Rudolf Steiner zum Hintergrund der Parzival-Sage

Aus der Gesamtausgabe Nr. 104a, 7. Vortrag, S. 103

Ist das Fragenstellen einfach oder muss man das lernen? Es gibt in der Kindheit eine Phase, in der die Kinder am laufenden Band die Warum-Fragen stellen. Wie ist das später im Schulunterricht? Hier muss man oftmals feststellen, dass es für Kinder gar nicht so einfach ist, diejenigen Fragen zu stellen, die zur Vertiefung des Themas führen. 

Rudolf Steiner weist anhand der Parzival-Sage darauf hin, wie es in der Geisteskultur des alten Indien selbstverständlich war, sich dem Wissen in passiver Weise hinzugeben und gerade keine Fragen zu stellen. Die im Innern lebendige Frage gehört einer viel späteren Zeitepoche an.

Es wäre tatsächlich ein Irrtum zu glauben, dass das Fragenstellen einfach sei - selbst für den Erwachsenen Menschen. Die richtige Frage führt immer in die Tiefe eines Themas oder gar in die Tiefe unseres eigenen Daseins: unsere individuellen Lebensfragen. Gute Frage zu stellen ist eine regelrechte Kunst und es setzt ein Gespür für das Wesentlich voraus.

Wie kann man das üben? Ein guter Unterricht wird davon abhängen, ob wir Kinder zu den Fragen führen können, die sie wirklich selber haben.

 

„ ... Wir sehen immer mehr, wie es in unserem fünften Zeitraum Menschen gibt, die sich auf sich selbst, auf ihr eigenes Ich stellen müssen. Immer seltener werden solche inspirierten Menschen. Deshalb musste vorgesorgt werden, dass in unserem fünften Zeitraum eine geistige Strömung entstehe, die dafür zu sorgen hätte, dass auch noch weiter spirituelle Erkenntnisse zur Menschheit dringen könnten. Es musste für die Menschen, die angewiesen sind auf ihr bloßes menschliches Ich, vorgesorgt werden von jenen Individualitäten, die in die Zukunft schauen konnten. Es wird uns erzählt in einer solchen Legende, dass das Gefäß, in dem der Christus Jesus das Abendmahl mit seinen Jüngern genommen hatte, aufbewahrt wurde. Das ist die Legende vom heiligen Gral, und wir sehen in der Erzählung von Parzival typisch ausgedrückt einen Schülerwerdegang unserer fünften nachatlantischen Zeit. Da hat er eins versäumt, der Parzival: Es war ihm nämlich gesagt worden, er soll nicht viel fragen. Das ist der wichtige Übergang von der alten Zeit zur neuen Zeit: Möglichst passive Hingabe war das Notwendige im alten Indien für den Schüler, später auch noch bei Augustinus, bei Franz von Assisi. Alle diese demütigen Leute ließen sich inspirieren durch das, was in ihnen lebte, was in sie einverwoben war. Nun aber sollte das Ich die Frage in sich tragen. Jede Seele, die heute einfach passiv hinnimmt, was ihr gegeben wird, kommt dadurch nicht über sich selbst hinaus. Sie kann dann nur beobachten, was in der physischen Welt um sie her vorgeht. Die Seele muss heute fragen, muss sich über sich selber erheben, aus sich selber herauswachsen. Die Seele muss heute fragen, wie einstmals Parzival fragen musste nach den Geheimnissen der Gralsburg.

So beginnt heute die geistige Forschung erst da, wo das Fragen ist. Die Seelen, die heute angeregt werden durch die äußere Wissenschaft zum Fragen, die fragen und suchen, das sind die Parzival-Seelen. So ist also eingeleitet worden die Mysterienströmung. Die viel angefeindete Rosenkreuzerschulung, die mit keiner überlieferten Weisheit rechnet, wenn sie auch die Überlieferungen dankbar hinnimmt. Aber das, was heute die rosenkreuzerische Geistesrichtung ausmacht, das ist unmittelbar in den höheren Welten mit dem geistigen Auge und mit den Mitteln, die der Schüler selbst angewiesen bekommt, erforscht worden. Nicht, weil dies oder jenes in alten Büchern steht, weil diese oder jene dieses oder jenes geglaubt haben, sondern heute erforschtes Weisheitsgut wird verkündet durch die rosenkreuzerische Geistesrichtung. Und solches wurde nach und nach in den Rosenkreuzer-Schulen vorbereitet, die gegründet worden sind im 13., 14. Jahr hundert durch die Individualität, die Christian Rosenkreutz genannt wird.

So kann dieses Weisheitsgut heute als Anthroposophie verkündet werden. Heute sind eben nicht mehr solche Menschen da, die ohne ihr Zutun eingeimpft bekommen das, was sie innerlich inspiriert. Heute sollen die Menschen, die fühlen, dass Anthroposophie zum Herzen spricht, an sie herankommen. Es soll nicht agitiert werden für Anthroposophie; ein jeder soll zur Anthroposophie durch seinen eigenen freien Impuls kommen, dadurch, dass er in lebendiger Weise ergriffen wird von dem spirituellen Wissen. ..."

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