Das Irregular Verbs Certificate

Ein Beitrag von Christiane Berger (Hannover)

Gründliches Lernen und Üben der unregelmäßigen Verben sind im Englischunterricht der Mittelstufe ein wichtiges und wesentliches Thema, nicht nur, weil die Verben einen guten Teil des Wortschatzes darstellen, sondern auch, weil die Vergangenheitsform und das Partizip Grundlage für viele grammatische Formen sind.

Ebenso wichtig, wie das Erlernen der unregelmäßigen Verben ist es aber auch für die Schülerinnen und Schüler, zunehmend selbstständiger zu arbeiten, den eigenen Lernprozess zu gestalten und gemäß ihrer eigenen Lerntempi einzuteilen. Keine leichte Aufgabe! Eine Methode, diese beiden Lernziele zu verbinden, habe ich für die 6. Klasse gefunden und möchte die Erfahrungen teilen.

Um die unregelmäßigen Verben einzuführen, griff ich die großartige Idee von Erika Mitzenheim auf und las der Klasse den etwas manipulierten deutschen Brief eines englischsprachigen Waldorfschülers vor. Sofort bemerkten die Kinder, dass die Zeitformen der Verben öfter nicht richtig gebildet waren, z.B. „wir gehten“, ich habe gegesst“. Wie Erika Mitzenheim es  in ihrem sehr empfehlenswerten Aufsatz „Der lange Wanderweg zu den unregelmäßigen Verben und andere Grammatik der Klassen 4-8“  beschreibt, haben auch wir überlegt, in welcher zeitlichen Abfolge die Tätigkeiten stattfanden, stattfinden, oder stattfinden werden und haben die Überschriften VORGESTERN, GESTERN, JEDEN TAG und MORGEN gefunden. Nachdem wir uns in einem angeregten Gespräch vergegenwärtigt hatten, dass es im Deutschen ja schwache und starke Verben gibt, die sich anders konjugieren, war es spannend und gut nachvollziehbar, dass es im Englischen regelmäßige und unregelmäßige Verben gibt und deren Past und Past Participle Form kennenzulernen. Die Schülerinnen und Schüler hatten diese durch den großen Schatz all der Lieder, Gedichte und Texte, mit denen sie sich bereits beschäftigt hatten, ohnehin im Ohr.

Nun galt es, die irregular Verbs zu üben. Dazu wählte ich die nach Klang und Reim geordnete Liste, die sich z. B. in Robin Hood, der Ausgabe der Pädagogischen Forschungsstelle findet. Jeweils zu Anfang der Stunde sprachen wir einige Verben rhythmisch, wie Erika Mitzenheim anregt, allerdings ergänzt um die Past Perfect Form und auch die Will Future Form begin, began, had begun, will begin. Im Nachhinein hat sich das sehr bewährt, denn ganz nebenbei haben die Kinder schon die Bildung des Past Perfect und Will Future sowie ein erstes Bewusstsein darüber, wie diese verwendet werden, erworben. Im Grammatikheft wurden die nun bekannten Formen notiert und auch die deutsche Übersetzung dazugeschrieben.

Bald darauf teilte ich den Schülerinnen und Schülern das auf schönem Papier kopierte oder gedruckte Irregular Verbs Certificate aus und erklärte, dass dieses nun Nachweis und Beleg für ihr erfolgreiches Lernen der vielen unregelmäßigen Verben sein würde (Anlage 1, 1a, 1b). Noch in der Stunde trugen alle stolz ihre Namen, first name and last name, in Schönschrift mit Füller in ihr neues Dokument ein. Dazu bekamen alle Schüler von mir eine in acht Abschnitte und eine etwas  gekürzte Liste der unregelmäßigen Verben (Anlage 2). Jeder sollte ja auch außerhalb des Unterrichts üben können. Die Reihenfolge, in der die Verbenblöcke gelernt wurden, blieb den Kindern überlassen.

Fühlten sie sich gut vorbereitet, standen einmal in der Woche zehn Minuten am Ende einer der Englischstunden zur Verfügung, um einen Verbentest zu schreiben. Diejenigen, die keinen Test schreiben mochten, arbeiteten in dieser Zeit leise an ihren Hausaufgaben. Ungerecht war das nicht, wie alle bald einsahen, denn alle Schülerinnen und Schüler lernten ja die unregelmäßigen Verben und arbeiten am Irregular Verbs Certificat. Es war eben nur eine Frage der Zeiteinteilung, wann man die Hausaufgaben erledigte oder Verben übte.

Sehr schnell zeigte sich, wie unterschiedlich die Schülerinnen und Schüler lernten und dass ich entsprechend unterschiedliche Testformen einsetzen musste. Für den größten Teil der Klasse suchte ich für den Test jeweils zehn unregelmäßige Verben aus jedem Block aus und gab die deutsche Übersetzung vor. Die Schülerinnen und Schüler trugen die drei englischen Formen ein. Schwächere Lerner wählten selbst zehn unregelmäßige Verben aus jedem Block, die sie in ein Blankoformular (Anlage 3) eintrugen. Denkbar wäre auch, eine der drei englischen Verbformen vorzugeben und damit schwächere Lernerinnen unauffällig bei der Rechtschreibung zu unterstützen. Legasthene Schülerinnen und Schüler hatten die Möglichkeit, nach Wunsch den Verbentest mündlich abzulegen. Auch dabei ergab sich die Möglichkeit, die Kinder unauffällig zu unterstützen, um die Anforderungen den jeweiligen Möglichkeiten der Lernenden anzupassen. Schließlich sind es ja die Erfolge, die stärken und motivieren.

Unabdingbar war es, einen Ordner zu führen, in dem jeweils vorbereitete Tests zu allen acht Verbblöcken vorrätig waren, denn schon sehr bald war es sehr unterschiedlich, an welchem Block die Kinder gerade arbeiteten. Das Lernen hatte sich, wie gewünscht, individualisiert. Deshalb war es auch wichtig, auf einer Schülerliste festzuhalten, wer welchen Block erfolgreich abgeschlossen hatte, auch wenn Kinder den Nachweis über das Erreichte ja selbst hatten. Da ich die Liste nur für mich führte, übten die Kinder dabei auch Selbstverantwortung und ihre Unterlagen übersichtlich und zuverlässig abzuheften.

Waren beim Verbentest noch Unsicherheiten bemerkbar und Fehler passiert, berichtigten die Kinder diese, übten weiter und konnten es in der nächsten Woche erneut versuchen. Wurden alle Verben beherrscht und der Test war fehlerlos, bekamen die Kinder eine Unterschrift und einen schönen Stempel in ihren Verbenpass als Beleg und als Anerkennung ihrer Leistung.

Im Rückblick hat sich diese Form der Arbeit als ergiebig und als eine sinnvolle Form der inneren Differenzierung erwiesen. Obendrein hat sie den Schülerinnen, Schülern und auch mir Spaß gemacht. Alle Kinder der Klasse konnten am Ende stolz auf das Geleistete zurückblicken, auch wenn einige zum Ende hin daran erinnert und dazu motiviert werden mussten, auch die letzten Verben noch zu lernen. Das fertiggestellte Irregular Verbs Certificate bekam als Krönung noch einen Schulstempel und wurde dem Zeugnis beigelegt. Wie immer hat es sich als hilfreich erwiesen, die Eltern mit ins Boot zu holen. Auf einem Elternabend berichtete ich unter andere über das Vorhaben. Die Eltern waren sehr interessiert und unterstützten die Kinder beim Lernen.

Falls jemand sich für diese Form des Übens und Lernens von unregelmäßigen Verben entscheidet, wäre ich für Erfahrungen damit und Ergänzungen dazu, aber  auch über jede andere Rückmeldung dankbar.

Christiane Berger, Hannover, April 2016

 

Literaturliste:

Erika Mitzenheim, Der lange Wanderweg zu den unregelmäßigen Verben und andere Grammatik der Klassen 4-8 , Heft Nr. 10 der Schriftreihe „Aus der Arbeit der Freien Hochschule

Robin Hood, Ausgabe der Pädagogischen Forschungsstelle, ISBN -13: 978-3-927286-56-6

 

Anlagen:

Irregular Verbs Certificate
Irregular Verbs Certificate für schwächere Lernerinnen
Irregular Verbs Certificate für legasthene Schülerinnen
Liste der irregular Verbs
Blankotest
Schülerliste  

Kommentar
27.11.2016 | Bettina Künkel | Englischlehrerin 4.-8. Klasse
Ein sehr interessanter Artikel. Ich würde gerne dies Methode in der 6. Klasse ansetzen. Im Moment fangen wir erst später an die Listen zu lernen. Leider konnte ich die Anhänge nicht öffnen. Ich würde mich freuen wenn es eine Möglichkeit gäbe diese zu öffnen. Mit freundlichen Grüßen Bettina Künkel, Freie Waldorfschule Melle
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