Von der Rheinquelle bis ins Bergdorf Sedrun

Ein Beitrag von Franka Paul

In meinen Texten für die Schülerinnen und Schüler habe ich mich stark von dem Buch Die Eroberung des Raums. Zum Geographieunterricht in der Klassenlehrerzeit (Band 1: Klasse 4 und 5) von Gunter Keller und Hans-Ulrich Schmutz anregen lassen, das zur weiterführenden Lektüre sehr empfohlen sei. 

Der Rhein hat viele Quellen. Sie alle entspringen den Zentralalpen in der Schweiz. Die kleinen Bächlein fließen zusammen und bilden schließlich den Rhein. Aber bis dahin dauert es eine ganze Weile. Um doch eine Rheinquelle zu bestimmen, hat man den Tomasee zur Rheinquelle erklärt. Er liegt am westlichsten der drei größeren Quellflüsse. Dort staut sich das Wasser zu einem kleinen, klaren und eiskalten Bergsee zwischen zwei aufeinander zulaufenden Bergausläufern. Weit oben in den Bergen, auf 2344 Metern über dem Meeresspiegel, liegt der Tomasee. Er befindet sich oberhalb der Waldgrenze, das heißt, dass dort kaum noch Bäume wachsen. Nur von einer dünnen Pflanzendecke ist der Boden überzogen: Gras, Bergkräuter, Flechten, Moos und kleine Büsche bedecken das Granitgestein.

Der Rhein, der hier noch Vorderrhein heißt, fließt aus dem See über eine Steinkante hinaus und stürzt sich in die Tiefe. Wandernd folgt man nun dem jungen Rhein auf steil abfallenden Wegen. Trittsicher muss man sein, vor allem, wenn die Steine vom Nebel oder Regen nass und glitschig geworden sind. Kaum ein Baum schützt mit seinem Schatten vor der Sonne an heißen Sommertagen. Wer Glück hat, trifft auf einen Alpensalamander, der sich auf dem Weg sonnt. Wer durstig wird, kann von den klaren Bergbächlein trinken, die den Weg kreuzen und den Vorderrhein speisen.

Im Winter könnte man hier nicht wandern. Meterhoch läge der Schnee und viel zu groß wäre die Gefahr von herabrutschendem Schnee, den Lawinen. Aber auch im Sommer muss man sich mit dem Wetter auskennen, um nicht unversehens in ein Berggewitter zu geraten. Völlig schutzlos wäre man den Blitzen und dem herabströmenden Wasser ausgesetzt.

Wenn man sich vom Vorderrhein etwas entfernt, ist es ganz still. Nur manchmal klingt der helle, zirpende Schrei einer Alpendohle, die sich auf einem Felsvorsprung ausruht, mit schwarz schimmerndem Gefieder und gelb leuchtendem Schnabel. Auch Steinadler gibt es hier, die mit ihren scharfen Krallen und gebogenen Schnäbeln Murmeltiere und Mäuse jagen, manchmal auch einen jungen Steinbock.

Je weiter man absteigt, desto häufiger hört man die Glocken des Jungviehs, das auf den Alpenhängen weidet und man erreicht die ersten kleinen Waldstücke. Zunächst sind es Nadelbäume, weiter unten wachsen auch Laubbäume, das nennt man Mischwald. Auch einzelne Bauernhäuser und Ställe sind zu sehen. Nun ist es nicht mehr weit ins kleine Schweizer Bergdorf Sedrun. Der Wanderpfad wird breiter, wird zum Weg und schließlich zu einem gewundenen Sträßchen, das sich die letzten Hänge hinunterschlängelt.

Alte Häuschen aus Holz oder Stein stehen weit verstreut an den Hängen. Auch im Dorfkern sind die Häuser mit dunklem Holz verkleidet. Sie haben recht flache und überstehende Dächer. Im Winter sieht es so aus, als würden sich die Häuser ducken unter der dicken Schneedecke. Im Ortskern steht ein kleines Kirchlein, dessen dunkler, spitzer Turm die Häuser überragt. Der Vorderrhein fließt als Bergbach durch Sedrun. Er ist zwar schon einige Meter breit, fließt aber noch ganz flach durch sein Kiesbett. Ob man nach dem langen und anstrengenden Abstieg wohl seine Füße ins kühle Wasser des Flusses hängen kann?

Früher traf man in Sedrun vor allem Bergbauern und ihre Familien, die durch Ackerbau und Viehzucht alles hatten, was sie zum Leben brauchten: Milch, Käse, Fleisch und Getreide. Das Gemüse bauten sie im eigenen Garten an. Heute gibt es dort auch viele Gastwirte, Hotelbetreiber und Ladenbesitzer. Auch eine kleine Schule steht dort.

Im Winter liegt das Dorf unter einer dicken Schneedecke. Früher waren die Bergdörfer im Winter von der Außenwelt abgeschnitten und auch heute noch ist es nicht immer möglich, über die verschneiten Bergstraßen in die Dörfer zu gelangen. Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt, schwillt der Fluss gewaltig an. Ist das Dorf vom Schnee befreit, fängt es überall an zu grünen und zu blühen, doch selbst im Hochsommer wird es nie sehr heiß dort oben. Denn bis die Sonne über den hohen Bergen aufgegangen ist, ist es längst Vormittag und schon früh am Abend geht sie hinter den gegenüberliegenden Bergen wieder unter. Und auch der Fluss bringt selbst im Sommer eiskaltes Bergwasser mit sich. Er fließt nun weiter durch das Tal, immer bergab, in weitere Täler hinein, bis er schließlich ins immer flacher werdende Alpenvorland hineinfließt.

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