Weidenhaus

Uschi Wörz-Ziegaus (Freie Waldorfschule Engelberg)

Ein schulübergreifendes Projekt -
oder wie ein Traum Wirklichkeit werden kann

„Ich hatte einen Traum" - und der Traum be­gann im Sommer 2005, als mir „Das Weidenbaubuch" von Marcel Kalberer in die Hände fiel und ich auf Anhieb total begeistert war. 2006 kam dann der Wunsch auf, so ein Weidenhaus auch im Schulgarten haben zu wol­len. Möglichst groß sollte es sein, ein luftiges, grünes Klassenzimmer für alle, denen es in der Schule oben zu heiß wird, eine schattige Laube für die Mittagspause von Schülern und Lehrern.

Ich schaute mir das Gelände an, zeichnete eine Skizze und baute ein erstes Modell. Mir schwebte ein großes, klassenübergreifendes Projekt vor, für Gartenbauschüler und Drittklässler (in der Hausbauepoche).

 

 

Frau Schmunk hatte damals gerade die erste Klasse übernommen und war auch von der Idee angetan. Aber das hatte alles noch so viel Zeit. So schlief der Plan erstmal wieder ein, das Modell stand sichtbar, aber ein bis­schen angestaubt im Gartenbauraum und nur ein paar an den Eckpunkten des geplanten Hauses gestellte Bohnenstangen im Garten erinnerten an das Vorhaben.

Doch plötzlich war es 2008, Frau Schmunk mit ihren Kindern in der dritten Klasse und das Hausbauprojekt stand konkret an. Da Frau Bulant im Herbst mit ihren Kindern der Magdalenenschule bereits in die Ackerbaue­poche integriert waren, bot sich mit diesem Projekt erneut die Möglichkeit, eine Verbin­dung zu knüpfen. Wie üblich war in den Jahren zuvor nie Zeit gewesen, einen genauen Plan zu erstellen. Ich wusste zwar, wie das Weidenhaus aussehen sollte, hatte aber noch keine genaue Vorstellung der Umsetzung.

Doch jetzt gab es keinen Aufschub mehr, wir mussten loslegen. Durch Zufall, oder auch nicht, hatte ich schon in den Sommerferien Kontakt zu Herrn Schieber vom Berufsbildungswerk (BBW) Waiblingen geknüpft, welcher schon einige solcher Projekte durchgeführt hatte und über die entsprechende Erfahrung verfügte. Ich holte mir von ihm Tipps und Ratschläge, staunte auch, was man doch so alles braucht und bedenken muss und ging die Sache noch recht zuversichtlich und blauäugig an. Wichtig war die Hausbauepoche, sprich das Mauern für die dritten Klassen, alles ande­re könnte zur Not auch von allein wachsen. Den richtigen Anfangsfaden zu finden war gar nicht so einfach.

 

 

Doch zum Glück wurde das Projekt, das Herr Schieber eigentlich mit seinen Schüler zu bauen beabsichtigte, abgesagt, so dass er sich uns anschließen wollte. Das erleichterte für mich natürlich einiges. Dazu kam noch der unglaubliche Enthusiasmus und Schaf­fensdrang der Drittklasseltern. Und plötzlich spürte ich, dass ich mit der Umsetzung nicht mehr alleine dastand und es durchaus funk­tionieren könnte.

So verfielen wir alle (Lehrer und Eltern) in eine sehr knappe und heiße Planungsphase, die teilweise gar nicht entspannt war. Aber die Zeit drängte, die Weiden mussten geschnitten und bis April verarbeitet werden. Der konkrete Plan musste her und das Mate­rial besorgt und vorbereitet werden. Außer­dem machten wir uns Gedanken über die Finanzierung. Wer zahlt das alles? Für eine Planung, die normalerweise ein Jahr vorher beginnt, brauchten wir gut sechs Wochen. Es wurde an der Form, der Größe, der Lage, am Untergrund und an der Ein­richtung gefeilt. Mit vielen Ideen und vielen Kompromissen. Aber letztendlich kamen wir auf einen akzeptablen Nenner und es ging los. Schüler, Eltern und Lehrer, alle hatten was zu tun.

Zum Glück lief es trotz des anhaltenden Re­gens mit den Erdarbeiten gut. Dann kam sie: Die Projektwoche! Die Regenwolken zogen ab, der Himmel riss auf, es wurde trockener, sonniger und spür­bar wärmer.

Montags (30.03.09) traf Herr Schieber mit ei­ner Kollegin und seiner Klasse (elf Jugendliche im Alter von 16/17 Jahren) am Engelberg ein und gleich wurde aus dem sonst so ruhiger Steinbruch ein von spürbar pulsierender Tat kraft belebter Ort.

Die „Schieber-Truppe" schaffte ordentlich voran und wir staunten alle nicht schlecht wie Bogen um Bogen gefertigt wurde, welche Masse, welche Kraft und welche Professionalität dahintersteckte. Schüler, Kollegen, Eltern, Anwohner und Besucher des Steinbruches kamen täglich vorbei und beobachteten den Fortgang der Arbeit. In den Mittagspausen in der Mensa konnte nicht nur die knurrenden Mägen gefüllt, sondern auch zarte Kontakte unter den verschiedenen Schülern geknüpft werden, welche sich in der gemeinsamen Arbeit stellenweise vertieften.

 

 

Das produktive Miteinander verlief insgesamt sehr ruhig und harmonisch. Und so konnte dann am Donnerstag, den, 02.04.09 bei einer Sonne, mit der ich nicht um die Wette strahlen konnte, das Haus aufgestellt werden. So viele Menschen waren, glaube ich, noch nie auf einmal im Schulgar­ten. Ich empfand es als den wahren Höhe­punkt dieses integrativen Projektes mit einem Wetter, das besser nicht hätte sein können, in konstruktivem, arbeitsamem Chaos, mit so viel Enthusiasmus und Freude, dass man es eigentlich gar nicht beschreiben, sondern nur erleben kann.

Sogar die lokale Presse war vertreten und be­obachtete unser Treiben. Bis zur Mittagspause war das Weidenhaus aufgerichtet und am Nachmittag wurde be­gonnen, die Seitenwände auszuflechten.

 

 

Am Freitag, den 03.04.09 gab es für alle Be­teiligten ein schönes Richtfest. Jeder trug zur Gestaltung des Festaktes bei, so dass auch hier keine Wünsche offen blieben. Am nächsten Tag traf ich mich mit ein paar fleißigen Helfern zum vollständigen Ausflech­ten der Seitenwände. Herr Wörz und Herr Luber legten die Lage der zu mauernden Bankreihen fest und die Fundamente wurde angezeichnet. Dann trat erstmal Ruhe ein, die Osterferien nahten.

Ende April ging es zügig weiter. Meine Gar­tenbaukinder durften allesamt helfen, die Gräben für die Fundamente aus zu heben. Eine Reihe hatten die Eltern schon in den Ferien gegraben. Das nächste Wochenende wurde genutzt, um die Fundamente zu gießen. Und schon konnten die Kinder der dritten Klassen (3b und Magdalenenschule) in kleinen Gruppen unter der Leitung von Herrn Luber mit dem Mauern beginnen. Täglich konnte man zusehen, wie Steinreihe auf Steinreihe die Bänke wachsen ließ. Unterstützend halfen immer ein paar sehr aktive Eltern mit.

Nebenbei konnte man beobachten, wie sich langsam ein zarter, grüner Flaum über das Bauwerk legte. Bereits fünf Tage nach der Aufstellung des Hauses sah man die ersten Knospen sprießen. Nach vier bis fünf Wochen trieben die Weiden richtig aus und viele klei­ne, grüne Blättchen überzogen das Haus. Natürlich musste ich jetzt des Öfteren kräf­tig gießen, damit die Frühsommersonne die zarten Wurzeltriebe nicht wieder verdorren ließ.

 

 

Vor den Pfingstferien waren die Sitzmäuerchen fertig. Jetzt fehlten nur noch die Holzauflagen. Diese wurden gleich nach den Ferien in der Werkstatt der Zimmerei Wörz erstellt. Herr Wörz hatte die Hölzer gestiftet und vorbereitet, bearbeitet wurden sie nun von den Drittklässlern.

Als die Kinder nach den Pfingstferien wieder in den Schulgarten kamen, übersahen man­che vor lauter Grün das Weidenhaus völlig. In den letzten Wochen hatte es sich zu einer richtigen grünen Oase entwickelt. Jetzt konnten die abschließenden Arbeiten stattfinden. Schüler der achten Klasse eb­neten den Boden in der Mitte des Hauses noch ein bisschen ein. Herr Wörz brachte die Bankauflagen an und sorgte für die Zufuhr des Bodenmaterials. Hierfür verwendeten wir grobe Hackschnitzel aus dem Sägewerk der Firma Hildner in Adelberg, welche die Schü­ler mit mir zusammen im Weidenhaus ver­teilten. Und so war unser Werk vollbracht.

 

 

Selbstverständlich durfte auch diese Gelegen­heit zum Feiern nicht ausgelassen werden. Am 03.07.09 gab es ein Einweihungsfest für alle Beteiligten. Unter den Gästen waren na­türlich auch die Schüler des Berufsbildungs­werkes mit ihrer Lehrerin Frau Mittelbach. Sehr zu meinem Bedauern konnte ich diesen Festakt nicht miterleben, da ich aus Krank­heitsgründen das Bett hüten musste.

 

 

Bis zu den Sommerferien waren es ja nun noch ein paar Wochen, in denen das „Grü­ne Klassenzimmer" doch recht rege genutzt wurde. Die Kinder der Magdalenenschule vesperten regelmäßig morgens darin. Meine Gartenbauschüler schlugen allzu gerne den Weg lieber zum Weidenhaus als zum Werk­zeuglager ein, um einfach ein bisschen den lichten Schatten vor der Arbeit auf dem Acker in der sengenden Sonne zu genießen. Die angenehme Atmosphäre eignete sich auch hervorragend für Gruppenbesprechungen oder Mittagspausen. Und der/die eine oder andere Kollege/in nutzte auch schon den Platz, um dem heißen Klassenzimmer in der Schule zu entkommen. Es freute mich sehr, wie das Weidenhaus von allen angenommen wurde und ich hoffe, dass es in den nächsten Jahren immer wieder gerne aufgesucht wird, sowohl zu Unterrichts- als auch zu Erholungszwecken. Wer es noch nicht gesehen hat, den kann ich nur ermuntern und einladen, dem Engelberger Schulgarten einmal einen Besuch abzustatten. Dank so vieler Helfer konnte ich meinen Traum vom Weidenhaus verwirklichen, was mich sehr glücklich macht. Es war eine schöne Erfahrung, die vielen verschiede Gruppen in das Projekt zu integrieren bei jedem zu spüren: „Das ist unser Ding“.

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