Das Leben des Franz von Assisi

Francesco - Bernadone

Assisi ist eine kleine malerische Stadt, die sich über die sonnenbeschienenen Hügel Umbriens, einem Landstrich in Italien erstreckt, wo Weinstöcke und Ölbäume besonders gut gedeihen. Dort erblickt ein kleiner Junge im September 1182 das Licht der Welt. Pica, seine Mutter, gibt ihm den Namen Giovanni. Ihr Mann, Pietro Bernadone, hält sich gerade in Frankreich auf. Als der Vater ganz begeistert zurückkommt, möchte er seinem Sohn zusätzlich einen französisch klingenden Namen geben: „Er soll Francesco - Francois (Franziskus) - heißen!" Pietro Bernadone ist ein angesehener Tuchhändler, der wegen seiner Geschäfte häufig unterwegs ist und zu großem Reichtum gekommen ist. Schon jetzt stellt er sich vor, wie sein Sohn Franziskus hinter dem Ladentisch steht u. schöne Stoffe an reiche Kunden verkauft. Franziskus wächst in der Zeit der Ritter, der Kreuzzüge und der Minnesänger auf. Es ist auch die Zeit, in der mächtige Kathedralen erbaut werden. Die französische Sprache wird zur bedeutendsten Sprache, bei Ritterturnieren und an Fürstenhöfen wird vor allem französisch gesprochen. Franziskus' Mutter stammt aus Frankreich. Abends summt sie ihm oft französische Wiegenlieder vor, damit er gut einschlafen kann. Sicher lernt er von ihr auch viele Lieder der Minnesänger aus ihrer Heimat. Franziskus verbringt eine wohlbehütete, friedliche, sorglose Kindheit bei seinen Eltern. Er weiß nicht, dass in Italien große Hungersnot herrscht.

 

Der heilige Georg

Wie alle Kinder geht Franziskus in die Schule. Seine Eltern schicken ihn in die Sankt-Georg-Schule in der Nähe der Festungsmauern von Assisi. Sein Lehrer, der alte Domherr Guido, weckt in Franziskus die Leidenschaft für den heiligen Georg, der den Drachen getötet hat. Er möchte auch gerne Ritter werden, aber er besitzt keine Rüstung. Seine Seele ist ohne Angst.

 

Singen, Tanzen, Trinken, Essen, Lachen

Franziskus arbeitet jetzt im Geschäft unter der Anleitung seines Vaters: „Schauen Sie sich diese Farben an, fühlen Sie, wie fein der Stoff ist", berät Franziskus lächelnd die Kunden. Pietro Bernadone freut sich: „Er ist wie geschaffen für diesen Beruf," sagt er zufrieden zu sich selbst. Im Alter von fünfzehn Jahren ist man in jener Zeit, am Ende des 12. Jahrhunderts, schon ein junger Mann. Er verkehrt mit den adeligen jungen Leuten der Stadt und kleidet sich nach der Mode der Zeit: in bunte Tücher, kostbare Seide, ausgewählten Samt. Er steht im Mittelpunkt seiner Freunde, er spielt den Minnesänger, die Nächte sind bis zum Morgengrauen erfüllt mit Singen, Tanzen, Trinken, Essen, Lachen. Sie ziehen gemeinsam durch die Straßen u. Gassen Assisis, sie genießen alle Freuden, die sich ihnen bieten. Manchmal treiben sie es auch etwas zu wild, wie es alle jungen Leute bisweilen tun. Friede und Freude!

 

Krieg gegen Perugia

Doch die Zeiten werden härter. Es herrscht Krieg zwischen den beiden Städten Assisi und Perugia. Das ist in jener Zeit nicht selten. Franziskus schließt sich dem Heer an, das Assisi gegen Perugia verteidigen soll. Der Kampf fordert viele Opfer. Franziskus gerät in Gefangenschaft und muss ein Jahr in einem dunklen Kerker verbringen. Während dieser Zeit erkrankt er schwer. Schließlich erreicht sein Vater gegen ein Lösegeld seine Freilassung.

Zu Hause kommt Franziskus allmählich wieder zu Kräften. Er geht auf einen Stock gestützt im Haus umher, bis er es schließlich wagt, ein paar Schritte ins Freie zu setzen. Er geht wieder die alten Wege und spürt die Düfte der Natur. Aber die Schönheit der Felder, der Weinberge und der Wälder haben für ihn an Glanz verloren. Franziskus spürt, dass er sich verändert hat. Noch einmal will er Ritter werden. Er folgt einem jungen Adeligen, der zur Verteidigung des Papstes auszieht. Sein Vater stattet ihn mit einer kostbaren Rüstung, mit Waffen, Pferd, Lanze und Schild aus.

 

Der Aussätzige

Auf dem Weg hört er den Klang der Klapper eines Aussätzigen. Der Aussatz war eine schreckliche, sehr ansteckende Krankheit. Wer von ihr befallen war, musste die Stadt verlassen und in völliger Zurückgezogenheit leben. Statt, wie es üblich war, zu fliehen, steigt Franziskus von seinem Pferd, geht zu dem Aussätzigen und umarmt ihn. Eine unermessliche Freude durchfährt ihn in diesem Augenblick und er beginnt zu singen. Friede und Freude! Franziskus verkauft seine Rüstung und kehrt nach Assisi zurück. Sein Vater ist ungehalten über das viele vergeudete Geld und befiehlt ihm in sein Geschäft zurückzukehren. Nur seine Mutter, Pica, ist froh über die Veränderungen, die in Franz vorgegangen sind, denn sie spürt im Grunde ihres Herzens: „Mein Kind wird ein Kind Gottes werden." Franziskus ist es, als hätte ihn Gott selbst berührt, doch er weiß noch nicht, welchen Weg er einschlagen wird. Seine Freunde verstehen ihn nicht mehr: „Du hast uns vergessen," rufen sie. „Was ist nur los mit dir? Du bist nicht mehr derselbe." „Ich bin verliebt", vertraut er seinen Freunden an, die diese Worte aber ganz anders auffassen. Franziskus fließt über von einer tiefen Freude, die ihn völlig verwandelt hat. Die Welt um ihn scheint es nicht mehr zu geben. Er zieht sich ins Haus zurück, um zu beten und Gott zu loben. Er singt immerzu ... aber andere Weisen als bisher! Friede und Freude!

 

Baue meine Kirche wieder auf!

Franziskus geht nun oft allein spazieren. Eines Tages steigt er hoch hinauf zum Berg Subasio, lässt den Lärm der Stadt hinter sich. Franziskus denkt darüber nach, was Gott mit ihm vorhat. Er läuft und läuft und erreicht das verfallene kleine Kirchlein San Damiano. Seine Mauern sind durch Sonne, Regen und Alter rissig geworden. Franziskus geht in die Kirche hinein. Sein Blick wird von einem großen Kreuz über dem Altar angezogen. Er fällt auf die Knie: „Herr, was willst du, das ich tun soll?" "Franziskus, baue meine Kirche wieder auf."

Seine Familie versteht ihn nicht mehr. Franziskus betet viel und besucht seine neuen Freunde, die Armen. Was ist mit dem jungen Mann passiert, der so gerne Feste gefeiert hat? Warum hat er seinem vergangenen Leben den Rücken zugekehrt?

 

Franziskus gibt seine Kleider zurück

Eines Tages, als Pietro Bernadone von einer seiner Reisen nach Hause zurückkehrt, fragt er: „Was ist nur mit Franziskus geschehen?" „Er ist verrückt geworden", entgegnet sein Bruder. „Er hat sein Pferd und die Stoffe aus dem Geschäft verkauft. Er braucht Geld, um eine Kirche aufzubauen." „Er wird mich ruinieren," schreit sein Vater außer sich vor Wut, bevor er sich auf die Suche nach ihm macht. Im April 1206, kommt es zu einem heftigen Streit zu Hause. Franziskus hat mit der Instandsetzung der Kirche von San Damiano begonnen. „Jetzt reicht es mir, Franziskus, gib mir mein Geld zurück und komm wieder nach Hause!" „Nein, Vater, mein Platz ist hier. Ich bin der Diener des einzigen Herrn, Gott, des Allerhöchsten." „Ach, du weigerst dich also? Dann gehen wir zu dem Bischof von Assisi, Monsignore Guido."

„Franziskus, du bringst deinen Vater in äußerste Schwierigkeiten," sagt der Bischof. „Gib ihm sein Geld zurück. Hab Vertrauen. Handle als Mensch." „Sie haben recht. Ich will keine Schuld bei meinem Vater haben", antwortet Franziskus und zieht, vor allen Leuten seine Kleider aus. „Jetzt bin ich frei und kann sagen: „Mein Vater, der du bist im Himmel." Franziskus zieht sich vor einer aufgebrachten Menge nackt aus. Er ist nackt wie bei seiner Geburt. Ist dieser Tag nicht sogar seine zweite Geburt?

 

Das Evangelium

Es war der 10. April 1206. In Lumpen gehüllt verlässt Franziskus Assisi und geht in den Wald. Er singt vor Glück über den Frieden, der in ihn eingezogen ist. Und wie gut tut die frische Luft, die erfüllt ist mit Vogelgezwitscher! In den folgenden Jahren baut Franziskus San Damiano und noch andere baufällige Kirchen wieder auf. Er lebt ganz bescheiden, für seine Nahrung geht er betteln. Die Menschen in Assisi, die ihn von früher kennen, spotten über ihn, wenn er ihnen auf ihren Wegen begegnet. Am 24. Februar 1209 hört er in der Messe das Evangelium" „Jesus sagt: Verkündet überall das Reich Gottes. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche, keinen zweiten Mantel, keine Schuhe, keinen Stock ..." „Jetzt weiß ich, was mein innerster Wunsch ist!", ruft Franziskus aus, als er diese Worte hörte. Er wirft seinen Stock, seine Sandalen, seinen Mantel und seinen Gürtel weg. Für Christus will er nun ganz arm und dadurch ganz frei werden. Franziskus zieht über das Land und verkündet allen den Frieden und die Freude der Guten Nachricht des Evangeliums Christi. Die Worte sprudeln ihm aus seinem ergriffenen Herzen. Voller Staunen hören ihm die Menschen zu. Sie werfen nicht mehr mit Steinen nach ihm. Sie halten ihn nicht mehr für verrückt. Seine Predigten sind so einfach und klar, dass alle Menschen sie verstehen können. Er predigt überall, wo er auf Menschen trifft. Überall spricht er vom Frieden und von der Versöhnung. Er beginnt seine Predigten mit dem Satz: „Der Herr gebe euch seinen Frieden!"

 

Mitbrüder

Seine Begeisterung und sein Glaube stecken andere an, manche wollen ihm folgen: „Kennst du mich noch, Franziskus? Ich bin Bernhard von Qunitevalle." „Wie freue ich mich darüber, dich wiederzusehen, auf so vielen Festen waren wir früher zusammen..." „Seit langem bewundere ich dich schon. Ich möchte wie du alles verlassen und Jesus Christus nachfolgen," antwortet Bernhard. „Gib dein Hab und Gut den Armen und dann komm mit mir," sagt Franziskus. Allmählich werden es immer mehr, die sich Franziskus anschließen: Petrus, Silvester, Elias, Leo und viele andere ... Franziskus begreift immer klarer, dass Jesus in die Welt gekommen ist, um den Menschen zu dienen und für sie aus Liebe sein Leben hinzugeben. Es berührt ihn tief, dass er, der Herr, seinen Jüngern die Füße gewaschen hat. Deshalb will Franziskus, dass diejenigen, die seine Liebe zu Jesus teilen, sich "Minderbrüder" nennen: Brüder, die aus Liebe allen dienen. Franziskus geht in Begleitung von elf seiner Brüder nach Rom, um von Papst Innozenz III. seine Ordensregel anerkennen zu lassen: Das ist die Geburtsstunde der franziskanischen Gemeinschaft. Franziskus schickt seine Mitbrüder immer zu zweit hinaus, um den Frieden und die Gute Nachricht des Evangeliums überall, wohin sie kommen, zu predigen: in Italien, in Frankreich, in Deutschland, in Spanien, in Ägypten. Wenn sie auf ihrem Weg an einer Kirche oder an einem Kurzifix vorbeikommen, knien sie sich nieder und beten so, wie Franziskus es sie gelehrt hat: „Herr Jesus, wir beten dich hier und in allen Kirchen der Welt an, und wir preisen dich, denn du hast durch dein heiliges Kreuz die Welt erlöst."

 

Klara

In dieser Zeit lebt in Assisi ein sechzehnjähriges Mädchen, Klara Favarone. Sie kommt aus einer adeligen Familie. Eines Tages, nachdem sie die Predigten von Franziskus gehört hat, will sie ihn treffen: „Ich will wie du dem armen Christus folgen. Ich möchte mein Leben Gott weihen." Ihre Familie stellt sich jedoch gegen ihren Entschluss, deshalb flieht sie in der Nacht des 18. März 1218, als alle schlafen, heimlich aus ihrem Haus. Sie läuft die Hügel der Stadt hinab zu den Brüdern. Vor dem Altar der kleinen Kirche Sankt-Maria-von-den-Engeln schneidet Franziskus ihre langen Haare ab. Sie tauscht ihr schönes Kleid gegen ein mit einem Strick gebundenes Gewand. „Das ist unsere Schwester! Die Frau Armut!" Friede und Freude! Franziskus führt sie nach San Damiano. Ihre jüngere Schwester schließt sich ihr an. Ihr Onkel ist außer sich vor Wut, denn es ist ihm klar, dass sie nichts von ihrem Entschluss abbringen wird. Weitere Schwestern kommen und leben in einer Gemeinschaft zusammen, die durch das Gebet und ihre Liebe und ihren Dienst an den Armen vereint ist. Sie setzen das, was Franziskus ihnen gesagt hat, in die Tat um: „Die vollkommene Freude ist es, nichts zu besitzen." Man nennt sie die Armen Frauen von Assisi.

 

Der Wolf von Gubbio

In einem Winter in Umbrien, die Erde ist schneebedeckt rufen die Einwohner der Stadt Gubbio Franziskus zu Hilfe. Gubbio wird von einem hungrigen Wolf heimgesucht, der alles, was ihm in den Weg läuft angreift: Lämmer, Kinder, verirrte Bettler ... Franziskus geht nach Gubbio und begegnet dem ausgehungerten Wolf. Er macht das Kreuzzeichen über ihm: „Bruder Wolf, komm zu mir!" Der Wolf nähert sich ihm folgsam und legt seine Tatze in die Hand von Franziskus. „Ich möchte, dass zwischen dir und den Einwohnern von Gubbio Friede herrscht." „Aber ich habe Hunger", antwortet der Wolf. „Bruder Wolf, wenn du dich änderst, dann verspreche ich dir ein glückliches Leben in Gubbio." Seit jenem Tag brachten die Menschen von Gubbio dem Wolf Nahrung, und er ließ sie in Ruhe. Aber der Winter dauert nicht lang in Italien.

 

Die Wundmale

Franziskus macht sich wieder auf den Weg. Er ist krank, aber er hat beschlossen, auf dem Berg La Verna vierzig Tage zu fasten. Er möchte es Jesus gleichtun, der in der Wüste gefastet hatte. Drei Brüder begleiten Franziskus. Er ist sehr schwach. Er kann nicht mehr laufen, er sitzt auf einem Esel. Trotzdem ist er voller Glück: „Wie schön ist die Natur! Diese Hügel! Die Zypressen! Das satte Grün der Wiesen!" Als sie oben auf dem Berg angekommen sind, umschwärmen sie Hunderte von Vögeln. Franziskus freut sich: „Ich sehe, es gefällt unserem Herrn Jesus Christus, dass wir hier einige Zeit verbringen. Bruder Leo, ich möchte mich in diese Grotte zurückziehen." „Die Vögel, unsere Brüder, feiern ein Fest." „Ja, sie singen mit uns: Lobet und preiset den Herrn. Verehrt ihn und dient ihm in großer Demut." Etwas später betet Franziskus nachts in seiner Grotte: „Herr, Jesus, ich möchte lieben können, wie du uns geliebt hast, als du am Kreuz für uns gelitten hast." Am Morgen kommt Bruder Leo zu ihm: „Du bist verwundet! Du hast dieselben Wunden, die Jesus am Kreuz hatte!" „Sprich mit niemandem darüber, Bruder Leo", bittet ihn Franziskus. Franziskus und seine Gefährten ziehen ins Tal hinunter. Franziskus predigt weiter, aber seine Kräfte lassen immer mehr nach. Er kehrt zu seinen Brüdern in die kleine Kapelle Sankt-Maria-von-den-Engeln zurück.

 

Bruder Tod

Franziskus ist schwer krank und bittet Bruder Angelus und Bruder Leo zu sich. Er möchte, dass sie den Sonnengesang, den er gedichtet hat, singen. Franziskus fügt einige Verse hinzu, um seinen Tod zu empfangen: „Gelobt seist du, Herr, für unseren Bruder Tod ..." Er lässt sich die Stelle aus dem Evangelium vorlesen, die mit folgenden Sätzen beginnt. „Jesus, der wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zu seinem Vater zu gehen, und die Seinen, die in der Welt waren, liebte, und bis in alle Ewigkeit liebte ..." In der Abenddämmerung umkreist ein Schwarm Lerchen das Zimmer, in dem Franziskus liegt, nackt ausgestreckt auf dem Boden. Während seine Brüder einen Psalm singen, stirbt Franziskus in der Nacht vom 3. zum 4. Oktober 1226.

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