Freude an Bewegung - ein Psychomotorikprojekt

Birgit Klotz (Erzieherin am Waldorfkindergarten Engelberg)

Ein Erfahrungsbericht aus dem Kindergarten

Ein wichtiger Schwerpunkt im Waldorfkindergarten ist es, den Kindern vielseitige Möglichkeiten zur freien Bewegung zu geben. Im Freispiel am Morgen bauen sich die Kinder großräumig mit Tischen, Stühlen, Bänken, Leitern, Rutschbrettern und anderem Material ihre Häuser, Autos, Schiffe und vieles mehr und sind dabei mit dem ganzen Körper in Aktion.

Im täglichen Reigen und in der wöchentlichen Eurythmiestunde bewegen wir uns im ganzen Raum zu rhythmischen Versen und Liedern, stapfen wie die Riesen, trippeln wie die Zwerge, hüpfen wie die Häslein und Frösche und fühlen uns so in vielseitigste Bewegungsformen ein, die wir Kin-dergärtnerinnen bzw. Eurythmisten der Welt ablauschen.

In der zweiten Freispielzeit nach dem Frühstück, die wir immer draußen entweder im Garten oder beim Spaziergang in den Wiesen und im nahen Wald verbringen, können die Kinder sich nach Herzenslust beim Klettern, Rennen, Kullern und vielem mehr bewegen. Alle Kindergartengruppen am Engelberg mit Ausnahme unserer Kleinsten verbringen einen Tag in der Woche schon vom frühen Morgen an im Wald, damit die Kinder, neben anderen Erfahrungen, ausgiebig Gelegenheit haben, sich in der freien Natur zu bewegen.

Kinder haben ein natürliches Bedürfnis, sich zu bewegen. Auf die verschiedenen Bewegungssituationen reagieren sie mit viel Freude, ja Begeisterung. Unser Ziel im Kindergarten ist die Unterstützung der Gesamtentwicklung durch Bewegung. Das Kind wird in seiner emotionalen, sozialen, geistigen und körperlichen Ganzheit betrachtet und Bewegungsangebote geben Kindern die Möglichkeit, sich über Bewegung mit sich selbst (Selbstkompetenz), mit ihren Mitmenschen (Sozialkompetenz) und mit den räumlichen und materiellen Gegebenheiten ihrer Umwelt (Sach- und Handlungskompetenz) auseinanderzusetzen.

Kinder finden in ihrem Lebensumfeld häufig nur wenig und eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten, es wird z.B. viel mit dem Auto gefahren. Diese Tatsache wirkt sich auf die Bewegungsentwicklung der Kinder aus, das wiederum hat Auswirkungen auf Reifeprozesse des Gehirns.

Eine gut entwickelte Motorik ist u.a. wesentliche Grundlage für eine gute Entwicklung des Gleichgewichtsorgans, der körperlichen Eigenwahrnehmung und für alles kognitive Lernen. Die motorische Hauptentwicklungszeit der Kinder ist im Vorschulalter, was in dieser Zeit nicht angelegt werden konnte, lässt sich später nur noch mit viel therapeutischem Aufwand nachholen.

Eine gut entwickelte Eigenwahrnehmung bringt den Kindern die Möglichkeit, Freude und Freiheitsgefühle zu haben, man denke nur an eigene Bewegungserlebnisse z.B. beim Skifahren, auf der Schaukel o.a. Die Eigenwahrnehmung ist nicht auf die Wahrnehmung im körperlichen beschränkt, sie hat auch Auswirkungen auf die eigenen Wahrnehmungen im seelischen und geistigen Bereich. Man sagt z.B.: „Ich hatte ein bewegendes Erlebnis" und meint damit eine ganzheitliche Erfahrung. Die Wahrnehmung der eigenen seelischen und geistigen Bewegungen ist Voraussetzung, Gefühlsbewe-gungen anderer zu erkennen und Sprache zu verstehen. Sicherheit im Gefühls- und Gedankenleben vermittelt ein Gefühl des Zusammenhangs mit der Welt und der Beständigkeit, ich gehe z.B. nicht so leicht in Chaos und Hektik unter, sondern kann ordnend und mit Überblick darin stehen bleiben. Durch eine gut entwickelte Eigenwahrnehmung entsteht ein im Körper verankertes Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ein sicheres Selbstbewusstsein und ein tragendes Selbstwertgefühl.

Ein gut entwickelter Gleichgewichtssinn ist Voraussetzung für ein ganzheitliches Erlebnis von „im Gleichgewicht sein". Das körperliche Gleichgewicht ist in jedem Augenblick neu herzustellen, ist nicht statisch, man muss sich immer darum bemühen. Dies hat Entsprechungen auf seelischer und geistiger Ebene, auch in diesen Bereichen muss man sich innere Ruhe und Ausgewogenheit immer neu erarbeiten.

 

Psychomotorische Bewegungsförderung von E.J.Kiphard

Auf meiner Suche nach Möglichkeiten, den Kindern noch umfassendere Bewegungsmöglichkeiten anzubieten, bin ich vor einigen Jahren auf psychomotorische Bewegungsförderung aufmerksam geworden. Dieser pädagogisch-therapeutische Ansatz wurde von E.J.Kiphard in einer Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gütersloh, entwickelt, aus dem Bewusstsein der sich gegenseitig bedingenden Bereiche Psyche und Motorik und ist heute in vielen Ausbildungsgängen zu den Themen Bewegung, Körper- und Sozialerfahrung, Wahrnehmungs- und Entwicklungsförderung fester Bestandteil. Die Psychomotorik wird vielfach in der Frühförderung, in heilpädagogischen Arbeitsgebieten und in Grund- und Sonderschulen zur Bewegungsförderung eingesetzt. Dieser Ansatz will die Kinder anregen, sich handelnd ihre Umwelt zu erschließen, um ihren Bedürfnissen entsprechend auf sie einwirken zu können.

Dies wird zu erreichen versucht, indem den Kindern vielfältige Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen ermöglicht werden. Nach Hospitationen bei Psychomotorikstunden in Schorndorf durch den Verein für psychomotorische Bewegungsförderung war ich von diesem Konzept so angetan, dass ich den damaligen Eltern meiner Kindergartengruppe vorschlug, ein Psychomotorikprojekt mit unserer Kindergartengruppe in Zusammenarbeit mit einer ausgebildeten Psychmotorikerin, Frau Ursula Stanke, durchzuführen, was mit Begeisterung aufgenommen wurde.

Also konnten wir im Winter, wenn wir nicht zum Waldtag gehen, für 10 mal am Mittwochvormittag die Schulturnhalle während des Hauptunterrichts für dieses Projekt nutzen. Frau Stanke und ich bereiteten die Turnhalle vor, indem wir Möglichkeiten zum Klettern, Balancieren, Rutschen, Springen, Fallen, Schaukeln, Rollen und Hangeln aufgebaut und bewegliches Material wie Reifen, Krabbeltunnels, Rollbretter, Springseile, Pezibälle bereitgelegt haben, bis dann die Kinder gegen 8.15 Uhr in die Turnhalle kamen.

Nach dem Umziehen begannen wir mit einer Begrüßungsrunde, einem kleinen Begrüßungsspiel, der Händedrückpost und dem gemeinsamen Betrachten der aufgebauten Geräte. Mit einer Verabredung auf das Signal der Beendigung der Stunde, dem Auslegen eines Schwungtuches, um das sich dann alle versammeln sollten, wurden die Kinder zum Entdecken der aufgebauten Gerätschaften aufgefordert. Und dazu ließen sie sich natürlich nicht lange bitten. Die ganze Turnhalle wurde mit viel „Hallo" erobert und alles erkundet. Schnell verteilten sich dann die Kinder auf die verschiedenen Angebote, während wir Erwachsenen uns einer zunächst recht ungewohnten Tätigkeit widmeten, nämlich nur der Beobachtung der Kinder. Und was konnten wir in diesen Stunden alles beobachten: Lauter vergnügte Kinder probierten unermüdlich neue Dinge aus, sie rutschten die aus Bänken gebauten Rutschbahnen hinab, kletterten die Sprossenwände hinauf und sprangen in die Weichbodenmatten aus immer größeren Höhen, rollten mit den Rollbrettern durch die ganze Halle, experimentierten mit den Reifen, schaukelten an den Ringen, schwangen sich an den Seilen von Kasten zu Kasten, verknüpften Springseile zu langen Schlangen und Netzen. Sie konnten sich mit großräumigen Bewegungen die Turnhalle erobern oder sich längere Zeit übend an einem Gerät betätigen.

Im freien, selbstbestimmten Spiel wurde den Kindern die Entscheidung überlassen, wann, wie oft oder wie lange und mit wem sie spielen wollten. So konnten sie ihrem individuellen Bewegungsbedürfnis nachkommen und ihre eigenen Vorstellungen umsetzen, immer getragen von der zwar zurückhaltenden aber immer präsenten und unterstützenden Wahrnehmung durch uns Erwachsene. Durch dieses Zulassen von Bewegungserfahrungen unterschiedlichster Art wurde bei den Kindern Initiative, Spontanität, Kreativität und unkonventionelles Handeln möglich und sie erfanden Spiele, auf die wir Erwachsenen nie gekommen wären!

Sie waren sich selbst genug, brauchten keinerlei Anregungen von uns, sie beobachteten sich gegenseitig und regten sich dadurch an, sie lernten voneinander. Sie übten manchmal insgeheim lange, bis sie dann voller Stolz ihr eigenes Kunststück präsentierten. Dazu hatten sie in ihrem eigenen Tempo ausdauernd geübt, ohne Angst oder Zwang, aber mit viel Eigeninitiative, großer Konzentration und Freude.

In gemeinsamen Spielen organisierten sie ihr Spiel selbst, wer darf mitspielen, welche Regeln sollen gelten, wer übernimmt welche Rolle. Sie übten sich im sozialen Miteinander, gaben sich Hilfestellung, trafen Absprachen, lernten sich daran zu halten oder die Einhaltung einzufordern. Ganz besonders wichtige Gruppenprozesse konnten beobachtet werden.

 

Für uns Erwachsene waren viele sehr schöne Ereignisse zu beobachten

  • wie sich Kinder das Springen aus immer größeren Höhen mit viel Selbstüberwindung über mehrere Stunden hinweg richtig erarbeiteten und dann beim Erreichen des selbst gesteckten Ziels unglaublich glücklich und stolz waren, deutlich in ihrem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gestärkt
  • wie sehr empfindliche Kinder beim lustigen gemeinsamen Tummeln auf der schrägen Weichbodenmatte ihre Überempfindlichkeit deutlich abbauen konnten
  • wie sehr wagemutige Kinder, die auf der Sprossenwand ganz nach oben vorgeprescht waren - wobei wir Erwachsene etwas wegschauen mussten - dort oben dann über ihren Wagemut erschocken sind und dies dann nicht noch ein weiteres Mal ausprobiert haben, also ihre Grenzen erfahren und respektieren lernten
  • wie sehr ängstliche Kinder durch das Vorbild der anderen Kinder ihre sehr engen Grenzen erweitert haben
  • wie Kinder, die im Kindergarten sehr zurückhaltend sind, dort in der Bewegung auftauten und sich munter zu den anderen Kindern gesellten
  • wie Kinder in gemeinsamen Projekten, z. B. alle beweglichen Materialen in einer Ecke sammelten, fröhlich zusammen arbeiteten und sich neue Gemeinschaften fanden
  • wie sehr lebhafte Kinder nicht gebremst werden mussten, sondern ihrem Bewegungsbedürfnis freien Lauf lassen konnten
  • wie 22 Kinder sich 45 Minuten überaus fröhlich, lebhaft, konzentriert, mutig, auch rangelnd, sich gegenseitig unterstützend betätigten, mit sehr wenigen Konflikten, die der Schlichtung bedurften
  • wie Kinder ihre eigene körperliche Kraft erlebten und bis zur größten Anstrengung ausleben konnten
  • wie glücklich Kinderaugen strahlten, wenn sie sich neue Fähigkeiten erobern konnten - wie sich diese Freude auf die Beziehung der Kinder untereinander, aber auch der Kind - Erzieherinnen - Beziehung sehr bereichernd auswirkte.

 

Das Ende der Stunde wurde wie verabredet mit dem Ausbreiten eines großen Schwungtuches angekündigt, alle Kinder versammelten sich meist ohne Aufforderung und nun wurde zum Abschluss mit gemeinsamem Spielen nach dem „Kommando" der Erwachsenen die Gruppe wieder zusammengeführt und das sich eingliedern in einen Gruppenprozess „geübt". Der Mittwoch war schnell der beliebteste Wochentag bei den Kindern, sie genossen dieses Bewegungsangebot sehr, sodass schnell deutlich wurde, dass dieses Projekt eine Fortsetzung finden sollte.

So sind wir jetzt im dritten Jahr in den Wintermonaten Mittwoch morgens in der Turnhalle zu finden, inzwischen ohne Begleitung von Frau Stanke, aber mit der dankenswerten Hilfe der Eltern beim Auf- und Abbauen.

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