Inhalte der Epoche

Ein Beitrag von Tania Bandel (Tübinger Freie Waldorfschule)

 

Um das neunte Lebensjahr herum findet bei den Kindern ein großer Umbruch in ihrer Entwicklung statt. Waren sie bis jetzt noch seelisch eingebettet in das Gefühl, eins mit der Welt zu sein und in paradiesi­scher Weise genährt, umsorgt und geleitet zu werden, ohne etwas dafür tun zu müssen, so ändert sich dies nun. Das biblische Bild von Adam und Eva im Paradies und ihrer Austreibung aus demselben führt uns symbolisch vor, was bei jedem Menschen im Alter von un­gefähr neun Jahren geschieht. Das Kind wird hier von einem Auf­wachmoment, von einer neuen Sicht auf die Welt und auf sich selbst ergriffen, die dem Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis gleichkommt. Und so wie für Adam und Eva mit dem Biss in den Apfel ein neuer Bewusstseinszustand eintritt, so schwindet auch für die Kinder in diesem Alter das Paradies ihrer Kindheit dahin. Nicht selten durchleben sie in diesem Prozess Gefühle von Trauer, Verlust und Einsamkeit. Adam und Eva gleich, fühlen sie sich wie verstoßen in eine Welt, die sie plötzlich ganz anders wahrnehmen als noch kurze Zeit zuvor.

Der Lehrplan der Waldorfschule greift diesen Entwicklungsschritt der Kinder auf, indem er sie durch entsprechende Epochen, Tätigkei­ten und Geschichten auf ihrem Weg in die Welt hinein begleitet. Das Ergreifen der Erde in all seiner Vielfalt, vom Bearbeiten des Bodens über den Bau von Behausungen bis hin zur Herstellung von Ge­brauchsgegenständen, Werkzeugen und vielem anderen mehr, was zum Leben und zur Arbeitserleichterung dient, steht jetzt im Vorder­grund allen Tuns. Und die Kinder erleben dabei wieder einen neuen Zusammenhang zwischen sich selbst und der Welt, zwischen sich und den anderen Menschen, zwischen Himmel und Erde. Durch ihre eigenen Schöpferkräfte, die sie ab jetzt immer bewusster wahrzu­nehmen, zu schulen und einzusetzen imstande sein werden, spüren sie, dass sie doch nicht so „gottverlassen" sind, wie sie es zeitweilig empfunden hatten. Wenn die Kinder zu Beginn der 3. Klasse von der Erschaffung der Welt, von Adam und Eva und von ihrer Vertreibung aus dem Paradies gehört haben, schließt sich folgerichtig die Acker­bauepoche an. Die Kinder erfahren zunächst einiges theoretisch durch die Erzählungen und Darstellungen des Lehrers, die so leben­dig und befeuernd durchgeführt sein sollten, dass sie zu Erwartung und Schaffensdrang führen und es alle hinaus auf den Acker drängt, um selber tätig zu werden.

Man hat den Kindern erzählt, wie die Menschen zunächst mit primi­tivsten Hilfsmitteln mühsam Rillen in die Erde zogen, um dahinein Korn zu säen. Wie sie auf immer bessere Ideen kamen, bis hin zu den Pflügen mit einer eisernen Pflugschar und Streichblatt, die von Pfer­den oder Ochsen gezogen wurden. Und was für eine Erleichterung die Landwirte heute mit ihren Traktoren haben!

Auch vom Getreide hören die Kinder und davon, dass die Menschen zunächst gar nicht an Ort und Stelle blieben und Ackerbau betrie­ben, sondern sich von den Früchten der Natur und vom Fleisch der Tiere ernährten, bis sie dahin gelangten, den Boden zu bebauen, dass sie nach und nach das Korn zu dem verwandelten, was es heute ist. Und dann erzählt man exemplarisch von den vier Getreidearten Weizen, Roggen, Gerste und Hafer, charakterisiert sie so anschaulich wie möglich und gibt ihnen die Körner in die Hand und sie dürfen sie betasten, betrachten und essen.

Auch von verschiedenen Bodenbeschaffenheiten erzählt man den Kin­dern, vom lehmigen, sandigen und krümeligen Boden, vom Düngen und vom Humus, der den Boden erst eigentlich lebendig macht. Und spätestens hier ist es an der Zeit hinauszugehen, um die Erde wirk­lich zu spüren, sie durch die Hand rieseln zu lassen, wenn sie krüme­lig ist, sie zu kneten, wenn sie nass und lehmig ist, die glänzenden, fetten Erdschollen zu betasten, wenn der Pflug sie schon gewendet hat. Man erlebt die große Freude und die tiefe Befriedigung, die das Hinausgehen in die Natur und das Selbertätigwerden beim Kind be­wirken. Jede Waldorfschule wird es ihren Schülern ermöglichen, das Erlebnis vom eigenen Ackerbau zu haben, und sei es nur anhand eines Feldes im Schulgarten, wenn die Umstände es nicht anders erlauben. Die Tübinger Waldorfschule hat das Glück, jedes Jahr denselben gro­ßen Acker bearbeiten zu dürfen.

Ist es dann soweit, zieht im Herbst, Anfang Oktober, die 3.Klasse hinaus, um ihren Acker für die Wintersaat vorzubereiten. Im Schul­garten werden einige Bollerwagen mit Werkzeugen beladen, mit Ha­cken und Pflug. Auch die Eimer mit dem Winterweizen finden darauf Platz, sowie die Rucksäcke der Kinder, in welchen sich das Vesper befindet. Fröhlich zieht die Kinderschar los, voll freudiger Erwartung, denn sie selber werden als „Pferde" den Pflug ziehen dürfen. Am Acker angekommen, begrüßen die Kinder das Feld erst einmal auf ihre Art: Sie rennen darüber, messen es gleichsam ab, erfahren da­durch die Größe, nehmen verschiedene Perspektiven ein. Sie neh­men Erde in die Hand, kneten sie, riechen den unverwechselbaren Geruch der Erde und verbinden sich so mit ihr, mit der Erde ihres Ackers und unbewusst mit der Erde der ganzen Welt, die uns alle trägt und ernährt. Es entsteht Liebe und Dankbarkeit ihr gegenüber - die besten Voraussetzungen dafür, sie vielleicht auch später noch pflegen, schützen und erhalten zu wollen.

Nun versammeln sich alle um den Acker, um dem Gartenbaulehrer zu lauschen. Er schildert kurz die einzelnen Arbeitsschritte, dann werden die ersten sechzehn „Pferde" vor den Pflug gespannt. Was das für ein Erlebnis ist! Das haben wir uns leichter vorgestellt! Wie schwach sind wir eigentlich und wie stark ist eigentlich ein einzelnes Pferd!!! Ein Pferd reicht, um den Pflug zu ziehen, und wir müssen all unsere Kraft geben, um einigermaßen vorwärtszukommen! Und der Bauer, der den Pflug führt! Auch das ist kein Kinderspiel. Unser Gar­tenbaulehrer oder ein anderer Erwachsener muss ebenfalls mit aller Kraft den Pflug in den Boden drücken und ihn gleichzeitig noch führen und schieben! Zum Glück wartet eine zweite Gruppe, die uns beim Ziehen ablösen wird! Aber nicht so schnell aufgeben! Erst ein­mal muss die erste Gruppe ein paar Furchen ziehen, dann erst darf sie verschnaufen. Und wenn die zweite Gruppe dran war, ist der Acker noch immer nicht fertig! Hei, ist das viel Arbeit! Da muss man ja ganz schön lange dranbleiben! Wie haben die Menschen das früher nur geschafft?!

Irgendwann ist der Acker dann doch gepflügt und statt mit der Egge gehen die Kinder noch einmal mit den Hacken über das Feld, um die groben Schollen wenigstens etwas zu zerkleinern und hier und da Gras und Unkraut zu beseitigen. Dann bekommt jeder eine Furche zugewiesen und darf da hinein sein Korn säen. Es ist auch hier und jetzt wie einst in alten Zeiten ein feierlicher Augenblick. Damals stellte sich der Landmann vor dem Säen am Feldrand auf, sprach ein Gebet und bat um den Segen Gottes. Es ist der Höhepunkt der Feld­bestellung, wenn die kleinen Körner in die große, dunkle Erde ge­streut werden. Bis zuletzt wollen sich manche Kinder nicht von dieser Tätigkeit trennen. Aber ab hier sind andere Kräfte für Wachstum und Gedeihen zuständig: Erde, Wasser Luft und Licht; Sonne, Wind, Regen, Frost und Schnee. Erst im Frühjahr können wir wieder ein wenig für unser Getreide tun, indem wir Unkraut jäten und so den kleinen zarten Halmen zu Luft und Licht verhelfen.

Immer wieder wollen die Kinder dann bis zur Ernte ihr Feld besuchen und sie staunen jedes Mal, wie hoch das Getreide schon wieder ge­wachsen ist. Oder sie erleben, was ein verregnetes oder ein zu trocke­nes Jahr bewirken. Die Welt und ihre Mächte rücken ins Bewusstsein. Ist das Korn im Juli reif, ziehen die Kinder dann mit ihren Hand­sicheln aufs Feld, um das Korn zu schneiden, zu Garben zu bündeln und auf die Leiterwagen zu laden.

Das Dreschen des eigenen Kornes wird nach den Sommerferien ebenfalls von den Kindern draußen auf einer großen freien Fläche mit Dreschflegeln selbst besorgt. Danach gilt es, das „Korn von der Spreu" zu trennen. Die Planen, auf denen das Korn liegt, werden von mehreren Kindern an der Seite gefasst und geschwungen, so dass der Wind die leichte Spreu davon wehen kann; die schweren Körner fallen zurück. Der letzte Rest muss dann noch mühsam von Hand verlesen und gesäubert werden - eine Geduld erfordernde Arbeit! Wie gut und bewundernswert ist es, dass heute der Mähdrescher alles in einem erledigt: Er schneidet, drischt und trennt Korn und Spreu fein säuberlich voneinander!

Unser eigenes Korn mahlen wir anschließend mit kleinen Handmüh­len und backen dann im Backhäuschen, das unsere Schule ja glück­licherweise besitzt, ein gutes Brot. Der Kreislauf ist geschlossen, ein neues „Getreidejahr" beginnt, und während wir noch unser Korn zu Mehl und zu Brot verarbeiten, zieht bereits wieder die nächste dritte Klasse aufs Feld, um zu pflügen und zu säen.

Was in der Ackerbauepoche durch das eigene Schaffen an Willens-, Gefühls- und Gedankenkräften angeregt wird, kann keine theoreti­sche Darstellung alleine bewirken. Es zeigt sich hier wieder einmal deutlich, dass durch das eigene Tätigwerden der ganze Mensch an­gesprochen wird, wobei bei den Handwerksberufen und der Land­wirtschaft vor allem der Willensbereich gefragt und geschult wird. Aber auch der seelische Bereich des Fühlens wird angesprochen: Wie dankbar und erfüllt ist man doch, wenn nach harter Arbeit etwas Schönes und Gutes entstanden ist, wenn man etwas geschafft hat. Ehrfurcht vor den Kräften der Natur, Dankbarkeit ihr gegenüber, das Gefühl, ein Teil der Welt, ein Mitschaffender zu sein - all das ent­steht durch das eigene Tätigwerden. Und auch das Denken wird an­geregt, indem man seine Arbeit beobachtet, nachsinnt, wie sie bes­ser gemacht, wie sie erleichtert werden kann, wie Bedingungen des Materials, des Bodens, des Wetters, der Jahreszeiten, der Landschaft etc. in die Planung mit aufgenommen werden können oder müssen. Gerade heute, wo sich doch viele Bereiche des Lebens von der Natur und vom Ursprung entfernen, ist es umso wichtiger, Kinder nicht nur im neunten Lebensjahr Wirkliches, Wahres und Ursprüngliches erfahren zu lassen, um ihnen dadurch Halt und Sicherheit fürs Leben zu geben.

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