Um die alte Glashütte

Wer sich beim Neuhäusle, halbwegs zwischen St. Märgen und dem Thurner, entschließt, dem Wegzeiger nach Furtwangen zu folgen, nimmt vorerst einmal Abschied von der weiten, freien, heiteren Welt der Höhen und taucht zwischen steilen Bergen und Wäldern hinunter in ein enges, vielfurchiges, schattendunkles Gewinkel.

Hat er sich droben noch an den schönen Bauernhöfen gefreut, die sich in den letzten Jahren mit den guten Holzpreisen stolz herausgemacht haben, so entdeckt er jetzt da und dort an den Hängen uralte, verwitterte Hütten, die schönsten Hexenhäuslein, wie der Fremde sie im Schwarzwald sucht, aber nicht oft mehr findet. Der Bach gluttert neben der Straße her über die Steine, die Viehglocken läuten an den Halden, und zwischen den Tannenfirsten steht ein nicht allzugroßes Stück weißblauen Sommerhimmels. Der Wanderer sieht sich im Schwarzwald, wo er am tiefsten ist, und denkt, hier sei die Zeit stehengeblieben. Und wenn er an der Einmündung des Ferndobels gar noch die silberig glitzernden Schindeldächer einer Häusergruppe sich um die Kapelle drängen sieht, so ist er geneigt, die Gegend für eine Art Paradies zu halten und die Menschen, die hier ihr Leben zubringen, selig zu preisen.

Die Menschen in der Glashütte leben wohl im hintersten Schwarzwald ihr Leben lang, aber heute gibt es Rundfunk und Fernsehen in der Glashütte so gut wie anderswo. Ja, seit Menschen hier hausen, gibt es auch im hintersten Schwarzwald viel Lärm und Umtrieb gegeben und ist oft gar nicht paradiesisch zugegangen. Schon vor zweihundertfünfzig Jahren, so lesen wir in alten Schriften, haben die Franzosen den Bach leergefischt, doch es wird beim Fischen nicht geblieben sein, und wenn es nicht die Franzosen waren, so ist es etwas Anderes gewesen, und ist so geblieben bis auf den heutigen Tag. Man sollte es schier nicht glauben, aber was in der großen Welt draußen passierte, hat allemal seine Schatten geworfen bis in diesen hintersten Winkel. Ja, vor allem die Schatten. -

Es sind bald achthundert Jahre her, seit die Benediktinermönche das Kloster St. Peter und die Augustiner das Kloster St. Märgen erbauten und mit überzähligen Bauernsöhnen aus dem Breisgau den Wald rodeten und die Hochflächen besiedelten und aus der Wildnis einen Herrgottswinkel machten. Da lagen die Reutfelder gleich Inseln im weiten Wäldermeer, und mitten darin glitzerten die Schindeldächer der Höfe; und die Inseln wuchsen und dehnten sich aus und wuchsen da und dort zu großen Inseln zusammen und drängten das dunkle Meer immer weiter zurück, - hier die Höfe von Hinterstraß, dort die von Waldau und drüben die von Neukirch, und sie alle gehörten dem Kloster St. Peter. Sie alle führten einen zähen Kampf gegen den Wald als den bösen Feind der Menschheit, der Kultur und des Glaubens. Der Kampf gegen die Wildnis hat als ein frommes Werk gegolten, und wo der Bauer sie nicht bezwang, holte der Abt sich einen andern Bundesgenossen, der wenig Federlesens machte und im Handumkehr mit dem dicksten Wald fertig wurde: den Glasmacher. Auf der Redeck stand eine Glashütte wohl schon im 14. Jahrhundert, die die Halden kahl fraß und Platz zum Siedeln schuf; daneben brachte sie dem Kloster einen kleinen Zins und den Lehenbauern ein wenig Verdienst. Manch einer zog als Glasträger mit der vollbeladenen Kräze hinaus ins Land und verhausierte die Gläser und Cuttern bis nach Frankreich und Böhmen.

Aber mitten zwischen den Höfen von Hinterstraß, Waldau und Neukirch fiel das Gebirge jäh in die schaurige Tiefe des Knobelwaldes hinab. Um sie machten die Bauern, Glaser, Mönche und selbst der Forstknecht einen Bogen, und wenn einer von den Hintersträßer Höfen etwa einmal eilig nach Neukirch hinüber musste, so schlug er das Kreuz, ehe er den Saumpfad in das Gewirr der Löcher, Döbel und Wälder hinabstieg. Hier hausten allein Bär und Luchs und Hirsch, hier hieß es Wolfsloch und Hexenloch, Mörder-  und Brennersloch. Von allen Seiten kamen die Bäche herab und starrten die Schrofen, der Sturm hatte wohl einmal an einer Halde ein riesiges Gefäll gemacht und das Holz durcheinandergeworfen, dass kein Mensch durch den Verhau kam. Und erst recht dachte keiner daran, hier Holz zu hauen, denn nicht einmal einen Ausgang gab es aus dem Knobelwald. Zwar fließen der Bregenbach, der Ferndobel- und der Glaserbach bei den drei Stegen zur Gutach zusammen, die damals die Wutach hieß; doch musste der Fluss sich erst stundenweit durch unwegsamen Wald und Fels winden, bis er, weit drunten im Simiswald, endlich auf Menschen stieß.

Unwegsam und menschenleer ist es da hinten auch noch gewesen, als der Dreißigjährige Krieg über den Wald kam. Die Leute ab den Höfen mögen jetzt vielleicht die Wildnis im Knobelwald gepriesen haben, denn sie bot ihnen und dem Vieh Zuflucht, wenn die Soldaten über den Hohlen Graben zogen, die Häuser anzündeten, die Felder verwüsteten und die Menschen totschlugen, die Kaiserlichen so schlimm wie die Schweden. Manch eine kümmerliche Hütte und ein dürftig Äckerlein sind drunten in der Wildnis hehlingen aufgemacht worden. Als endlich wieder Frieden im Land war und die Menschen sich aus ihren Schlupfwinkeln hervortrauten, waren auf dem Wald droben die meisten Höfe verbrannt oder verfallen, die Felder verdorben oder gar wieder zu Wald geworden. Denn der Wald wirft wie der böse Feind seinen Samen gern ins gute Feld und macht, wenn man nicht dahinter her ist, das mühsam gezähmte Land im Handumkehr wieder wüst und wild.

Es ist allemal so nach bösen Kriegen, die viel Gut und Blut verschlangen: Doppelt rasch füllen sich danach die Stuben mit Kindern und die Ställe mit Vieh. Es wird geschunden und geschafft, es wird sogar wieder gerodet und dem Walde das abgerungen, was er sich in den Kriegsjahren erschlichen. Ja, man muss sogar neuen Platz schaffen, und dem Abt von St. Peter fällt das Rezept mit der Glashütte wieder ein. Mitten in die Wildnis des Knobelwaldes hinein will er sie jetzt stellen! Mit dem Wald ist da hinten sonst doch nichts Rechtes anzufangen, er wächst und verfault. Menschen aber zahlen Zins, auch wenn sie in den Löchern und an den baldigen Wänden des Knobelwaldes hausen. Das Holz kann man nicht herauftragen, aber das Glas!

Da fiel jedoch, kaum dreißig Jahre nach dem großen Krieg, der Franzos ins Land und nahm die Stadt Freiburg. Mord und Totschlag, Brand und Verwüstung kamen wiederum über den Schwarzwald. Das Kloster St. Peter ging in Flammen auf, und die Mönche mussten fliehen. Nach der Rückkehr ging der Abt erneut an die Verwirklichung seines Planes; er fand einen Glasmacher, erbaute diesem die Glashütte am Zusammenfluss des Ferndobel- und des Glaserbaches und erwirkte von der Regierung die Erlaubnis, den zum Glasmachen benötigten Sandstein am Steinberg zu brechen. Der erhebt sich droben über der Fernhöhe, mitten im Gneis der einzige Buntsandsteinberg weit und breit, und gehörte seinerzeit zum österreichischen Oberamt Triberg; heute noch findet man seinen Rücken von Steingruben zerwühlt und von einem Hochmoor überwuchert.

Der Glasmeister tat sich mit fünf ändern Glasmachern zu­sammen und schloss im Jahr 1685 einen Vertrag mit dem Kloster. Darin war neben den üblichen Vergünstigungen über die Nutzung der Wälder, der Kahlschlage und der Gebäude auch ausbedungen, es solle, wiewohl das Recht des Wirtens und , ständigen Metzgens sonst nur der Herrschaft selber zustand, den Glasern nicht verwehrt sein, „dass mithin einer oder der andere auch ein Lögelein Wein, etwa für die Kindbetterin, für Fasnacht oder Kirchweihung und dergleichen einlege und dem einen oder ändern guten Freund einen Trunk mitteile; das öffentliche Weinschenken aber oder Hochzeithalten ist verboten. Ingleichen sollen sie - Glaser und Meister - nicht allezeit verbunden sein, das Fleisch bei dem Wirt zu erwerben, zumal wenn solcher sie gar hart halten wollte." Die Glasmacher sind allezeit ein durstiges und unstetes Volk gewesen, und man hat ihnen mancherlei Freiheiten zugestehen müssen, um sie am Ort zu halten.

Wenn sie aber eineweg schon im Jahr 1689 die Glashütte im Stich ließen, so war nicht der Abt daran schuld, sondern der Franzos, der erneut ins Land brach und mit manch Anderem auch die Glasmacherei im Knobelwald zerstörte. Und kaum war nach einiger Unterbrechung der Betrieb wieder aufgenommen worden, brach der Spanische Erbfolgekrieg aus; im Jahr 1703 wurden die Schwarzwaldpässe verschanzt und die Bevölkerung unter die Waffen gerufen. Als der französische General Tallard über die Höhen von St. Peter kam, zogen sich die schlecht ausgerüsteten kaiserlichen Truppen aus den Schanzen hinter den Schwarzwald zurück, und wieder brannten die Höfe und wurden Leute erschlagen. Es war eine böse Zeit am Oberrhein, nicht nur für die Glasmacher im Knobelwald.

Doch unentwegt gingen sie, kaum dass Frieden war, an die Arbeit. Auf fünfzig Jahre war der Vertrag abgeschlossen; so lange, schätzte man, würde es brauchen, bis der Knobelwald abgeholzt wäre. Aber schon im Jahre 1727 zogen die Glasmacher davon, Bräunlingen zu, wo es noch große ungenutzte Wälder gab. Eine Beschreibung aus jener Zeit sagt, dass der ganze Knobelwald „umgehauen und von allen Döbeln und Bergen bis zu dem Glashütter Wirtshäusle zum Glasen gebraucht worden" sei.

Auf den ausgespiegelten, blutten Halden aber waren allenthalben neue Gütchen entstanden; fast alle, die heute da oben liegen, sind in den Jahren zwischen 1704 und 1730 gebaut worden. Ja, es sind damals sogar weit mehr gewesen als heute. Schier kann man es nimmer begreifen, wie so viel Leute in diesen Schindhalden ihr Auskommen fanden, als es mit dem Glasmachen und Glastragen zu Ende war.

Aber die Glasmacherei im Knobelwald hat ein anderes Gewerbe nach sich gezogen, das für den ganzen Hochschwarzwald von noch weit größerer Bedeutung wurde, mehr Menschen zu ernähren vermochte und ein reges Leben in die Täler und auf die Höhen brachte. Ein Glasträger aus dem Knobelwald ist es gewesen, der von einer seiner Reisen eine Uhr mitbrachte. Manch einer hat über die Wintermonate versucht, das Ding nachzumachen, hat gegrübelt und getüftelt;  vom Hackbrettlorenz in der Spirzen und andern wissen wir es. Aber den Brüdern Creutz, die droben auf der Redeck hausten, ist es als ersten gelungen. Man weiß das Jahr nicht genau, es mag um  1685  gewesen  sein.  Bald  gab  es  allenthalben  in den Pfarrhäusern und auf den Bauernhöfen  die hölzernen Schwarzwälderuhren mit dem einen Zeiger und dem Perpendikel, das ihnen gleich einem Kuhschwanz vor dem Zifferblatt hing. Wie eine Leidenschaft kam es über die stillen Schwarzwälder, und bald wurden auf allen Örtlein Uhren gemacht. Aus den Glasträgern sind Uhrenträger geworden, und als erst mit dem Frieden von Utrecht 1713 die lange gute Zeit für das Oberrheinland kam, wurden aus den Hinterwäldern gar die Organisatoren der großen Uhrenhandelsgesellschaften, die damals nahezu die ganze Welt umspannten und eine gewisse Wohlhabenheit auf den weltfernen, armen, rauhen Schwarzwald brachten.

Das Uhrenmachen ist für den Schwarzwälder mehr als nur eine Möglichkeit des Geldverdienens, mehr als nur ein Zeitvertreib für lange Winterwochen gewesen. Es ist eine kuriose Sache, wie hier zwei aneinanderkamen, die gleichsam füreinander geschaffen waren: der Schwarzwälder und die Uhr. Bis zum heutigen Tag, auch wenn er selber längst nichts mehr mit der Uhrenmacherei zu tun hat, ist der Schwarzwälder ein Uhrennarr geblieben, und es müssen in seiner Stube mindestens drei, besser aber fünf oder noch mehr Uhren an der Wand hangen und langsam oder eilig, tief oder hoch durcheinanderticken und schlagen. Manch ein gestandener Mann zwischen Furtwangen und St. Peter bastelt heute noch nach Feierabend an seiner selbstgebauten Uhr. Man muss einmal das Uhrenmuseum drüben in Furtwangen oder einen der still vergnügten Uhrensammler auf dem Wald besuchen, um die Liebe des Schwarzwälders zu seiner Uhr zu verstehen.

Sonst aber ist es mit der Uhrenmacherei im Schwarzwald ausgegangen. Die Werkstatten in den Häuslein an den Halden sind vor hundert Jahren von den kleinen Uhrenfabriken stillgelegt worden, und diese vor fünfzig Jahren von den paar großen. Viele von den alten Uhrenmacherhäuslein sind verkauft und abgerissen worden, und auf den Hausplätzen wächst heute der Wald. Die meisten hat der Staat gekauft und an seine Holzhauer verpachtet; man kennt sie noch an der langen Fensterreihe, hinter der die Werkbank stand. Immerhin hat sich in der Glashütte eine Werkstatt gehalten, wo noch immer hölzerne Uhrenschilder gemacht werden, und auch ein Schnitzer ist noch da, der die Schilder mit Schnitzwerk versieht.  

Sie sind ein Völklein für sich, auch wenn sie heute nach St. Märgen eingemeindet sind. Und jetzt, ihr Leute, die ihr vom Neuhäusle ins Loch hinuntergefahren seid und euch bei der alten Glashütte umgeschaut habt: Seid nicht enttäuscht, wenn euch nun einer das liebe romantische Bild vom Schwarzwaldparadies ein wenig abgekratzt haben sollte. Ich meine, die Glashütte kann sich eineweg sehen lassen.

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar