Eine Kapelle wird gebaut

Ein Beitrag von Marc Hubert Schwizler (Freie Waldorfschule Freiburg-Wiehre)

Hausbau-Epoche einer 3. Klasse

Im zweiten Schuljahr hörten die Kinder Legenden aus dem Leben des heiligen Franziskus. Da erfuhren sie auch von jenem Streifzug, den Franziskus einst durch die Umgebung von Assisi unternahm und an dessen Ende er vor dem verlassenen und schon halb zerfallenen Kirchlein von San Damiano stand.

Er trat ein, erblickte ein Kreuz und den Christus daran. Da vernahm er eine Stimme, die zu ihm sprach: »Siehst Du nicht, dass mein Haus zerfällt? Gehe hin und richte es wieder auf!« Dieses Ereignis wurde zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Er begann umzudenken. Er änderte seinen Sinn. Er verwandelte sich. Führte er zuvor noch das ausschweifende Leben eines reichen Kaufmannsohnes, in dem er am liebsten mit seinen Freunden singend, spielend und tanzend durch die Gasthäuser zog, so nahm er sich nun die Armut zur Schwester. Betend und bettelnd zog er fortan von Haus zu Haus und widmete sein Leben dem Trost und der Pflege der Armen, Kranken und Aussätzigen.

Bald schon scharten sich Gleichgesinnte um ihn. Gemeinsam richteten sie das Kirchlein von San Damiano wieder auf. Noch heute, 800 Jahre nach seinem Tode, gedenken die Menschen überall auf der Erde dieser Sinneswandlung. Dabei wissen die meisten Menschen nicht, dass Franziskus gar nicht sein richtiger Name war. Denn getauft wurde er in den Namen Johannes des Täufers, das ist auf italienisch »Giovanni«. Da seine Mutter Französin war, rief ihn sein Vater liebevoll »Francesco«, das heißt, »das Französlein«.

Doch damals, in der 2. Klasse, da dachte noch niemand daran, es ihm schon bald gleichzutun. Im Hauptunterricht des dritten Schuljahres beschäftigte sich die Klasse dann über mehrere Wochen hinweg ausführlich mit den Arbeitsvorgängen rund um den Bau eines Hauses und lernte dabei viele traditionelle Handwerke und Berufe kennen.

Vor Jahrhunderten diente das »Hofgut Rössle« als Postkutschenstation auf dem Weg nach Freiburg. Bis vor ein paar Jahren war es für Wanderer noch ein beliebter Ausflugsgasthof mit herrlicher Fernsicht, reicht doch der Blick von hier oben über den südlichen Schwarzwald und die Stadt Freiburg hin zu den Vogesen jenseits des Rheins. Wie es für Schwarzwaldhöfe üblich war, gehörte zum »Rössle« einst auch eine kleine Hofkapelle. Diese hatte aber den Lauf der Zeit nicht überstanden.

Klassenlehrer, Schüler und Eltern der 3. Klasse der Freien Waldorfschule Freiburg-Wiehre boten nun an, beim Wiederaufbau mitzuhelfen. Die Planungen hierfür wurden von zwei Vätern, einem Architekten und einem Statiker, übernommen. Andere Eltern kümmerten sich darum, Spenden für den Wiederaufbau zu sammeln. Ein entsprechender Flyer wurde hierfür entworfen und in vielhundertfacher Auflage von einer Druckerei gespendet.

Durch eine ehrenamtliche Tätigkeit des Klassenlehrers bestand Kontakt zur Jugendhilfeeinrichtung »timeout e.V.« (www.time-out.eu), die heute das alte »Hofgut Rössle« belebt. Es werden dort Kinder und Jugendliche aufgenommen, die den Schulbesuch verweigern. Sie arbeiten unter anderem mit bei der Pflege der Tiere im Stall und bei der Verarbeitung der Milch, aber auch in der Haus- und Forstwirtschaft. In einer Auszeit können sie hier neue Kraft schöpfen und neue Impulse für ihre Persönlichkeitsentwicklung aufnehmen. Die jungen Menschen halfen uns tatkräftig beim Aufbau der Kapelle.

Mitte Mai 2007 fand der erste Spatenstich statt und bald darauf wurde das Fundament gegossen. Zwei junge Zimmermänner (einer inzwischen Student am berufsbegleitenden Waldorflehrerseminar in Freiburg), deren Wege sich vor Jahren auf der Walz schon einmal in der Fremde gekreuzt hatten, tauchten beide gerade in jenem Augenblick in Breitnau auf, da ihre Hilfe am dringendsten benötigt wurde. Sie übernahmen das Abbinden der Balken und halfen beim Aufrichten der Kapelle. Die Bäume hierzu waren übrigens im Vorjahr von der Klasse selbst im eigenen Wald des »Rössle« gefällt worden.

Zu Johanni konnte der Grundstein gelegt und das Richtfest gefeiert werden. Eine Familie aus Italien spendete der Kapelle gar eine Glocke, die Ende Juni vor Ort feierlich gegossen wurde.
In den letzten Tagen und Wochen des vergangenen Schuljahres wurden die Wände mit Lehmsteinen ausgefacht und verputzt, das Dach gedeckt und eine Holzverschalung angebracht. Der Innenausbau fand schließlich während der Sommerferien statt.

Der Freiburger Bildhauer und Maler Jürgen Grieger-Lempelius (www.grieger-kunst.de) fertigte einen Altar und ein Bild an. Die mit Bienenwachs farbig gestalteten Glasfenster stammen von Bernhard Hanel (www.zum kukuk.de) aus Stuttgart. Beide Künstler spendeten ihre Werke der Kapelle.

Auf eine geheimnisvolle Weise führten dieser Ort und dieses Projekt Menschen zusammen. Menschen, die ihre Fähigkeiten großzügig und mit Begeisterung dem Bau zur Verfügung stellten und ihm dadurch Gestalt verliehen. Dies wurde für die Drittklässler und die Jugendlichen von timeout zu einem ganz besonders beeindruckenden und nachhaltigen Erlebnis. Dabei konnten sie selbst in den einzelnen Bauabschnitten kräftig und tüchtig mittun. Es entstand Verbindlichkeit - und als ein Zeichen dafür, inmitten dieses herrlichen Naturraumes, ein Kultur-Raum, ein Kultraum, eine Kapelle. Als ein Ort der Begegnung und gleichzeitig als ein Kleinod der Stille und Andacht.

Eine Woche vor Michaeli 2007, nach genau vier Monaten Bauzeit, riefen drei Alphornbläser von den Hängen der Nessellache die Menschen zum Einweihungsfest. Dieses fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung von Breitnau statt. Ein Priester, Sohn jener Familie, die die Glocke gespendet hatte, war eigens aus Italien angereist, um die Kapelle zu weihen und ihr den Namen Johannes des Täufers zu geben.

Damit schloss sich für die 3. Klasse ein Kreis. Denn Johannes der Täufer, der den Christus kommen sah und das Zeitalter, das mit ihm beginnen sollte, er rief den Menschen aus der Wüste zu: »Ändert euren Sinn! Wandelt Euch! Denkt um!« Und mächtig klang dieser Ruf. So hörte ihn wohl einst auch der »kleine Franzose« aus Assisi. So steht er denn auf der Glocke der Johannes-Kapelle geschrieben. Möge dieser Ruf bei jedem Läuten zu den Menschen dringen, nah und fern. Und mögen diejenigen, die an diesem Bau mitwirkten, stets gedenken, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie eines guten Willens sind.

Die Kapelle wird inzwischen von den Mitarbeitern und Jugendlichen der Jugendhilfeeinrichtung als ein »Raum der Stille« und für Jahresfeste genutzt. Sie steht aber auch allen anderen Menschen zu Gebet und Andacht offen. Ein Gästebuch verrät, dass sie Wanderern als ein lockendes Ausflugsziel und willkommener Rastplatz dient. Auch Pilger auf dem weiten Weg nach Santiago di Compostela kamen hier inzwischen schon vorbei. Schon fand in der Kapelle eine erste Taufe statt.

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