Elternabend zum Formenzeichnen (Klasse 2)

Ein Beitrag von Marcus Kraneburg (Freie Waldorfschule Freiburg St. Georgen)

Ich hielt einen Elternabend zum Thema „Formenzeichnen“ im 2. Schuljahr. Dieses Fach gibt es ausschließlich an der Waldorfschule und in den ersten 3 Jahren wird es fast gleichgewichtig mit dem Rechnen und Schreiben unterrichtet. Demzufolge muss es auch eine große Bedeutung haben. Es biete sich ein ganz „praktischer“ Elternabend an.

Ich habe dabei den folgenden Weg gewählt:
Ich bat die Kinder, den Eltern ihre Rollmäppchen mit den Wachsmalstiften und -blöckchen und auch ihre Buntstifte mitzugeben. Im Klassenzimmer ließ ich die Tische so wie am Schulvormittag stehen, damit sich die Eltern auf die Plätze ihrer Kinder setzen konnten.

Das Thema des Elternabends war im Vorfeld bekannt. Zu Beginn führte ich kurz aus, dass wir uns nun zwei Formen vornehmen würden. Die Aufgabe der Eltern sollte im Wesentlichen darin bestehen, sich darauf zu konzentrieren, was für innere Tätigkeiten sie dabei vollziehen. Welche Art der Aktivität wird durch die verschiedenen Vorgehensweisen beansprucht?

Zuerst ein einfaches Mandala
Ich teilte allen Eltern im ersten Schritt ein einfaches Mandala aus und bat unter Berücksichtigung der oben beschriebenen Aufgabenstellung die Eltern, das Mandala lediglich mit Buntstiften auszumalen. Wir ließen uns dabei genügend Zeit, damit sich ein inneres Erlebnis einstellen konnte.

Spiegelform
Im zweiten Schritt zeichnete ich nur die eine Seite einer einfachen Spiegelform an die Tafel. Ich ging wie Selma Bruckner in der 2. Klasse beim Formenzeichnen dreischrittig voran: Zuerst Steinchen – dann Kreide – zuletzt die Wachsmalstifte. Die Eltern legten also zuerst mit Steinchen die Form links und rechts des Spiegelstriches, den wir mit Kreide auf die Schülertafeln zeichneten. Sie sollten sowohl auf Exaktheit der Abstände, als auch auf den „richtigen“ Schwung der Linienführung achten. Es galt die Form durch die Steinchen so lange zu korrigieren, bis man zufrieden war.

Dann legten wir die Steinchen wieder zur Seite und zeichneten die Form mit Kreide auf die Tafeln. Als nächstes brachten wir die Form mit Wachsmalstiften auf ein DIN A3 großes Aquarellpapier. Abschließend wurde mit den Blöckchen ein farbiger Hintergrund angelegt.

Nun besprachen wir die inneren Erlebnisse. Es ging nicht darum, das eine oder andere zu bewerten, sondern die Qualitäten der beiden Tätigkeiten zu erfassen. Folgende Dinge wurden genannt:

Mandala ausmalen:

  • entspannend
  • man kann träumen
  • die Gedanken schweifen
  • ganz und gar unanstrengend

Spiegelformen:

  • sehr hohe Aktivität
  • ständiges Vergleichen, Anpassen, Korrigieren
  • kreativer Prozess, schöpferisch
  • Ringen um die „ideale“ Form

In diesen Rückmeldungen steckte eigentlich schon alles Wesentliche. Ich fasste dann nur noch ein wenig zusammen:

Formenzeichnen ist ein ständiges Ringen um das richtige Verhältnis. Man entwickelt „Augenmaß“ als Fähigkeit. Man nimmt als Formenzeichnender wahr, wo die Linienführung noch nicht dynamisch fließt und greife korrigierend ein. Das Auge springt von der Gesamtwahrnehmung der Form zu ihren einzelnen Elementen. Es begleitet einen die fortwährende Frage: Sind die Verhältnisse „stimmig“? Dies ist einerseits ein künstlerischer Prozess – es entsteht beim Formenzeichnen eine schöne Form, die man sich gerne ansieht – aber es wird darüber hinaus eine Fähigkeit geschult, die im Leben noch in einem umfassenderen Sinn wertvoll ist: Man lernt, sich für das „richtige“ Verhältnis zu sensibilisieren. Egal, ob wir ein Essen kochen, einen Blumenstrauß binden, uns in eine soziale Gemeinschaft einbringen oder wir ganz allgemein unseren Platz in der Welt suchen - wir haben es immer mit Verhältnissen zu tun.

Die Sensibilisierung für die Stimmigkeit von Verhältnissen ist eine übergeordnete Fähigkeit, die man beim Formenzeichnen grundlegend und zugleich künstlerisch üben kann. Sie hat für das Leben eine große Bedeutung. Dies wurde durch die Übungen des Elternabends erlebbar.

Natürlich kann man auch andere Aspekte des Formenzeichnens auf einem Elternabend betrachten – mir allerdings erschien der oben ausgeführte besonders wichtig.

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