Selbstgemachtes Lesebuch

Ein Beitrag von Thorsten Fink

Das kleine Quadrat

Dieses Büchlein war im 2. Schuljahr unser erstes Lesebuch. Darin ging es um ein kleines Quadrat, das sehr traurig war, weil es sich als langweilig empfand: Alle seine Seiten waren gleich lang. „Gähnend legte es sich auf die Seite und schlief ein.“ Nun erlebte es im Traum, was in Wahrheit so alles in ihm steckt.

In dieser Geschichte begleitete uns ganz praktisch ein quadratisches Papier, das auf jeder Seite des Buches anders gefaltet wurde. Das Schöne daran war, dass wir das Lesen einfacher Sätze mit dem Gestalten der Heftseiten und dem geschickten Falten des Quadrates verbanden.

Da wir mit der Schreibschrift und nicht mit der Druckschrift im 1. Schuljahr begonnen hatten, war dieses Buch auch in Schreibschrift verfasst.

Die Kinder erhielten von mir ein sechzehnseitiges leeres Epochenheft, indem wir immer nur die rechten Seiten nutzen. Jeden Tag kopierte ich ein bis zwei Seiten des Textes. Ich wollte dadurch verhindern, dass die leseschnellen Kinder schon nach dem 1. Tag das ganze Buch gelesen hatten.

Ich umrandete den geschriebenen Text in einer ansprechenden Form. Die Kinder schnitten diese aus und verstärkten sie mit einer schönen farbigen Linie. Dann klebten sie die Kopie in ihr „Buch“ und wählten noch eine Farbe für den Hintergrund aus.

Der Text wurde von mir immer auch an die Tafel geschrieben, sodass wir gemeinsam das Lesen üben konnten: einzelne Wörter, einzelne Zeilen vorwärts und rückwärts. Die tägliche Hausaufgabe bestand darin, das Lesen des jeweils neuen Blattes mit den Eltern zu üben.

Ich besorgte mir einen Notizwürfel (farbig sortiert, 700 Blatt, 9 x 9 cm). Jeden Tag verwandelte sich das Quadrat in die verschiedensten Gegenstände:

  • Es legt sich auf die Seite – das Quadrat wird halbiert
  • Kopftuch – diagonal halbiert
  • Briefumschlag – den Brief konnte man hineinstecken
  • Haus
  • Taschentuch
  • Kleiderschrank – die Schranktüren konnte man öffnen
  • Umhang
  • Schokolade – das Papier wird mehrfach senkrecht und waagerecht gefaltet
  • Segelschiff
  • Truhe - den Deckel konnte man öffnen und ein paar Schätze sehen
  • Windrad
  • Zauberspiegel – in der Mitte mit Alufolie
  • Fächer – das Papier wird hin und her gefaltet
  • Buch – ein zweites weißes Blatt wurde eingeklebt und nach Belieben beschrieben.

Zum Teil wurde nach dem Einkleben der Faltarbeiten die Umgebung malerisch gestaltet. Den Kindern hat diese Kombination aus lesen, gestalten, malen, verzieren und basteln sehr viel Freude bereitet.

Es war ein schöner Einstieg ins Lesen.

Kommentar
16.01.2018 | Marlis Lüscher | interessierte Grossmutter
Tolle Idee! So lernen Kinder spielerisch Geometrie. Und welch vorbildlich schöne Schrift! Nur sollte auch die Sprache richtig sein: Seite 3 ... und schenke dich meiner Freundin (Dativ, nicht Akkusativ) wem schenke ich... Und die fliessende Nase, das heisst wohl auch bei euch Schnupfen? Mit besten Grüssen Marlis Lüscher
17.01.2018 | Doris Darraz | Lehrerin/Pädagogin
Hallo Thorsten Fink, vielen Dank für Ihren wunderschönen Beitrag. So macht Lernen Spaß, sie haben ein Lächeln auf mein Gesicht gezaubert :) Den Kindern hat es sicher sehr viel Spaß gemacht :) Hallo Frau Lüscher, bei diesem Projekt geht es um die Gestaltung des ersten Lesebuchs im 2. Schuljahr. Die Kinder dürfen sich frei entfalten und Spaß beim Lernen haben. Aus pädagogischer Sicht halte ich eine Korrektur der Rechtschreibung an dieser Stelle auch nicht für sinnvoll. Man kann sie besser später in einer spielerischen Grammatikstunde wieder aufgreifen.
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