Gedichte zu den Kornarten

Der Streit

Die Gerste spricht: „Ich bin so fein,
mein Haar ist lang und dünn.
Könnt es ein Stückchen länger sein,
ging`s bis zum Himmel hin!"

Der Weizen brummt: „Was soll mir das,
bin lieber dick und rund.
Am besten wär`s, ein einzig Korn
wög gleich ein halbes Pfund!

Der Hafer flötet: „Wie gemein!
Mein Lockenhaar ist weich,
es hängen viele Perlen dran -
ich bin dem König gleich!

Der Roggen lacht: „Mein Haar ist kurz,
es ist mir grad so recht.
Als Schmuck trag ich ein Mutterkorn
das steht mir gar nicht schlecht!

„Pieps", pfeift die Maus,
„der Streit ist aus!
Dort kommt der Michel
mit seiner Sichel.
Und morgen macht der Müller euch
in seiner großen Mühle gleich!"

Erna Brückner

 

 

Der Bauer und das Korn

Samen, die ich ausgestreut
auf das Feld mit weiten Schritten -
fallen nieder auf die Erde.

Fallen nieder auf die Erde
still begleitet von der Bitte:

Wachse, Korn in stiller Erde,
wachse stark in Wind und Regen,
wachse bis zur vollen Reife -
bis die Schwalbe zieht gen Süden,
bis die Ähre voll und schwer.

Stehe, bis des Schnitters Sense
dich mit starker Hand geschnitten.

Falle nieder auf die Erde,
Samen, den ich ausgestreut.

H. Schwarzwälder

 

 

Die Gerste

Schon lange diene ich den Menschen
und gebe ihnen Nahrung.
Die ganze Erde ist
mein Heimatland.
Im hohen Norden
trotze ich der Kälte
und den Stürmen -
im Süden freu ich mich am Sonnenglanz.
Mich kennt ein jedes Kind,
ich ziere mich mit langen Haaren (Graunen),
ich lass mich stampfen zu dem Gerstenbrei,
geröstet trinkt man mich
auch als Kaffee,
gekeimt werd' ich zu Malz und Bier.
So seht ihr schon, ich helfe, wo ich kann
und schenk' den Menschen alles,
was der Himmel mir gegeben.

H. Schwarzwälder

Der Hafer

Ich steh' am steilen Hang
und in dem flachen Land.
Ich nähre Mensch und Tier
und gebe ihnen Kraft.

Dem Kranken helf' ich zur Genesung,
ich schenk ihm wieder frischen, frohen Mut.

Ich bin so anders
als die andern Gräser, die Körnlein stehen
nicht so eng umschlungen.

An mir ist jedes Körnlein
wie ein Glöckchen,
das lässt im Wind
sich wehen unterm Himmelszelt.

H. Schwarzwälder

 

 

Roggen

Ich bin der Höchste
unter Gottes heitrem Himmel,
zwei Meter werd ich groß.

In mir sind viele Körner,
ich halt sie fest in meiner Ähre.

Der Sonne Wärme lässt mich reifen
und hoch hinauf steig ich in dem Gebirge.

Dort wart ich bis des Windes Wogen ganz sacht streicht übers Feld -
und bis der Schnitter kommt mit Sichel oder Sense.

Der Schnitter bindet mich zu Garben
und führt mich heim, zum Hof und in die Scheune.

H. Schwarzwälder

 

 

Der Weizen

Ich stehe fest auf gutem Grund -
und nehme auf der Sonne Wärme -
bis golden wird der Halm,  die Ähre.

Die Kälte lieb ich nicht,
doch freu ich mich am Wind,
und bläst er sachte übers weite Feld,
dann wogt es hin - von Halm zu Halm.

Die Lerche hebt sich hoch hinauf
und singt des Sommers Lied.

Bin ich dann reif - und sind die Körner rund und groß,
wer ich geschnitten und heim gebracht auf hohem Wagen.

H. Schwarzwälder

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar