Beginn der Menschheit

Ein Beitrag von Daniel Gussmann (Freie Waldorfschule St. Georgen in Freiburg)

Schon das übergreifende Thema dieser zweiten 10.-Klass-Epoche setzt neue Akzente:

„Wann beginnt die Geschichte"?

Vor dem Sprung in konkrete Antwortversuche wird die Frage - meist durch die Schüler selbst - differenziert: Mit der Entstehung des Universums als Grundlage materiellen Seins? Mit der Entstehung der Erde als Träger auch der selbstreflexiven Lebensform Mensch? Mit der Entstehung des Lebens, der Entstehung des Menschen?

 

„Urknall"-Theorie

Je nach Länge der Epoche (zwischen 2 und 3,5 Wochen, abhängig vom Epochenplan) kann auf diese 2 grundsätzlichen Fragen mehr oder weniger gründlich eingegangen werden. In jedem Falle wird die „Urknall"-Theorie - ggf. durch Schülerreferat - eingebracht und kritisch beleuchtet.

Hierfür nötige Begriffe wie „Lichtgeschwindigkeit" und „Lichtjahr" eröffnen ein erweitertes Verständnis von Raum und Zeit und gerade die Frage nach der Zeit und Phänomenen, die mit der Lichtgeschwindigkeit zusammenhängen, erwecken das Schülerinteresse. Beispielsweise die Tatsache, dass wir bei Betrachtung des Mondes das sehen, was dort vor einer Sekunde war (so lange sind Licht bzw. Funksignale bis zur Erde unterwegs, bei der Sonne sind es 8 Minuten, die äußeren Planeten unseres Sonnensystems liegen im Stunden-Bereich). Veränderungen haben dort also, wenn wir diese sehen, in der Vergangenheit längst stattgefunden. Wenden wir den Blick zu ferneren Sonnensystemen (immer noch in unserer Galaxie, der Milchstraße), kommen wir in den Bereich mehrerer zehntausend Jahre. Andere Galaxien sind Millionen bis Milliarden Lichtjahre entfernt, wir sehen also am Himmel Sterne, deren Licht entsprechend lange zu uns unterwegs war, haben also das Abbild längst vergangener Zustände, je weiter ein (Himmels-)Objekt von uns entfernt ist, vor Augen. Wir blicken in Vergangenheit! Solche Denkfiguren geben den Schülern Anlass, die Phänomene Zeit und Raum neu zu greifen.

Den zweiten und dritten o.g. Frage-Ansatz bearbeiten wir im Geschichtsunterricht weniger eingehend, hier sind Geologie- und Biologie-Epoche gefragt.

 

Was macht den Menschen zum Menschen?

Dem Auftreten des Menschen widmen wir in jedem Falle gebührend Zeit: Woran würden wir, auf eine einsame Insel gelangt, erkennen, dass es sich bei uns begegnenden Wesen um Menschen handelt? (Aufrechter Gang, Gebrauch von Feuer, Sprache, Denken).

 

Gebrauch des Feuers

Am Beispiel des Gebrauchs von Feuer (seit 1,5 Mio. Jahren nachweisbar) und der Klärung interessanter Einzelheiten des Nachweises spüren wir den grundsätzlicheren Überlegungen im Zusammenhang damit nach: Wie kommen Wesen (Frühmenschen) dazu, die allen Tieren angeborene Angst vor dem Feuer (Wald/Buschbrände) zu überwinden? War es die Erkenntnis, dass alle Tiere, auch die dem Urmenschen Gefährlichen, das Feuer meiden und somit dessen ‚Besitz' Sicherheit bieten würde, die die instinktive Angst davor überwinden half? So wäre der Gebrauch des Feuers ein Nachweis logischen Denkens/Folgerns, das Instinkt überwindet! Die weiteren nützlichen Folgen des Gebrauchs von Feuer ergaben sich erst später: Nahrung wird haltbarer und bekömmlicher (Braten, Räuchern), Feuer wärmt, erhellt, fördert das Bedürfnis, sich abends über Jagderlebnisse auszutauschen, könnte somit das Bedürfnis nach differenzierter Kommunikation geweckt und die Entstehung der Sprache begünstigt haben u.v.m.

Auch die Entwicklung der Sprache und der Erwerb des aufrechten Ganges bieten vielfältige Möglichkeiten recht grundsätzlicher Betrachtungen. Die Ausformung der Sprache bei unseren Vorfahren wird in Analogie zum Spracherwerb des Säuglings vermutet, der hier behandelt werden kann und manche Einsichten in grammatikalische Grundphänomene aus anderer Unterrichtsperspektive in Erinnerung ruft. Außerdem knüpfen diese Überlegungen insbesondere bei Schülern mit jüngeren Geschwistern an Erlebtes an.

 

Sesshaftwerdung

Der gewaltige Schritt in der Menschheitsentwicklung von der „aneignenden Wirtschaftsweise" der Jäger und Sammler, die noch nicht verändernd in das Naturgeschehen eingreift hin zur Viehzucht und etwas späteren Sesshaftwerdung kann kaum intensiv genug behandelt werden - hierbei stehen die Gründe für diese Entwicklung und die weitreichenden Folgen bis heute im Vordergrund des Interesses [Städte-und Staatenbildung, Metallverarbeitung u.a.].

Ein Bezug zur Jetztzeit ergibt sich durch die Erkenntnis, dass die Menschheit in den vergangenen 250 Jahren wieder eine ähnlich einschneidende Veränderung ihrer Lebensverhältnisse durchmacht, deren Folgen [die sog. „Industrielle Revolution"] kaum weniger dramatisch sein dürften als der der Prozess Sesshaftwerdung.

 

Staatenbildung

Die Entstehung erster Siedlungen und Staaten werden am Beispiel Mesopotamiens und Ägyptens verfolgt, wobei einerseits die Entwicklung der äußeren Strukturen fasziniert, andererseits der überall starke Einfluss von Glaube und religiösem Ritus Fragen aufwirft. Gerade am Beispiel Mesopotamiens, insbesondere an den Gesetzen des Hamurabi (Stadtstaat Babylon), können Grundlagen dieser Staatenbildung nachvollzogen werden. Der Vergleich dieser ersten überlieferten Gesetze mit etwa den heutigen Jugendschutzgesetzen bringt auch hier wieder unmittelbaren Bezug zur Gegenwart.

 

Gilgamesch-Epos

Ein äußerst beeindruckender Dokumentarfilm eines Forscherteams, das Menschen trifft, die erstmals mit Weißen und deren Errungenschaften wie Streichhölzern, Spiegeln, Messern, Kleidung etc. konfrontiert werden und das dieses Treffen behutsam, kaum geschnitten, zeigt, leitet den letzten Teil der Epoche ein, wo abschließende Überlegungen Diskussionsstoff bieten: Etwa wie der Umgang von Menschengruppen unterschiedlicher Kulturstufen in der Gegenwart ist oder sein könnte/sollte: dürfen oder müssen wir heute Menschen in Verhältnissen leben lassen, die ihre Lebenszeit verkürzen, ihnen "Errungenschaften" unserer Kultur vorenthalten? Warum sind diese Menschen auf einer früheren Entwicklungsstufe verharrt? Wie würden diese Menschen einen Europäer, der ohne moderne Errungenschaften im Regenwald kaum in der Lage wäre, sich selbst zu ernähren, einschätzen? Im Gilgamesch-Epos (erste erhaltene Dichtung der Menschheit, Mesopotamien) spiegelt sich obige Problematik wider: Unzufriedenheit mit dem Herrscher bringt die Bevölkerung dazu (mit besonderer weiblicher Hilfe!), einen "Urmenschen", der nicht in der Stadt lebt und mit Tieren kommunizieren kann, in die Stadt zu locken, um den Herrscher zu stürzen und die Einwohner zu befreien. Eine klare Aussage über den Umgang mit zivilisatorisch unbehelligten Menschen!

 

Odyssee

In der Odyssee findet sich die Zyklopen-Episode, wo die Auseinandersetzung zwischen Odysseus als Prototyp des modernen Menschen mit dem einäugigen Riesen Polyphem (Viehzüchter, Höhlenbewohner, überwältigend groß, aber besiegbar) ganz andere Botschaften vermittelt. Diese und andere Überlieferungen zur Abschluss-Frage der Epoche [nach dem Umgang miteinander] heranzuziehen, eröffnet Perspektiven - nicht zuletzt im Hinblick auf die 11. Klasse, wo gerade sozialen Erlebnisfeldern etwa mit der Parzival-Epoche oder dem „Sozialpraktikum" Raum gegeben werden soll.