Fata Morgana

Lichtstrahlen, die zunächst eine kalte Luftschicht durchqueren und anschließend in flachem Winkel auf wärmere Luftschichten stoßen, werden zum Teil reflektiert. Dafür ist eine Grenze zwischen heißer und kalter Luft notwendig, das heißt, es muss windstill sein. Wenn in Wüsten solche Luftschichtungen in größerer Höhe auftreten, sieht man Spiegelungen am Himmel, die so genannte Fata Morgana.

In gemäßigten Breiten beobachtet man Spiegelungen häufig in Bodennähe über dunklen Flächen. Man sieht das häufiger im Sommer auf heißen Asphaltstraßen. Wegen ihrer dunklen Farbe heizt sie sich in der Sonne auf und mit ihr die Umgebungsluft. Darüber liegen kühlere Luftschichten. Auf der Straße spiegeln sich Gras, Häuser und ein Auto.

Auch Vergrößerungen sind möglich, ebenso Mehrfachspiegelungen, welche die gespiegelten Objekte wieder aufrecht erscheinen lassen. Seefahrer früherer Jahrhunderte nannten solche Erscheinungen bei Schiffen auch fliegender Holländer.

 

Woher kommt der Name?

Der Begriff Fata Morgana kommt aus Italien und bedeutet Fee Morgana, ein Name aus der im Mittelalter in ganz Europa verbreiteten Artussage. Morgana bewohnte die mystische und für Sterbliche unerreichbare Insel Avalon. Dementsprechend wurde die Erscheinung einer nicht vorhandenen Insel in der Straße von Messina zwischen dem italienischen Festland und Sizilien mit ihr in Verbindung gebracht.

Bildquelle

 

Ausschnitt aus dem Buch: "Geboren mit Sand in den Augen" von Mano Dayak

Fata Morgana

Die Sonne heftet unsere Schatten auf den Sand, und ihr Hitzeschild überzieht gnadenlos den Himmel. Unsere Kamele sind in eine langsame Gangart verfallen, um ihre Kräfte zu schonen. Mit halbgeöffnetem Mund hole ich durch meinen dichten Schleier Luft. Ich muss mich an diese Hitze gewöhnen, die meinen Mund austrock­net und meine Haut zerstört. Ich muss um jeden Preis die Wassersäcke am Sattel meines Kamels, meine ent­zündeten Augenlider und die wundgescheuerte Haut meiner Oberschenkel vergessen. Ich muss jedwede Leidenschaft aus mir verbannen. Allein von den behaarten Ohren meines Kamels will ich mich leiten lassen. Ich habe Durst und nochmal Durst, immer Durst.

»Der Mann, der aus dem Krug trinkt, wird nie ein guter Führer werden.«

Immer und immer wieder kommt mir das Sprichwort in den Sinn, das ich meiner Mutter so oft wiederholen musste. Es verfolgt mich und macht mich ärgerlich. Wann endlich werden wir an dem Brunnen sein, den wir nach dem Plan meines Vaters gegen Abend errei­chen sollen?

Meine Gedanken werden unscharf. Nur die Rillen, die der Wind in den Saum der Dünen gegraben hat, dienen mir als Wegmarken. Sie begegnen sich, kreuzen sich, bewegen sich sanft auf und ab. Wohin fuhren sie? Nirgendwohin.

Mein Vater wendet sich um und schaut mich an. Sein Blick sagt:

»Schlaf ja nicht ein!«

Ich richte mich im Sattel auf. Ich will nicht, dass er meine Müdigkeit bemerkt.

Plötzlich taucht am Horizont ein See auf. Er ist mit Schaumkronen bedeckt, dehnt sich immer weiter aus. Wellen brechen sich. An seinen Ufern stehen merkwür­dige Palmen, deren Stämme in den Himmel ragen, deren Wedel am Boden haften ...

»Abba!« brülle ich.

Ich hämmere mit den Fersen auf den Hals meines Kamels ein, das seinen Kopf hebt und losgaloppiert. Ich will als erster das zauberhafte Gestade erreichen.

Plötzlich löst sich der See in schmale Streifen auf, zitternd verblassen die Palmen.

»Mano!« schreit mein Vater.

Er holt mich ein, lässt sein Kamel niederknien, zwingt mich, aus dem Sattel zu steigen. Bis ins Unend­liche Sand, Dünen, der metallene Himmel. Keine Bäu­me mehr, kein Wasserlauf, keine Fluten.

Mein Vater löst einen Wassersack von seinem Sattel und reicht ihn mir. Ich führe ihn zum Mund und be­feuchte mir die Lippen. Vergeblich suchen meine Au­gen den See. Ich weiß, dass ich ihn nie wiedersehen werde. Ich weiß, dass ich geträumt habe.

»Die Tuareg dürfen sich nicht zum Narren halten lassen von Luftspiegelungen«, sagt mein Vater. »In einer Landschaft, der man alles abgewinnen muss, hat die Illusion keinen Platz. Was zählt, ist allein ein klarer Verstand, denn der fordert, dass man sich selbst vergisst und dass man Vorsicht walten lässt. Nimm noch einen Schluck Wasser, und lass uns dann wieder aufsitzen. Wir haben noch einen weiten Weg.« [...]

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