Veredelungsepoche - Klasse 10

Ein Beitrag von Konrad Lambert (Gartenbaulehrer der Freien Waldorfschule Bexbach)

In der urpersischen Kulturepoche fing der Mensch an, sich bewusst und aktiv der Natur zuzuwenden. Im Verlauf einer langen Entwicklung wurden Wildpflanzen in Kulturpflanzen und Wildtiere in Haustiere verwandelt. In weiten Gebieten um die Stadt Alma Ata gab und gibt es auch heute noch ganze Wälder verschiedener wilder Apfelbäume. Der Name der Stadt bedeutet „Stadt der Äpfel".

Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg der Obstkultur gelang den Griechen. Hesiod berichtet im 8. Jahrhundert vor Christus von der Kunst des Baumveredelns. Diese Kunst war zunächst noch ein recht grobes Verfahren: Ein dicker Ast wurde abgesägt, der Stummel mit dem Beil aufgespalten und in den Spalt klemmte man angespitzte Reiser einer guten Apfelsorte fest, so dass sie anwachsen konnten. Bereits bei den Römern sind 30 Arten von Äpfeln beschrieben. Mit den Römern kam der Kulturapfel dann auch zu uns.

Die Klöster kultivierten den Apfel in ihren Gärten und sorgten so weiter für seine Verbreitung. Das Fruchtfleisch des Apfels wurde dem Menschen eine besondere, wohlschmeckende Nahrung. Aber die Kraft des Apfels geht darüber hinaus: Es ist ein erhebendes Gefühl für einen Menschen, im Frühling durch einen in voller Pracht blühenden Obstgarten zu gehen oder im Herbst durch eine Streuobstwiese mit rot und gelb leuchtenden Früchten.

In der 10. Klasse unserer Schule können sich die Schüler/innen aus eigenem Antrieb und Interesse an diesen Kulturstrom anschließen. Der Baumwildling wird über der Wurzel abgeschnitten, das Edelreis einer Edelsorte wird aufgesetzt, dass es festwachsen kann. Durch die entschlossene, einschneidende Tat eines Menschen entsteht so eine neue veredelte Baumbiographie.

 

 

Die weitere Arbeit an dem Jungbaum bezeichnet man in der Baumschule als Erziehung eines Baumes. Es ist eine notwendige Kulturtat des Menschen, der Obstbaum ist kein Naturbaum mehr. Mit diesem Geschehen hat der 10.-Klassier in seiner Lebenssituation etwas zu tun. — Etwa ab dem 16. Lebensjahr ist eine Erziehung von außen eigentlich nicht mehr möglich.

 

 

Der Jugendliche kann sich nun nur noch selbst erziehen. In der eigenen Persönlichkeits-
entwicklung erfolgt nach der Wildlingszeit der Pubertät ein Schnitt und bald steht eine verwandelte, veredelte Persönlichkeit vor uns. Was der Schüler tätig an den jungen Bäumen vollzieht, kann er sinnbildlich als Aufgabe für seinen neuen Lebensabschnitt erkennen.

Nach der theoretischen Einführung in die Grundlagen des Veredelns und der systematischen Übung des Kopulationsschnittes, veredeln die Schüler 10 bis 15 Hochstamm-Apfel- beziehungsweise Kirschbäume mit alten, widerstandsfähigen und neueren, resistenten Sorten.

Nachdem die Erziehung der Jungbäume erarbeitet ist, nehmen die meisten SchülerInnen ihre Bäume mit und versuchen die fachgerechte Aufzucht in eigener Verantwortung. Wenn dies gelingt, entstehen jedes Jahr etwa 200 neue Baumindividualitäten in unserm Schulzusammenhang.

So kann jeder Schüler zu einer ökologisch wertvollen Gestaltung unserer Umwelt einen wichtigen Beitrag leisten.

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