Ein Leben im und vom Abfall

Wir befinden uns in Bangladesch auf einer der vielen illegalen Deponien, die sich am Ufer des Buriganga, des "Alten Ganges" gebildet haben. Das Wasser des Flusses ist eine Brühe aus Dreck aller Art, Chemiegiften und Fäkalien. Trotzdem ist sie zugleich eine Lebensader für Abertausende, die mit dem Abfall ihr Geld verdienen. 9 - 10 Millionen Menschen wohnen in der Stadt Dhaka in Slums.

Die Stadt Dhaka, die durch ihre Größe und ihr Elend berühmt ist, scheidet täglich Tausende Tonnen Müll aus. Die Verwaltung kommt kaum dagegen an, weshalb die Hälfte einfach in den Straßengräben, Kanälen und Wiesen verrottet. Jeden Tag schwärmen Kinder und Frauen aus, um alles Brauchbare oder Wiederverwertbare zu sammeln.

Die Deponien sind illegal und die meisten liegen direkt am Fluss. Hier werden Fundstücke gewaschen, gegebenenfalls zerschlagen und in Zwischenlagern sortiert. Was gar nicht mehr zu gebrauchen ist, wird einfach in den Fluss geschmissen, der dementsprechend stinkt.

Das Leben auf einer solchen Deponie gleicht einer Parallelwelt, die neben der perfekt organisierten und hoch effizienten Wirtschaft steht.

Ali Akbar ist 45 Jahre alt und kann weder schreiben noch lesen. Er besitzt auch kein Bankkonto und doch ist er in gewisser Weise privilegiert. Er hat es nicht nötig in einer der vielen Textilfabriken zu arbeiten. Er hat sich nämlich Spezialgebiet aufgebaut: Er recycelt mit seiner Familie und seinen Verwandten alles, was sich aus einer Zink-Kohle-Batterie gewinnen lässt. In Bangladesch werden diese Batterien noch produziert.

Vieles steckt in aufgebrauchten Batterien, was man noch verwenden kann: Zink, Kohle, Blech und Plastik. Trennt man es, kann man es weiterverkaufen. Es gibt wenig Überfluss in Bangladesch, daher ist im Grunde auch nichts überflüssig. Ali lebt mit seiner Frau Farida und 20 Verwandten auf seinem Müllberg. Farida brachte mit 14 Jahren ihr erstes Kind zur Welt. Sie schlafen in kleinen Bambus- und Blechhütten, die sie selbst gebaut haben.

Die Frauen brechen die Batterien auf und die Männer sind für die Geschäfte zuständig. Seit 28 Jahren knacken sie hier Batterien, 1000 Stück am Tag und sechs Tage die Woche. Gearbeitet wird vom frühen Morgen bis zum Abend. Am Ablauf der Tage, Wochen, Monate und Jahre ändert sich nicht viel. Am Montagmorgen, noch bevor die Sonne aufgeht, beginnt für Ali die Jagd nach den Batterien. Er läuft durch den Slum. Es ist noch still. Hier steht ein Labyrinth von Bambushütten. In einer Seitengasse gibt es einen der zahlreichen Shops, die in Säcken die unterschiedlichsten Müllsachen verkaufen. Ali ist nicht immer erfolgreich. Heute aber kann er sieben prall gefüllte Säcke mit Batterien kaufen. Er prüft sie mit Tritten gegen den Sack. Nun gilt es die halbe Tonne Batterien zu seinem "schwarzen Haus" zu transportieren. Es steht auf dem Berg, den sie selbst aus dem übrig gebliebenen Füllstoff der Batterien haben wachsen lassen. Etwa 20 m wuchs der Berg schon in den Fluss hinein.

Die Frauen hocken auf ihrem Berg auf dem Boden. Mit drei geübten Hammerschlägen lässt sich eine Batterie öffnen. Die Innereien werden auf einen Haufen geschmissen, der im Verlauf des Tages soweit anwächst, dass man die Frauen fast nicht mehr sehen kann. Ein schwerer, süßer Gestank liegt über der Deponie. Schwarzer Staub hüllt alles ein: Wohnhütten, Arme und Gesichter. Der Dreck ist allgegenwärtig. Aus dem Batterien kommt der Kohlestaub und legt sich auf alles nieder. Aus den Nasen ihrer Kinder läuft ständig schwarzer Rotz. Farida verbraucht pro Tag fast ein Stück Seife.

Die Kohlestifte aus dem Inneren der Batterien kann man als Brennmaterial verwenden. Ali erhält 20 Taka, umgerechnet 0,20 € pro Kilo. Die Blechhülsen wiederum werden zu Rohren verarbeitet und bringen den gleichen Preis. Eine Spielzeugfabrik ist an den roten Plastikdeckeln interessiert. Das Wertvollste jedoch sind die Zinkmäntel. Das Einschmelzen ist Männersache. Ali bewegt mit einer Eisenkelle die geschmolzene heiße Masse, bis sich an der Oberfläche ein silbrig blubbernder Film bildet. Als Brennmaterial dienen die Pappringe, die ebenfalls aus der Batterie stammen. Jetzt gießt Ali das Zink in Tonformen. Der ungesunde Rauch dringt bis in die Hütten, wo die Kinder husten müssen. Am Ende der Woche besitzen Ali vier große Blöcke Zink, die jeweils 20 kg schwer sind und einen Wert von 2200 Taka haben. Er wird es auf dem Basar verkaufen. Insgesamt kommt Alis Kleinunternehmen auf einen Monatsverdienst von etwa 6000 Taka, umgerechnet 60 €.

Am Ende des Tages legen die Frauen ihre verschwitzten Kopftücher ab. Plastik, Kohle und Metall packen sie getrennt in Säcke, den Müll schieben sie mit ihren Händen beiseite oder den Berg hinunter in den Alten Ganges. Das Werkzeug wird mit Stofffetzen gereinigt und der Boden zwischen den Hütten mit Strohbündeln gefegt. Der Arbeitstag ist geschafft, morgen wird er genauso ablaufen.

Obwohl die Arbeit ungesund und die Zinkdämpfe giftig sind, hat sich Ali emporgearbeitet - nicht nur auf seinem Berg, von dem er jedoch jederzeit vertrieben werden könnte. Trotzdem darf er sich als Gewinner unter den vielen Glücklosen bezeichnen. Wenn er ärmere Menschen betrachtet, ist er zufrieden mit seinem Leben im und vom Müll.

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