Erwachendes Ich und Heimatkunde

Ein Beitrag von Ilse Tschoppe (ehemals Lehrerin in Reutlingen)

Die geographischen Angaben beziehen sich auf die reutlinger Gegend.

Eine Erfahrung, die wohl alle Eltern auf Reisen mit jüngeren Kindern machen, stimmt nachdenklich: weder die großartigen Bauten, noch die grandiosen Landschaften, die uns so begeistern, werden von den Kindern «gesehen». Vielmehr kann man erleben, wie sie bei einem Steinchen, einer Pusteblume, einem Bache verweilen und sich hingebungsvoll mit diesen längst bekannten Dingen beschäftigen. Das Kind spricht mit Blumen und Tieren wie mit seinesgleichen, ja, selbst Gegenstände, die unser Verstand als tot bezeichnet, wie Steine oder Holzstücke, werden von seinen Phantasiekräften zum Leben erweckt. Sogar im dichtesten Großstadtverkehr kann ein gesundes Kind die rasenden Autos vergessen und etwa bemerken, dass eine Wolke «wie ein Reiter» aussieht.

In einer Art «innerer Weltkunde» ist das kleine Kind mit den Pflanzen, Tieren, Steinen und anderen Gegenständen seiner Umgebung verbunden. Es lebt in und mit ihnen, ohne sich dessen bewusst zu werden.

Zum wacheren Erleben der Umwelt will die Heimatkunde führen. Sie beginnt eigentlich schon da, wo der Vater oder die Mutter mit dem Kind über den heimatlichen Boden gehen, wo das Kind das Schwere, Nasse des Ackerbodens, das Trockene und Sandige des Waldweges unter seinen Füßen spürt, wo es sich über schwankenden Moorboden tastet, wo es den Duft kieniger Äste, den betäubenden Geruch des blühenden Jasmin einatmen kann. Nicht viele Worte braucht es dazu. Gemeinsam mit dem Erwachsenen erlebt das Kind. Ein erstes, zartes Fußfassen auf der Erde ist es, ein erstes Erfahren irdischer Kräfte.

In der ersten Schulzeit wird die Beziehung des Kindes zu diesen Dingen vertieft. Indem der Lehrer Pflanzen, Steine und Tiere sich miteinander unterhalten lässt, bringt er die Kinder stärker an das Wesenhafte der Naturgeschöpfe heran. Wird die Umwelt in dieser Weise in den ersten Schuljahren noch fast traumhaft elementarisch erlebt, so ändert sich das, wenn das neunte Lebensjahr erreicht wird. Die alten Beziehungen brechen ab, das Kind löst sich langsam aus der Umwelt. Das Eigensein gegenüber der Welt wird ihm zum starken Erlebnis, aus dem allmählich der Wunsch erwächst, sich von sich aus zur Welt in Beziehung zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt wird das Kind in der vierten Klasse an die eigentliche Heimatkunde herangeführt. Mit Staunen, aber auch mit großer Befriedigung erlebt es im Schattenwurf den Gang der Sonne, die Himmelsrichtungen. Es merkt, dass man sich danach richtet, und zwar nicht nur man selber, sondern auch die anderen: Die Schulkameraden, die Menschen der Stadt, ja die Menschen in der ganzen Welt richten sich nach dieser großen Ordnung.

Man muss aber auch den Lauf der Sonne durch die Jahreszeiten kennen, um sich richtig orientieren zu können: die Kinder sind ganz überrascht, dass sich der Aufgangs- und Untergangspunkt der Sonne recht schnell verschiebt, dass sie wahrend des Jahres von einem niederen zu einem höheren Himmelsbogen aufsteigt, dass sich so die Schattenlängen an der Sonnenuhr stark verändern. Ist das erste Feststellen der Himmelsrichtungen im Schulhof mit der Sonnenuhr noch überblickbar, so dass wir schnell nach Osten, Süden, Westen, Norden zeigen können, so gibt es gleich darauf im Klassenraum etliche Verwirrung. Wo ist jetzt hier Osten, Süden und so weiter? Es braucht geraume Zeit, bis man sich wirklich in diese Ordnung hineingefühlt hat. Jetzt geht es hinaus, um einen größeren Ausblick über die Heimatstadt und ihre Umgebung zu gewinnen. Wir betrachten die Stadt zuerst einmal von Nordwesten her, von der Römerschanze aus, wie sie angeschmiegt erscheint an die Albkette. Im Osten sehen wir - es ist früh am Morgen - die Sonne gerade über die Achalm steigen. Den Georgenberg entdecken wir im Süden. Dazwischen, im Hintergrund, leuchtet der weiße Mädlesfelsen, dem Namen nach den Kindern schon bekannt. Auch den Drachenberg, den Ursulaberg können einige Flinke erkennen. Dann gibt es plötzlich - das sieht man ganz deutlich - einen scharfen Einschnitt. Wer hat denn den Albrand so eingekerbt? Mancher weiß es schon: die Echaz! Das ist das Echaztal, vom Ursulaberg und Lippentaler Hochberg eingerahmt. Dort drüben, auf dem Ursulaberg, werden wir morgen stehen und von der anderen Seite auf die Stadt herunterschauen.

Wieder sind wir frühzeitig auf jener Höhe- um Umschau zu halten. Keuchend sind die ersten oben angekommen: merkwürdig, der Georgenberg, der liegt ja jetzt auf einmal im Westen! Sollte die Achalm etwa auch nicht mehr im Osten .. ,? Tatsächlich, die ist ja im Norden! Klar und deutlich steht schräg hinter uns die Sonne, und das wissen wir ja, sie steht früh im Osten! Etwas verblüfft sehen sich die Kinder an: man hatte es doch so schön verstanden, aber jetzt hätte man sich doch fast getäuscht. Sie erleben erstaunt, dass jede neue Situation eine neue Orientierung, ein neues Sich-Hineinfinden in die großen Zusammenhänge erfordert. - Langsam werden wir wieder mutiger; eifrig wird jetzt die Richtung der Echaz verfolgt. "Wir entdecken von hier aus aber auch noch andere Einschnitte im Gebirgsrand, sollten die nicht auch von Wasserläufen herrühren? Bei der nächsten Wanderung können wir es feststellen: wie viel größere und kleinere Zuflüsse fließen doch zur Echaz hm! Und an den Flüssen und Bächen entlang reihen sich die Ortschaften, denn ein Wasserlauf ist dem Menschen eine große Hilfe. Schon früh kann die junge Echaz mehrere Mühlen antreiben, bald dient sie Gerbern und Färbern bei ihrer Arbeit. - In der Schule wird das Gesehene auf eine erste «Landkarte» übertragen. Der Ort, von dem wir Ausschau gehalten hatten, wird genau festgelegt, danach werden die Himmelsrichtungen gefunden. Jetzt kann man auch die Lage der einzelnen Gewässer und Berge, ja der Marienkirche einzeichnen. Wie vergessen auch nicht, genau Felder, Wald, Weideland und Weingärten einzutragen. Wie von selbst flicht sich in das Erleben des heimatlichen Raumes eine erste Kunde von den Menschen, die hier von altersher den Boden gestaltet haben.

Fluren und Berge werden durch die Sagen, die sich um sie ranken, für die Kinder von Seelenhaftigkeit erfüllt: gute und böse Wesenheiten beleben sie: Gnomen, Feen, Ritter und Drachen. Der Ritter Georg besiegt mit des Erzengels Hilfe den Drachen, die «Orschel» mit ihren Bergfräulein bewahrt den alten Hort im Berge, durch die Lüfte zieht der wilde Reiter Wotan, dem der Gutenberg geheiligt war und der noch jetzt auf den heimischen «Springerle» sein Abbild besitzt. (Der «Springer» ist das springende Pferd Wotans.)

Aus dem Umkreis kehren wir wieder in den engeren Raum der Heimatstadt zurück. Wir hören vom Entstehen der Stadt, von den Anstürmen, denen sie standhielt. Mit Genugtuung erleben die Kinder, wie die Stadt in sich gefestigt wird, von einer Mauer umgeben. Nun sind die Bürger nicht allen Angriffen preisgegeben, man kann sich zu ruhiger Beratung zurückziehen und besonnen handeln. Welches Abbild des Kindes im zehnten Lebensjahr! Auch das Kind muss sich ja jetzt einen Schutzwall errichten, um zu sich selbst zu kommen. Es trennt sich ab von der Umwelt, um von sich aus zu handeln. In sich muss es festen Fuß fassen.

Aus dem Interesse am Ergehen der Stadt erwachst neben einem berechtigten Stolz auch eine Ahnung um die Schwierigkeiten einer solchen Position: die Freiheit muss nach außen wie nach innen immer wieder aufs neue errungen werden, Schicksalsschläge, wie der Brand, gemeinsam ertragen, die selbstgesetzte Ordnung bewahrt werden, wie zum Beispiel beim «Markteid». Erzählungen aus dem Leben bedeutender Reutlinger Bürger wie Jos, Weiß, Matthäus Alber, Friedrich List, Gustav Werner lassen die Kinder spüren, dass aus solchem Boden geistige Unabhängigkeit wachsen kann. - Heimatkunde in diesem Lebensalter wird damit über Bildungsgut hinaus zu unmittelbarer Erziehungshilfe. Geographie und Geschichte der folgenden Schuljahre werden diese Ansätze weiterzuführen haben.

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