küstenstädte von den Persern zu Alexander übergegangen.) Die ganze Operation dauerte über ein halbes Jahr, erst dann fiel Tyros. Die Rache, die Alexander für die Unbeugsamkeit der Tyrier nahm, erinnert an die Behandlung Thebens. 8.000 Einwohner werden getötet, 30.000 in die Sklaverei verkauft. Und als besondere Abschreckung lässt Alexander noch 2.000 Männer im wehrfähigen Alter kreuzigen.

Ägypten

Ende 332 v.Chr. hat Alexander nicht nur die levantinische Küste erobert, sondern auch kampflos Ägypten eingenommen. Alexander, der wieder einmal als der Befreier vom persischen Joch empfangen wurde, wird nun der neue ägyptische Pharao. Alexander weiß um die Vorteile der Anpassung an lokale Sitten. Die Privilegien der Priesterschaft werden von Alexander bestätigt. Er opfert in Memphis dem Apis-Stier und lässt in Karnak wie Luxor die alten Heiligtümer wieder herrichten. Als neuer Pharao besucht er das in der Wüste gelegene Ammon Orakel und gründet im Nildelta das ägyptische Alexandria. Um beide Ereignisse ranken sich viele Geschichten und Legenden. Das Ammon Orakel beeindruckt Alexander, hier will er später begraben werden; Alexandria, das (entgegen seinem Wunsch) zu seiner Grabstätte wird, beeindruckt als Bildungszentrum und mit seiner Bibliothek später die halbe Welt.

Die Entscheidungsschlacht: Gaugamela 331 v.Chr.

331 v.Chr. verlässt Alexander mit seinen Truppen Ägypten wieder und nimmt nun Kurs auf das Kernland des persischen Großreichs. Im Juli wird der Euphrat überschritten, im September erreicht er den Tigris. Hier kommt es dann (im Oktober 331 v.Chr.) bei Gaugamela zur zweiten großen Schlacht zwischen Alexander und Dareios. Der Schlachtverlauf wirkt dabei fast wie eine Dublette der Schlacht bei Issos. Als Alexander mit seiner Reiterei erneut zu einem waghalsigen Angriff in Richtung des persischen Großkönigs ansetzt, flieht dieser abermals, was wiederum die Schlacht zu Alexanders Gunsten entscheidet. Noch auf dem Schlachtfeld lässt sich Alexander von seinem Heer zum König von Asien ausrufen. Alexander kann nun in der Folgezeit - quasi der Reihe nach – die wichtigsten Metropolen des Perserreichs einnehmen. Viele davon, so auch Babylon, werden Alexander kampflos übergeben.

In Susa fällt Alexander ein größerer Teil des persischen Staatsschatzes in die Hände. Mit einem Schlag ist Alexander einer der reichsten Herrscher der Welt. Zum Schatzmeister und Verwalter des immensen Vermögens ernennt Alexander seinen Jugendfreund Harpalos. Alexander entscheidet, dass das erbeutete Edelmetall eingeschmolzen und ausgemünzt werden sollen. Insbesondere das Silber des persischen Staatsschatzes wird als Geld in Umlauf gebracht. Ein antikes Konjunkturprogramm. Der wirtschaftliche Aufschwung, der sich bald im ehemaligen Perserreich sowie in Makedonien und Griechenland bemerkbar macht, wird (trotz Edelmetallwährung!) von massiver Inflation begleitet.

Nach der Einnahme der letzten persischen Residenzstadt (Ekbatana) wird der Rachefeldzug der Griechen gegen die Perser offiziell für beendet erklärt. Die griechischen Truppen dürfen heimkehren. Viele der Griechen entscheiden sich aber dafür, als Söldner weiterhin unter Alexander und in seinem Heer zu dienen.

Das Ende des Rachefeldzugs 330 v.Chr.

Dareios III. hatte sich nach der Schlacht bei Gaugamela nach Ekbatana zurückgezogen. Das war die alte medische Hauptstadt, die jedoch auch Residenzstadt der persischen Großkönige war und in heißen Sommern gern genutzt wurde. Dareios III. hatte sich um die Aufstellung eines neuen militärischen Aufgebots bemüht, was jedoch nur sehr mäßigen Erfolg hatte. Nachdem Alexander Persis, das Kernland der Perser, nachdrücklich unterworfen und gesichert hatte, marschierte er nach Ekbatana und konnte es im Juni 330 (v.Chr.) kampflos einnehmen. Dareios III. hatte sich da allerdings schon aus dem Staub gemacht. Eine weitere große Schlacht wollte und konnte er dem Alexander-Heer nicht anbieten. Mit Ekbatana ist jetzt auch die letzte Residenzstadt der persischen Großkönige in Alexanders Hände gefallen. Alexander nimmt dies zum Anlass, den Rachefeldzug gegen die Perser für beendet zu erklären. Der Auftrag des Korinthischen Bundes – Rache für die Zerstörungen während der Perserkriege – gilt jetzt als erfüllt. Die im Rahmen des Korinthischen Bundes von den Griechen gestellten Truppen-Kontingente werden offiziell entlassen. Alexander bietet den Griechen jedoch an, als Söldner weiterhin unter seinem Kommando zu dienen. Ein Angebot, das viele Griechen annehmen.

Das nächste militärische Projekt Alexanders ist die Verfolgung von Dareios III. Er gibt sich nicht damit zufrieden, dass er die Reichtumsquellen des Perserreiches erobert hat, er will auch des Dareios habhaft werden. Und er überträgt diese Aufgabe nicht einem seiner Generäle, sondern er nimmt sich selbst dieser Aufgabe an.

Dareios III. ist zusammen mit Bessos, dem persischen Satrapen von Baktrien, auf der Flucht. Er zieht sich in die ost-iranischen Provinzen seines ehemaligen Reiches zurück. Vielleicht hofft er noch, dass Alexander die Mühseligkeit einer weiteren Verfolgung in diesem ungastlichen Terrain scheut und ihm nicht weiter nachsetzt. Bevor Alexander die Verfolgung von Dareios aufnimmt, sind jedoch nur noch ein paar Dinge zu regeln. Ekbatana wird jetzt nämlich zu einer Stadt mit besonderer strategischer Bedeutung für den Alexanderzug. Wenn Alexander in die ost-iranischen Provinzen zieht, dann muss von hier aus der Nachschub für die Truppen auf den Weg gebracht werden. Alexander bestimmt einen seiner fähigsten Feldherrn, Parmenion, zum Kommandanten von Ekbatana und überträgt ihm die Verantwortung für den Nachschub. Zur Sicherung der logistischen Schlüsselfunktion erhält Ekbatana eine Garnison mit 6.000 Mann.

Allerdings macht ein Großkönig, der nun schon zum dritten Mal vor Alexander flieht, keinen wirklich guten Eindruck. Und so muss Dareios damit leben, dass die Loyalität vieler Teile seines kleinen Heeres eher dem Satrapen Bessos, denn ihm, dem Großkönig, gehört. Bessos nutzt diese Situation und macht Dareios auf der gemeinsamen Flucht vor Alexander zu seinem Gefangenen. Als bei Hekatompylos Alexanders Vorhut zur Nachhut der Flüchtenden aufschließt und die Gefahr besteht, dass den Makedonen Dareios lebend in die Hände fällt, wird Dareios von zwei Gefolgsleuten des Bessos (den Satrapen Satibarzanes und Barsaentes) getötet und zurückgelassen. Alexander wird nun zwar des Dareios habhaft, aber nur als Leiche. Alexander versteht sich jedoch darauf, selbst beim Umgang mit einem Leichnam seinen Vorteil zu wahren:

Die Verfolgung des flüchtigen Dareios führte weiter nach Osten. Dessen Autorität sank. Gegen ihn verbanden sich hohe Würdenträger um den Satrapen Baktriens, setzten ihn gefangen und töteten ihn beim Nahen Alexanders. Alexander ließ ihn in Persepolis bestatten und betrachtete sich nun als legitimen Nachfolger der Achämeniden. (Detlef Lotze: Griechische Geschichte. 5. Auflage. C.H. Beck 2002. S. 93)

Zur Flankierung seines Anspruchs als legitimer Nachfolger des Dareios, lässt er diesen nicht nur in der Grablege der Achaimeniden bei Persepolis mit allen Königswürden beisetzen, sondern will auch Bessos (der nun als ruchloser Königsmörder gilt) seiner „gerechten“ Strafe zuführen. Eine weitere kleine Flankierung des Legitimitätsanspruchs liefert eine von Plutarch erzählte Geschichte. In dieser Geschichte fällt der bereits tödlich verwundete Dareios der Vorhut des Alexander-Heers noch lebend in die Hände:

Er (Dareios; NF) lag auf einem Wagen, den Leib mit Wunden bedeckt, schon dem Tode nahe. Er verlangte aber noch zu trinken, trank einen Schluck frisches Wasser und sagte zu Polystratos (einem Makedonen; NF), der es ihm gereicht hatte: »Freund, das ist jetzt der Gipfel meines ganzen Elends, daß man mir Gutes getan hat, ohne daß ich es vergelten kann. Aber Alexander wird dir diesen Liebesdienst lohnen. Und er wird von den Göttern belohnt werden für die liebevolle Behandlung meiner Mutter, meiner Gattin und meiner Kinder. Ihm gebe ich diesen Händedruck durch dich.« Mit diesen Worten faßte er noch die Hand des Polystratos. Dann verschied er. (Plutarch: Alexander, 43)

Bis zur Einnahme von Ekbatana hatte Alexander unter dem Motto Rache für die Zerstörungen der Perserkriege Krieg geführt. Nun, nach der Einnahme von Ekbatana und dem Tod des Dareios III., wird der Feldzug nicht beendet, sondern unter dem Motto Rache für die Ermordung des Dareios weitergeführt. Indem Alexander jetzt die Bestrafung des Königsmörders Bessos zum Kriegsziel erklärt, verlangt er dem makedonischen Heer schon einiges an geistiger Flexibilität ab. Immerhin war Dareios bis gerade eben der gejagte Feind auf der Flucht. Und jetzt sollte der Mord an ihm gerächt werden?

Die Verfolgung Bessos führt das Alexanderheer tief in das heutige Afghanistan. Alexander überwindet dabei mit seinem Heer auch den Hindukusch. Bald danach kann er Bessos gefangen nehmen und als Königsmörder hinrichten lassen. Damit ist aber die Sache noch nicht erledigt. Es kommt zu einer Art Guerilla-Krieg gegen das Alexanderheer. Die höchst verlustreichen Kämpfe dauern bis 327. Und hätte Alexander seine militärischen Maßnahmen nicht durch eine kluge Heiratspolitik ergänzt, so hätte er dieses Schlachtfeld auch als Verlierer verlassen können. Durch die geschickte Einheirat in den Adel der gegen ihn kämpfenden Stämme (Alexander nimmt die ob ihrer Schönheit viel gerühmte Roxanne zur Frau), gewinnt Alexander aber ein positives Ansehen bei vielen seiner bisherigen Feinde. Auf dieser Grundlage gelingt es Alexander dann „sein Afghanistan Abenteuer“ siegreich zu beenden.

Hofhaltung

Obwohl es ganz danach aussieht, dass eine deutliche Mehrheit der Soldaten noch lange Zeit fast absolutes Vertrauen zu Alexander hatte, verlor Alexander doch das Vertrauen etlicher seiner alten makedonischen Gefährten. Im inneren Führungskreis sorgte Alexander zunehmend für Verwunderung und Irritationen. Das hing vor allem damit zusammen, dass Alexander mehr und mehr persische Sitten annahm. Nach dem Tod von Dareios legte Alexander nun häufiger das üppig verzierte Ornat eines persischen Großkönigs an und er benutzte den Siegelring des Dareios. Alexander legt plötzlich Wert darauf, seine Herrscherwürde mit einer Prachtentfaltung im persischen Stil zu demonstrieren und in seiner Umgebung traf man jetzt immer häufiger persische Höflinge an. Seine Generäle fühlen sich dabei zunehmend nicht mehr als die Gefährten eines makedonischen Königs wahrgenommen, sondern als Untertanen eines orientalischen Monarchen behandelt.

Ja, selbst die demütige Proskynese (die unterwürfig tiefe Verbeugung, bzw. den Knie- oder gar Fußfall) wollte Alexander ab 327 (v.Chr.) zum für alle verbindlichen Teil seines Hofzeremoniells machen. Diese im Orient gegenüber dem Herrscher übliche zeremonielle Demutsgeste galt im griechisch geprägten Kulturraum als eines freien Mannes unwürdig. Die orientalische Sitte der Proskynese galt den Griechen als Beleg dafür, dass die Untertanen des Großkönigs alle nur Sklaven seien und er selbst der einzig freie Mann des ganzen Reiches war. Alexanders Versuch, die Proskynese in seiner makedonisch-griechischen Umgebung durchzusetzen, scheitert dann auch. Aber allein dieser Versuch und sein Scheitern zeigen, wie sehr sich Alexander und seine alten Gefährten entfremdet haben. Hier von Spannungen zu reden scheint nicht übertrieben.

Dies, sowie die immer umfangreicheren persischen Truppenteile die Alexander in sein Heer aufnimmt, sorgt für Spannungen zwischen Alexander und seinen makedonischen Generälen. Alexander, der keinen Widerspruch duldet, lässt vor dem Hintergrund solcher Spannungen einige seiner besten Generäle hinrichten bzw. hinterrücks ermorden. Auch tötet er schon mal alte Kampfgenossen in einem seiner Wutanfälle.

Indien-Feldzug und Truppen-Streik

Im Sommer 327 (v.Chr.) bricht Alexander zu seinem Indien-Feldzug auf. Dieser Feldzug wurde aufwendig vorbereitet. Das Heer, mit dem Alexander jetzt unterwegs ist, ist das größte des ganzen Alexanderzugs. Durch neu eingetroffene Verstärkungen, darunter sowohl makedonische wie iranische Einheiten, wuchs das Heer auf ca. 50.000 Mann. Zum Heer gehören nicht nur die unterschiedlichsten Arten von Kampfverbänden, sondern auch vielfältige Pioniereinheiten sowie Belagerungsmaschinen samt Personal. Alexander weiß, dass er in ein Gebiet mit mächtigen Flüssen unterwegs ist und hat deswegen sogar transportfähig zerlegte Schiffe (zum Bau von Brücken) dabei. Man sollte aus dem Umstand, dass Alexander Schiffe für den Bau von Schiffsbrücken über die großen Strömen des Punjab mitführte, allerdings nicht schließen, dass Alexander bereits vor Beginn seines Indien-Feldzugs über die Geographie des Subkontinents wirklich gut informiert war. Solides Wissen zum indischen Subkontinent gab es damals im griechischen Kulturraum noch nicht. Alexander dürfte diesbezüglich die damaligen Irrtümer des griechischen Kulturraums geteilt haben: Der Indus ist der Oberlauf des Nils und Indien umfasst nicht viel mehr als den (heute in Pakistan liegende) Punjab. Irrtümer, die Alexander im Verlauf des Feldzuges zu korrigieren hatte. Warum startet Alexander überhaupt den Indien-Feldzug?

Nun, Alexander war noch nicht der Herrscher der ganzen Welt und deswegen gab es einfach keinen zwingenden Grund, den Alexanderzug bereits jetzt zu beenden. Der Plan, Indien zu erobern, klang dabei sicherlich verlockender, als sich weiter mit den Reitervölkern der zentralasiatischen Steppe herumzuschlagen. Und einige Teile Indiens hatten sogar früher schon Mal zum Perserreich gehört. Wenn man Alexander als den neuen Achaimeniden sieht, dann kann man den Indien-Feldzug sogar als Wieder-Erwerb verloren gegangener alter Besitztümer sehen. Außerdem wurden dem Zeus-Sohn Herakles wie auch dem Gott Dionysios ebenfalls Heereszüge bis ins ferne Indien nachgesagt. Warum sollte Alexander hinter den beiden zurückstehen? Zudem war der Indien-Feldzug für Alexander eine gute Gelegenheit, bis zum Okeanos vorzustoßen. Nach griechischer Vorstellung umfloss dieses Gewässer die gesamte von Menschen bewohnte Welt (die Oikumene). Alexanders Lehrer Aristoteles wird ihm sicherlich vom Okeanos erzählt haben.

Der Truppen-Streik am Hyphasis 326 v.Chr.

Während das Alexander-Heer durch den Monsunregen in Richtung des Flusses Hyphasis (Beas) stapft, treffen Meldungen ein, die von neuen (im griechischen Kulturkreis bisher unbekannten) mächtigen Reichen am Ganges berichten. Man erwartet (nicht ganz unbegründet), dass das automatisch bedeutet, dass diese Reiche ein neues Ziel für den Alexanderzug werden. Das Heer ist aber vollständig erschöpft und will nicht zur Eroberung weiterer, noch fernerer Reiche aufbrechen. Es kommt zum Streik der Truppe. Auch wenn Alexander weitere üppige Beute in Aussicht stellt, sowohl die einfachen Soldaten, wie die Offiziere sind für zusätzliche Eroberungen nicht zu begeistern:

Doch den Soldaten reichte es. Sie hatten jetzt 70 Tage unter dem Monsunregen und der Hitze gelitten. Unter solchen Bedingungen geht die Ausrüstung kaputt, die Waffen rosten, und man wird tagsüber niemals trocken; die Malaria ist eine Plage, mit Durchfall ist ständig zu rechnen; überall gibt es Schlangen, die von den Fluten auf höher gelegenes Gelände getrieben werden. (Michael Wood: Auf den Spuren Alexanders des Großen. Stuttgart: Reclam 2002. S. 195.)

Obwohl Alexander mittlerweile dafür bekannt ist, dass er auf abweichende Meinungen oder Kritik nicht immer sanftmütig reagiert, wagt es der Offizier Koinos (auf einer extra einberufenen Krisensitzung) Alexander die Situation im Heer verständlich zu machen:

Da du, König, darauf verzichtest, die Makedonen auf Grund deiner Befehlsgewalt zu führen, sondern behauptest, du wollest diese erst überzeugen, im Falle aber, du wirst selbst überredet, keine Gewalt anzuwenden gedenkst, möchte ich dir antworten. Ich spreche dabei nicht für uns hier, die wir in höheren Ehren stehen als andere … Ich will vielmehr sprechen für die Masse des Heeres … Eine Vielzahl unerreichter Heldentaten ist von dir wie auch von jenen vollbracht worden, die mit dir von Zuhause aufgebrochen sind; umso mehr aber scheint es jetzt angebracht, diesen Mühen, diesen Gefahren ein Ende zu machen. Du siehst selbst, wie viele wir waren, die von den Griechen, von den Makedonen auszogen, und wie viele davon übrig sind. … [Sie] sind teils im Kampf zugrunde gegangen, teils durch ihre Wunden kampfunfähig geworden und zum Teil über ganz Asien verstreut zurückgeblieben. Die Mehrheit aber starb an Krankheiten, und so sind von der ganzen großen Zahl nur noch wenige übrig: Die aber sind kaum noch im Vollbesitz ihrer körperlichen Kräfte, und noch mehr hat seit langem schon ihre Begeisterung gelitten. Sie alle sehnen sich nach Eltern, falls sie solche noch haben, nach Gattin, Kindern – nach der Heimat. (Arrian: Anabasis, 5, 27) (Michael Wood: Auf den Spuren Alexanders des Großen. Stuttgart: Reclam 2002. S. 196.)

Alexanders Versuche, das Heer umzustimmen, fruchten nicht. Das Heer setzt sich durch. Allerdings trägt der von Alexander gewählte Weg zurück nach Persien den Charakter einer Bestrafung. Er lässt den Hauptteil seiner Truppen durch die absolut menschenfeindliche Gedrosische Wüste marschieren. Die Majorität seiner Soldaten überlebt diesen Todesmarsch nicht.

Die Zeit nach der Rückkehr: 324 - 323 v.Chr.

Im Frühjahr 334 beginnt der Alexanderzug, im Frühjahr 324 endet der Alexanderzug. Während dieser 10 Jahre hat sich der Herrschaftsbereich Alexanders beständig vergrößert und die Liste seiner Herrschertitel wurde immer länger. Am Ende ist er nicht nur König der Makedonen und Hegemon der Griechen, sondern auch Pharao von Ägypten und persischer Großkönig. Andere, nicht ganz so prominente Herrschertitel, hat er im Dutzend und mehr angehäuft.

Alexander hatte das Reich stets aus den improvisierten Lagern seiner Feldzüge regiert. Das politische Zentrum des Reichs befand sich immer in seinem Heerlager. Hier hielt er Hof. Der Kontakt zum Reich wurde durch Boten aufrechterhalten. Ständig waren Boten zu und von ihm unterwegs. Er wurde informiert, besprach sich und traf Entscheidungen. Trotzdem gab es einiges zu regeln, als sein mobiles Hoflager (das mittlerweile persische Prachtentfaltung zu bieten hatte) zu den Metropolen des Perserreichs zurückkehrte.

Lob und Tadel

Bereits auf der letzten Strecke der Rückkehr (ab seinem Aufenthalt in Karmanien) begann Alexander Lob und Tadel über die mächtigen des Landes, insbesondere die Satrapen und die Militärbefehlshaber, zu verteilen. Wer als illoyal galt, sich eigenmächtig Kompetenzen angemaßt hatte, unfähig war, sich Disziplinlosigkeiten erlaubt hatte oder als korrupt galt, der wurde bestraft. Erst recht traf dies natürlich für jene zu, die von Alexander abgefallen waren (und ihre Satrapien wie eigene kleine Königreiche führten) oder sich den Titel eines Satrapen angeeignet hatten, ohne von Alexander dazu ernannt worden zu sein. Alexander hatte keine Probleme damit, für solche Delikte die Todesstrafe zu verhängen.

Alexanders ehemaliger Jugendfreund Harpalos wollte nicht abwarten, welches Urteil ihn treffen würde und flüchtete beim Herannahen des Alexander-Heers. Er war mit der Verwaltung der Reichtümer aus dem persischen Staatsschatz betraut worden und hatte auch seine Neigung zu Ausschweifungen aus dieser Schatulle finanziert. Zusammen mit 5.000 Talenten sucht er das Weite. Sein Weg führt ihn erst nach Athen, dann nach Kreta, wo er wenig später stirbt.

Alexander tadelt aber nicht nur, sondern verteilt auch Lob und neue Würden. So macht er seinen innigsten Jugendfreund Hephaistion (seinen „Patroklos“) zum Chiliarchen (Kommandeur der Leibgarde, (Groß-)Wesir, Stellvertreter). Der General Ptolemaios erhielt den ehrenvollen Titel eines Vorkosters. Beides Titel, die zwar eine persisch-iranische Tradition hatten, aber keine makedonisch-griechische.

Eine Massenhochzeit in Susa

In Susa organisierte Alexander eine Massenhochzeit. Er selbst heiratete je eine Tochter von Dareios III. und Artaxerxes III. Damit war er nun verwandtschaftlich doppelt mit dem persischen Herrscherhaus der Achaimeniden verbunden, was seiner Rolle als neuer Achaimenide sicherlich nützlich war. Auch für seine hochrangigen makedonischen Gefolgsleute sucht er Gemahlinnen aus der persisch-iranischen Aristokratie aus. Die 80 bis 100 Eheschließungen erfolgten nach persischem Ritus und im Rahmen eines mehrtägigen Festes. Dass bei dieser Aktion politische Interessen und nicht erotische Neigungen im Vordergrund standen, ist offensichtlich. Alexander wollte durch diese Maßnahme die Entwicklung einer neuen Herrschaftselite befördern. Einer Herrschaftselite, die sowohl makedonisch-griechische wie persisch-iranische Wurzeln hatte. Flankiert wurde diese Massenhochzeit durch die „Legalisierung“ der Konkubinate von makedonischen Soldaten mit persischen Frauen. Aus ca. 10.000 Konkubinen wurden durch Beschluss Alexanders Ehefrauen. Dazu gab es jeweils ein Hochzeitsgeschenk von Alexander.

Alexander stirbt in Babylon 323 v.Chr.

Alexander starb am 10. Juni 323 (v.Chr.) in Babylon. Er starb kurz vor seinem 33. Geburtstag. Seinem Tod war ein etwa 10-tägiges Siechtum vorausgegangen. Zwei Tage vor seinem Tod sind seine Truppen nochmals an ihm vorbeidefiliert. Er lag dabei auf seinem Krankenbett und war bereits zu schwach, um zu sprechen.

Alexander hatte Warnungen/Prophezeiungen erhalten, dass er in Babylon sterben werde. Er war deswegen zunächst auch etwas zögerlich und hätte den geplanten Besuch der Stadt fast ausfallen lassen. Erst die beruhigenden Worte des Philosophen Anaxarch (Anaxachos), der von solchen Prophezeiungen nicht allzu viel hielt, veranlassten Alexander, wie ursprünglich geplant, in Babylon Quartier zu nehmen. Nach verschiedenen antiken Quellen gab es dennoch weiterhin „schlimme“ Vorzeichen.

Was die Todesursache angeht, so dominiert heutzutage die Vermutung einer Infektion (wie z.B. Malaria tropica). Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass er an den Spätfolgen seiner Verwundungen gestorben ist. In der Antike gab es zudem bald Gerüchte über eine Vergiftung. Über die Todesursache wird viel und heftig spekuliert. Infektionskrankheit, Gift, Alkohol-Exzesse sind dabei die drei am häufigsten genannten Todesursachen.

Weitere Pläne

Als Alexander (woran auch immer) starb, steckte er mitten in den Vorbereitungen für den nächsten Feldzug. Er wollte die Arabische Halbinsel erobern. Der Aufbruch zu diesem Feldzug soll unmittelbar bevorgestanden haben. Es wird auch davon berichtet, dass Alexander auch über noch weit umfangreichere neue Feldzüge nachdachte.

Einen Erben für das riesige Alexanderreich hatte sein Gründer nicht eingesetzt. Roxanes erster Sohn war bald gestorben, mit ihrer zweiten Schwangerschaft war sie noch nicht niedergekommen. Herakles, der Sohn von Alexander und Barsine, galt als illegitim. Es gab also keinen sich aufdrängenden dynastischen Erben. Das führte dazu, dass das Alexanderreich zur Beute der Generäle wird. Dabei bleibt es aber nicht als Ganzes erhalten, sondern wird in mehrere Reiche zerlegt. Über Anzahl wie Grenzverlauf dieser Reiche wird nicht am Verhandlungstisch, sondern auf dem Schlachtfeld entschieden: Die Kämpfe der sogenannten Diadochen beginnen schon bald. Aus diesen Kämpfen entstehen dann die beiden neuen Reiche der Ptolemäer und der Seleukiden. Auch in Griechenland führt Alexanders Tod zum Krieg: Man will dort die Herrschaft der Makedonen wieder loswerden (Lamischer Krieg). Der Versuch scheitert aber.

Als Alexander stirbt, hinterlässt er ein riesiges Reich, aber keinen Thronfolger. Es wird die Geschichte erzählt, dass Alexander kurz vor seinem Tod von seinen Generälen gefragt wurde, wem er sein Reich hinterlasse. Alexander, dem Tode schon nah, soll die Antwort nur flüsternd gegeben haben: dem Stärksten.

Das Reich wird aber unter Alexanders Generälen aufgeteilt. Über Anzahl wie die Grenzverläufe der Nachfolgestaaten wird allerdings nicht am Verhandlungstisch, sondern auf dem Schlachtfeld entschieden: Die sogenannten Diadochen-Kämpfe. Am Schluss entstehen hieraus drei neue Dynastien:

  • Die Ptolemaier mit Ägypten als Zentrum des Reichs;
  • Die Seleukiden mit Mesopotamien als Zentrum des Reichs;
  • Die Antigoniden mit Makedonien als Zentrum des Reichs.

Mit dem ptolemäischen wie seleukidischen Reich wurde das Verbreitungsgebiet griechischer Kultur dramatisch vergrößert.

Die Folgen des Alexanderzuges

Der Alexanderzug selbst, die Etablierung neuer, dem griechischen Kulturraum verbundener Dynastien, sowie der damit zusammenhängende Zufluss an griechischer und makedonischer Bevölkerung hat sowohl für Ägypten wie für Asien erhebliche Folgen:

In den folgenden Jahrhunderten erlebte die griechische Kultur in Ostasien und Indien eine erstaunliche Nachblüte. Unter dem elektrisierenden Eindruck dieser gewaltigen Erschütterungen öffneten sich neue Welten, die nun durch neue Land- und Seewege miteinander verbunden waren. Wenige Jahrzehnte nach Alexanders Tod erreichte z.B. der Lehrsatz des Pythagoras China. Für die näher an Griechenland gelegenen Städte des Nahen Ostens begann unter den Nachfolgern Alexanders eine Epoche des Wohlstands. Uruk z.B. erlebte die größte Bevölkerungsdichte seiner ganzen Geschichte. Riesige Tempel wurden errichtet; ihre Mäzene, die sowohl griechische wie auch einheimische Namen hatten, verfügten über enorme finanzielle Mittel, die vielleicht auf den stark angewachsenen Handel zwischen dem Mittelmeer, dem Golf und Indien zurückzuführen waren. Unter den Ptolemäern erreichte auch Ägypten eine späte Blütezeit mit herrlichen Tempeln und einem reichen urbanen Leben, insbesondere in Alexandria, das die »erste Stadt der Welt« werden sollte. Im konservativen Ägypten wurden Generationen von griechischen Siedlern tatsächlich sesshaft, und genau das hatte Alexander sich erhofft, als er in so weit entfernten Gegenden wie Tadschikistan und im Punjab Städte gründete.

Auch kam die griechische Expansion nach Alexanders Tod nicht zum Stillstand. Im 2. Jahrhundert v.Chr. unternahm der hellenistische General Menander, der in Afghanistan geboren war, einen Feldzug den Ganges hinunter und plünderte Kosambi, Benares und Patna; in den Augen mancher Leute erwarb er sich damit den Ruf, Alexander noch übertroffen zu haben. Am Ende trug jedoch Indien den Sieg über Menander davon: Er wurde Buddhist. Aber die griechischen Königreiche überdauerten bis ins späte 1. Jahrhundert n. Chr., nachdem Makedonien selbst schon lange vom römischen Reich besiegt worden war.

Inzwischen hatten griechische Seeleute gelernt, den richtigen Zeitpunkt zu berechnen, um mit dem Monsun vom Roten Meer aus über den Indischen Ozean zu segeln. In der Zeit der frühen römischen Republik waren alexandrinische Kaufleute die Zwischenhändler, die indische Harthölzer, Parfums und Gewürze in den Westen brachten, dazu chinesische Seide und südindischen Pfeffer, der die Pefferscheuern am Tiber füllen sollte. Zu jener Zeit sind in den Handbüchern der griechischen Kaufleute alle Häfen bis zur Mündung des Ganges aufgeführt, und in Südindien ist in tamilischen Dichtungen die Rede von griechischen Händlern, Söldnern und – in den Straßen von Madura – sogar von griechischen Bildhauern.

Obwohl das Alexanderreich keinen Bestand hat, sondern schon sehr bald zerfällt, prägt der Alexanderzug trotzdem deutlich die Weltgeschichte. Die Veränderungen, die Alexander mit seinem Feldzug auf den Weg gebracht hat, sind vielfältig und nachhaltig. Wenn man den Alexanderzug zum Anlass nimmt den Beginn eines neuen Zeit-Abschnitt auszurufen, dann ist das völlig angemessen. Und so beginnt jetzt die Epoche des Hellenismus. Bleibt noch die Frage, was eigentlich aus Alexanders Leichnam wurde. Alexanders Leichnam wurde einbalsamiert und dann, auf Weisung von Ptolemaios, in Memphis (der alten Hauptstadt Ägyptens) beigesetzt. Bald wurde jedoch das in Alexandria für ihn errichtete Mausoleum fertig und man hat ihn dorthin umgebettet. Trotz vieler Bemühungen ist es bis heute nicht gelungen, dieses Alexander-Mausoleum zu lokalisieren. Vielleicht gehört es zu den im Meer versunkenen Teilen des antiken Alexandrias. In der Oase Siwa wurde Alexander jedenfalls nicht begraben. Die Erfüllung dieses Wunsches blieb ihm versagt. (Michael Wood: Auf den Spuren Alexanders des Großen. Stuttgart: Reclam 2002. S. 232.)

 

Der Text wurde vom Waldorf-Ideen-Pool inhaltlich nicht verändert. Teile aus dem ausführlichen Text von Norbert Froese wurden seiner Zusammenfassung lediglich eingegliedert. Creative Commons Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/.

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