Himmelskunde in der Adventszeit mit blauer Zimmerdecke
Ein Beitrag von Julia Pyka (Freie Waldorfschule Heilbronn)
In den Wochen des Advents fand im 6. Schuljahr die Epoche Himmelskunde statt. Um diese Epoche besonders stimmungsvoll und mit allen Sinnen erfahrbar werden zu lassen, wurde im Vorfeld das gesamte Klassenzimmer der 6 Klasse umgebaut. Mit blauen langen Tüchern wurde zunächst die Decke des Klassenzimmers komplett abgehängt, sodass eine heimelige Stimmung entstand. Auch wurden alle Fenster mit blauen Tüchern und den Vorhängen geschlossen, sodass kein Tageslicht mehr in das Klassenzimmer eindrang. Dann wurden alle Schultische und Stühle an die Seiten des Zimmers gerückt, sodass ein großer freier Raum entstand. In diesen freien Raum konnten nun die beweglichen kleinen Bänkchen der Unterstufe mit den gemütlichen Kissen einziehen. Die Kreisform wurde zur neuen Unterrichtsform. Fester Bestandteil unseres Kreises war das Klavier.
Jeder Morgen begann damit, dass alle Kerzen im Zimmer erleuchtet wurden. Die Zeugniskerze brannte auf einem Tisch in der Mitte. Der Adventskranz, eigens von den Kindern im Gartenbau für die Klasse gebunden, wurde ebenso entzündet wie die Adventsspirale, in der Josef und Maria auf dem Esel jeden Tag ein klein wenig weiter gen Mitte zogen. Auch die Lichterketten und der „Teestern" mussten jeden Morgen entzündet werden. Zur neuen Klassenaufgabe wurde auch das Aufbrühen des Adventstees, welcher am Ende des Hauptunterrichts gemeinsam getrunken wurde.
In diese Stimmung getaucht, betraten immer mehr Kinder am Morgen den Klassenraum. Heilig, ruhig, andächtig war sie, diese Stimmung am Morgen in dieser Zeit. Begonnen wurde dann jeder folgende Morgen gleich.
„In der dunklen Nacht
ist ein Stern erwacht,
leuchtet hell am Himmelszelt,
schenkt sein Licht der ganzen Welt.
In der dunklen Nacht ist ein
Stern erwacht."
Mit diesen Worten, den meisten Kindern noch aus der Zeit des Adventsgärtleins bekannt, begann die Klasse jeden Morgen den Unterricht. Es reihte sich der Morgenspruch an. Im Anschluss wurden die Lichter der Zeugniskerze, des Adventskranzes und der Adventsspirale von einzelnen Kindern der Klasse entzündet. Der Klassenchor sprach dabei die folgenden Worte:
„Die Spende des Lichts wird dankbar empfangen,
doch wollen wir nichts für uns nur empfangen.
Weiter wir's geben, der eine dem andern,
mit wachsendem Leben soll leuchtend es wandern,
bis alle Kerzen der Menschen entzündet,
bis jedem Herzen Freude verkündet.
Nicht lange mehr währet die dunkelste Frist,
es nahet der Christ."
Voll Freude wurden im Anschluss verschiedenste Lieder zum Thema Sterne, Licht und Advent gesungen. Besonders das Quodlibet bestehend aus „Hoch am Himmel leuchten Sterne" und „Leise rieselt der Schnee" wurde zur Hymne der Klasse. Voller Strahlkraft klangen die Töne nicht nur durchs Klassenzimmer. Auch das gemeinsame Klassenmusizieren war fester Bestandteil an jedem Morgen. Streicher, Holzbläser, Blechbläser, Schlagwerk die Klasse brachte ihre verschiedenen Talente im gemeinsamen Musizieren zum Ausdruck und bei einem gemeinsamen Adventsmusizieren den Eltern zu Gehör. Die Kreisform, in welcher die Kinder standen und saßen, erwies sich hierbei als äußerst gewinnbringend. Dadurch entstand eine besondere Wahrnehmung mit- und füreinander.
Im Anschluss an den ausgedehnten rhythmisch musikalischen Teil, reihte sich jeden Morgen eine neue Geschichte zum jeweils passenden Sternbild an. Das Sternbild erstrahlte auf einer jeweils eigens hierfür angefertigten Platte mit Lichterkette. Die Kinder der Klasse kamen im Laufe der Epoche somit in den Genuss eines täglich stärker leuchtenden Sternenhimmels, den sie auf dem Klassenboden liegend von unten bestaunen konnten — ein eindrucksvolles Erlebnis, bei dem die Kinder immer mehr zur Ruhe kamen und es somit gelang, immer tiefer in die Geschichten des jeweiligen Sternbilds einzutauchen. Im Anschluss an die Einführung entstanden lebhafte, von großem Interesse getragene Gespräche in der Klassengemeinschaft. Erleuchtet und erfüllt von diesem Beginn, wurden die Schülerinnen und Schüler nun in den Arbeitsteil getragen. Eigenständig suchten sich daraufhin die Schülerinnen im Klassenzimmer ihren für sich passenden Arbeitsplatz, um konzentriert ihren Epochenhefteintrag zu gestalten. So entstanden wunderschöne, ansprechende Epochenhefte mit vielerlei Sternbildern und dazu passenden Texten. Die Betrachtung der Sterne und das damit verbundene Staunen sind Hauptbestandteil der Himmelskundeepoche der 6. Klasse. Dabei lernten die Kinder, dass fast alle Sterne am Himmel wandern. Einige ziehen in jeder Nacht über den Himmel, andere sieht man nur zu einer bestimmten Jahreszeit. Nur ein einziger Stern, so lernten wir, leuchtet bei uns immer am selben Punkt des Himmels. Das ist der Polarstern. Auch unser Polarstern im Klassenzimmer hing daher zentral über der Zeugnisspruchkerze als hell erleuchteter Stern. Der Anblick des glänzenden, mit abertausenden leuchtenden Sternen überzo-genen Nachthimmels, kann uns wahrlich in Erstaunen versetzen. Stille und Harmonie ergreift uns, wenn wir die Gestirne betrachten, die durch ihre ewigen Gesetze Sicherheit und Ruhe ausstrahlen. Seit jeher haben die Menschen in den Himmel geblickt und die unendlich vielen Sterne zu Sterngruppen zusammengefügt — den Sternbildern. Sie sahen in ihnen göttliche Sagen und Bilder.
Alle großen alten Kulturen versuchten durch genaue Beobachtungen, den Nachthimmel immer besser zu verstehen. Ob die Babylonier auf ihren Zigguraten, die alten Ägypter, die mithilfe der Gestirne die Nilfluten vorhergesagt haben, die Griechen, die Römer, die Seefahrer — die Liste ließe sich unendlich lange fortsetzen -, sie alle betrachteten den Verlauf der Gestirne voll Ehrfurcht und Staunen. Aber gleichzeitig versprüht dieser Himmel, der sich wie ein samtenes Gewand mit leuchtenden Edelsteinen Nacht für Nacht über die Menschheit legt, Sicherheit und Geborgenheit in all den wirren Zeiten, welche jede Hochkultur aufs Neue erlebte.
Pädagogisch gesehen knüpft genau an dieser Stelle die Himmelskunde an. Denn auch dem Sechstklässler, welcher sich am Ende seiner Kindheit im Übertritt zum Jugendlichen befindet, dessen Leben von Umbrüchen und Unsicherheiten geprägt ist, können genau diese Sterne und Gestirne am Nachthimmel Sicherheit und Gewissheit vermitteln. Liesbeth Bisterbosch beschreibt dies passend so: „Ein Siebtklässler ist auf der Schwelle, die Kinderwelt zu verlassen. Er geht auf die Welt der Erwachsenen zu und wird in der Oberstufe Unterrichtsstoff bekommen, mit dem geübt werden kann, Prozesse innerlich nachzuvollziehen und Entwicklungen zu denken. Die Himmelskunde-Epoche ermöglicht ein Eintauchen in die Objektivität der Denkwelt auf bildhafte Weise. Die örtlichen Sonnenrhythmen, die bisher mehr träumerisch erlebt wurden, werden zum Unterrichtsstoff. Die Bewegungen der Sonne im Jahreslauf bieten Orientierungshilfe beim Wahrnehmen des Nachthimmels - idealerweise bei klarem Sternenhimmel. Dann bekommen die Schüler ein Empfinden dafür, wie schnell die Sterne auf ihren Bögen vorwärtsziehen. Sie erfahren, dass sie die helleren Sterne, die während der Dämmerung als erste in Erscheinung treten, immer früher wiedererkennen. Die Sternenwelt ist ganz zuverlässig und die Sterne tun das, was ich schon ahne!"
Die Sterne geben Halt und Orientierung seit Menschengedenken. Aber viel mehr entflammen sie im staunenden Menschen, der sich ganz ihrer Schönheit und ihrem Glanz herzugeben vermag, eine Ehrfurcht des eigenen Seins, ein Sinn für die Schönheit und das Entdecken der grenzenlosen Unendlichkeit. Dies erlebbar werden zu lassen, um es ganz Seelennahrung werden zu lassen, dies war der Versuch, die Himmelskundeepoche im Advent in der 6. Klasse auf diese Weise durchzuführen.
