Wie wird „Freiheit von ..." zu „Freiheit zu..."?

Gedanken zur Parzival-Epoche in der 11. Klasse

Ein Beitrag von Ursula Kirchdörfer (Freie Waldorfschule Saar-Hunsrück)

Parzival macht sich auf den Weg, weg von zu Hause, nichts wie weg, ohne Rücksicht auf Verluste. Er wird ein großer Ritter, denkt er, und in seiner Arroganz und Ahnungslosigkeit sieht er nicht, wie lächerlich er in seiner Aufmachung aussieht. Die Ratschläge, die ihm seine Mutter mit auf den Weg gab, versteht er nicht, ohne zu merken, dass er sie nicht verstanden hat. Doch sie sind seine einzige Orientierung in der Fremde, er befolgt sie wortwörtlich - und richtet damit ein immenses Chaos an, zerstört das Leben von Menschen, denen er begegnet, und verpasst seine Bestimmung: Gralskönig zu sein.

Als er schließlich begreift, was er angerichtet hat, scheint es zu spät zu sein - doch Parzival kämpft, fängt klein an, lernt, stellt seine außergewöhnlichen Fähigkeiten freiwillig in Dienste Anderer, leistet Wiedergutmachung und wächst an seinen Aufgaben: Aus „Freiheit von" ist „Freiheit zu" geworden.

 

Parzival - ein Elftklässler?

Er sitzt, denke ich, nicht in der ersten Reihe (zumindest nicht freiwillig), und er ist verdammt schlau - manchmal. Dann blitzt etwas auf im Unterrichtsgespräch, so dass mir der Atem stockt, nur um im nächsten Moment in gedankliche Wolken abzuheben oder eine Bruchlandung im Sumpf ordinärer Plattheiten zu landen, was seine Klassenkollegen überwiegend richtig witzig finden.

Aber das macht ja nichts - er hat den Laden hier durchschaut, eigentlich steht er da schon längst drüber. Die kochen auch alle nur mit Wasser, locker bleiben, in der 11. macht man auch keine Prüfungen, praktisch, ... und die Lehrer - na ja, wer, bitteschön, ist schon so doof und wird Waldorflehrer, den muss man nun wirklich nicht ernst nehmen.

Parzival ist auch sensibel - wenn es keiner sieht. Dann sieht er Wahr- und Weisheiten, und wenn er richtig gut drauf ist, schreibt er sie auch auf. Aber meistens ist das doch etwas zu anstrengend, eigentlich hat er das nicht nötig, er weiß ja, dass er gut ist, er muss es nicht wirklich zeigen. Uncool...

Manchmal zweifelt er auch - an sich. Ziemlich oft eigentlich. Aber für diese Momente gibt es ja zum Glück die flashy rote Rüstung, deren Visier man dann runterklappen kann, und dann kommt keiner mehr an ihn ran. Außerdem tut es dann ziemlich gut, ein bisschen auf den anderen rumzuhauen, das lenkt so gut ab von den eigenen Verletzlichkeiten. Und außerdem: Austeilen ist immer besser als einstecken, sowieso klar.

Kürzlich hat Parzival allerdings etwas an sich entdeckt, das ihn schon etwas anstrengt - die Sache mit der Freundin. Muss ja sein, irgendwie. Gehört dazu. Statussymbol. Aber, verdammt, wie soll er diese blöde Rüstung bloß ausziehen?

Am wichtigsten für ihn ist aber: Er will seine Freiheit, es wird ja auch Zeit, weg mit Eltern, Hausaufgaben, Lernen, Unterricht überhaupt, besonders Mathe... - das echte Leben will er, Musik, Handy, Disco, Abhängen. Nicht diese kümmerlichen Surrogate in der Schule... und schon gar nicht diesen blöden alten Schinken lesen, wo die sich dauernd nur kloppen, komisch reden und immer nur daran denken, wie sie sich an Frauen ranmachen können.

Wann wird aus „Freiheit von..." „Freiheit zu..."?

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar