Die Hellenisierung des Vorderen Orients

 
Die Ausgangslage
 
Nach dem Tod des Vaters übernahm der zweiundzwanzigjährige Alexander nach makedonischem Brauch selbst die Führung der Armee. Verschiedene Schätzungen und Berichte bezifferten dieses Heer auf rund 40.000 Mann. Sein Plan war, möglichst rasch gegen das Herz des Perserreiches vorzurücken und dadurch die feindliche Flotte auszuschalten. Denn ihm fehlte die entsprechende Anzahl von Schiffen als Ergänzung seiner Landmacht. Ferner hatten die riesigen Rüstungen die Staatskasse geleert, und es galt daher, rasch einen Sieg zu erfechten und aus Beutegeldern den Mangel zu decken. Persien war mindestens fünfzigmal so groß wie Alexanders Reich und mag etwa zwanzigmal soviel Einwohner gezählt haben. Es umfasste Zonen von äußerster Kälte und von heißester Glut.
Im Frühjahr 334 v.Chr. führte Alexander seine Streitkräfte nach Kleinasien und schlug ein starkes Satrapenheer, das am Granikosfluss den Feind erwartet hatte. Beim Weitermarsch empfingen ihn die griechischen Städte wie einen Befreier. Inzwischen war der Großkönig von Mesopotamien aus gegen Alexander aufgebrochen, hatte ihn durch Besetzung des Golfes von Issos in Kilikien im Rücken gefasst und ihm jeden Fluchtweg abgeschnitten.
 
 
König stand wider König!

Alexander siegte, der Perser wandte sich, vom Schrecken gepackt, zur Flucht. Unter den Gefangenen fiel dem Makedonen die Familie des Großkönigs in die Hände. Sein Feldherr Parmenion besetzte Damaskos und erbeutete dort die Heereskasse mit gewaltigen Mengen Goldes und Silbers. Dadurch hatte die finanzielle Not in Alexanders Heer ein Ende gefunden. Alexander lehnte ein Friedensangebot des Dareios III. ab und besetzte im Weiteren die syrischen Küstenstädte. Es fehlte nur noch ein letztes Glied im östlichen Mittelmeer: die persische Provinz Ägypten. Auf dem weiteren Vormarsch gelangte Alexander gegen Ende des Jahres 332 v. Chr. nach Pelusium und wurde dort feierlich empfangen.
 

Ägypten

In kurzer Zeit gewann er widerstandslos ganz Ägypten und verstand es, sich durch Einfühlung, Ehrfurcht und Duldsamkeit gegenüber der altehrwürdigen Kultur und den Göttern des Nillandes die Zuneigung der Priesterschaft zu erwerben, die ihn zu pharaonischen Würden erhob. Mit dem Zuge nach Ägypten hatte Alexander dem Großkönig genug Zeit gelassen, sein Heer zu sammeln und es durch neue Streitkräfte zu verstärken, um dann ganz Asien mit einem Schlag zu treffen.
 

Die letzte Schlacht gegen Dareios III.

Dareios III. nützte auch die zweijährige Pause. Er bot, da ihm der Zugang zum Mittelmeer versperrt blieb und er daher auf Neu­anwerbung griechischer Söldner verzichten musste, vor allem aus dem Osten die wehrhafte iranische Jugend auf, verbesserte die Ausrüstung und setzte die sogenannten Sichelwagen, eine alte asiatische Waffe, zum Kampfe ein. Der Makedone führte sein Heer in monatelangem Marsch in westöstlicher Richtung durch Mesopotamien über die Ströme Euphrat und Tigris und stieß endlich bei Gaugamela, nahe bei Ninive, auf den Feind. Weit dehnte sich die Ebene am Rande der Kurdengebirge, günstig von Dareios gewählt für die Entfaltung von Massen und den Einsatz der überlegenen Reitertruppen und offensichtlich besonders hergerichtet und geebnet für den Angriff der Sichelwagen. Alexander war sich der ganzen Schwere der kommenden Entscheidung bewusst, aber seine taktisch aus­gezeichnet geschulten und kampferprobten Truppen und sein mitreißendes Vorbild brachten den Feind zum Wanken, besonders als mitten in der Schlacht Dareios kopflos in eiligster Flucht davongejagt war (331 v. Chr.). Der Makedone setzte ihm gleich einem wilden Wetter nach, konnte ihn aber nicht mehr einholen. Eine der großen Entscheidungs­schlachten der Weltgeschichte war geschlagen, die Niederlage bedeutete den Untergang des Achaimenidenhauses, Alexander hatte die Macht des Perser­reiches zertrümmert.

Während Dareios mit der Mehrzahl seiner Truppen nach Medien abzog, folgte ihm der Makedone nicht, sondern es lockte ihn, die berühmten Städte des persischen Imperiums zu besichtigen. Mit Blumengrüßen und Festesjubel empfing ihn die alte Welthauptstadt Babel, umwittert von Erin­nerungen vergangener Größe und vom märchenhaften Glänze neubabylonischer Herrlichkeit aus Nebukadnezars Tagen. Marduks Tempel, von Xerxes ehedem zur Strafe wegen eines Aufstandes zerstört, ließ Alexander wieder aufrichten. In Susa fielen unermessliche Schätze und Unmengen von Edelmetall in die Hände der Makedonen.

 

Persepolis
 

Der weitere Weg führte in die Persis, das am meisten gebirgige Land des ganzen Irans, von wo der Stamm der Perser vor 220 Jahren um 550 die Herrschaft im gesamten Vorderen Orient erzwungen und das erste Reich von Weltgeltung errichtet hatte. In Eilmärschen rückte Alexander auf Persepolis vor und nahm die Stadt kampflos. Aber die Bewohner mussten es schwer büßen, dass sie noch knapp vor seiner Ankunft die Paläste hatten plündern wollen. Er gab Persepolis der zügellosen Willkür seiner Krieger preis.

Was den König bewog, während eines Zechgelages in den Palästen, die einst Xerxes gebaut hatte, eine Fackel in den Purpur der Vorhänge zu stoßen und dadurch das kostbare Zederngebälk in Brand zu stecken, ist unbekannt. Aber für Griechen und Perser wurden die im lohenden Feuer zu Ruinen niedergebrochenen Paläste zu einem schauererregenden Symbol: für die Griechen war es das triumphale Furioso der endgültigen Rache für den einstigen persischen Überfall auf Attika, für die Perser aber das apokalyptische Fanal, dass das Haus der Achaimeniden im Flammenmeer des Krieges in Trümmer gesunken war.
Der Gedanke an die große Auseinandersetzung mit dem riesigen Perserreich traf schon nach einem vierjährigen Heereszug ins Leere. Eine neue Epoche war angebrochen. Die Zukunft lag bei dem einen, bei dem großen Alexander, dem kein Feldherr der damaligen Welt zu widerstehen vermochte. Aber noch lebte Dareios, noch umgab ihn eine beachtliche Heeresmacht.

 

Dareios' Tod: ein Mord aus eigenen Reihen
 

Dareios überwinterte in Ekbätana und hoffte noch auf diese oder jene erlösende Wendung seines Geschickes. Als sich jedoch im Frühjahr 330 Alexander in eiligen Märschen näherte, fest entschlossen, Dareios nicht mehr entkom­men zu lassen, da begannen die persischen Höflinge immer zahlreicher vom Großkönig abzufallen. Misstrauen und Verschwörung erhoben sich gegen ihn, der seinem Gefolge kein Schützer gewesen, der in der größten Not versagt hatte. Beim weiteren Vorwärtsjagen erreichte Alexander die Nach­richt, Dareios sei von seinem eigenen Gefolge gefangengenommen worden. In hetzender Hast bezwang der König mit einem kleinen Reitertrupp das letzte Stück Weges vor dem traurigen Ziel. Die meisten des Gefolges hatten Dareios verlassen, waren geflüchtet.
Der Satrap von Baktrien, Bessos, hatte Befehl gegeben, den König zu töten, er selbst war mit seinen baktrischen Reitern entkommen. Alexander stand in dem aufgegebenen Hoflager vor der entstellten Leiche des letzten Achaimeniden. Er nahm seinen Königs­mantel ab und breitete ihn über die Leiche. Der Feind hatte ihm den Weg zur Nachfolge freigemacht. Ohne jegliches Hindernis konnte er zum Throne schreiten. Und Alexander erfasste auch die Gunst der Stunde. Er über­nahm die Rache an den Mördern und sorgte für eine feierliche Bestattung des Herrschers mit königlichen Ehren in der Felsengruft der Familie zu Naksch-i-Rustam. So bestätigte er gleichsam durch sein Handeln den Rechtsanspruch auf die Hinterlassenschaft des Toten.
Wie die antiken Berichte erzählen, war Alexander von dem Ende seines Gegners tief erschüttert. Das Ausbreiten des Mantels war die weihevolle symbolische Gebärde der Tragik, des verzeihenden Ausklangs. Den Ver­zagten, den das Grauen vor dem titanenhaften Gegner gelähmt, der in seiner Furcht Mannesehre und Herrschaftsanspruch vertan hatte, umhüllte der königliche Mantel mit versöhnendem Frieden.

 

Die Hellenisierung des Vorderen Orients
 

In den folgenden Jahrhunderten eroberte hellenistischer Geist das einstige Weltreich der Perser, erblühte aus dem frischen Nährboden der Ver­mischung und Verschmelzung uralter orientalischer Verwaltungs- und Ordnungskunst mit den Gedanken sittlicher Lebensformen und der Staats­auffassung der Griechen ein sinnvoll gegliederter Kosmos. Ein reiches Leben entfaltete sich, förderte Welthandel und Weltverkehr von einem bis dahin unbekannten Ausmaß in dem neuerstandenen zusammenhängenden Wirtschaftsgebiet von Griechenland bis Indien. Mit der Übernahme des griechischen Lebensstils und der Ausbreitung der griechischen Kultur nach dem Osten wanderte auch die griechische Sprache mit als wirksamstes Mittel der fortschreitenden Hellenisierung des Vorderen Orients. Sie wurde Sprache des Kaufmanns, des Alltags, der Kanzleien der Diadochenreiche.

 

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar